Oekonomie

Donnerstag, 5. November 2009

GM hat nicht alle Karten in der Hand

Was sollen die Opel-Werker tun?

Von Karl Weiss

GM wird Opel nicht verkaufen. Nach fast einem Jahr von Vorspiegelungen falscher Tatsachen hat GM nun endgültig zugegeben: Man hat überhaupt nicht vor, Opel zu verkaufen (und hatte es wahrscheinlich nie). Man hat ausgelotet, wie viel herausspringen kann an Staatshilfen und an Abstrichen der Arbeiter und will dies Geld nun selbst einstreichen. Danach kann man Opel immer noch zumachen. Die Alternative für Opel ist laut GM-Chef Henderson die Insolvenz. Doch der deutsche Treuhänder Pfeil sagt, wenn es das wollte, hätte GM das längst haben können.

Ford Trucks in Detroit auf Halde

Und damit kommen wir bereits auf den Punkt: GM hat keineswegs alle Karten in der Hand in diesem Spiel. Die Insolvenz von Opel wäre auch für GM ein Desaster. Damit haben die Opel-Werker Trümpfe in der Hand. Die lauten: Streik, Werksbesetzung, so wie 2004 in Bochum. Das ist die Sprache, die man auch in Detroit versteht.

Ein Streik in den vier deutschen Opel-Werken (Rüsselsheim, Kaiserslautern, Eisenach und Bochum) würde die GM TÄGLICH zwischen 10 und 90 Millionen Euro kosten (je nach den genauen Bedingungen), das ist für einen sowieso schon angeschlagenen Konzern nicht mehr als eine Woche durchzuhalten. Erinnern wir uns: Als die Bochumer Opel-Werker, von der Schließung des Werkes bedroht, im Herbst 2004 zu streiken begannen, knickte GM bereits nach einer Woche ein und der Streik konnte nach 10 Tagen beendet werden.

Würden die Antwerpener Kollegen sich anschließen – was wahrscheinlich ist – würde die Kampfkraft noch stärker. GM ist darauf angewiesen, dass die Opel-Werke Autos bauen und Geld hereinkommt. Es besteht kein Grund zu glauben, GM würde Opel wirklich pleite gehen lassen. Wie gesagt, das hätten sie längst haben können.

Opel Merkel

Wie ist die Situation von GM? Von allen in den USA entwickelten Autos lassen sich außerhalb der USA praktisch keine verkaufen – mit einigen Ausnahmen in Entwicklungsländern, in China und Australien. Das technische Niveau ist viel zu schwach. Das ist auch der Grund, warum GM von der Krise besonders hart getroffen wurde.

Dagegen hat man bei Opel ein anspruchsvolles technisches Niveau. Im Prinzip kann man mit VW mithalten. Hier in Brasilien zum Beispiel kann GM mit Ausnahme eines 'Truck' und eines „SUV“, von dem nur einige hundert im Jahr abgesetzt werden, ausschließlich von Opel entwickelte Fahrzeuge verkaufen und nimmt immer noch den dritten Platz der Verkäufe nach Fiat und VW ein. Im Süden des Landes wird der Kleinwagen „Celta“ mit Opel-Technologie gebaut, daneben im Südwesten der Corsa in mehreren Versionen, dann der Astra und auch der Vectra, alles Original-Baupläne aus Deutschland.

Ähnlich geht es GM, wenn man Märkte in China, in Russland, in Indien usw. erobern will: GM ist mehr auf Opel angewiesen als Opel auf GM.

In den USA selbst hat man es mit geschickten Verkaufs- und Rabatt-Taktiken verstanden, die US-Amerikaner doch noch eine ganze Zeit dazu zu bringen, GM-Autos zu kaufen. Vor allem das intensive Appellieren ans Nationalgefühl hat am Ende doch immer wieder viele US-Bürger dazu gebracht, GM-Autos zu kaufen. Doch dieser Bonus ist nun dahin.

Die leichten Verkaufszuwächse nach dem tiefen Tal der Tränen mit praktisch halbierten Absatzahlen im Verlauf der aktuellen Krise sind ausschließlich auf das mit riesigen Geldsummen ausgestattetet Programm „Cash for Clunkers“ der US-Regierung zurückzuführen. Sobald das ausläuft, beginnt wieder Heulen und Zähneknirschen bei GM. Man hat sich in Detroit bisher von keinem der „bewährten Rezepte“ für die Insolvenz der Firma verabschiedet.

Barack Obama

Die Beteiligung des Staates „Vereinigte Staaten von Amerika“ nützt GM gar nichts, außer für die Geldausstattung. Aber auch die ist nicht endlos. Hohe Verluste wegen Streiks in Europa werden automatisch dazu führen, dass Anweisung gegeben wird: „Erledigen Sie das!“. Gemeint ist: „Bringen Sie die Leute mit Zugeständnissen dazu, aufzuhören.“

Also: Die Opel-Belegschaft (und das gilt natürlich auch für Vauxhall in England) sitzt am längeren Hebel, wenn man wirklich streikt (keine 1-Stunden-Streiks, die hinterher reingearbeitet werden, keine „Warnstreiks“, stattdessen Vollstreik und Werksbesetzung, so wie damals in Bochum!). Magna hätte noch die Möglichkeit gehabt, den Kauf rückgängig zu machen. Die hat GM nicht. Man ist Besitzer und muss für alles aufkommen. Die Drohung mit dem Opel-Konkurs braucht nicht ernst genommen zu werden, denn den will man nicht und er würde die schlechteste aller Möglichkeiten für GM bedeuten.

Es ist sehr wohl möglich, dass Opel noch geschlossen wird, eventuell auch GM überhaupt, denn die USA können nicht Geld bis zum ‚geht nicht mehr’ einschießen, aber das ist ein anderes Kapitel. Wenn es überhaupt eine Möglichkeit des Überlebens von Opel mit einem wesentlichen Teil seiner Arbeitsplätze gibt, dann kann dies nur durch konsequenten Streik erreicht werden.


Veröffentlicht am 5. November 2009 in der Berliner Umschau

Mittwoch, 4. November 2009

Brasilien ist der Renner der Saison

Wird Brasilien das Land des Jahres 2010?

Von Karl Weiss

So unglaublich es klingen mag: das Entwicklungsland Brasilien hat es fertig gebracht, sich vom Trend der (fast kompletten) Welt abzukoppeln und aus der Krise heraus zu kommen. Während die USA in einer Arbeitslosigkeit nie gekannten Ausmaßes versinken, während China nun selbst „Bubbles“ erzeugt, während Großbritannien zu einem der Haupt-Risikofaktoren in Europa geworden ist, während Japan in einer Deflation bei gleichzeitigem BIP (Brutto-Inlandsprodukt)-Rückgang versinkt, während Deutschland die ganze Krise noch vor sich hat, hat sich Brasilien durch den Hinterausgang aus der Krise geschlichen.

Brasilien (topographisch)

Wie hat man das geschafft? Nun, Brasilien hat schlicht und einfach das genaue Gegenteil getan, was die bürgerlichen Ökonomen raten. Statt die öffentlichen Ausgaben zusammenzustreichen, hat man sie erhöht. Statt die Sozialausgaben zu kappen, hat man sie gewaltig erhöht. Statt zu privatisieren, hat man das wichtigste Staatsunternehmen, die Petrobras, in staatlicher Mehrheit behalten.

Logo Petrobras

Zum Beginn der Krise waren die brasilianischen Exporte auf etwa 15% des BIP gewachsen, was schon gewisse Bedenken hervorrief. Der Außenhandelsüberschuss war schon nicht mehr so riesig wie ein oder zwei Jahre zuvor, aber dies war auf einen Anstieg der Importe wegen der gut laufenden Konjunktur zurückzuführen, nicht auf eine Verminderung der Exporte. Und dies war erreicht worden mit einem brasilianischen Real, der extrem hoch bewertet war. Zum Beginn der Krise im September 2008 lag der Real bei 1 Dollar 50 – das war im Vergleich zur damaligen Kaufkraft eine Überbewertung von 30 bis 40%. Und – so unglaublich das klingen mag, das war mit den extrem hohen Zinsen geschafft worden, wie sie den Entwicklungsländern auferlegt werden. Zum damaligen Zeitpunkt lag der brasilianische Leitzins bei 12%! Versuchen Sie einmal in Deutschland mit einem Leitzins von 12% zu arbeiten. Sie würden sofort einen extremen Wirtschaftsabschwung auslösen.

All das sind Zahlen, bei denen ein bürgerlicher Ökonom sagt: „Das gibt’s nicht“, aber es war so. Das Wachstum des BIP in Brasilien war zu diesem Zeitpunkt bei 5%, das wurde nur von China und Indien übertroffen. Aber: dieses Wachstum war nur zu einem geringem Teil vom Export abhängig, der größte Teil war Wachstum des Binnenkonsums - also völlig verschieden von der im wesentlichen vom Export getragenen chinesischen Wirtschaft. Wie hatte man das geschafft?

São Paulo, grösste Stadt der südlichen Hemisphere

Präsident Lula, der in seiner ersten Amtszeit noch Neo-Liberales verbrochen hatte, dass man schon meinen konnte, es würde einen Schröder-Verschnitt geben, warf in seiner zweiten Amtszeit das Ruder herum und setzte auf Bekämpfung des Hungers und der Armut. Es wurden die zwei Programme „Fome Zero“ („Hunger Null“) und „Bolsa Familia“ („Familien Stipendium“) aufgelegt, die den Ärmsten der Armen monatlich eine kleine Geldsumme zukommen ließen, die zwar keinerlei Sprünge zuließ, aber zumindest reichte, um nicht zu hungern.

