Montag, 4. Dezember 2006

Die Briten folterten, die Briten foltern und die Briten werden ...

Britische Folterlager - und die "Zeit" will sie reinwaschen

Von Karl Weiss

Es stand in allen Nachrichten, sofern sie nicht als Bild-verdächtig gelten können: Der britische „Guardian" hat veröffentlicht, daß nach dem zweiten Weltkrieg durch das britische Militär eine Anzahl von Internierungslagern geschaffen wurden, in denen über geraume Zeit vermeintliche deutsche Kommunisten gefangengehalten und systematisch gefoltert wurden. Viele von ihnen verhungerten oder starben an den Folterverletzungen.

Nun, dies ist im Kern nichts, was - angesichts der Geschichte britischer Militärunterdrückung - überraschen kann. Es ist allerdings bemerkenswert, daß die britische Geschichtsschreibung seit geraumer Zeit versucht, solche Episoden zu verneinen.

Der „Guardian" zitiert einen Fachmann: „The suggestion that Britain did not use torture during world war two and in the immediate aftermath, (…) is a mythology that has been successfully propagated for decades, …" „Die Behauptung, daß Großbritannien während des zweiten Weltkriegs und unmittelbar danach nicht gefoltert hat, (...) ist ein Mythos, der erfolgreich über Jahrzehnte propagiert wurde..."

Nun, immerhin waren es die Briten, die (im Burenkrieg zu Anfang des 20. Jahrhunderts) die Konzentrationslager erfanden. Die Brutalität ihres Vorgehens in den Kolonien ist längst Legende (der Film ‚Ghandi’ zeigt da eine kleine Auswahl der Methoden). Auch im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg waren nette Kleinigkeiten wie Massaker an der Zivilbevölkerung an der Tagesordnung (hier zeigt uns der Film "The Patriot" eine Auswahl).

Sie waren - soweit Dokumente existieren - die ersten, die biologische Massenvernichtungswaffen anwandten (die Geschichte um den englischen Feldmarschall Jeffrey Amherst, der bei der Indianerbekämpfung in Nordamerika mit Pocken infizierte Decken an die Indianer verteilen ließ, kann man leicht verifizieren, wenn man dessen Namen googelt).

In den 80er-Jahren kam ein grosser Folter-Skandal von Scotland Yard ans Tageslicht. Wenn ein Sprengstoff-Attentat der IRA in England begangen worden war (die IRA pflegte vorher anzurufen und zu warnen, damit keine Menschen gefährdet wurden), nahm man einfach ein paar Iren fest, die an jenem Tag in dieser Stadt gewesen waren und folterte sie so lange, bis sie zugaben, die Bombenleger zu sein. Auf diese Art hatte man keine Arbeit damit, die wirklichen Täter zu finden. Es waren Ende der 80er-Jahre zig völlig Unschuldige Geschundene in britischen Gefängnissen und das bezog sic nicht nur auf vermeintliche irische Terroristen. Dies ging so weit, dass bei einer Untersuchung gefunden wurde: Wenn das Geständnis eines Häftling vorlag, war er mit höherer Wahrscheinlichkeit unschuldig als schuldig.

Gerade in letzter Zeit ist die Frage der Methoden britischen Militärs wieder in den Vordergrund gerückt, nachdem bekannt wurde, daß britische Soldaten im Irak gefoltert und eine Anzahl von Kindern zu Tode geprügelt haben.

Auch wurden kürzlich zwei britische nicht-uniformierte Angehörige des Militärgeheimdienstes in Basra im Irak mit einem Wagen gefaßt , der bis unters Dach mit Sprengstoff gefüllt war und zu einem belebten Platz im Zentrum der Stadt gefahren wurde.

In alle diese Vorgänge fügen sich Folterlager für deutsche Kommunisten 1945 bis 1947 lückenlos ein.

Wer allerdings nicht dieser Meinung ist, ist die ‚Zeit’, die es eilig hat und noch am gleichen Tag einen Artikel zur Verteidigung des britischen Militärs veröffentlicht. Da stellt ein ‚Historiker’ (meine Güte, wer sich alles Historiker nennt!) u.a. folgende Thesen auf:

- Die Engländer hätten deutsche Kriegsgefangenen fast immer fair behandelt.

Na, da hat der Herr Historiker wohl im Geschichtsunterricht gefehlt. Die Engländer haben, ebenso wie die US-Amerikaner, im Frühjahr 1945 einen Teil der deutschen Kriegsgefangenen an verschiedenen Stellen des Rheinlandes auf offenem Feld zusammengepfercht, mit Stacheldraht und Wächtern umgeben und Wind und Wetter ausgesetzt ohne irgendeine Möglichkeit des Schutzes vor Schnee und Regen, ohne zusätzliche Kleidung oder Decken für die kalten Nächte, ohne Nahrung und zum Teil sogar ohne Wasser, wochen- und monatelang. Tausende sind verdurstet, verhungert oder an den so provozierten Krankheiten gestorben.

