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Montag, 7. August 2006

Brasilien jenseits von Fußball und Samba, Teil 3: Ausgerottete Künstler

Diesen Artikel gibt es in aktualisierter Form hier: http://karlweiss.twoday.net/stories/5042083/

Zum Start der Fußball - Bundesliga

Nicht alles verloren ...

Von Karl Weiss

Artikel veröffentlicht am 7.8.2006 in der "Berliner Umschau"

Die deutsche Fußball-Landschaft unterteilt sich in Bayern und ‚Anti-Bayern’. Dabei sind die letztgenannten glatte 90 %. Den Bayern „die Lederhosen auszuziehen” ist Traum und Ehre eines jeden Clubs der Liga sowie seiner Anhänger. Wir Bayern-Fans haben dagegen das Privileg, fast jedes Jahr eine Meisterschaft feiern zu können, zuletzt sogar wiederholt das “double”.

So hat also soeben Charly Kneffel vorausgesagt, daß die Bayern auch die jetzt beginnende Saison wieder siegreich beenden werden und sich dabei als ‚Anti-Bayern’ geoutet. Es bleibt also einem Anhänger der Bayern vorbehalten, den berühmten rettenden Strohhalm aufzuzeigen. Er heißt Diego.

Es ist nämlich noch nicht alles verloren für ‚Anti-Bayern’. Im Gegenteil, es
gibt eine ehrliche Chance, daß die Bayern in dieser Saison am Ende nicht
oben stehen. Zählen wir zwei und zwei zusammen; die Bayern sind objektiv
geschwächt gegenüber dem letzten Jahr und der wahrscheinlich wichtigste
Rivale Bremen könnte sich entscheidend verstärkt haben.

Gehen wir zu Punkt 1: Bayern geschwächt.

Ballack ist nicht mehr da. Das macht einen Riesenunterschied und ein
Nachfolger auf der gleichen Höhe ist nicht in Sicht. Nicht so sehr, daß
Ballack zuletzt überragendes geleistet hätte, im Gegenteil, im Jahr 2006 hat
er nie zu seiner besten Form gefunden, auch in der WM nicht. Aber das Spiel
der Bayern war auf ihn angelegt, jetzt muß man umlernen. Es wird bis auf
weiteres keinen „Regisseur“ geben, keinen, der alle Bälle erhält und
verteilt. Man braucht ein multizentrales System - das ist viel schwieriger.
Weder Schweinsteiger (jedenfalls noch?) noch Deisler sind ein Ballack-Ersatz und der eingekaufte Paraguayaner dos Santos ist einstweilen weit davon
entfernt, mehr als ein Talent zu sein.

Doch wichtiger noch ist nach Ansicht des Berichterstatters der Abgang von Zé Roberto. Der Brasilianer hat in der WM gezeigt, daß er als Mittelfeldspieler absolute Weltklasse ist. Er wurde vom brasilianischen Publikum zum besten Spieler des brasilianischen Teams bei der WM gewählt. Er wird weithin unterschätzt, weil er eklatante Schwächen im Abschluß und einige im Kopfball hat, aber als Aufbauspieler auf der linken Seite ist er einer der besten auf der Welt. Seine Flanken von links sind von jener Qualität wie es einst die von Kaltz von rechts waren. Es ist kein Nachfolger in Sicht - damit verliert das Spiel der Bayern einen der wichtigsten Spielzüge.

Zé Roberto war der Frings der Bayern. Wie wichtig diese Position ist, wenn
sie mit einem Weltklassemann besetzt ist, wußten die Italiener sehr gut und
wissen wir nun auch. Mit Frings wäre wahrscheinlich ein Tor zu schaffen gewesen im Halbfinale. Dann wäre der Rest des Spiels anders verlaufen, denn die Italiener hätten die Betonmauer hinten etwas öffnen müssen. Im Grunde war Argentinien besser als Italien. Der Unterschied hieß Frings.

Übrigens kam bei der erwähnten Publikumsumfrage in Brasilien Lúcio auf den zweiten Platz - und man unterschätze nicht den Sachverstand des Publikums. Die Bayern hatten also letztes Jahr die beiden besten Spieler der
Brasilianer bei der WM (nach Publikumsurteil) in ihren Reihen. Gibt es
nicht den alten Spruch: „Meister wird, wer die besseren Brasilianer hat“?