Dazu wurde der Mindestlohn Jahr für Jahr deutlich über der Inflationsrate angehoben. Zudem wurde die Erhöhung jedes Jahr einen Monat früher vorgenommen – er wurde also im 11-Monatsrhythmus angehoben. Heute steht der Mindestlohn bei 450 Reais im Monat bei einer 44-Stunden-Woche, das sind also etwa 250 Dollar. Das ist für ein Entwicklungsland viel. Zwar ist der Mindestlohn in Brasilien nicht zwingend – es gibt keine Strafe für jemanden, der ihn nicht einhält, aber er ist die wichtigste Bezugszahl für Renten und eben auch für Löhne. Viele der anderen Lohnerhöhungen orientierten sich an den Zuwachsraten des Mindestlohns.

Amazonas

Auch im öffentlichen Dienst wurden deutliche Lohn- und Gehaltserhöhungen gewährt, sodass das gesamte Lohnniveau bis hinauf in die Gehälter einen Sprung machte.

Die Effekte dieser Maßnahmen, die relativ billig waren, ist beeindruckend (alles das zusammen kostete deutlich weniger in den vier Jahren der zweiten Amtszeit des Präsidenten als in Deutschland die Rettung der Hypo Real Estate und der Landesbanken). Der Hunger wurde in Brasilien (mit bestimmten Ausnahmen) beseitigt. Das führte dann auch zu einer Verringerung der Kindersterblichkeit in den besonders armen Gebieten und einem Zurückdrängen von Krankheiten. Die Armen in Brasilien (also nicht die, welche in totaler Misere gelebt haben) haben in großen Teilen nun ein Lebensniveau erreicht, das ihnen zum ersten Mal ein Minimum von menschenwürdigem Leben ermöglicht. Wer wenig verdient hat, kann jetzt in vielen Fällen daran denken, die eine oder andere Anschaffung zu machen. Die Zahl der Brasilianer, die sich ein Auto leisten können, ist steil gestiegen, was wiederum einen wesentlichen Teil des Wachstums ausgemacht hat.

Favela in Belo Horizonte

Die Nicht-Regierungs-Organisation „Action Aid“ hat diese Anstrengungen der brasilianischen Regierung gewürdigt. Sie erklärte, Brasilien habe eine Vorbildfunktion für alle Entwicklungsländer mit dieser Politik. Das Land zeige, „was erreicht werden kann, wenn die staatlichen Mittel und die Bereitschaft zur Bekämpfung von Hunger vorhanden sind.“

Nach Ansicht der Direktorin der ‚Action Aid, Anne Jellema, ‚“ist die Rolle des Staates und nicht das Ausmaß des Reichtums für die Fortschritte in Bezug auf Hunger verantwortlich.”

Nach Angaben der Organisation werden in Brasilien etwa 44 Millionen Menschen von den sozialen Programmen erreicht und hungern nicht mehr. Die Programme hätten zu einer Reduzierung von 73% der Unterernährung von Kindern im Lande geführt. Allerdings mahnt die Organisation an, dass viele Landlose und Kleinbauern weiterhin keine Möglichkeit haben, sich ausreichend zu ernähren.

Brasilien Alkohol Zapfsaeule

Vielleicht war es nicht ganz unbedeutend für diesen Fortschritt, dass Präsident Lula selbst aus einer extrem armen Gegend stammt und als Kind und Jugendlicher hungern musste. Er weiß, wie weh das tut.

So wurde also Brasilien im Oktober 2008, als sich die Wellen der Krise über die ganze Welt ausbreiteten, mit einem Brutto-Inlandsprodukt angetroffen, das zu fast 80% auf internem Konsum basierte. (Zum Vergleich: In Deutschland waren etwa 40% auf Export basiert).

Rio de Janeiro Botanischer Garten 1

Was passierte? Nun, im wesentlichen das gleiche wie in anderen Ländern: Der Export krachte zusammen wie von einem Tsunami getroffen. Der Kurs des Real fiel innerhalb von Tagen von 1 Dollar 50 auf 2 Dollar 40. Der Index der brasilianischen Börse halbierte sich praktisch. Fast alles Spekulationsgeld aus dem Ausland, das nach Brasilien geflossen war, wurde innerhalb einer Woche abgezogen. Der Verkauf von Autos ging fast auf Null, weil es keine (relativ) billigen und langfristigen Kredite mehr gab. Die Autoindustrie dekretierte Zwangsferien und die Auto-Teile-Industrie entließ Tausende von Arbeitern. Die Auto-Teile-Industrie beschäftigt in Brasilien weit mehr als die Auto-Industrie selbst. Auch die Minengesellschaften und die Stahlindustrie wurden hart getroffen und entließen.

VW Brasilien Autohalde
VW Brasilien: Autohalde auf dem Höhepunkt der Krise

Das ergab natürlich eine deutliche Verringerung des BIP. Fast der ganze Zuwachs bis zum September 2008 wurde bis zum Jahresende aufgezehrt. Allerdings hatte Brasilien keine einzige Bank zu retten und keine Versicherungsgesellschaft. In Brasilien hatte sich niemand in erkennbarem Ausmaß an den Spielkasino-Orgien der Finanzmärkte der ach wie so entwickelten Länder beteiligt.

Damit blieb Geld in den Kassen für ein Konjunktur-Programm. Das allerdings war ein Mini-Programm und beschränkte sich auf zwei Maßnahmen: Es wurde die Verkaufssteuer auf Kleinwagen und elektrische Haushaltsgeräte zeitweise ausgesetzt und die staatliche Bundes-Sparkasse stellte wieder (relativ) billige und langfristige Kredite zum Auto- und Haushaltsgerätekauf bereit – und zwang damit die Banken, dies auch zu tun.

Carnaval Rio 2009 20

So rappelte sich Brasilien langsam wieder auf, was die entwickelten Länder nicht schafften. Mit dem zeitweisen Erlassen von Steuern wurde nicht viel Bedarf vorgezogen, so dass Brasilien jetzt nicht wie Deutschland und andere Länder mit Abwrackprämien ein Loch im Autoabsatz erwarten muss. Ein Teil des Exports ist schon wieder ins Laufen gekommen. China als wichtiger Abnehmer des Eisenerzes aus Brasilien kauft schon wieder recht munter und die ehrgeizigen Pläne zur Ausweitung der Erdölförderung im Meer vor der brasilianischen Küste wurden nicht um einen Cent zusammengestrichen.

Zwar hat das BIP noch nicht wieder seinen Monatshöchststand vom September 2008 erreicht, aber es fehlen nur ein paar Monate, bis dies geschafft sein wird. Der Real hat sich am Dollar schon wieder auf einen Stand von 1,75 hochgearbeitet, die Börse hat einen wesentlichen Teil der Verluste schon wieder aufgeholt und Industrie, Handel, Handwerk und Dienstleistungsbetriebe stellen wieder ein.

Regenwald-Abholzung Brasilien

Voraussichtlich bis zum März 2010 ist alles wieder auf Vorkrisenstand. Die offiziellen Arbeitslosenzahlen sind es jetzt schon! Zwar sind die - wie auch in anderen Ländern – in Brasilien getürkt, aber das waren sie vorher auch. Relativ ergibt sich da wieder eine Wahrheit.

Inzwischen ist der Ruf Brasiliens als „gute Anlage“ auch bereits auf den flüchtigen Kapitalmärkten angelangt. Spekulationskapital strömte wieder nach Brasilien, einerseits um die weiterhin hohen Zinsen einzustecken und andererseits, um sich am boomenden Aktienmarkt gütlich zu tun. Die Milliarden waren so viel, dass die brasilianische Regierung eine Spekulationsabgabe beschloss für Kapital, das nicht in Sachgütern oder Produktionsmitteln angelegt wird, sondern in Papieren der brasilianischen Zentralbank oder auf dem Aktienmarkt. Die Abgabe beträgt immerhin zwei Prozent. Hätte nun einer gemeint, damit würde der Zufluss von Spekulationskapital gebremst, sah er sich nur einen Tag lang bestätigt. Nach der ersten Schrecksekunde rechneten die Anleger nach und kamen zum Schluss, das zu gewinnende Geld ist auch dann noch ausreichend, um diese Anlage attraktiv zu machen. Der Kapitalzufluss setzte am zweiten Tag nach der Gültigkeit der Abgabe wieder ein. Hier ist die Rede von Milliardenbeträgen von Dollar pro Tag.

Ethanol- und Zuckerfabrik in Brasilien

Das Interesse der Finanzmärkte – und nicht nur dieser – für Brasilien geht sogar so weit, dass der renommierte Kommentarist der Britischen ‚Financial Times’, Michael Skapinker, in seinem neuesten Kommentar schrieb: „Brasilien ist die Macht, die es gilt, im 21. Jahrhundert zu beobachten.“ Er sagt, es gibt zwei Möglichkeiten, wie es mit Brasilien weitergeht. Die eine wäre, dass die Probleme der schreienden ökonomischen Ungleichheit und des organisierten Verbrechens zum Ausschlaggebenden werden und Brasilien nach unten reißen. Die andere Möglichkeit wäre, die ökonomischen Fortschritte Brasiliens könnten die Probleme bei weitem in den Hintergrund drängen und dem Land eine glänzende Zukunft geben.

Skapinker nimmt keine Stellung, welche der Möglichkeiten er für wahrscheinlicher hält, aber er legt ausführlich die positiven Aspekte dar: „Brasilien wird die große Geschichte des kommenden Jahres sein. (...) Brasilien ist in guter Form aus der Krise herausgekommen. Das Land sitzt auf einer riesigen - gerade eben entdeckten – Erdölreserve im Meer vor der Küste. Es erhielt die größte Finanzinvestition dieses Jahres: 8 Milliarden US-Dollar hat die [spanische] Banco Santander für seine Ausweitung auf Brasilien ausgegeben. Außerdem wird Brasilien Gastgeber der beiden größten Sportereignisse der Welt sein: Die Fußball-Weltmeisterschaft im Jahr 2014 und die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro im Jahre 2016.“

Rio de Janeiro, Zuckerhut und Corcovado von Niteroi aus

Was auch immer die Zukunft Brasiliens bestimmen wird, die Bevölkerung des Landes hat sich in Umfragen extrem optimistisch gezeigt. Man glaubt an eine positive Entwicklung. Die höchste Zustimmung von allen hat der Präsident. Lula kommt in Brasilien in den berühmten demoskopischen Umfragen, bei denen man die Regierung mit „sehr gut“, „gut“, „befriedigend“, „ausreichend“ und „ungenügend“ einstuft, in der Summe von ‚sehr gut’ und ‚gut’ auf 84%! Das ist die beste Beurteilung, die je ein Regierungschef in dieser Art der Umfragen geschafft hat und auch die bei weitem beste in der Geschichte Brasiliens.