Wenn unser Historiker das „fast immer fair behandelt" nennt, na dann gute Nacht.

- Die Engländer hätten den Deutschen die Demokratie gebracht.

Das Geschichtsbuch, wo das steht, muß dieser Historiker wohl selbst geschrieben haben. Was dieser bürgerliche Historiker unter Demokratie versteht, das hatte man in Deutschland auch schon in der „Weimarer Republik" und wenn die nicht funktioniert hat, dann hatte die englische Regierung daran ein gerüttet Maß Anteil. Auch zu Zeiten des Parlaments in der Frankfurter Paulskirche haben die Deutschen sehr wohl bewiesen, daß sie Demokratie nicht woanders zu lernen brauchen.

- Die Engländer hätten junge Deutsche nach England eingeladen und ihnen das Diskutieren beigebracht.

Es war äußerst wichtig für die Völkerverständigung, daß nach dem zweiten Weltkrieg junge Leute aus verschiedenen Ländern sich gegenseitig besucht haben. Der Berichterstatter war einer von ihnen. Aber daß nur einseitig Engländer Deutsche eingeladen hätten, ist Unsinn. Wir haben selbstversändlich auch britische Jugendliche zu uns eingeladen. Daß wir jungen Deutschen das Diskutieren bei den Engländern hätten lernen müssen, ist natürlich ebenfalls Quatsch.

Die generelle Sichtweise dieses Zeitgenossen, daß die Deutschen, weil sie den Hitler-Faschismus hervorbrachten, eine Art von Untermenschen seien, denen man erst Demokratie und Diskutieren beibringen musste, ist arrogant, man könnte auch sagen rassistisch.

- Bei der Story handele es sich um Schnee von gestern.

Begründet wird dies damit, daß im Jahre 1947 diese Folterlagerstory bereits aufgedeckt worden war und die Verantwortlichen angeklagt. Auch die deutsche Öffentlichkeit habe davon gewußt.

Dies ist eine Ausrede. Selbst wenn damals einige deutsche Zeitungen berichtet haben sollten (es gab noch kaum Zeitungen 1947), kann man nicht davon ausgehen, daß die deutsche Öffentlichkeit in den drauffolgenden fast 60 Jahren sich dieser Taten bewußt war. Sie wurden über diese ganze Zeit nie erwähnt.

Daß der Historiker dabei besonders die ‚Zeit’ erwähnt, ist aber bedeutsam. Tatsächlich bekam der Herausgeber der ‚Zeit’ 1947 von der englischen Besatzungsmacht die Erlaubnis, eine Zeitung herauszugeben, was sich im weiteren Verlauf als Erlaubnis zum Gelddrucken herausstellt.

Selbstverständlich war dieser Herausgeber von den britischen Behörden handverlesen - und so wundert es nicht, daß man selbst heute noch die Schuld abträgt, obwohl die ‚Zeit’ längst andere Herausgeber hat.

Es wird erwähnt , die damalige ‚Zeit’ habe sich ganz besonders für Internierte bei britischen Einrichtungen eingesetzt. Das dürfte der Wahrheit entsprechen. Nur handelte es sich bei diesen Internierten um die Spitze der faschistischen Täter, speziell solche aus der Wirtschaft, die zum Teil bei den Briten in Lagern waren. Daß die ‚Zeit’ beteiligt war, diese Leute bald wieder auf die Menschheit loszulassen, ist kein Ruhmesblatt.

Diese Methode, die kommunistischen Internierten, die man verhungern ließ, und die faschistischen Täter, die gut verköstigt wurden, auf eine Stufe zu stellen, ist infam.

Zwar wurden einige verantwortliche Offiziere tatsächlich angeklagt, aber es wurde nie auch nur einer von ihnen den Taten entsprechend verurteilt. Da viele der vermuteten Kommunisten umgebracht worden waren, wäre eine Mordanklage fällig gewesen, aber so weit wollte man denn bei 'verdienten' britischen Offizieren doch nicht gehen. Es wurde lediglich einer der Offiziere aus dem Dienst entlassen.

Im übrigen war es ein Unding, so zu tun, als hätten hier einige wenige Offiziere „über die Stränge geschlagen". Einige wenige Offiziere wären nie in der Lage gewesen, ein System von vielen Internierungslagern, sowohl in London als auch auf deutschem Boden aufzubauen, ohne daß die militärische und politische Führung Großbritanniens davon wußte.

In Wirklichkeit handelt es sich also um angeordnete Dinge und die Hauptverantwortlichen sind an der Spitze des damaligen britischen Staates und der Militärführung zu suchen.

Im übrigen ist die Tatsache, daß die Dokumente, die der „Guardian" jetzt fand, über fast 60 Jahre geheimgehalten wurden, bereits ein Beweis, daß die Öffentlichkeit keineswegs umfassend informiert war und/oder man bereits erfolgreich dies Thema dem Vergessen anheimgegeben hatte.

