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Donnerstag, 27. Juli 2006

Heinrich Heine - welch eine Kraft!

Handke erhält den Preis nicht - eine Provinz-Posse

Von Karl Weiss

In loser Folge werde ich nun ältere Artikel von mir hier einstellen, die ihre wesentliche Bedeutung nicht verloren haben. Dieser Artikel hier wurde in der 'Berliner Umschau' vom 8.6.06 veröffentlicht.

Die Politker aller bürgerlichen Parteien in der Düsseldorfer Stadtverordneten-Versammlung haben einmütig entschieden, daß der von einer unabhängigen Kommission für dieses Jahr an Peter Handke vergebene Heinrich-Heine-Preis nicht übergeben wird. Jeder blamiert sich wie er kann. Die Provinz-Politiker der Stadt Düsseldorf wollten sich offenbar selbst übertreffen und verhalfen Heinrich Heine zu einem neuen posthumen Sieg

Heine hat einmal mehr bewiesen, wie aktuell seine Werke sind. Hatte er doch die Politiker seiner Zeit, das waren damals noch preussische Berliner Politiker, so oft und so treffend aufgespießt mit scharfer Zunge, daß sich die Texte noch heute, 150 Jahre später, so frisch anhören, als seien sie gestern geschrieben worden.

Nicht zuletzt ist es jene Zeile, die den heutigen bürgerlichen Politkern immer wieder im Ohr klingt, daß sie „Wasser predigen und Wein trinken". Es ist schlechthin unglaublich, wie aktuell sich fast jede Zeile Heines anhört. Da kann man denn auch die schweren Probleme verstehen, die heutige Politiker mit Heine haben.

Das Problem beginnt meist schon damit, daß diese unbequemen Genies immer einen Geburtsort haben. Dort gibt es dann natürlich auch immer die bürgerlichen Provinzpolitiker, die mit Genies typischerweise nicht übereinstimmen können, dazu sind die einfach zu verschieden von ihnen. Das ist so mit den Ulmer Politikern, die am liebsten aus den Annalen streichen würden, daß Einstein in ihrer Stadt geboren wurde. War das nicht ein D...jude? Bis heute gibt es in Ulm keinen angemessenen Gedenkort für Einstein. Oder die Münchener mit ihrem Thomas Mann. Der ist zwar nicht in München geboren, hat aber die meiste Zeit seines Lebens dort gelebt. Nun müßte man ihn natürlich gebührend ehren. Aber hatte man nicht eben noch seine Bücher verbrannt?

In Düsseldorf gibt es das Problem Heine - hätte der aber nicht auch in Möcnchengladbach geboren werden können? Es war ein Kampf, die Düsseldorfer Uni nach ihm zu benennen - nur gegen heftigsten Widerstand reaktionärer Politiker. Die betroffenen Politker verstehen alle Texte von Heine klar und deutlich: Er schreibt gegen sie. Wie kann man da eine Uni nach ihm benennen? Aber immerhin, der Kampf wurde gewonnen. Auch die Ausschreibung des Heine-Preises war problematisch.

Berühmte Namen mit der Stadt verbinden ist natürlich schön, aber war der nicht so etwas wie ein Aufrührer? Nun gibt es den Heine-Preis und sieh dir nur an, was diese ...., diese ...... Pinscher für Leute vorschlagen, die ihn erhalten sollen. Das war ja vorauszusehen, daß die eines Tages sogar Peter Handke vorschlagen würden.

Dieser Nestbeschmutzer! Wissen Sie was wir früher mit Nestbeschmutzern gemacht haben?

Wir hätten nie einen Heine-Preis ausloben dürfen! Der war doch selbst ein Nestbeschmutzer! Der dichtete doch glatt: „Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht." Na, sehn Sie. Da mußte eines Tages Handke bei herauskommen.

Hören Sie nur, wie die diese Auswahl begründet haben: Handke suche "eigensinnig wie Heine (...) in seinem Werk seinen Weg zu einer offenen Wahrheit". Na, sag ichs nicht!

Ist es ein Skandal, daß Handke den Preis nicht bekommt, wie es verschiedene Kritiker geäußert haben, darunter Robert Menasse, PEN-Zentrum-Generalsekretär Wilfried F. Schöller, Marlene Steeruwitz, Elfriede Jelinek und Verlegerin Unseld-Berkéwitcz? Nein, es ist kein Skandal. Es ist eine Selbstverständlichkeit. Der Skandal dagegen ist, daß diese ach wie so beliebten Politiker den Namen Heines beschmutzten, indem sie es wagten, einen Preis mit seinem Namen auszuloben.

Da würde man eher Menasses Vorschlag zustimmen, die sollen den Preis in Paul-Heyse-Preis umbenennen und dann im Heyse’schen Sinne an Epigonen und Mitläufer vergeben.

Das unterscheidet wirkliche Genies von großen Personen. Große Personen mögen großes geleistet haben, man wird sie aber nur in ihrem geschichtlichen Zusammenhang verstehen können. Das Werk wirklicher Genies ist im wesentlichen zeitlos. Es wird auch noch lange nach dem Tod in vielen Teilen als aktuell empfunden.

Die Stücke eines Sophokles, eines Shakespeare, brauchen die eine Interpretation? Nein, wir verstehen sie direkt, obwohl sie Jahrtausende / Jahrhunderte alt sind. Kann man Schillers „Räuber" in heutiger Kleidung spielen? Selbstverständlich, (fast) ohne ein Wort ändern zu müssen. Braucht Beethovens Vertonung von Schillers „Ode an die Freude" im vierten Satz der neunten Sinfonie eine Erklärung? Müssen Sie einem Sechsjährigen erklären, von was die Rede ist, wenn Papageno singt: „Ein Mädchen oder Weibchen wünscht Papageno sich, ..."

Sind Lenins Erkenntnisse über den „Imperialismus, das höchste Stadium des Kapitalismus" überholt? Im Gegenteil, man meint, Lenin hätte die Bush’schen Eroberungskriege gekannt.

So ist es mit Heinrich Heine.

Die Kraft seines Werkes wird sichtbar, wenn sich noch die heutigen Reaktionäre an ihm reiben müssen oder an Leuten wie Handke, die wie er „gegen den Strich" bürsten.

Handke weigert sich einfach, die offizielle Geschichtsklitterung anzuerkennen, daß die Spaltung Jugoslawiens von Milosevic eingeleitet worden sein soll, daß es Internierungslager und Massaker nur von serbischer Seite gegeben haben soll, daß Fischers Vergleich Milosevics mit Hitler und seine Behauptung, es müsse ein neues Auschwitz verhindert werden, richtig gewesen sein soll, und daß es plötzlich kein Kriegsverbrechen mehr ist, wenn man aus imperialistischen Interessen ein kleines Land in die Steinzeit zurückbombt.

Die Heinesche unglaubliche Kraft tönt aus Frankreich zu uns herüber, wo er einen großen Teil seines Lebens im Exil leben mußte, die Kraft der jungen Leute, die ein Gesetz, bereits beschlossen, zu Fall brachten, zusammen mit den Arbeitern, und uns ein Beispiel sind im Sinne des Dichters.

Wer ganz genau hinhört, kann ihn aus seiner Gruft applaudieren hören.


Link zum Originalartikel hier

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