Natürlich ist auf der linken Außenbahn Lahm da, sicherlich das wichtigste
neue Talent in Deutschland. Aber bei der WM haben wir auch gesehen, wie man ihn fast wirkungslos machen kann: Sowohl Argentinien als auch Italien ließen ihre rechten Außenverteidiger mit nach vorne gehen, sobald man in Ballbesitz war und Lahm mußte zurück. Bei den schnellen deutschen Angriffen war er dann vorne nicht zugegen. Für diesen „Lahm-Leger“ braucht man natürlich einen rechten Außenverteidiger, der Lungenflügel wie Blasebälge hat. Die hat Lahm nämlich (noch) nicht. Es war der italienische rechte Außenverteidiger Grosso, der das entscheidende Tor gegen Deutschland freistehend erzielte. Lahm war nicht bei ihm.

Die gleiche Taktik werden natürlich alle Bundesligaclubs versuchen anzuwenden. Wenn sie das schaffen, ist Bayern links „lahm“gelegt (unglaublich, wie oft sich Anspielungen auf seinen Namen anbieten) und kann nur noch über rechts kommen (in der Mitte wird sowieso dicht gemacht gegen die Bayern).

Ein gutes Mittel dagegen ist - und das wird Magath sicherlich wissen - die
Dreierkette hinten mit einem Fünfer-Mittelfeld davor. Da man jetzt drei
Weltklasse-Innenverteidiger hat mit van Buyten, Lúcio und Ismael, drängt
sich das sogar auf - ebenfalls, weil man keinen „Regisseur“ mehr hat und im
Mittelfeld mit mehreren Anspielstationen arbeiten muß. In diesem Fall hat
Lahm mehr offensive Möglichkeiten und das Bayern-Spiel kann so etwas von
jenem der Nationalmannschaft bekommen, als sie ohne Ballack spielte (und da spielte sie wunderschön!). Aber laß bloß einen der drei Standard-Verteidiger verletzt sein und schon gehts nicht mehr.

Natürlich kam Podolski. Der stellt aber keine qualitative Verbesserung für
die Bayern dar, nur eine quantitative, denn die Bayern haben schon Makaay,
Pizzarro und Roque Santa Cruz. Podolski ist nicht besser als die drei (oder
jedenfalls die ersten zwei) - jedenfalls noch nicht - und es können ja
(fast) immer nur zwei der vier gleichzeitig spielen. Es besteht zwar die
Möglichkeit, daß sich Podolski im Laufe dieser Saison zu einem neuen
Klinsmann entwickelt (gemeint ist der Spieler Klinsmann, nicht der Trainer)
und die Bayern zur Meisterschaft führt. Aber es kann ebenso sein, daß er mit
ausgedehnten Aufenthalten auf der Reservebank nicht klarkommt und nie über den Status des Großtalentes hinauskommt. Bayern ist bekannt als
Talentzerstörer - viele Grüße von Deisler.

Und nun der 2. Punkt: Bremen möglicherweise gestärkt.

Bremen war letzte Saison der wichtigste Bayern-Jäger, auch wenn es lange
Zeit eher nach den Hamburgern aussah, und kam dementsprechend auf den
zweiten Platz. Es gibt viele Hinweise darauf: Dieses Attribut Bayern-Jäger wird auch in dieser Saison wieder den Bremern vorbehalten sein. Weder Schalke noch Hamburg noch Dortmund konnten sich substantiell verbessern. Aber eventuell Werder. Zwar ging Micoud, aber es kam Diego, mit vollem Namen Diego Ribas da Cunha, 21 Jahre alt - Jahrgang 1985.

Und da setzen die speziellen brasilianischen Kenntnisse des Berichterstatters ein. Diego ist eines der wichtigsten ganz großen Talente im internationalen Fußball - und zwar auf der Position Nr. 10 - Spielgestalter, „Regisseur“, Anspielstation, Verbindung zu den Spitzen und Torschütze. Bekanntlich ist dies die bedeutendste und schwierigste Position im Fußballteam und dementsprechend sind große Talente hierfür rar gesät und entwickeln sich erst im Laufe ihres Fußballerlebens. Diego ist diese Position gewohnt seit den brasilianischen Auswahlteams „unter 16“ und „unter 17“.

