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Donnerstag, 30. Oktober 2008

War Haider schwul?

Scheinheiligkeit ist schlecht

Von Karl Weiss

Unter Rechtsextremen und erst recht Faschisten ist Homosexualität mindestens genauso verpönt, wie Jude zu sein. Da wäre es gewissermaßen ein Trompetenstoss, wenn sich plötzlich über einen prominenten Rechtsaussen herausstellte, er wäre bisexuell, mindestens genauso wie vor einiger Zeit, als man erfuhr, der Recht-und-Ordnung-Schill schnupft Kokain. Nun gibt es klare Aussagen, wiederholt in seriösen Presseorganen, dass der österreichische Super-Rechts-Politiker Haider, vor zwei Wochen tödlich verunglückt, ein sexuelles Doppelleben hatte

Haider (mitte) mit Petzner (rechts)

Die ersten Gerüchte kamen auf, als in der Partei Haiders Widerstände gegen die Wahl des Generalsekretär Stefan Petzner zum Parteivorsitzenden der BZÖ auftauchten. Auch bei der Wahl zum Fraktionsvorsitzenden in Wien fiel er durch. Jemand ließ das Wort „Lebensgefährte“ fallen. Petzner hat Haider sein „Lebensmensch“ genannt. In einigen Gegenden Österreichs gibt es die Bezeichnung "das Mensch" für eine Frau.

Dann kam die Aussage an das Tageslicht, dass Haider, der bei seinem Unfall von einer privaten Feier kam, dort praktisch nüchtern etwa zweieinhalb Stunden vor dem Unfall abgefahren war. In den zweieinhalb Stunden muss etwas vorgefallen sein, um auf 1,77 Promille Alkohol im Blut zu kommen.

Jetzt kam die entscheidende Information. Haider wurde während dieser Zeit in Begleitung in einem Homosexuellenlokal in Klagenfurt gesehen, wo er mehr als eine Flasche Wodka verköstigte.

Offiziell mit Frau und zwei Töchtern zusammenlebend, führte Haider anscheinend ein Doppelleben, hatte daneben wohlmöglich männliche Lebensgefährten, so wie angeblich Petzner, und wagte sich sogar in Homosexuellenlokale, obwohl sein Gesicht eines der bekanntesten Österreichs war.

Nun geht das eigentlich niemand etwas an, schließlich haben wir nichts gegen Homo- oder Bisexuelle und das sind Sachen des Privatlebens. Ja, wenn...

Wenn nicht die Rechtsextremisten geschworene Feinde der Homosexualität und Homosexuellen wären. Auch die FPÖ war zu Zeiten, als sie noch Haider-Partei war, strikt anti-homosexuell, was erst später geändert wurde. Es sei auch noch angemerkt: In faschistischen Staaten und auch Ländern mit stark rechtsgestrickten Regierungen (wie zum Beispiel im Moment in Polen) wurden und werden Homosexuelle wegen ihrer sexuellen Neigung verfolgt. Unter Hitler wurden alle, deren man habhaft werden konnte (und noch einige mehr, die einfach denunziert worden waren) in die KZ gesteckt und dort besonders schlimm misshandelt. So gut wie keiner ist da lebend herausgekommen.

Auch der Kokain-Konsum Schills ist, abgesehen davon, dass dies natürlich eine kriminelle Handlung ist, nicht ein grösseres Problem als wenn der designierte Bundestrainer mit Kokain erwischt wird. Aber im Fall Schill waren es ja gerade die kleinen Vergehen, die er als Richter und später als Innensenator speziell im Visier hatte (Zero-Tolerance-Policy) und belegte sie mit langen Gefängnisstrafen. Dann kann man erwarten, dass er nicht selber zum Delinquenten wird.

Schill beim Koksen

Ebenso muss man sehen, die rechte Szene von vorwiegend christlich-extremistischer Provenienz in den USA und auch in einigen anderen Ländern sind fanatische Bekämpfer der Homosexuellen, wobei da in der Regel die Bisexuellen mit eingerechnet werden. In mehreren US-Bundestaaten sind die Anstrengungen der Republikaner darauf gerichtet, die Homosexualität als solche wieder strafbar zu machen. Vor kurzem geschah es zum Beispiel, dass eine solche christlich inspirierte Gruppe von Rechtsextremen auf der Beerdigung eines Soldaten erschien, der im Irak gefallen war und gegen die Aufnahme von homosexuellen Soldaten in den Militärdienst protestierten. Der Vater des toten Soldaten hat das bis heute nicht überwunden.

Eine Anzahl der Baptisten-Kirchen in den USA halten geschlossene Anstalten bereit, in die Jungen, die der eventuellen Homosexualität verdächtig sind, „umerzogen“ werden, d.h. faktisch so lange mit Elektroschocks im Intimbereich gequält werden, bis sie wirklich keine Sexualität mehr haben.

In den verschiedensten Ländern gibt es Fälle, in denen Rechtsextremisten, Faschisten, Skinheads oder „White Power“-Leute Jagd auf (wirkliche oder vermeintliche) Homosexuelle machen und sie zusammenschlagen und oft auch umbringen.

Zwar hat die BZÖ Haiders die Homosexuellen (wohl auf Initiative Haiders?) nicht auf der Liste der Erzfeinde gehabt, aber er hielt seine Neigungen doch lieber geheim. Er wollte wohl vorsichtshalber nicht ausprobieren, wie seine Wählerschaft darauf reagiert. Allerdings schienen schon eine Menge Gerüchte in der Partei umzulaufen.

Haider war treibende Kraft, als in der damaligen Rechtskoalition unter Schüssler das „Schutzalter“ für Sex mit Jugendlichen modifiziert wurde. Bis dahin war Sex mit Mädchen zwar ab 14 Jahren frei, aber mit Jungs erst ab 18. Eine Neunzehnjährige, die mit einem Siebzehnjährigen Sex hatte, konnte vorher in Österreich als Kinderschänderin angeklagt werden. Haider sorgte mit dafür, dass nun auch mit jüngeren Jungs Sex gemacht werden kann.

Nein, man darf wirklich nicht Homosexuelle für schlecht halten oder verfolgen, aber die meisten Leute halten Scheinheiligkeit für schlecht.


Veröffentlicht am 30. Oktober 2008 in der Berliner Umschau, hier redigiert und mit einem Zusatz und Bildern versehen

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