- Es habe sich hauptsächlich um „der Spionage für Stalin Verdächtige" gehandelt.

Da wird der verdrehende Sprachgebrauch der Täter verwendet. Zu jener Zeit, als man gerade den kalten Krieg erfand und einleitete, wurde jeder eines kommunistischen Gedankens Verdächtige als Spion der Sowjetunion bezeichnet. Diese Sprachregelung jetzt wieder in einen Artikel zu schreiben, ist skandalös. Nach eindeutigen Aussagen des „Guardian" wurden vielmehr alle vermeintlichen Kommunisten, deren man habhaft werden konnte, interniert.

- Westliche Demokratie würde so funktionieren: Jeder Abgeordnete hätte das Recht, in - auch geheime - Gefängnisse zu gehen und dort die Gefangenen zu fragen, wie sie behandelt wurden.

Das ist allerdings neu. Warum geht dieser Historiker dann nicht mit seinem Abgeordneten zu den diversen Foltergefängnissen in Europa und außerhalb, in die der CIA mit seinen Folterflügen zig oder sogar Hunderte oder Tausende Gefangene verschleppt hat, unter heftigster Unterstützung britischer Amtsstellen und der britischen Regierung, und fragt die Entführten, wie sie behandelt werden? Daß damals, als der Skandal aufgeflogen war, dann auch ein Abgeordneter an der Aufklärung beteiligt war, was belegt das?

- Die Gefangenen verhungern zu lassen unterwarf sie nur der gleichen Bedingung wie die deutsche Bevölkerung draußen im Hungerjahr 1946.

Das ist allerdings nun starker Tobak. Die bewußt angewandte Foltermethode des Hungers mit den Bedingungen der deutschen Bevölkerung damals zu vergleichen, die tatsächlich Hunger leiden mußte in diesem Jahr - wenn auch nur wenige wirklich verhungerten - das ist nun wirklich nicht mehr akzeptabel.

In dem Moment, in dem die britische Regierung jemand gefangen nimmt, hat sie auch die Verantwortung für diese Person. Der Vergleich bezüglich der zu verabreichenden Mahlzeiten muß dann der mit der britischen Bevölkerung sein - und die hatte keinerlei Hunger zu leiden, wenn die Bedingungen in diesem Jahr auch dort schwierig waren.

Man mag das bereits für den Abschuß halten, aber es kommt noch dicker. Als nächstes wird Folter indirekt gerechtfertigt:

- „Was würde wohl mancher hiesiger Staatsschützer alles anstellen, wenn ein Krieg drohen würde und der potenzielle Feind vielleicht unsere AKWs in die Luft jagen wollte? Folter ist nie zu rechtfertigen, aber wo keiner hinguckt, da entsteht sie, wenn extreme Stresssituationen eintreten." „Menschliche Abgründe gibt es überall."

Auch wenn ausdrücklich gesagt wird, daß Folter nie zu rechtfertigen sei, so wird doch genau dies hier getan, indem ein Beispiel konstruiert wird, in dem der Leser eventuell Folter für angebracht halten könnte.

Doch das Beispiel zieht nicht. England war damals nicht der geringsten Gefahr ausgesetzt. Es ging allein darum, daß der Sozialismus genau in diesen Jahren extrem gestärkt wurde und die reaktionären englischen Politiker diese Entwicklung rückgängig machen wollten. Dazu waren sie zu jeder Schandtat bereit.

Auch wenn die ‚Zeit’ es nicht wahrhaben will: Folter ist ein Verbrechen. Es sind immer jene, die die Gefängnisse anlegen lassen und die Folterknechte dorthin schicken, die die Hauptverantwortung tragen. Zu Tode foltern ist Mord. Jene englischen Verantwortlichen von damals sind Mörder. Da es hier zumindest um Dutzende Tote geht, sind sie Massenmörder.

Natürlich - und dies muß in diesem Zusammenhang natürlich gesagt werden - können diese Verbrechen nicht mit denen der deutschen Faschisten verglichen oder mit ihnen gleichgestellt werden. Nichts, was irgendjemand zu jener Zeit getan hat, kommt auch nur nahe dem Gesamtverbrechen der faschistischen Horden - dem 2. Weltkrieg als Ganzes, dem Holocaust, anderen Völkermorden, den Massakern, den unsäglichen Kriegsverbrechen und dem Terror gegen die eigene Bevölkerung.

Es gibt keine Aufrechnung. Alle Verbrechen bleiben immer nebeneinander stehen - in all ihrer Häßlichkeit.



Dieser Artikel erschien ursprünglich in der "Berliner Umschau" am 6. April 2006. Hier wird er in aktualisierter und redigierter Form vorgestellt.

Karl Weiss - Journalismus

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