Chávez und Lula

Ein brasilianischer Freund des Bürger-Journalisten charakterisierte das so: „Von 100 schweren Problemen Brasiliens hat Lula EINES in wesentlichen Teilen gelöst, den Hunger, und schon liegen ihm alle zu Füssen.“


Veröffentlicht am 4. November 2009 in der Berliner Umschau

Mittwoch, 28. Oktober 2009

Hat Deutschland die Binnennachfrage gebremst?

Wird der deutsche Export je wieder alte Höhen erreichen?

Von Karl Weiss

Eine Melvyn Krauss, die in einer „Denkfabrik“ der Universität Stanford arbeitet, einer der führenden US-Universitäten, hat einen Gastartikel in der Financial Times Deutschland (FTD) geschrieben, der als Kernthese hat, Deutschland habe gar nicht die Binnennachfrage gebremst, was von der G20 als eine der Ursachen der internationalen Schieflage angesehen wird, die zu den katastrophalen Folgen der Krise führten.

Die G20 hat dann auch Deutschland aufgefordert hat, etwas für die Binnennachfrage zu tun, damit auch andere nach Deutschland exportieren können und nicht immer nur Deutschland in andere Länder.

Deutschland: Exportabhängigkeit: Anteil Auslandsumsatz am Industrieumsatz 1995 bis 2008
Hier wird die völlig absurde Einseitigkeit des Exports im Industrieumsatz dokumentiert.

Diese Kritik und die Empfehlungen der G20 stimmen auch mit dem überein, was der Ex-Bankier Jürgen Jahnke in seinen Internetportal http://www.jjahnke.net/index.html
immer wieder schrieb: Die drei Länder mit gigantischen Exportüberschüssen vor der Krise, China, Deutschland und Japan, haben damit Ungleichgewichte geschaffen, die wesentlich für die Außenhandelsdefizite anderer Länder, vor allem der USA und Großbritannien, verantwortlich waren. Wenn hier diese fünf Länder erwähnt werden, so sind das (nicht zufällig) genau die fünf größten Volkswirtschaften der Erde. Die G20 haben betont, die Ungleichgewichte dieser fünf Volkswirtschaften müssten ausgeglichen werden, was für die Export-Giganten bedeutet, sie müssen die Binnennachfrage gezielt stützen, um damit dem Rest der Welt die Möglichkeit zu geben, in diese Länder zu exportieren.

Die deutsche Politik, allen voran Frau Merkel, setzen dagegen ausschließlich auf eine Erholung der Exporte, wenn es darum geht, wie Deutschland wohl aus der Krise kommen könnte. Und mit ihr zusammen die Westerwelles, die Steinmeiers, die Schäubles und was da sonst noch so kreucht und fleucht und natürlich die großen Gurus, an deren Lippen die Massenmedien hängen, wie Ifo-Chef Sinn und Arbeitgeber-Chef Hundt.

Deutschland ist völlig unschuldig, so wird wieder und wieder versichert, man sei lediglich Opfer der Krise, die von den USA ausgegangen wäre. Das Fehlen eines Unrechtsbewusstsein ist frappant. Genau in diese gleiche Kerbe hackt nun auch Melvyn Kraus, die sich sogar erdreistet, die Aussagen der G20 als ausschließlich von Präsident Obama inspiriert anzusehen und zu fragen „Was erlaubt sich Washington“ und zu konstatieren: „Die Kritik an den deutschen Exportüberschüssen ist eine Frechheit.“

Das ist allerdings starker Tobak. Dieser Tobak wird völlig ungenießbar, wenn sie dann noch behauptet: „...Deutschland einen Exportüberschuss aufweist, ... nicht, weil man die Inlandsnachfrage bremst.

Das ist kein Tobak mehr, das ist eine freche Lüge.

Was war die Agenda 2010 anders als eine massive Bremse der Binnennachfrage, was war Hartz IV, was war die Freigabe der Leiharbeit, was die Weigerung, einen Mindestlohn einzuführen, wie ihn alle anderen großen Volkswirtschaften haben (mit Ausnahme von China und Japan – welch Zufall, nicht?), was waren die Ein-Euro-Jobs, die viele tausend reguläre Arbeitsstellen ersetzt haben und was war vor allem das Verweigern von Lohnerhöhungen über ein Jahrzehnt, die zumindest auch nur die Inflation ausgeglichen hätten? Dazu kam die grösste Steuererhöhung in der Geschichte der Bundesrepublik mit 3 Prozent-Punkten in der Mehrwertsteuer, nachdem man vor der Wahl 2005 geschworen hatte, man werde genau dies nicht tun.

Vergleichen wir die bekannte Statistik zwischen Deutschland und anderen großen Volkswirtschaften: Die Reallöhne, also Löhne von 2000 bis 2008 minus Inflation:

Statistik Reallöhne

Deutschland: - 0,8%

Spanien: + 4,6%

Italien : + 7,5%

Frankreich: + 9,6%

Niederlande: + 12,4%

Polen: + 19,0%

Großbritannien: + 26,1%

Wenn das in Deutschland alles zusammen kein Bremsen, ja sogar eine Vollbremsung, der Binnennachfrage war, dann gibt es kein solches Bremsen.

Und wenn man dieses Argument wegnimmt, dann bleibt von der ganzen Stellungnahme nichts übrig.

Der Artikel der FTD setzt sich ausführlich mit der Politik der USA auseinander, die ja genau das Gegenteil Deutschlands gemacht haben, riesige Haushaltsdefizite Jahr für Jahr übereinander gepackt haben, riesige Außenhandelsdefizite dazu, finanziert mit Dollar-Bonds, mit Geld-Drucken und mit einem Exzess von Krediten an die Bürger. Natürlich war dies, der umgekehrte Weg Deutschlands, genauso falsch und hat wesentlich zur momentanen Krise beigetragen.

Nur war der Deutsche Weg eben die andere Seite der gleichen Medaille, indem bewusst und gezielt die Bevölkerung verarmt wurde, unter dem Vorwand, international „konkurrenzfähig“ zu werden. Nur war man in Wirklichkeit längst konkurrenzfähig, die Lohnstückkosten der Bundesrepublik lagen im Mittelfeld der vergleichbaren Länder. Heute sind sie ganz dort unten angekommen, wo man nur ausgesprochen arme Länder antrifft.

Welt: Vergleich - Arbeitnehmerentgelt in Kaufkrafteinheiten
Hier wird deutlich, wie die Kaufkraft in Deutschland mit Gewalt verringert wurde, um die Lohnkosten so weit zu senken, dass niemand mehr Industrieprodukte so gut und so billig anbieten konnte wie Deutschland.

Sieht man sich nun an, was seit dem Ausbruch der Krise in Deutschland getan wurde: Es gab nicht eine einzige Maßnahme, die zu einer deutlichen Festigung der Binnennachfrage geführt hätte. Die Gelder an die Banken wurden nicht in Kredite an den kleinen Mann umgewandelt, sondern dienen schon wieder zum Aufbau neuer „Blasen“. Die Abwrackprämie, fälschlich Umweltprämie genannt, zog nur Bedarf vor, was sich jetzt besonders negativ bemerkbar machen wird. Das Konjunkturprogrammchen kam praktisch ausschließlich Betrieben und Reichen zu Gute und die stellen eben nicht die Binnennachfrage dar. Binnennachfrage schaffen praktisch nur die Massen der Menschen mit mittlerem und geringem Einkommen, also 85 - 90% der Bevölkerung.

Lohnstückkosten
Diese Statistik geht nur bis 2002, aber bereits zu diesem Zeitpunkt gehörten die deutschen Lohnstückkosten zu den niedrigsten der Industrieländer. Danach ging es, wie bekannt, noch weiter bergab.

Auch das, was die neue Koalition, fast nicht von der alten zu unterscheiden, als Programm vorgestellt hat: Fast nichts für die Binnennachfrage, nur Vorteile für Unternehmen, den „Mittelstand“ (sprich Besitzer kleinerer Unternehmen) und für Reiche und Superreiche – und die alle schaffen eben fast keine Binnennachfrage. Für den "kleinen Mann" werden die geringen Steuererleichterungen und die minimale Erhöhung des Kindergeldes bei weitem durch die vollständige Übernahme der Kostenerhöhungen im Gesundheitswesen überkompensiert. Die Verarmung der Bevölkerung wird bewusst und konsequent fortgeführt!

Westerwelle

Die einzige Hoffnung ist, der Export würde wieder auf frühere Höhen steigen. Ob das mit einem Euro, der ständig gegen den Dollar und das Pfund gewinnt, realistisch ist, sei dahingestellt. Auch die anderen europäischen Länder in der Euro-Zone werden sich gegen ein erneutes Überschwemmen mit deutschen Industrieprodukten zu wehren wissen.

Bundesregierung 3

„Die deutsche Bundesregierung hat in der Krise keinerlei Zugeständnisse gemacht. Warum sollte wir den Deutschen denn nun auf die Beine helfen?“


Veröffentlicht am 28. Oktober 2009 in der Berliner Umschau

Dienstag, 27. Oktober 2009

Ende des Ölzeitalters?