Wer sich mal die Mühe macht zu zählen, wieviele Spieler der typischen
Position 10 in Europa zur „Sonderklasse“ oder „Weltklasse“ zählen, nachdem
Zidane gegangen ist, Figo langsam geworden und Mehmet Scholl auf dem
Altenteil, wird auf vielleicht 5 bis 7 kommen, z.B. Ballack, Deco und Riquelme, wer noch? Lincoln und Micoud sind vielleicht gerade noch Sonderklasse, eventuell Rosiczky, van der Vaart? Kein einziger wirklich grosser Name.

Diego ist ein Ebenbild des jungen Maradona in Vorname, Figur,
Bewegungsabläufen, Spielweise, Spielübersicht und was noch alles. Seine
Eltern nannten ihn 1985, zum Zeitpunkt des höchsten Ruhmes des
argentinischen Fußballidols wohl nach diesem. Auf Portugiesisch heißt der
entsprechende Heilige Diogo. Er wurde also nicht nach dem Heiligen benannt.

Die großen Namen auf dieser Position sind fast alle Fußballegenden: Puskas, F. Walter, Pelé, Netzer, Cruyff, Zico, Platini, Maradona, Mathäus und
Zidane. Diego kann sich mit keinem von ihnen bisher vergleichen, hat aber
genug Talent, eventuell zu einem solchen Spieler zu wachsen.

Vergleicht man ihn mit dem bereits erfolgreichen Ronaldinho, der drei Jahre
älter ist, so ergeben sich viele Parallelen, aber auch wesentliche
Unterschiede. Diego hat noch nicht die technische Perfektion eines
Ronaldinho erreicht, dafür aber andere spielerische Eigenschaften, die
Ronaldinho nicht aufweisen kann. Ronaldinho kann nicht die Rolle des
Regisseurs ausfüllen, das hat sich in der Weltmeisterschaft erwiesen. Nur
wenn er absolute Freiheit hat und vorn bleiben kann, also einen Stürmer
spielt wie bei Barcelona, nicht einen Mittelfeldspieler, kommen alle seine
Talente zur Geltung. Zur Rolle des Spielmachers gehört es ja, auch bei jedem gegnerischen Angriff mit zurückzukommen und danach für den Neuaufbau zu sorgen - das kann Diego im Prinzip.

Diego stellt also ein anders geartetes Talent dar. Sein Stern ging im Jahr
2002 auf, als er mit 17 Jahren bereits Regisseur der Meistermannschaft des
F.C. Santos war, dem Club Pelés. Damals wurde zum letzten Mal die
brasilianische Meisterschaft in einer einfachen Runde ausgetragen, nach der
die besten Acht dann in das Viertelfinale für die Meisterschaft kamen. Im
Viertelfinale gegen São Paulo schoß Diego das entscheidende Tor.

Er als Spielmacher und Robinho als Stürmer waren die Entdeckungen der
Saison, beide bei Santos, Robinho ein Jahr älter als Diego. Robinho ist
inzwischen bereits bei Real Madrid und konnte als Einwechselspieler in jedem Spiel der Brasilianer in der WM bereits sein Talent aufblitzen lassen - so wie auch bereits letztes Jahr beim Federations-Cup.

Im Jahr 2003 gab es die erste brasilianische Meisterschaft mit Hin- und
Rückrunde und Santos mit Diego und Robinho wurde Zweiter. Im Jahr darauf
wurde Santos erneut Meister - da war aber Diego in der Rückrunde schon nicht mehr dabei.

Man unterschätze nicht die brasilianische erste Liga. Sie ist mindestens so stark wie die Bundesliga.

Zu jener Zeit wurde Diego regelmäßig zu den Spielen der brasilianischen
Nationalmannschaft eingeladen, wenn die großen Stars aus Europa nicht
freigegeben wurden - oder wurde in der zweiten Halbzeit eingewechselt, wenn sie dabei waren. Er gewann auch mit einer solchen „B-Mannschaft“ die
Südamerika-Meisterschaft der Nationalmannschaften 2004 (im Endspiel gegen
Argentiniens A-Mannschaft im Elfmeterschießen).

