Bis 2020 ohne fossile Treibstoffe
Von Elmar Getto
Noch ein Artikel von Elmar Getto zu Brasilien, diesmal nicht aus der Reihe, ursprünglich erschienen in "Rbi-aktuell" am 11.10.2005
„Brasilien begeistert über Biodiesel-Präsidenten" titelte die „Sächsische Zeitung". Das ist aber nicht so. Präsident Lulas Popularität ist vielmehr ob des Korruptionsskandals mit der „schwarzen Kasse" seiner Partei PT auf die niedrigsten Werte seit seiner Wahl gesunken. Daß er beschlossen hat, dem Diesel in Brasilien zunächst zwei Prozent Bio-Diesel beizumischen und bis 2020 überhaupt keinen Treibstoff aus fossilen Quellen mehr zu verwenden, hat man dort kaum zur Kenntnis genommen.
Überhaupt ist man sich in Brasilien wenig bewußt, daß das Land absoluter Vorreiter auf dem Gebiet der Kraftstoffe aus erneuerbaren Quellen ist. Die Frage der Erneuerbarkeit der Quellen, ebenso wie die Tatsache, daß Autos, die mit Alkohol aus Zuckerrohr fahren, kein zusätzliches CO2 ausstoßen, hatte nämlich gar keine Rolle gespielt, als Brasilien in den Siebziger Jahren mit den Alkohol-Autos anfing. Die Begründung damals war die Frage der Verringerung der Abhängigkeit von Rohöl-Einfuhren, die Anfang der Siebziger Jahre deutlich teuerer geworden waren.
Nun ist Brasilien aufgrund dieser und anderer Maßnahmen wie auch aufgrund der Erschließung eigener Erdölquellen in großen Feldern vor den Küsten des Landes im Jahr 2005 zum ersten Mal Selbstversorger beim Öl geworden (d.h. die Importe und Exporte halten sich die Waage), doch auch dieses epochemachende Ereignis ist an der brasilianischen Öffentlichkeit fast ohne Kenntnisnahme vorüber gegangen, denn alles starrt nur auf den Korruptionsskandal und die pikanten Einzelheiten, die nun nach und nach ans Tageslicht kommen.
Über die Einweihung einer der Fabriken für Biodiesel (in diesem Fall aus Sonnenblumen, mit einem zukünftigen Tagesausstoß von 45.000 Litern) im Bundesstaat Minas Gerais in Anwesenheit des Präsidenten wurde nur in einem dürren Satz berichtet. Ab 2008 soll der Dieselkraftstoff 5 % Biodiesel enthalten, dann 20 %. Im Jahr 2020 soll in Brasilien überhaupt kein Kraftstoff auf fossiler Basis mehr verwendet werden. Im Moment sind 45 neue Fabriken für Biodiesel im Bau oder geplant. Die Finanzierungen werden über eine der staatlichen Entwicklungsbanken durchgeführt. Basis können die Sojafrucht, die Rizinusfrucht, Sonnenblumen oder Frittierölabfälle sein. Von Raps ist bisher in Brasilien noch keine Rede.
Damit wird Brasilien das Pionierland für Biodiesel, Deutschland, bald überholt haben. Ein sehr ähnliches Programm ist auch in Schweden bereits im Gange, ebenfalls, wie in Brasilien, auf der Basis der „Flex-Fuel-Autos", die mit jeder beliebigen Mischung von Benzin und Alkohol fahren können, ebenfalls unter Verwendung von Biodiesel und ebenfalls mit dem Ziel des vollständigen Ersatzes bis 2020.
Auch Deutschland oder die ganze EU könnten sofort und jederzeit mit einem solchem Programm bis 2020 anfangen (und würden damit noch die Kassen entlasten, die mit Milliarden von Euros monatlich landwirtschaftliche Produkte subventionieren, die niemand will), angesichts der ungeheuren Mengen von Erdöl, die die meisten EU-Länder einführen müssen, eine Erleichterung nicht nur für die Umwelt und den Geldbeutel des Autofahrers, sondern auch und gerade für die Staatskassen.
Aber weit gefehlt. Statt dessen redet man über die Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken. Demnächst wird man die Dampfmaschinen wieder aus den Museen holen und anwerfen. Alles - nur keine erneuerbaren Energien! Die Interessen der gigantischen Öl- und Energiekonzerne gehen vor.
In Brasilien nimmt die Menge von Diesel im Verhältnis zu Benzin einen großen Raum ein, obwohl es keine Diesel-Personenwagen gibt. Da aber dieses riesige Land, in der Fläche vergleichbar mit ganz Europa, so gut wie keine Eisenbahnen besitzt, muß fast der gesamte Warentransport der zwölfgrößten Ökonomie der Erde mit Lastwagen bewältigt werden und auch fast der ganze Personentransport zu Land ist auf Omnibusse angewiesen.
In Brasilien macht der Anteil von fossilen Energieträgern zur Stromgewinnung unter 10% aus und davon sind auch noch die meisten Erdgaskraftwerke. Die Stromgewinnung aus Kohle macht weniger als vier Prozent der Stromkraftwerke aus. So etwas schmutziges wie Kraftwerke auf Braunkohlen- oder Schwerölbasis gibt es überhaupt nicht. Das bedeutet, daß Brasilien bis zum Jahr 2020 zu einem der wichtigen erdölexportierenden Ländern werden wird.
Spricht man mit Brasilianern, so hören sie mit großem Staunen, daß ihr Land international zu einem beachteten Vorbild geworden ist, insbesondere, was die Vermeidung von zusätzlichem Kohlendioxid-Ausstoß betrifft. Schon jetzt ist Brasilien in dieser Hinsicht nicht nur allen Industrieländern überlegen in bezug auf CO2-Ausstoß pro Einwohner und pro Dollar Brutto-Sozialprodukt, sondern ist auch führend unter den großen Entwicklungsländern.
Man höre nur, was der Analyst Andres Oppenheimer im „Miami Herald" hierzu schreibt: Wenn Präsident Bush seine Sorgen um den Erdölpreis loswerden wolle, müsse er sich Brasilien zum Vorbild nehmen. Allerorten sei das Interesse am Modell Brasilien erwacht. „Egal ob die Autos mit Wasserstoff, Alkohol, Strom oder Biodiesel fahren", meint Oppenheimer. „Es ist auf jeden Fall absurd, daß Bush (umgerechnet) 65 Milliarden Euro jährlich für den Krieg im Irak ausgibt und nur 290 Millionen Euro in die Entwicklung eines Wasserstoffautos investiert."
Was bisher in den USA und in Europa (außerhalb Schwedens) zur Umstellung der Energieversorgung und speziell der Kraftstoffversorgung getan wird, kommt nicht über ein paar Alibi-Aktivitäten hinaus, damit niemand sagen kann, man täte gar nichts.
Brasilien dagegen ist auch in anderer Hinsicht Vorreiter. Der brasilianische Embraer-Flugzeug-Konzern, erst letztlich privatisiert, einer der zwei großen weltweiten Hersteller von Kleinflugzeugen, hat in diesem Jahr das erste Kleinflugzeug erprobt, das mit Alkohol fliegt und stellt es bereits serienmäßig her.
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