Erdöl ist zu wertvoll zum Verbrennen

Von Karl Weiss

Eine interessante These stellt Tobias Bayer in seiner Kolumne in der Financial Times Deutschland (FTD) auf: Statt dem Gespenst des „Peak Oil“, des akuten Fehlens von Erdöl für die bestehende Nachfrage, werde in absehbarer Zeit genau das Umgekehrte eintreten: Die Nachfrage werde wegen der Umstellungen auf umweltfreundliche Energieformen wegbrechen und es werde Erdöl im Überfluss geben. Die These ist nicht von der Hand der Hand zu weisen, aber aus einem anderen Grunde.

Erdöl 1

In der FTD wird so getan, als ob die Krise ausgestanden sei. Optimistische Voraussagen werden für reale Zahlen genommen – z.B. die Zahlen aus Befragungen von Industrie-Einkäufern. Die wirklich realen Zahlen sprechen aber eine andere Sprache: Die Krise hat gerade erst richtig begonnen. Dies wird ohne Zweifel unter anderem die Folge haben, dass auf längere Zeit der Verbrauch von Erdölprodukten auf niedrigem Niveau verharren wird. Da könnte die aktuelle Förderung tatsächlich ausreichen oder sogar ein Überfluss an Erdöl vorhanden sein.

Der Übergang zu Elektro-Autos dagegen scheint doch viel zu langsam zu sein, als dass da ein Einfluss zu erwarten wäre in den nächsten Jahren. Ebenso ist für den Teil von Erdöl, der zu Diesel-Heizöl verarbeitet wird, keinerlei Ersatz zu erkennen. Speziell, seit in Deutschland, das am weitesten fortgeschritten war mit Bio-Diesel, die Förderung gestrichen und damit der Bio-Diesel-Industrie das Wasser abgegraben wurde.

Schmelzendes Eis

Die Krise hat ja auch noch eine andere positive Seite gezeigt: Die CO2-Emissionen gingen zurück, wenn auch nur geringfügig. Damit gibt es eine kleine Verschnaufpause auf dem Weg in die Klimakatastrophe, die vielleicht jemanden zum Nachdenken bringen könnte. Nachdem sich die USA aber auch unter Präsident Obama weigern, eine bindende Zusage der Reduktion von CO2-Emissionen zu geben, obwohl dies im Moment angesichts der Krise leichter wäre, bestehen wenig Hoffnungen, ohne eine massive Volksbewegung gegen den Wahnsinn des Verbrennens fossiler Rohstoffe die Klimakatastrophe noch abwenden zu können. Sollte die Krise sich allerdings weiter entwickeln und das gesamte Welt-Finanzsystem zusammenbrechen, würde dies sicherlich positive Auswirkungen bezüglich der bereits in den Anfängen stehenden Klimakatastrophe haben. Es sei nur daran erinnert, dass die ersten Zeichen dieser Katastrophe bereits stattfinden: In den letzten zwei ein halb Monaten wurden aus insgesamt 15 verschiedenen Ländern verheerende Überschwemmungen gemeldet, darunter aus drei brasilianischen Bundesstaaten: Rio Grande do Sul, Santa Catarina und São Paulo.

Bayer meint, dass die neuen Vorschriften für den durchschnittlichen Höchst-Verbrauch von Kraftstoff in den USA und in China zu einem Boom von Hybrid— und Elektro-Autos führen würde, aber da scheint er doch zu optimistisch. Im Moment werden deutlich mehr kleinere Wagen gekauft als vor der Krise und damit können die neuen Vorschriften für den durchschnittlichen Höchstverbrauch wahrscheinlich schon eingehalten werden – zumal solche Grenzwerte ja immer nur Richtungen angeben.

In Bezug auf eine Abkehr vom Erdöl ist damit aber noch nichts erreicht. Das Ende des Ölzeitalters steht noch nicht an.

Globale Erwärmung

In verschiedenen ernst zu nehmenden Blogs und auch in geringem Masse in Mainstream-Medien wird die Theorie vom „Peak Oil“ dargelegt: Viele der wichtigsten Erdölförderländer haben den Höhepunkt ihrer Produktion überschritten: Saudi-Arabien, die Golf-Staaten, Großbritannien, Norwegen, Mexiko und Kirgisien. Neue große Funde, die leicht zugänglich sind, gibt es kaum. So schließt man dann: Das Erdöl wird knapp und der Erdölpreis wird deshalb in die Höhe schießen wie eine Rakete.

Allerdings hat niemand dieser Unkenrufer tatsächlich konkretes Zahlenmaterial an der Hand. Die wirklichen Produktionszahlen halten die großen Ölkonzerne (Royal Dutch-Shell, Exxon-Mobil, Caltex-Texaco, British Petrol und Total) nämlich streng geheim. D.h. sie geben immer wieder Zahlen heraus, aber das sind immer nur Teilbereiche, dazu sind solche Zahlen oftmals sichtlich geschönt. Was wirklich abgeht, wissen nur diese Konzerne und sie werden den Teufel tun, das zu veröffentlichen.

Erdöl

Sie betonen in ihren Stellungnahmen immer, es gebe keine Verknappung, es würden immer wieder neue Quellen gefunden und erschlossen und die Furcht vor einem Ende des billigen Öls sei unbegründet. Der katastrophale Anstieg des Erdölpreises auf 170 Dollar pro Barrel im letzten Jahr sei ausschließlich durch Spekulation verursacht worden.

Dagegen sagen die Peak-Oil-Apologeten, es sei undenkbar, dass eine so langdauernde und extreme Ölpreis-Hausse ausschließlich durch Spekulation verursacht worden sei. Die Basis sei vielmehr eine konkrete Verknappung gewesen. Das hat etwas für sich, aber es bleibt eben doch offen, wie viel Verknappung war und wie viel Spekulation.

Wirtschaftsmacht China

Die Überfluss-Seite betont, das Öl aus dem Irak beginne jetzt mit dem Abzug der US-Truppen wieder zu fließen und der Irak sei immerhin der drittgrößte Ölförderer gewesen vor dem Überfall.

Dagegen argumentiert die Peak-Öl-Seite, allein der steil steigende Bedarf Chinas sei bereits genug, um eine Verknappung hervorzurufen. Die Einkommen eines Teils der Chinesen steigen stark, ab einem bestimmten Niveau wolle jeder ein Auto haben und werde Erdölprodukte verbrennen.

So kommt man am Ende immer wieder auf einen relativ ausgeglichenen Markt, der aber heftig unter Spekulation zu leiden hat.

Welt-Ölreserven

Aber unabhängig davon, ob im Moment Knappheit oder Überfluss herrscht, muss die Menschheit auf jeden Fall aufhören, fossile Rohstoffe zu verbrennen. Zum einen wird dadurch die Klimakatastrophe in Gang gebracht und zum anderen ist Erdöl eben wirklich endlich und wird in Zukunft sicherlich ein wichtiger Rohstoff für kommende Generationen der Menschheit sein. Unabhängig von seinem aktuellen Preis ist Erdöl viel zu wertvoll zum Verbrennen (so wie auch Kohle und Erdgas).


Veröffentlicht am 27. Oktober 2009 in der Berliner Umschau

Montag, 26. Oktober 2009

Die Briten schlagen alle Minus-Rekorde

Münzen auf Demonstranten auf der Straße

Von Karl Weiss

Obwohl großsprecherisch angekündigt worden war, Großbritannien werde im dritten Quartal 09 aus der Krise herauskommen, war die Wirklichkeit anders: Das britische Brutto-Inlandsprodukt (BIP) sank im dritten Quartal dieses Jahres um 0,4% gegenüber dem Zweiten, in dem es auch bereits um 0,6% zurückgegangen war. Das bedeutet einen Rückgang des BIP im Jahresvergleich um 5,2%. Auch im Vorquartal war schon ein ähnlicher Rückgang im Jahresvergleich registriert worden: -5,5%.

Damit sinkt das BIP im Vereinigten Königreich nun bereits im sechsten Quartal nacheinander. Das hatte es noch nie gegeben seit Beginn der Statistik zu diesem Punkt. Der Vertreter einer großen Britischen Versicherung sagte: „Das dritte Quartal ist furchtbar. In den Daten gibt es nichts Positives.“

Das „Handelsblatt“ gibt als Hauptursache in dem diesbezüglichen Artikel vom 23.10.09 an, dass Großbritannien eine weit geringeren Industrie-Anteil am BIP habe als etwa Frankreich und Deutschland. Dadurch seien auch die Exporte insgesamt schwach. Hier gibt es also eine klare Parallele von Großbritannien mit den USA, siehe auch diesen Artikel: „Fortschreitende Desindustrialisierung der USA: (http://karlweiss.twoday.net/stories/5993170/ )

Großbritannien läuft auch Gefahr, im BIP von Frankreich überholt zu werden. Eine schwierige Situation für Premier Brown, der bis Mitte kommenden Jahres allgemeine Wahlen ausschreiben muss. Der konservative Herausforderer Cameron sieht sich schon in der Rolle des Premierministers und verkündet bereits ohne Unterlass, in diesem Falle eine Volksabstimmung über die erweiterten EU-Rechte des Lissabon-Vertrages anzusetzen. Es unterliegt keinem Zweifel, dass eine solche Abstimmung mit einem herzhaften „Nein“ ausgehen würde.

So blicken viele Europa-Politiker mit Sorgen auf die tiefe Krise, in welche die Briten abgerutscht sind. Speziell das Britische Pfund ist angeschlagen. Es geht in schnellen Schritten auf das 1:1 mit dem Euro zu, während es noch nicht lange her ist, dass ein Pfund ein und ein halb Euro waren.

Das könnte zwar den britischen Exporten zugute kommen, aber dazu müsste man natürlich eine weite Vielfalt von Industrieprodukten zu exportieren haben und nicht nur Finanzdienstleistungen – mit anderen Worten Luftbuchungen.

