Uranpreis in der Senkrechten, Teil 2

Steigende Nachfrage - Nur noch Uran für 50 Jahre

Von Karl Weiss

Allenthalben wird die Renaissance der Atomkraftwerke von unsäglichen Politikern gepredigt. Merkel, Stoiber und nicht zu vergessen unser Lieblingspolitiker Westerwelle, aber auch Bush, Lula und Indiens und Chinas Spitzenpolitiker sehen eine glorreiche Zukunft der Kernenergie. Dabei scheinen sie aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht zu haben. Alle optimistischen Vorschauen beruhen nämlich auf einer Prämisse, die nicht mehr gilt: Uran stünde wohlfeil und unbegrenzt zur Verfügung. Die Uranvorkommen reichen aber nur noch 50 Jahre und die Preise verdoppeln sich im Moment im Halbjahresrhythmus.

Im ersten Teil dieser Artikel-Folge über Uran, Atomkraftwerke und Atombomben hatten wir im Oktober 2006 noch von einem sensationell hohen Uranpreis berichtet, der alle Vorhersagen über den Haufen werfen könnte: Damals war der Preis für ein Pound (454 Gramm) U3O8 auf 60 Dollar angestiegen, was allerdings von den Analysten als lediglich kurzfristig angesehen wurde.

Atomkraftwerk

Heute würden alle sich diesen Preis zurückwünschen. Im März stand der Pound-Preis bei 90 Dollar und im April stieg er zeitweise bis auf 130 Dollar. Die 100-Dollarmarke gilt als endgültig durchbrochen. Zum Vergleich: Noch 2001 lag der Preis bei etwa 6 Dollar pro Pound.

Nun sind diese Preisanstiege bisher noch kein Beinbruch, weil der Rohuranpreis nur eine untergeordnete Rolle spielt bei der Gewichtung der Kosten eines Atomkraftwerks. Einen deutlichen höheren Anteil an den Rohstoffkosten haben ja die Kosten der Anreicherung, denn es muss ja das Uran 235 aus dem Uran extrahiert werden, das nur in geringen Anteilen im natürlichen Uran vorhanden ist. Diese Kosten sind ein Mehrfaches der Kosten des Uranerzes (bzw. des Anteils von Uranoxid im Uranerz).

Was aber Sorgen machen muss, ist die Tendenz. Es gibt nämlich keinerlei Hinweis, das jetzt erreichte Preisniveau würde sich stabilisieren oder eine Aussicht, die Preise würden sogar zurückgehen. Im Gegenteil, man hat guten Grund anzunehmen, sie werden weiter steigen.

Uranpreis

Nach Angaben von Analysten ist die Ursache der Preissteigerung nämlich nicht in einzelnen Ereignissen zu suchen, wie zum Beispiel dem Wassereinbruch, der einen jahrelangen Aufschub der Inbetriebnahme einer neuen grossen Uranmine in Saskatchewan in Kanada verursachte, sondern ist einfach durch steigende Nachfrage und ein gleichbleibendes bzw. sinkendes Angebot bestimmt.

Bis 2015, so rechnen die Analysten, wird der Preis auf 250 Dollar pro Pound gestiegen sein – oder höher.

Wenn alle anderen Kostenfaktoren gleichbleiben, dann kann natürlich auch ein kleiner, ständig steigender, die Kalkulationen durcheinanderbringen.

Nach Angaben der Österreichischen Fernsehstation ORF vom April hat Indien im Moment bereits 15 neue Reaktoren in Betrieb und weitere 9 in Planung bzw. Bau. Zusätzlich seien bis zu 30 bis 2020 geplant. In China sind bereits 9 neue Reaktoren angefahren worden, 4 sind in Bau.

