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Sonntag, 10. September 2006

Heuschrecken in der Schmierstoff-Industrie

Die 'Selenia' im Fadenkreuz

Von Elmar Getto

Noch ein Artikel von Elmar Getto, der Aufsehen erregte und hoch in 'google' bewertet wurde. Er erschien ursprünglich in der "Berliner Umschau" vom 25. November 2005

Nun haben die „Heuschrecken" auch in der Industrie der Schmierstoffe zugeschlagen. Die italienische Gruppe ‚FL Selenia’, hervorgegangen aus der früheren „Fiat Lubrificanti", war bereits von zwei „Investment Groups" in den vergangenen fünf Jahren gekauft und verkauft worden - zuletzt von ‚Vestar Capital Partners’ und ist nun endgültig bei einem der berüchtigsten „Aussauge-Unternehmen" gelandet, der Kohlberg Kravis Roberts & Co., genannt KKR.

Der Schreiber dieser Zeilen hat ein besonderes Verhältnis zur Schmierstoffindustrie und ist Fachmann auf diesem Gebiet. Er hat die FL Selenia, die mit dem Kürzel ‚FL’ immer noch auf ihre Fiat-Abstammung hinweist, wiederholt als Konkurrent kennengelernt. Aber dieses Schicksal möchte man seinem ärgsten Feind nicht wünschen.

Fiat hatte in den 80er-Jahren den Schmierstoff-Bereich des Konzerns zum Teil als „Fiat Lubrificanti" selbständig gemacht und einen anderen Teil davon an die Fuchs-Gruppe, Mannheim, verkauft. Die mußte aber bald feststellen, daß man nur defizitäre Geschäfte erworben hatte und stellte nach einigen Sanierungsversuchen die Aktivitäten jener Firma ein.

Etwa zur gleichen Zeit war die „Fiat Lubrificanti" als Überbleibsel an die staatliche italienische Ölfirma AGIP gegangen. Dort wurde sie anscheinend eher als interner Konkurrent behandelt denn als Bereicherung des Geschäfts.

Sie hatte, nicht zuletzt aufgrund ihrer Geschichte und ihres Namens, bevorzugten Zugang zu allen Fiat-Unternehmen und war zeitweise fast monopolartig Zulieferer dort. Dies tat aber ihrer Konkurrenzfähigkeit nicht gut und mit der Zeit war auch die Fiat nicht mehr so glücklich damit. Bis heute hat aber fast ausschließlich die Selenia die Öl-Erstbefüllungen der Fiat-Fabriken in Italien und Brasilien ebenso wie die des Fiat-eigenen Lastwagenherstellers Iveco und der New Holland Traktorfabrik, die früher Ford gehörte und heute als Fiat-Tochter Case New Holland heißt.

Gut vertreten ist sie auch bei Seat in Spanien, obwohl dies heute kein Fiat-Unternehmen mehr ist, sondern Volkswagen gehört. Selenia hat neben zwei Fabriken in Italien eine in Spanien und eine in Brasilien, die unter dem Namen Tutela gegründet wurde.

Die meisten, die heute einen Fiat kaufen, bekommen ein Selenia-Öl zum Ölwechsel in der Betriebsanleitung empfohlen.

In den 90er-Jahren verkaufte AGIP die ungeliebte Tochter wieder - und zwar erneut in die Fiat-Gruppe, diesmal an die Fiat-Beteiligung ‚Magnet Marelli’. Unter deren Obhut ging es aufwärts mit der Selenia, die nun in ‚FL Lubrificanti’ unbenannt worden war und damit den Namen Fiat aus der Marke entfernt hatte, der es so schwierig gemacht hatte, bei anderen Automobilkonzernen zu verkaufen.

Heute hat die Selenia bedeutende Verträge zur Belieferung der Erstbefüllung mit u.a. Subaru, Honda und dem Nutzfahrzeughersteller ‚Same Deutz Fahr’. Es gelang ihr, auf verschiedenen internationalen Märkten mit der Automobilölmarke Selenia an die Tankstellen zu kommen. Heute bezeichnet sich Selenia als der größte (von den Ölkonzernen) unabhängige Lieferant von Marken-Automobil-Ölen Europas.

Man schlug eine extrem expansive Unternehmenspolitik ein, die offenbar von der ‚Magnet Marelli’ nicht mehr finanziert werden konnte (oder wollte) und so wechselte man zu Beginn des neuen Jahrtausends wiederum die Hände. Es begann die Geschichte der Investmentfirmen als Selenia-Eigner. Die erste hieß Doughty Hanson, eine englische Firma, die ausschließlich an einer Wertsteigerung interessiert war (Sie ist auch in Deutschland aktiv und stand auf der ‚SPD-Heuschreckenliste’, die 'Rbi-aktuell' in dem Artikel „Hedge-Fonds-Gesellschaften" veröffentlichte, heute zugänglich unter ‚Dossiers’ und ‚Ökonomie’).

Sie kaufte Selenia für 498 Millionen US-Dollar und verkaufte sie drei Jahre später für 752 Millionen US-Dollar, das sind 85 Millionen US-Dollar Reingewinn in drei aufeinanderfolgenden Jahren oder drei Jahre nacheinander 17% Marge vom Kapitaleinsatz (das kann man kaum sonst erzielen).

Dazwischen lagen Firmenaufkäufe und eine extrem aggressive Preispolitik, die nach Meinung von Konkurrenten ein positives Ergebnis unmöglich machte.