Noch zu Beginn der Krise saß die britische Bankenwelt auf höchsten Rossen. Als gleich nach der Beginn der Krise eine Demonstration von aufgebrachten Bürgern durchs Londoner Finanzviertel zog, warfen die Banker mit einem zynischen Lächeln Münzen auf die Demonstranten da unten auf der Straße. Es scheint so, als ob die Geschichte beschlossen hat, sie zur Rechenschaft zu ziehen.


Veröffentlicht am 26. Oktober 2009 in der Berliner Umschau

Donnerstag, 15. Oktober 2009

Fortschreitende Des-Industrialisierung der USA

Kein Aufschwung in Sicht

Von Karl Weiss

Die USA, die absolute und alleinige Supermacht, sind geradezu der Inbegriff dessen, was wir als modernen hochentwickelten Industriestaat bezeichnen. Und doch ist diese Bezeichnung nicht (mehr) auf die USA zutreffend. In den USA fand bereits seit geraumer Zeit ein Prozess der Des-Industrialisierung statt, der sich nun, in der Krise, hochgradig beschleunigt hat. Die USA müssen heute korrekt als teilindustrialisierter Bubble-Staat bezeichnet werden (hier wird die englische Bezeichnung Bubble verwendet, weil die deutsche Übersetzung Blase zu Missverständnissen Anlass geben könnte).

New Yorker U-Bahn

Gemeint ist damit: Die USA haben im Verhältnis zum gesamten BIP (Brutto-Inlandsprodukt) (GNP, Gross National Product) keine Industrieumsätze, die mit denen typischer Industrieländer vergleichbar sind (z.B. Deutschland, Japan, Frankreich). Neben dem privaten Konsum ist der Dienstleistungsbereich überproportional vertreten, wobei davon wiederum ein wichtiger Teil auf Finanzdienstleistungen beruht, oder anders ausgedrückt, hauptsächlich auf Luftbuchungen.

Zur Zeit des ersten Weltkrieges hatten die USA die Führung als wesentlichste Großmacht von Großbritannien übernommen und diese in den 20er-Jahren des Zwanzigsten Jahrhunderts bis zum Beginn der „Großen Depression“ 1929 auch deutlich ausgebaut. Zu dieser Zeit wurden sie auch zur größten Industriemacht. Die Ford-Werke, in denen damals das erste Fließband installiert wurde und die beginnende Erdölförderung mit dem dazugehörigen Auto-Boom charakterisierten ihren Aufstieg damals.

Doch bereits damals zeigte die US-Unterabteilung des Kapitalismus typische spezielle Charakteristiken:

- Im Gegensatz zu den meisten anderen Industrie-Staaten legte man keinen Wert auf gut gebildete Facharbeiter. Man arbeitete (und arbeitet bis heute) unterhalb der Ebene der Ingenieure und Techniker mit angelernten Arbeitern.

- Im Gegensatz zu anderen Industrieländern ließ man nie zu, dass sich freie einflussreiche Gewerkschaften entwickelten. Bildeten sich Arbeiterführer heraus, so ließ man sie ermorden oder erfand Mordanklagen gegen sie und ließ sie hinrichten. Das Hauptmittel gegen wirksame Gewerkschaften aber war das Einschleusen korrupter Politiker als Gewerkschaftsführer. So sind die Arbeiter in den USA bis heute fast total der Willkür der Arbeitgeber ausgesetzt. Es gibt zum Beispiel nur eine oder zwei Wochen Urlaub im Jahr. Bis heute kann jeder Arbeiter zu jeder Zeit entlassen werden.

- Zudem hat man ein Bildungssystem, das sich von den meisten anderen Industrieländern unterscheidet. Nur für das Grund- und Hauptschulniveau gibt es öffentliche Schulen ohne Gebühren. Das gesamte System auf höherem Gymnasialniveau und die Universitäten sind privat und kosten hohe Gebühren, so dass Kinder aus den unteren Schichten keine Chance haben, dorthin zu gelangen (mit wenigen Ausnahmen von Hochbegabten, die Stipendien erhalten). Das Niveau Grund- und Hauptschule ist zudem auf so niedrigem Niveau, dass die einfachen Leute, die sich nur das leisten können, nicht einmal die mindesten Kenntnisse und Fähigkeiten für ein erfülltes Leben haben. Statt dessen versucht man nationalistische Hohlköpfe zu schaffen, die nichts über die Welt außerhalb der USA wissen. Die Wirkung des Fernsehens hat später diesen Effekt noch vertieft, denn in diesem Land wurde das Verblödungsfernsehen erfunden. Und dies trifft für 75% der Bevölkerung zu. Auf diese Art und Weise konnte man auch das Herausbilden einer sozialdemokratischen Partei verhindern, wie es sie in praktisch allen anderen Industriestaaten gibt.

- Die anderen 25% aber, deren Eltern das Geld haben, sie auf de gymnasiale Oberstufe und auf Universitäten zu schicken, bekommen eine 1a Ausbildung, wie es sie in dieser Breite und auf diesem Niveau in keinem anderen Land der Welt gibt. Nicht umsonst kommen seit jenen Zeiten die meisten Nobelpreisträger aus den USA oder wirken an US-Universitäten.

USA: Arbeitsloser Akademiker, Ende November 2008

- So schafft man eine zutiefst gespaltene Gesellschaft: Auf der einen Seite die Kapitalisten und Banker und mit ihnen eng verbunden die gut ausgebildete Oberschicht, auf der anderen Seite das Proletariat, das man versucht dumm und dumpf zu halten und darunter noch das Lumpenproletariat in den Slums, wo man seinen Lebensunterhalt im wesentlichen mit Drogenhandel und anderen kriminellen Aktivitäten bestreitet.

Das Ergebnis hiervon ist die absolute Gewaltgesellschaft. Eine, die so von Gewalt durchwebt ist, dass andere Werte als die der Gewalt wenig Bedeutung haben. Solidarität existiert nicht, alles ist auf Konkurrenz und „Jeder-gegen-Jeden“ ausgerichtet. Es gibt nur „winner“ und „looser“.

Sie werden vielleicht sagen, na, auf dem Weg dahin befinden wir uns in Deutschland gerade auch. Stimmt, dies ist das Ideal von Merkel und Westerwelle – aber das ist gerade nicht das Thema. Diese Gesellschaftsstruktur der USA hat auch eine Ähnlichkeit mit jener vieler Entwicklungsländer und wenig mit der anderer Industriestaaten.

Als der Bürger-Journalist in den USA lebte, wurde er einmal eingeladen, eine Fabrik in den Apalachen in der Nähe von Pittsburgh zu besuchen. Die Tocher des Eigners fuhr ihn vom Flughafen zum Hotel und so unterhielt man sich. Als man an einer Ampel zum Halten kam, fragte die Tochter, ob wir in Deutschland auch Verkehrsampeln hätten. Und das war die Tochter eines Fabrikbesitzers!

Der Rettungs-Plan

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sich weltweit en riesiger Nachholbedarf ergeben, der zu einem langen, nicht von Krisen unterbrochenen Aufschwung führte. Die USA hatte dazu die Weltwährung und konnte in besonderer Weise von diesem Aufschwung profitieren. Seit dem Abkommen von Bretton Woods 1944 war die Welt an den Dollar gebunden. Zwar gab es am Anfang noch eine Gold-Absicherung, aber dies wurde dann ab 1973 auch fallen gelassen. Alle mussten Dollar kaufen, wenn sie handeln wollten. Die Dollar-Bonds der US-Regierung waren der einzige „sichere Hafen“ auf der Welt und jede Zentralbank legte ihren Schatz in Dollar-Bonds an.

Das führte dazu, dass die USA so viele Bonds ausgeben konnten wie sie wollte und so viel Dollar drucken konnte, wie sie wollte, es würde immer abgenommen und nie eine Inflation verursachen wie in jedem anderen Land. So war das bis zum beginn der aktuellen Krise.

New Yorker Börse

Auf diese Art wurden die USA von allen anderen ausgehalten und es war nicht mehr so notwendig, industrielle Produkte zu produzieren. Und wenn, dann war keine spezielle Qualität vonnöten, denn der Binnenmarkt war riesig. Wenn man sich zum Beispiel die Autos ansieht, die GM, Ford und Chrysler da fabrizierten und wie oft im Monat die kaputt gingen, dann hat man eine Idee dieser „Leichtigkeit des Seins“ der industriellen US-Welt. Fast keines dieser Vehikel war außerhalb der USA zu verkaufen. Wenn GM im Ausland absetzen wollte, ließ sie sich von Opel Qualitätsautos konzipieren, das gleiche bei Ford in Bezug auf Ford Köln.

Als der Bürger-Journalist in den USA lebte, stellte ihm die Firma einen GM-Kleinwagen zur Verfügung, der in einem halben Jahr drei Mal abgeschleppt und repariert werden musste. Als er fragte, ob das normal sei, bekam er zur Antwort: „Ja, wenn man ein GM-Auto hat. Wenn man das nicht will, muss man einen Japaner kaufen.“

Als Volkswagen seinen Golf direkt in den USA bauen wollte, stellte man in Westmoreland eine ganze Fabrik auf die grüne Wiese. Aber es verließ nie die vorgesehene Anzahl von Fahrzeugen diese Fabrik. Volkswagen war es gewohnt, erfahrene Fach-Arbeiter mit hohem kulturellen Niveau zu haben. Das Experiment musste nach mehreren Versuchen eingestellt werden. Die Fabrik Westmoreland wurde geschlossen.

Chrysler Dodge Autohalde

Als sich auch schon langsam herumgesprochen hatte, dass Fahrzeuge aus Detroit keinen Qualitätsansprüchen genügen, begannen alle drei US-Auto-Fabriken an den eingeimpften Nationalismus zu appellieren: Buy US! Die Werksvertretungen wurden mit US-Flaggen und -Fläggchen ausgestattet. Das nahm dann Formen an, im wahrsten Sinne des Wortes. Die US-Auto-Verkäufer wetteiferten in der Größe der Flaggen. Der Bürgerjournalist hat bei seinem letzten USA-Besuch eine Flagge gesehen bei einer Verkaufsstelle der US-Autobauer, die an einem glatt 50 Meter hohen Mast befestigt war und selbst an die 30 Meter hoch war und noch länger.