Dies, zusammen mit einigen anderen neuen Atomkraftwerken, z.T. noch im Bau, für die aber bereits Uran angereichert wird, hat die Nachfrage deutlich ansteigen lassen, ohne dass irgendwelche ins Gewicht fallenden neuen Minen eröffnet oder neuen Vorkommen entdeckt wurden. Die einzige grosse neue Mine wäre die schon erwähnte in Saskatchewan der Gesellschaft Cameco gewesen, mit dem Namen Cigar Lake, die aber, wie gesagt, bis auf weiteres nicht in Produktion gehen kann. Interessant: Dies hat den Wert der Cameco-Aktie nicht negativ beeinflusst.

Kurse Uranaktie Cameco

Aber das ist keineswegs alles. Uran, bzw. das daraus extrahierte Uran 235, ist auch die einzige Basis der Atombomben und Wasserstoffbomben (zwar gibt es auch Plutonium-Bomben, aber Plutonium kommt nicht natürlich vor, sondern wird auf Umwegen aus Uran hergestellt).

Nun galt bis vor kurzem ja ein absolutes internationales Verbot der Weiterverbreitung von Atombomben, wofür sich die Atommächte im Gegenzug zur Abrüstung ihrer Atomwaffen verpflichtet hatten.

Diese internationale Vereinbarung ist ja in den letzten Jahren von den Atommächten aufgekündigt worden, nicht offiziell, aber faktisch. Jegliche Verhandlungen zur atomaren Abrüstung wurden eingestellt.

Gleichzeitig hat die grösste Atommacht USA unter der Regierung Bush jr. klargestellt, dass die frühere Verpflichtung, ein Land ohne Atomwaffen nicht mehr mit solchen anzugreifen, nicht mehr gilt. Vielmehr wurde nun betont, alle Optionen lägen auf dem Tisch. Auch Frankreich, ebenfalls Atommacht, hat erklärt, unter bestimmten Umständen auch Nicht-Atommächte atomar zu bedrohen. Die NATO (beides sind ja NATO-Mitglieder) hat diese Aussagen nicht moniert und nicht dementiert, damit gelten sie also für alle NATO-Länder.

Dazu kam dann noch, dass die Bush-Regierung mit Indien einen Atom-Deal abschloss, obwohl Indien sich entgegen den internationalen Verpflichtungen Atomwaffen verschafft hatte. Damit waren deren Atomwaffen und damit auch gleich die Pakistans, als traditioneller Gegner Indiens, offiziell erlaubt. Auch Israel, von dem man schon lange wusste, dass es Atomwaffen hatte, gab 2006 offiziell zu, sie zu besitzen, ohne dass irgendwelche Sanktionen erfolgten. Bei Nordkorea wurden zwar Sanktionen wirtschaftlicher Art beschlossen, aber das hält im Moment niemand mehr davon ab, sich Atomwaffen zuzulegen, wenn man das für richtig hält.

Man hat ja nur zu gut gesehen, was mit Ländern wie dem Irak passiert, die verdächtigt werden, Massenvernictungswaffen zu haben, dann aber, wenn sie solche bräuchten, gar keine haben. Keiner der Machthaber will wie Saddam Hussein enden, also geht die heftige Hatz auf Atomwaffen los.

Nun sind alle Dämme gebrochen. Der Atomwaffensperrvertrag ist nicht mehr das Papier Wert, auf dem er geschrieben wurde. Mindestens zwanzig Länder auf der Welt werden im Moment verdächtigt, sich um Atomwaffen zu bemühen.

Iranische Atomanlagen

Zwar tun dies jene Länder mehr oder weniger heimlich, aber man hört doch Gerüchte. Während es beim Iran noch zweifelhaft ist, ob man wirklich an Atomwaffen arbeitet, so sind die vorliegenden Informationen bezüglich Saudi-Arabien und Ägypten ziemlich eindeutig. Andere mit möglichen Ambitionen sind Indonesien, die Philippinen, Südafrika, Marokko, Algerien, die Ukraine sowie mehrere andere der ehemaligen Sowjetrepubliken, Polen, Italien, Japan, Mexiko, Venezuela, Nigeria, der Kongo, Spanien und die Türkei.