Diego hatte danach Pech. Er wurde 2004 vom F.C. Porto engagiert, genau zu
dem Zeitpunkt, als man die ‚Champions Leage’ gewonnen hatte. Doch der
Trainer und der wichtigste Spieler Deco (ein eingebürgerter Brasilianer)
waren nicht mehr da. Zwar konnte Diego noch mit dem Team die inoffizielle
Vereinsweltmeisterschaft in Japan gewinnen, aber die Mannschaft mit Diego
brillierte nicht mehr, er konnte nicht den Glanz eines Deco ausstrahlen
(noch einer, der bei dieser WM glatt versagte). So landete er schnell auf
der Ersatzbank, was den Fortschritt seiner Karriere verzögerte und
verhinderte, daß er weiterhin zur „Seleção“ gerufen wurde.

Aber es ist noch nichts verloren. Er ist 21 und hat den wesentlichen Teil
seines Fußballerlebens noch vor sich. Wenn Trainer Thomas Schaaf ihm
vertraut und ihn psychologisch richtig zu nehmen versteht, kann er sich
innerhalb von Monaten zum herausragendsten Spieler der Bundesliga entwickeln oder zumindest auf die gleiche Höhe wie Lincoln. Er hat vor sich eines der erfolgreichsten Sturmduos aller Vereine Europas, Klose und Klasnic - und wenn einer der beiden ausfällt, ist noch Neuzugang Almeida da. Diego kann das Mittelfed formen mit zwei der hervorragendsten deutschen Spieler, Borowski und Frings. Alles könnte sich zusammenfügen zu einer sensationellen Saison.

Klose wurde lange unterschätzt. Jetzt allerdings, an dritter Stelle der
Liste der Torschützen bei Weltmeisterschaften aller Zeiten, nur hinter
Ronaldo und Gerd Müller, kann niemand mehr seine Qualitäten anzweifeln.

Diego wird wohl noch nicht in den ersten Spielen glänzen können (oder wenn, dann nur, weil die Verteidiger in Deutschland seine Dribblings noch nicht kennen - sobald die Videos davon studiert sind, hat sich das), es gibt immer eine Adaptationszeit, aber wenn Schaaf ihm Vertrauen entgegenbringt, ihm eine Reihe schlechter Vorstellungen zugesteht, weiter auf ihn setzt, könnte er bis zum Winter zur bestimmenden Figur im Werder-Spiel werden. Wenn die anderen erst einmal Zutrauen gefaßt haben und ihm den Ball geben, wenn er seine alten Fähigkeiten wieder zeigt, könnte das Wunder wahr werden.

Werder könnte den Rest der Liga einschließlich der Bayern an die Wand spielen und am Ende der Saison nicht nur den Titel, sondern auch einen Spieler in seinen Reihen haben, der 50 bis 100 Millionen Euro wert ist (mit 22 Jahren!). Werder könnte definitiv in die Reihe der großen europäischen Vereine vorstoßen und sich als zweiter Großverein neben den Bayern in Deutschland etablieren.

Diego könnte wieder in die brasilianische Nationalmannschaft zurückkommen und dort ebenfalls die Führungsrolle übernehmen, die dort vakant ist bzw. seit geraumer Zeit versucht wird durch ein Duo zu ersetzen, was bei Superstars fast nur schief gehen kann.

Andererseits kann natürlich auch der ‚worst case’ eintreten: Diego findet sich mit der deutschen Sprache und Mentalität nicht zurecht. Nach einer Reihe von schlechten Spielen bleibt er auf der Reservebank. Diego wird zunehmend unzufrieden und die Leistungen werden noch schlechter. Schließlich muß Werder sich umsehen, wie er ihn ohne Verluste wieder los wird. Diego wird ewig das Talent bleiben, aus dem nichts wurde - und Bayern weiterhin der einzige deutsche Verein mit internationalem Niveau.

Auch für einen Bayern-Anhänger keine schönen Aussichten, denn es macht keinen Spaß, nur andauernd zu gewinnen, weil die anderen so mittelmäßig sind, nicht weil der eigene Verein unter großen Clubs am Ende die Nase vorn hat.

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