Auf die Idee, statt der riesigen Flaggen einfach mal Qualitätsautos zu bauen, kam niemand.

Das alles heißt natürlich nicht, dass es in den USA keine Industrie mehr gäbe oder dass in den USA generell keine Qualitätsprodukte hergestellt werden.

Ford Trucks in Detroit auf Halde

Es sei nicht vergessen, dass zwei der fünf Öl-Giganten aus den USA kommen, dass fast alle großen Pharmazie-Unternehmen in den USA angesiedelt sind und dass die USA auch im Bereich Chemie und Petrochemie weiterhin mit führend auf der Welt sind. Auch muss man sehen, dass GM (trotz allem) bis zum Beginn des Jahres 2008 noch der größte Autobauer der Welt war. Schließlich muss man auch erwähnen, dass auch im Bereich Elektronik die USA führend sind. Es sei nur an Firmen wie IBM, Microsoft, Google oder Hewlett-Packard erinnert.

Trotzdem hat aber die USA deutlich weniger Industrie-Umsatz als die EU, obwohl beide ungefähr die gleiche Bevölkerung und ungefähr das gleiche BIP haben.

Auch der militärische Komplex, verwoben mit Raum- und Luftfahrt, ist ein wesentlicher Teil der US-Industrie. Hier waren sie führend und sind es noch in wesentlichen Teilen. Allerdings gibt es hier auch wieder ein Beispiel der Qualitätsprobleme, die US-Industrie oft hat. Der ‚Starfighter’ war ein Kampf-Jet, der sich bald als fast fluguntauglich erwies und darum nur in geringer Stückzahl von der US-Luftwaffe verwendet wurde. Die USA verkauften den bei weitem größten Teil an die deutsche Luftwaffe, die damals einen Standard-Kampf-Jet brauchte.

"Ich bin in Ordnung, ich bin auf einen Steuerzahler gefallen"

Obwohl ab dem ersten Tag des Einsatzes dieses Kampf-Flugzeuges ein Exemplar nach dem anderen vom Himmel fiel (im wahrsten Sinne des Wortes), bestand die deutsche Bundesregierung darauf, weiterhin dieses Flugzeug zu kaufen. Obwohl auch eine bedeutende Zahl von deutschen Piloten bei diesen Abstürzen umkamen, bestand man stur auf dem Starfighter-Programm. Von den insgesamt über 700 gekauften Maschinen (der Preis war horrend hoch) stürzten über 200 ab. Es gab nie neutrale Untersuchungen über die Gründe, warum die Politiker so ‚Starfighter’-süchtig waren. Es ist extrem wahrscheinlich, dass Korruption und/oder schleimige Unterwürfigkeit gegenüber den USA dabei eine Rolle gespielt haben.

Auffallende Parallelen zu der Unbelehrbarkeit, mit der deutsche Politiker Atomkraftwerke favorisieren, obwohl es längst hervorragende umweltschonende Alternativen gibt. Aber auch das ist hier nicht das Thema.

Als die aktuelle Krise 2008 begann, ging sie eigentlich von den USA aus, aber war zuerst eine Finanzkrise und eine Immobilien-Hypotheken-Krise. Als diese Krise dann aber auf andere Länder übersprang und bis Oktober 2008 praktisch alle Länder erreichte, kam sie als Export-Krise wieder auf die USA zurück und der US-Export brach gewaltig ein. Die Finanzkrise und dann die Export-Krise führten in den USA, wo es ja nicht einmal marginale Formen des Kündigungsschutzes gibt, zu massenhaften Entlassungen, was die Krise dann im Verlauf weiter vertiefte, weil nun der Binnen-Konsum einbrach.

Eine Abwärts-Spirale begann, die zu hohen Zahlen von Werks-Schließungen führte. Der Prozess der Des-Industrialisierung beschleunigte sich. Diese Abwärts-Spirale hat sich bis heute nicht verlangsamt.

Bereits 21 Monate lang dreht sich dieser Teufelskreis von Entlassungen und Werksschließungen und verringertem Binnenkonsum mit weiteren Entlassungen usw. und hat in der Summe inzwischen bereits 7,2 Millionen Jobs gekostet – dauerhaft! 7,2 Millionen!!

Das ist der bei weitem höchste Einbruch am US-Arbeitsmarkt seit Beginn der Datenerhebungen. In Wirklichkeit begann tendenziell dieser Stellenabbau bereits im Jahr 2007, als noch vor der Krise.

Die hat zu einer Arbeitslosigkeit von (saisonbereinigt) von über 15 Millionen US-Arbeitern geführt, und dabei sind bereits alle nicht berücksichtigt, die sich nicht erwiesenermaßen in den letzten zwölf Monaten um eine Stelle beworben haben. Dies entspricht einer Arbeitslosenquote von 17, 0%!

Wie lässt sich das mit den Meldungen in Übereinstimmung bringen, die USA seien bereits in einem Aufschwung, das Brutto-Inlandprodukt beginne bereits wieder zu steigen und mit der Börsen-Rallye?

Barack Obama

Nun, die US-Regierung hat riesige Mengen Geld, in Wirklichkeit wirklich unvorstellbare Mengen an Geld in Banken, Versicherungen und Hypotheken-Organisationen gepumpt, hat eine Abwrackprämie in Gang und ein riesiges Konjunkturprogramm auf den Weg gebracht. Dies drückt sich in den BIP-Zahlen aus. Das hat aber nur wenige Stellen geschaffen im Vergleich zu der Lawine von Entlassungen.

Damit ist bereits klar: Es gibt keinen Aufschwung in den USA. Alle Hoffnungen sind vergeblich. Ohne Einkommen, ohne Stellen mit Bezahlung, kann es keinen Aufschwung geben.

Auch der Export gibt nicht wirklich etwas her (wie auch in Deutschland). Zwar ist der internationale Handel mit Gütern, der nach dem Beginn der Krise in eine Schockstarre verfallen war und bis 50% Rückgang aufwies, wieder langsam in Gang bekommen und weist heute typischerweise nur noch 25% bis 30% Rückgang gegenüber dem Vorkrisenstand aus, aber das ist immer noch ein desaströser Einbruch.

Vor allem hat aber der relative Anstieg von Exporten praktisch nichts an den Zahlen der vernichteten Arbeitsplätze verändert. Schließen wir mit einem Zitat aus dem Blog „Wirtschaftsquerschüsse“ (http://wirtschaftquerschuss.blogspot.com/2009/10/72-millionen-verlorene-jobs.html):

„Der US-Arbeitsmarkt ist ein einziges Desaster, dies wird selbst an den offiziellen Daten und den entsprechenden Charts deutlich sichtbar, auch in Anbetracht von einigem Restpotential an Schönfärbung. Ein Aufschwung ohne Jobs und Einkommen ist eine Illusion. Die USA ist weiter mitten in der Finanzkrise, da die Kreditausfälle weiter steigen werden und sie ist weiter in der Wirtschaftskrise, da die schwache wirtschaftliche Erholung vom Arbeitsmarkt nicht mitgetragen wurde und alles nur durch Unsummen an Steuergeldern bzw. staatlicher Neuverschuldung und der Notenbankpresse erkauft wurde.“


Veröffentlicht am 14. Oktober 2009 in der Berliner Umschau

Freitag, 9. Oktober 2009

Der Crash der Weltwirtschaft ist unvermeidlich

Nun sehen es auch bürgerliche Ökonomen

Von Karl Weiss

Nun haben es auch die Spezialisten geschnallt. Der Dollar wird crashen. Der Dollar oder die Dollar-Bonds, egal, mit was es beginnt, denn eines wird das andere mitreißen. In einem eindringlichen Artikel stellt die FTD diese Gefahr, ihre Ursachen und die Täter dar. Aber sie glaubt noch an einen Ausweg. Den gibt es aber nicht. Das System hat endgültig ausgespielt.

Der Bürger-Journalist hat diese Diagnose bereits in diesem Artikel „Vorhersage des Dollar-Crash„ vom 9.Dezember 2008 dargestellt: „Es gibt bereits jetzt keine Möglichkeit mehr, alle Verpflichtungen zu bedienen und es wird ohne jeden vernünftigen Zweifel zum „Hubschrauber-Einsatz“ kommen, also zum massiven Gelddrucken der Fed. Dies wird spätestens auf mittlere Frist den Dollar zum Absturz bringen.“

Nun, es kam zum „Hubschrauber-Einsatz“. Die Financial Times Deutschland (FTD) schriebt in ihrem einschlägigen Artikel dazu folgendes:

„Und mit jeder Sekunde rutschen die Vereinigten Staaten tiefer ins Minus. Noch können die USA mit ihrer jährlichen Wirtschaftskraft von 14.300 Mrd. $ die Orgie finanzieren. Noch erwirtschaften die Sozialversicherungen Überschüsse. Noch ist das auf Schulden gebaute System nicht kollabiert.
Doch wie lange geht diese Politik auf Pump noch gut? Die Sozialkassen werden im kommenden Jahrzehnt Verluste anhäufen, haben Wirtschaftsforscher errechnet. Zugleich steigen mit wachsenden Schulden die Zinslasten, während die Rezession an den Steuereinnahmen nagt. Und dann sind da noch die 2400 Mrd. $ an Garantien und Krediten, die der Staat in der Finanzkrise an Banken und notleidende Unternehmen verteilte. "Die Schuldenkrise", warnt John Taylor, Wirtschaftsprofessor von der Stanford University, "stellt ein größeres Risiko für das Wirtschaftssystem dar als die Finanzkrise."“

Dollar Gasp

Nun, wie der Bürger-Journalist mit seinem Artikel vom Dezember bewiesen hat, braucht man kein bürgerlicher Ökonom zu sein, um diese Zusammenhänge zu sehen und daraus Folgerungen zu ziehen.