Damit steigt der Uranbedarf über den sowieso schon hohen der Atomkraftwerke hinaus noch einmal an. Für eine Atombombe braucht man ja eine weit höhere Menge an Uran als für eine vergleichbare Menge Energie aus Atomkraftwerken, weil viel höher als bei der Stromgewinnung angereichert werden muss. So wird der Bedarf an Uran wohl noch weit steiler ansteigen als bereits vorhergesehen.

Zu allem Überfluss haben die USA genau in diesem Moment beschlossen, einen wesentlichen Teil der älteren Atombomben aufs Altenteil zu geben und durch moderne zu ersetzen, was einen weiteren zusätzlichen Uranbedarf schafft (auch wenn ein Teil des Urans der veralteten Bomben wiederverwendet werden kann).

Über die letzten zwei Jahrzehnte wurde praktisch keine Uran-Prospektion mehr betrieben, weil die Zeit der Atomkraftwerke eher zu Ende zu gehen schien und die Uran-Preise unter den Kosten der Minen lagen. Ein Teil der unrentablen Minen wurde geschlossen und man begann, die damals noch relativ hohen Lagerbestände anzugreifen. All das hat sich geändert.

Seit etwa 2005, als die ersten deutlichen Preissteigerungen einsetzten, wurde erneut nach Uranerz gesucht. Jetzt ist sowohl die Prospektion als auch das Kapital, das in eventuelle neue Fundorte und die dortigen Gesellschaften fliesst, in die heisse Phase getreten. Aber es stehen keinerlei ins Gewicht fallende neue Uranfunde an. Uran kommt nur in bestimmten Gesteinsformationen vor, die bestens bekannt sind. Jeder mittelprächtige Geologe kann einem sagen, wo gesucht werden muss. Deshalb sind auch nicht mehr viele Plätze auf der Welt übrig, die in Frage kommen, aber noch nicht untersucht wurden.

In Deutschland zum Beispiel kann es Uran nur im Harz oder im Schwarzwald geben, wo ja auch schon einige Mengen abgebaut wurden. Woanders braucht man gar nicht erst zu suchen.

Ausserdem gehen die ehemals üppigen Lager von Uranerz und bereits extrahierten Uranoxid aus dem Erz bald zur Neige, was die Preise wohl noch weiter in die Höhe treibt.

Nach Angaben der World Nuclear Association (WNA) decken die im Moment abgebauten Mengen von Uranerz nur etwa die Hälfte des aktuellen Bedarfs. Selbst wenn irgendwo auf der Welt noch eine bisher unbekannte grosse Lagerstätte gefunden würde, wäre das nur ein Tropfen auf einen heissen Stein.

Dazu kommt, dass man es hier mit einem deutlich radioaktiven und ausserdem giftigem Material zu tun hat. Das bedeutet, man kann nicht einfach wie bei anderen Metallen Löcher graben und das Erz herausbuddeln. Es müssen umfangreiche Sicherheitsmassnahmen getroffen werden, nicht nur für die
Menschen in der Mine, vor allem auch für die Umwelt.

Man kann zum Beispiel das umliegende Gestein, das schwach radioaktiv ist, nicht einfach, wie bei einer Eisenerz-Mine, auf eine Abraumhalde schütten, wo es vom Regen in die nächsten Bäche und Flüsse getragen würde. Dadurch ist der Uranabbau sehr aufwendig. Bis jetzt lohnt sich der Aufwand nur, wenn wirklich grosse Vorkommen ausgebeutet werden.

Zwar könnten bei weiter steigenden Uran-Preisen auch mittlere und kleinere Vorkommen in den Bereich des lohnenswerten Abbaus kommen, aber dann wäre man bereits bei Preisen, die keine Rentabilität von Atomkraftwerken im Sinne der grossen Energiekonzerne mehr ergeben würde.