Das ist eine der Taktiken von Investment-Unternehmen: Man bläht den Umsatz und Absatz extrem auf und erhöht so den formalen Wert der Firma. Dabei ist nicht wesentlich, ob man Verluste macht - auch wenn man das nicht an die große Glocke hängen wird. Die Verluste bleiben ja in der Firma, gehen nicht zum Eigner. Hedge Fond-Gesellschaften, wie diese „Heuschrecken" oft genannt werden, haben, so unlogisch dies im ersten Moment erscheinen mag, keinerlei Interesse an einer profitablen Industrie, denn die durch Gewinne zu erreichenden Margen in der Industrie außerhalb der Monopolkonzerne sind ihnen bei weitem nicht genug. Sie ziehen vielmehr Geld aus der Firma und setzen sich dann ab.

Eine der typischen Taktiken bei zum ersten Mal von solchen „Assets Assault Companies" (AAC) übernommenen Firmen ist eben jene: Aufblähen des Umsatzes unter Hinnahme von deutlichen Verlusten und dann zu weit höherem Preis weiterverkaufen an die nächste Blutsaugerfirma.

Diese nächste weiß natürlich genau, daß sie keine profitable Firma kauft, aber sie ist ja auch nur an den „inneren Werten" der Firma interessiert, die beliehen werden können. Was diese inneren Werte sind, wurde im Artikel „Hedge-Fond-Gesellschaften" im Dossier ‚Ökonomie’ der Berliner Umschau so definiert:

Zum einen haben die Firmen ja meist eigene Grundstücke und Immobilien ... . Darüber hinaus haben sie Maschinen und Anlagen, oft schon abgeschrieben. (...) Drittens stellt die Firma als solche, als Marke oder jedenfalls als in den Kundenkreisen angesehene Lieferantin oder Serviceleisterin, einen Wert dar. Ein weiterer Teil des Gesamtwertes sind die Finanzen und Finanzanlagen der Firma. (...) Der fünfte ‚asset’ schließlich sind Kundenliste, Lieferantenliste und das „know how", das in Form von Dokumenten und in Form von Wissen der Beschäftigten vorhanden ist. (...) Dazu kommen, sechstens, ‚weitere Werte’, darunter fallen vor allem Pensionsgesellschaften der Beschäftigten, die von der Firma verwaltet werden und ähnliches."

Seit die Selenia im Jahr 2000 vom ersten Investment-Unternehmen gekauft wurde, steig ihr Umsatz innerhalb von fünf Jahren von 350 Millionen Euros 1999 auf 550 Millionen Euros 2004, also um über 57% - und das in einem stagnierenden Markt. Es wurden u.a. die italienische Schmiermittelfirma ‚Rondine Azienda Petrochimica’ gekauft und die ‚Viscosity Oil’ vom Konzern Pennzoil-Quaker State. Solche Aquisitionen werden selbstverständlich nicht vom Eigner finanziert, sondern von Banken, die mit den AAC-Companies eng liiert sind.

Als ‚Vestar’ die Selenia zu dem deutlich höheren Preis gekauft hatte, setzte sie für weitere zwei Jahre dieselbe Taktik fort: Firmenzukäufe und aggressive Umsatzausweitung. Sie bezahlte für die Selenia 752 Millionen US-Dollar und verkaufte sie jetzt, zwei Jahre später, für 1 Milliarde Dollar! Das sind wiederum fast genau jene 17% pro Jahr an Kapital-Rendite.

Was die KKR nun mit der Selenia anfangen wird, kann man nur ahnen. Der wirkliche innere Wert der Selenia dürfte inzwischen bereits drastisch gesunken sein (durch riesige Kredite, was in diesem Fall unter der Bezeichnung ‚Fremdfinanzierung’ läuft), so daß es eher unwahrscheinlich ist, daß die jetzige AAC-Gesellschaft als Eigner der Selenia noch ein drittes Mal das Spielchen mit dem Aufblähen des Umsatzes und anschließendem Weiterverkaufen einsetzen wird - obwohl auch dies nicht ausgeschlossen ist.

Wahrscheinlicher ist aber, daß man nun direkt Kapital aus der Firma herausholt und sie dann jemandem überläßt, der auf das Aussaugen der letzten Reste von Geld aus praktisch bereits bankrotten Firmen spezialisiert ist. In diesem Fall dürfte es nicht mehr lange dauern, bis die erste Ankündigung massiver Entlassungsaktionen bei Selenia ansteht. Das würde dann die erste Akt weiterer heftigster Sanierungsmaßnahmen sein, die meist am Ende mit einem Vergleichsverfahren enden, wenn nicht sogar direkt mit der Liquidation. Das würde eine Traditionsfirma mattsetzen, die seit 1912 Schmieröle hergestellt hat.

Wie lange es noch eine Selenia auf den Märkten gibt, ist unsicher. Sehr viele Jahre werden es voraussichtlich nicht mehr sein. Die Konkurrenten werden aufatmen, wenn endlich ein Wettbewerber vom Markt sein wird, der beachtliche Marktanteile von ihnen abgezogen hat mit Preisen unter logischem Niveau. Aber bis dahin wird sicherlich bereits der nächste Kandidat ins Fadenkreuz der AAC-Gesellschaften geraten sein.

Das ungehinderte Agieren von AAC-Unternehmen auf allen Märkten ist ein weiteres Anzeichen des beginnenden Übergangs des Kapitalismus in die kapitalistische Barbarei.

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