Allerdings versucht die FTD im weiteren Verlauf des Artikels Auswege aus dieser Folgerung zu ergründen. Im Kern wird sie dabei aber nicht fündig. Sie behauptet zwar, der Fed-Chef Bernanke könne eventuell genau den richtigen Moment abpassen, wann er mit der Niedrigzinspolitik aufhören muss und auf steigende Zinsen und Einsammeln der Geldmenge umschalten kann, aber tatsächlich gibt es diesen richtigen Moment nicht, wie die FTD im Grunde zugeben muss:

„Die Leitzinsen senkte er wegen der Krise auf fast null Prozent und flutete die USA mit Geld. Wann soll Bernanke den Hahn wieder zudrehen? Beginnt er zu früh damit, würgt er die Konjunktur ab – dann wächst der Schuldenberg ins Unermessliche. Verpasst er den richtigen Moment, könnte er eine Inflation auslösen. (...) Die amerikanische Wirtschaft läuft so weit unterhalb der Kapazitätsgrenze, dass Bernanke für Zinserhöhungen nach Schätzung von Jan Hatzius, US-Chefökonom von Goldman Sachs , erst im Jahr 2011 wieder Spielraum hat. Und selbst das sei "keineswegs sicher".“

"Ich bin in Ordnung, ich bin auf einen Steuerzahler gefallen"

Selbst wenn sich das Ganze nicht nur bis 2011 oder 2013, sondern tief ins nächste Jahrzehnt hinein zieht, am Ende müssen die Konten beglichen werden. Der FTD-Artikel sagt dazu klar:

„Die jüngste Haushaltsprognose des Weißen Hauses wird die Chinesen noch schlechter schlafen lassen. 9000 Mrd. $ muss sich der Staat bis zum Jahr 2019 borgen – 2000 Mrd. mehr als noch im Februar geplant. "Wir sind auf einem fiskalpolitischen Kurs, der sich nicht durchhalten lässt", warnte Obamas Haushaltschef Peter Orszag bereits im Juli. Nach derzeitigem Stand würde die öffentliche Schuldenquote zur Wirtschaftsleistung schon im Jahr 2013 auf über 75 Prozent steigen.“

Natürlich kann ein Blatt wie die FTD nicht das Ende des Kapitalismus vorhersagen, aber im Kern scheint genau dies durch die Zeilen.

Denn wenn der Dollar crasht, dann crasht das Welt-Finanz- und Wirtschafts-System. Der Dollar ist nicht nur Leitwährung, sondern die bei weitem am meisten benutzte Währung für internationale Geschäfte und Quotierungen. Die anderen Währungen werden nach einem Dollar-Crash auch nicht überleben können. An was soll man zum Beispiel den Goldpreis festmachen, wenn es keinen Dollar-Kurs mehr gibt? So ist der Dollar-Crash auch das Ende eines geordneten Finanzsystems, ja letztendlich des kapitalistischen Wirtschaftssystems.

Zwar werden in einem solchen Fall hektische Versuche stattfinden, wieder irgendeinen Grund zu finden, aber jeder wird dabei andere Interessen haben. Somit wird es zu keiner Einigung kommen, so wie es auch jetzt, bei der noch relativ kleinen Krise im Vergleich zu der hier vorausgesagten nicht möglich war, internationale Vereinbarungen zu treffen, die einen wirklichen Ausweg aus der Krise hätten bringen können.

Darum hat der Bürgerjournalist auch nicht lange nach dem oben zitierten Artikel einen anderen folgen lassen, der dies bereits mit einbezieht: „Endzeitkrise des Kapitalismus“ vom 23. 2. 2009. Hier wird klar gesagt:

„Nun, was die Banken und eine Menge anderer Institutionen taten: Sie schoben eine Trillionen-dicke Kreditblase an. Das führte zu höherem Konsum auf der Basis von Krediten und führte sogar für die Jahre von 2005 bis 2008 zu einem gewissen Wirtschaftswachstum in einer Anzahl von Ländern, aber alles auf Kredit. Damit konnte der Ausbruch der Überproduktionskrise hinausgeschoben werden, aber nur um nun umso gewaltiger zuzuschlagen. Alle jene hohen Gewinne aber waren Luftbuchungen, sie waren Ausgeburt einer Blase. Nur – sie fielen wirklich an. Die Deutsche Bank hat ja ihre 25% aufs Jahr erreicht und entsprechend an ihre Aktionäre ausgezahlt.

Doch dann, ausgehend vom Jahr 2006, als die Immobilienpreise in den USA, aufgeblasen durch Kredite, zu purzeln begannen, platzten die Kredite, zuerst lokal und ohne große internationale Auswirkungen, dann immer mehr und nun in frenetischem Rhythmus und sie sind weiterhin am Platzen und werden noch Jahre platzen.“ (...) Alle die Trillionen von Dollars und Euros und Yen, die da an Privatpersonen gingen aufgrund der Kreditblase, sind nun da in den Händen von Reichen, Superreichen und Super-Superreichen. All dies Geld muss vernichtet werden, denn ihm stehen keine wirklichen Werte gegenüber, es waren nur Luftbuchungen. Aber wie bringt man die Kapitalisten dazu, ihr Geld zu vernichten? Klar, das geht nicht im Kapitalismus. Der betet ja das Privateigentum an. Man kann diese Leute nicht auffordern, sich auf einem öffentlichen Platz zu treffen und all ihr Geld dorthin in Banknoten zu bringen und zu verbrennen. Genau das fordern aber die ehernen Gesetze der Ökonomie. Die Ökonomie akzeptiert keine Scheinwerte, denen nichts Wirkliches gegenübersteht und sie wird die Krise weiter vertiefen, bis alle diese Werte vernichtet sind.“

Karl Marx

Hören Sie: Die kapitalistische Ökonomie wird die Krise weiter vertiefen, bis alle diese Werte vernichtet sind!

Es gibt keinen Ausweg innerhalb des kapitalistischen Systems. Wir können also schon getrost anfangen, uns Gedanken zu machen, wie wir denn den Sozialismus ausgestalten wollen, wie wir denn die Fehler vermeiden werden, die bei den ersten Versuchen, einen Sozialismus zu errichten, gemacht wurden.

Wenn es uns nämlich nicht gelingt, die Revolution zu machen, wird es keine Menschheit mehr geben, wie wir sie kennen. Und wie es dann aussehen wird - da werden Sie nicht unter den Überlebenden sein wollen.


Veröffentlicht am 8. Oktober 2009 in der Berliner Umschau

Donnerstag, 8. Oktober 2009

Das Wetterleuchten über den USA beginnt

Erstes Anzeichen des Falls der Supermacht USA

Von Karl Weiss

Wie bereits mehrfach angekündigt, ist bereits sicher, dass die USA mit all ihrer Macht diese Krise nicht als alleinige Supermacht überstehen werden. Der Oktober 2009 könnte als Beginn der historischen Wende in die Annalen eingehen. An diesem Dienstag, 6. Oktober 2009, veröffentlichte der britische „Independent“ einen Artikel von Robert Fisk über geheime Treffen der Golfstaaten, Chinas, Russlands, Frankreichs und Japans, um den Dollar als ausschließliches Zahlungsmittel im Handel mit Erdöl abzulösen.

Erdöl 1

Fisk ist ein anerkannter Investigations-Journalist und der „Independent“ ist eine seriöses Blatt, das dies nicht auf der Basis von Gerüchten veröffentlichen würde. Nach Angaben der Zeitung hätten bereits mehrere geheime Treffen von Finanzministern und Zentralbankchefs zu diesem Zweck, unter anderem in Russland, China, Japan und Brasilien, stattgefunden. Die Nachricht hat bereits einen Fall des Dollar verursacht.

Inzwischen hat die Agentur Reuters bereits Dementis hierzu von arabischen und russischen offiziellen Stellen berichtet.

Der ‚Independent‘ hat auf die Dementis bereits mit einer „Erklärung der Herausgeber“ reagiert, in der man es als „den natürlichen Weg der Dinge“ darstellt, dass die veränderten Umstände auch eine Änderung der Welt-Finanz-Ordnung hervorrufen. Er schreibt u.a.:

„Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, was die Motive für die Erdölstaaten sind, den Dollar zu verlassen: Der Wert des Dollar ist seit dem Beginn der Krise im vergangenen Jahr drastisch gefallen. Aus Gründen der steigenden amerikanischen Staatsverschuldung steigt die Furcht, er könne noch mehr an Wert verlieren. Sie wollen ihre Waren nicht gegen eine Währung verkaufen, deren Zukunft unsicher ist.“

Dollar Gasp

Und: „Aber jetzt sind die USA schon nicht mehr die bei weitem dominierende Macht. Die Finanzkrise bescherte diesem Land signifikante öffentliche und Regierungs-Schulden und verminderte drastisch die Wachstumsmöglichkeiten.“

Die Zeitung erinnert in ihrer Erklärung, dass die Entschlossenheit Chinas, seine Exporte um jeden Preis zu erhöhen, der ausschlaggebende Faktor der ökonomischen Instabilität der letzten Jahre war. Die Aussenhandelsüberschüsse und Pekings ständige Beeinflussung (nach unten) des Wertes seiner Währung hätten einige westliche Länder dazu gebracht, riesige Aussenhandelsdefizite hinzunehmen, was zu einem Druck geführt hätte, der mit zum Ausbruch der Finanzkrise im vergangenen Jahr beigetragen habe.

Die Erklärung kommt schließlich zum dem Schluss: „Es ist sinnvoll, Schritt für Schritt vom Dollar zu anderen Währungen zu wechseln. Wenn allerdings die Regierungen auf der Welt, sowohl der reichen als auch der Entwicklungsländer, sich nicht verpflichten, die Ungleichgewichte zu reduzieren, welche den Welthandel destabilisieren, werden wir in eine Epoche der Unsicherheit eintreten, die uns noch mit Sehnsucht nach dem Dollar erfüllen könnte.“ Das ist ein Wink mit dem Zaunpfahl in Richtung China.

