Mittwoch, 11. Mai 2011

Eine Nummer zu gross

Eines der unglaublichsten Eigentore des Jahres

Von Karl Weiss

Da hat doch ein völlig unbekannter Journalist namens Steinfeld versucht, Noam Chomsky anzupinkeln, den grossen und bis heute anerkannten Gründer der Linguistik, eines ganzen Wissenschaftszweiges - auf diesem Gebiet ein „Papst“.

Es passt der „Süddeutschen“ nicht, wenn jemand die absolute Wahrheitsliebe der US-Regierung in Frage stellt, die nach Ansicht dieses Blattes Gott selbst ist.

Da empört sich der Pinscher Steinfeld, Noam Chomsky, ein seit Jahren auch als strenger Kritiker des US-Imperialismus hervorgetretener bekannter Wissenschaftler, lasse die Tötung Bin Ladens als „Akt äusserster Willkür“ erscheinen. Ja was denn sonst?

Ausserdem passt ihm nicht, dass Noam Chomsky die allseits bekannte Tatsache wiederholt hat: Osama Bin Laden ist nicht für 9-11 verantwortlich, nicht einmal die offizielle Ausschreibung der US-„Gesuchten“ selbst enthält diesen Vorwurf.

Doch der Pinscher und ein ebensowenig bekannter „Publizist“ namens Hitchens, den er zitiert, wissen alles besser: Angeblich habe der Untersuchungsbericht des Senats über den 11. September und nicht näher benannte Video-Dokumente und Recherchen von Journalisten alles einwandfrei aufgeklärt.

Nun, der Pinscher hat diese Dokumente offensichtlich nicht gelesen – oder wenn doch, nicht mit den Fakten verglichen, sonst würde er das, was selbst die offizielle USA zugibt, nämlich die Nicht-Verantwortung von Bin Laden für den 11. September, nicht als Verschwörungstheorie bezeichnen.

Da hätte sich also die offizielle US-Liste von gesuchten Verbrechern gegen die selbsternannten Giganten Steinfeld der Pinscher und Hitchens der Unbekannte verschworen, die es glauben besser zu wissen. Phantastische Verschwörungstheorie!

Das mit den Fakten ist sowieso nicht exakt die Stärke des Pinschers. Hören Sie Originalton Steinfeld:

„Anders gesagt: Alles Wissen erscheint hier, auf eine sehr amerikanische Weise, nur in Gestalt von "facts", von Informationen in einem streng positivistischen Sinne. Das hat auf der einen Seite zur Folge, dass auf buchstäblich besinnungslose Weise immer mehr "facts" angehäuft werden, in der Hoffnung, dass sie irgendwann einen okkulten Sprung machen und zu Wissen werden.“

Das ist unglaublich: Er beschreibt den wissenschaftlichen Erkenntnisprozess (das Ansammeln von Fakten zu einer bestimmten Sache, bis diese Sammlung zu einem qualitativen Sprung führt und eine (oder mehrere) neue Erkenntnisse gewonnen werden), versteht aber überhaupt nicht, von was er redet. Er benutzt, um seine völlige wissenschaftliche Kenntnislosigkeit auszudrücken, denn auch typische Worte des Ignoranten: „positivistisch“, besinnungslos“ und „okkult“.

Weiter unten klagt er Noam Chomsky noch des „radikalen Empirismus“ an. Er versteht nicht, dass jeder wissenschaftliche Prozess immer auf „radikalem Empirismus“ beruhen muss. Er darf eben nicht darauf beruhen, neue Ideen aus der Luft zu greifen, ohne sie klar aus empirischen Fakten abzuleiten.

Um all dem noch eine Krone aufzusetzen, stellt er die wissenschaftliche Qualifikation von Noam Chomsky in Frage (was ganz offensichtlich für Chomsky spricht). Er behauptet: „ ... in seinen linguistischen Theorien, an denen das akademische Publikum das Interesse verlor, als die - immer wieder durch neue, bislang unbedachte empirische Befunde vorangetriebenen - Revisionen des Gedankengebäudes so zahllos wie unüberschaubar wurden.

Ja, das ist für einen Pinscher unvorstellbar: Hat man einmal wesentliche Basis-Fakten erkannt und daraus eine wissenschaftliche Theorie abgeleitet, so kommen in der Folge Tausende von neuen Erkenntnissen auf diesem Gebiet, die jener wissenschaftlichen Theorie ihren korrekten Platz zuweisen, wo sie zutrifft und wo nicht und welche generellen Einschränkungen man machen muss. Das traf auf Newtons Mechanik und Einsteins Relativitätstheorie zu und trifft auf die Linguistik zu, die Chomsky begründet hat.

Die Linguistik ist weiterhin weltweit anerkannt, so wie Chomsky. Allerdings gibt es das Lager der „Behavioristen“, das von Anfang an gegen Chomskys Theorien gewettert hat und es gibt schliesslich jene unglaublich kleingeistigen Menschen, die einen Wissenschaftler ablehnen, weil er politisch nicht mit ihnen übereinstimmt.

Das nämlich ist, was hinter dem Anpinkeln steckt: Man will die politischen Thesen Chomskys treffen und benutzt dazu Kritik an den Grundlagen der Linguistik. Das ist so unbeschreiblich erbärmlich.

Chomsky sagt zum Fall Bin Laden nämlich klar und deutlich: „...dass ein Unbewaffneter "hingerichtet" worden sei - "in Gesellschaften, in denen das Gesetz noch einigermaßen geachtet wird, werden Verdächtige festgehalten und einem fairen Gerichtsverfahren zugeführt".

Das kann der Pinscher nicht ertragen, denn er hat über seinem Bett in einem Rahmen hängen: „Die Regierung der USA hat immer und überall Recht.“

Und wehe, da wagt es einer, das anzuzweifeln!

Dann gibts was auf die Löffel!

Schliesslich geht es auch darum, die Regierung der Vereinigten Staaten vor weiterer Kritik zu schützen, denn Chomsky hat auch auf seinem ureigensten Gebiet, der Sprache, einen scharfen Angriff gefahren: Er kritisiert die Bezeichnungen: „Geronimo“ für Bin Laden, „Apache“ für beim Coup benutzte Hubschrauber und „Tomahawk“ für eine Rakete, die alle bei den in einem beispiellosen Völkermord bewusst ausgerotteten Indianern ausgeliehen wurden.

Er sagt, das wäre so, als hätten die Deutschen ihre Militärflugzeuge „Jude“ und „Zigeuner“ genannt.

Was weiss Pinscherlein darauf zu antworten? Die Indianer seien in langen Kriegen aufgerieben worden, ist seine Analyse, die allerdings den Fakten (die er ja nicht so liebt) nicht standhält: Die Indianer wurden absichtlich mit Krankheiten angesteckt und dezimiert, wurden in winzige Reservate gepfercht, wo sie auf Lebensmittelspenden angewiesen waren, zum Selbstmord getrieben und man liess sie zum grossen Teil verhungern und verdursten.

Dieser Artikel ist ein klassisches Eigentor der „Süddeutschen“, geboren aus dem Bestreben, dem „Grossen Bruder“ über dem grossen Teich alles Recht zu machen. Chomsky ist für Steinfeld tatsächlich eine Nummer zu gross – oder sind es sogar mehrere Nummern?

Karl Weiss - Journalismus

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