Die Frage der Rentabilität der Atomkraftwerke war und ist sowieso eines der polemischsten Themen. Während die mit den Energiekonzernen verschwurbelten Politiker ständig behaupten, der Atomstrom käme bei weiten am billigsten, sprechen die tatsächlichen Strompreise eine andere Sprache. Die Konzerne mit besonders hohem Atomanteil in Deutschland zum Beispiel, wie etwa Vattenfall, bieten den Strom keineswegs günstiger an als andere.

Zählt man alle wirklich von den Atomkraftwerken verursachten Kosten mit und würde man auf wirklich sicheren Atomkraftwerken bestehen, so wäre die Atomkraft sowieso nie rentabel gewesen und könnte es auch nicht werden.

Die gesamte Entsorgung der radioaktiven Abfälle eines Atomkraftwerks und seine sichere Lagerung für viele Zehntausende von Jahren allein würde jedes Atomkraftwerk unmittelbar unrentabel machen, wenn die Betreiber dies zahlen müssten und es nicht den Steuerzahlern aufgebürdet würde.

Würden die Atomkraftwerke mit allen notwendigen Sicherheitssystemen ausgelegt, so wären sie ebenfalls unrentabel. Dies betrifft zum Beispiel das Auslegen aller sicherheitsrelevanten Stähle in rostfreiem Edelstahl, das grundsätzliche Arbeiten mit doppelten Wandungen, das doppelte Auslegen aller normalen Systeme und das dreifache aller sicherheitsrelevanten, das doppelte Besetzen aller sicherheitsrelevanten Jobs auf jeder Schicht usw. Hier braucht noch nicht einmal vom Absichern gegen den Absturz eines Verkehrflugzeugs gesprochen werden, auch so würden schon die Bau- und Unterhalts-Kosten eines halbwegs sicher ausgelegten Atomkraftwerks während seiner Laufzeit nicht hereinkommen.

Nun aber sprechen wir nicht von dieser, der eigentlichen Rentabilität, sondern von der, die für die Betreiber der heutigen realen, nicht sicheren Atomkraftwerke ohne Bezahlung der Entsorgungskosten anfällt. Und die ist es, die nun gefährdet ist. Alle momentanen Rentabilitätsberechnungen für neue Atomkraftwerke gehen noch von Bedingungen und Preisen aus, die es heute schon nicht mehr gibt. Kein Wunder, vor etwa zwei Monaten glaubten alle noch, die Grenze von 100 Dollar pro Pound würde nie überschritten werden.

Das eigentlich ausschlaggebende sind aber gar nicht die Uranpreise – jedenfalls solange sie nicht in die Nähe von Golderz-Preisen kommen. Was den Atomkraftwerken wirklich den Garaus machen wird, ist die begrenzte zur Verfügung stehende Uranmenge.

Atomkraftwerke Deutschland

Laut Angaben der WNA ist der jährliche weltweite Verbrauch von Rohuran momentan bei etwa 66 500 Tonnen angelangt – bei steigender Tendenz. Die Uranminen liegern bei voller Auslastung (die aber oft nicht erreicht wird) in der Grössenordnung von 49 000 Tonnen, das sind unter 70% des Bedarfs (in Wirklichkeit wird, wie oben schon erwähnt, nur etwa die Hälfte gefördert).

Die heute bekannten Vorkommen von Uran liegen etwa bei 4,7 Millionen Tonnen Rohuran, davon etwa 1 Million Tonnen in schwierigen und/oder kleinen Lagerstätten, nur unter hohem Aufwand zugänglich.

Das reicht bei leicht ansteigendem Verbrauch – gar nicht zu reden von steil steigendem Verbrauch, der aber wahrscheinlich ist – nur noch für etwa 50 Jahre. Das sind nicht etwa die Voraussagen von Atomkraftgegnern oder Umweltschutzorganisationen, das ist die Aussage der ‚Nuclear Energy Agency’ der OECD.


Veröffentlicht am 8. Mai 2007 in der Berliner Umschau

Originalartikel

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