Im oben erwähnten Artikel berichtet die Zeitung, die genannten Länder würden einen Korb von Währungen planen, der den Dollar im Erdölhandel ersetzen soll. Dieser soll den japanischen Yen, den chinesischen Yuan, den Euro, das Gold und eine Einheitswährung enthalten (die allerdings noch im Planungsstadium sei), welche die Golfstaaten (Saudi Arabien, Abu Dhabi, Kuwait und Katar) herausgeben wollen.

Diese Einbeziehung einer Währung, die es noch gar nicht gibt, zeigt allerdings auch, dass es sich nicht um einen Schnellschuss handelt, sondern vielmehr um eine langfristig vorausgeplante Umstellung. Da diese Planungen auf den erbitterten Widerstand der US-Regierung treffen müssen, versuchte man sie offenbar geheim zu halten. Daher verwundern auch die Dementis nicht.

Es darf auch keinesfalls unterschätzt werden, welche Möglichkeiten die USA noch haben, einen solchen Beschluss dieser Länder noch zu verhindern. Japan und Saudi-Arabien wie auch andere Golf-Staaten gehören zu den engsten Verbündeten der USA und man hat eine Menge Druckmöglichkeiten.

Voraussichtlich wird so etwas, wenn es gut vorbereitet ist, erst dann in die Tat umgesetzt, wenn der Dollar bereits einen wesentlichen Teil seines Werts verloren hat und der Dollar-Crash sowieso nicht mehr zu verhindern ist.

Im Zusammenhang mit diesen Planungen wird darauf hingewiesen, dass die arabischen Golfstaaten die USA als Hauptverantwortliche der Krise ansehen und beklagen, durch einen vernünftige Kontrolle der Finanzmärkte hätten die USA die Krise verhindern können. Nun sehen sie aber nicht, dass die USA die Verantwortung übernimmt. Ebenso muss man sehen, dass China auf den Posten der internationalen Supermacht spekuliert und alles tun wird, um die Macht der USA einzudämmen, ohne dass es den ganzen Staats-Schatz verliert, der ja bekanntlich aus Dollars und Dollar-Bonds besteht.

Fisk zitiert den Präsidenten der Weltbank, Zoellick: „Eine der Folgen dieser Krise kann die Anerkennung veränderter Beziehungen zwischen ökonomischen Großmächten sein.“ Der Internationale Währungsfond und die Weltbank haben diese Woche in Istanbul ein Treffen.

Wie auch immer, als Zielpunkt für den neuen Währungskorb wurde 2018 genannt.


Veröffentlicht am 7. Oktober 2009 in der Berliner Umschau

Dienstag, 6. Oktober 2009

IWF sieht Schlimmes voraus

Arbeitslosenrate und Banken-Hilfsbedarf werden ansteigen

Von Karl Weiss

Der Internationale Währungsfond (IWF) ist in der Wirtschaftkrise hilfreich mit seinen Prognosen. Dieses Mal die Voraussicht auf 2010. Die für Deutschland und Europa sind ziemlich düster. Das deutsche Brutto-Inlandsprodukt werde mit 0,3% steigen gegenüber dem Desaster-Jahr 2009, bleibt als fast so schlimm wie schon dieses Jahr (dessen tatsächliche Auswirkungen wir ja erst jetzt zu spüren bekommen werden). Damit wird Deutschland zusammen mit Italien das schwächste Wachstum der ganzen G7 haben.



Noch schlimmer sieht es mit der Arbeitslosenquote aus – die sich natürlich auf die geschönten Zahlen aus Nürnberg bezieht: Deutschland wird die höchste der G7-Staaten haben mit 10,7 %.

Allerdings ist die schlimmste Zahl in den Voraussagen des IWF die Arbeitslosenrate in den USA, die mit 10,1% angegeben wird. Das betrifft eine Größenordnung von 16 Millionen Arbeitslosen – wobei da ja meist noch eine Familie und/oder Partner dahinterstehen. Bereits jetzt ist die Zahl der Arbeitslosen in den USA auf 15,1 gestiegen.

Diese gesteigerte Arbeitslosigkeit, deren wahres Ausmaß hiermit ja nur angedeutet ist, wird ohne Zweifel durch verringerten Binnenkonsum ein halbwegs vernünftiges Wirtschaftswachstum verhindern. So sieht die Vorhersage denn auch im besten Fall (das ist der Fall von Japan, Kanada ist nicht vergleichbar und kann hier aus der Betrachtung bleiben) nur ein Wachstum von 1,7% voraus – und das alles immer auf der extrem niedrigen Basis von 2009!

Was aber eigentlich noch mehr Furcht einjagen muss, ist der ‚Financial Stability Report’ des IWF. Der gesamte Schaden im Finanzsystem wird vom IWF auf 3,4 Billionen Dollar geschätzt, davon 2,8 Billionen bei den Banken.

Das bedeutet aber, da bisher erst 1,3 Billionen bei den Banken öffentlich anerkannt wurden, dass international bei den Banken noch insgesamt 1,5 Billionen Dollar an weiteren Verbindlichkeiten auftauchen werden – die vermutlich wieder auf den Steuerzahler abgewälzt werden.

Etwa die Hälfte dieses Betrags, also um die 700 Milliarden, vermutet der IWF noch bei Banken der Euro-Zone. Das sind alarmierende Zahlen, denn wenn die Staatshaushalte das auch noch aufbringen müssen, wird die Verschuldung weiterhin und über jedes Maß steigen. Für den Euro schlechte Aussichten. Speziell aber auch für Deutschland, denn hier hat man schon eine Schulden-Obergrenze ins Grundgesetz geschrieben, die dann nicht mehr einzuhalten sein wird.

Ob man noch einmal das Grundgesetz ändern wird? Wahrscheinlicher eher bei unseren Politikern, dass man die Schulden dann einfach umdefiniert, so wie man die Arbeitslosigkeit umdefiniert hat.

Der IWF vermutet in Großbritannien noch etwa 300 Milliarden Dollar an unentdeckten Verbindlichkeiten, was ausreichen könnte, um dem Pfund den Garaus zu machen, das jetzt schon angeschlagen ist.

Vor allem weist der IWF aber darauf hin, dass die Krise auf jeden Fall noch das ganze nächste Jahr anhalten wird (das Wachstum gegen das Krisenjahr 2009 in der Voraussage ist ja minimal) und dies zu weiteren finanziellen Belastungen der Staatshaushalte führen wird, die ja jetzt bereits durch die Banken-Rettungen, Abwrackprämien und Konjunkturprogramme aus dem Gleichgewicht geraten sind.

Es wird also 2010 nicht nur kein Ende der Wirtschaftskrise geben, es wird auch weiterhin schwere Erschütterungen durch weitere Schübe von Finanzproblemen geben. Die werden dabei auf deutlich verringerte finanzielle Möglichkeiten der Staaten stoßen.

Dazu kommt, dass diese Vorschau des IWF noch ausgesprochen optimistisch ausgefallen ist.

Wie werden unsere Politiker uns das Alles dann erklären, die doch jetzt schon das Ende der Krise deklariert haben?


Veröffentlicht am 5. Oktober 2009 in der Berliner Umschau

Donnerstag, 1. Oktober 2009

Maschinenbau weiterhin desaströs

Kaum wurde die Krise angekündigt...

Von Karl Weiss

Hat der Bürger-Journalist noch gerade eben den Beginn der Wirtschaftskrise in Deutschland JETZT angekündigt, kommt auch schon die erste Zahl herein, die belegt: Nichts an dieser Krise ist vorbei. Der August-Auftragseingang des deutschen Maschinen- und Anlagenbaus liegt bei -43% gegenüber dem Vorjahresmonat.


Im Dreimonatsvergleich Juni bis August fast genau die gleiche Zahl im Vorjahresvergleich: -44%. Das ist besonders interessant, weil die beiden Vergleichsmonate Juli 2008 und August 2008 bereits deutliche Rückgänge der Aufträge im Vergleich zum Juni zu verzeichnen hatten. Auch wenn uns andauernd suggeriert wird, die Krise habe mit dem Fall der Bank Lehmann Brothers am 15.September 2008 begonnen, wissen doch alle, die Zahlen lesen können: Die Wirtschaftskrise hatte bereits deutlich früher begonnen. Der Lehmann-Fall war nur eine besonders laut knallende Rakete im Feuerwerk der Krisenfolgen.

Wenn der Rückgang bereits gestoppt wäre, hätten für Juli und August bereits Rückgänge der Minuszahlen auftreten müssen (wegen der abfallenden Vergleichszahlen), was aber nicht der Fall ist. Die Aufträge gehen also weiter zurück, wenn auch nicht mit der gleichen Geschwindigkeit, was natürlich auch gar nicht lange möglich gewesen wäre, denn man wäre nahe an Null Auftrag angekommen. Würden zum Beispiel ab September die Minus-Raten langsam zurückgehen, bis sie im nächsten August bei 0 ankämen, dann hätte sich nicht die geringste Erholung ergeben, sondern der Fall von 100% auf etwa 55% hätte sich als dauerhaft erwiesen.

Genau dies ist eine recht wahrscheinliches Szenario.

Diese Maschinenbau-Zahlen sind wichtig sowohl in Blick auf die ganze Industrie als auch im bezug auf die Exporte. Der Maschinenbau ist nämlich Deutschlands größte Exportbranche, noch vor der Automobilindustrie.

Was also gerade eben betont wurde, es gibt nicht die geringsten Aussichten einer kräftigen Erholung des deutschen Exports, ist mit diesen Zahlen bereits klar.


Veröffentlicht am 1. Oktober 2009 in der Berliner Umschau

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