Mittwoch, 6. Dezember 2006

Weiterungen aus dem Flugzeugabsturz in Brasilien

Wer hat recht: Deutschland oder Brasilien?

Von Karl Weiss

Jetzt steht es fest: Wie üblich, wurde der Flugzeugabsturz in Brasilien über dem Amazonas-Urwald nicht durch einen einzigen Fehler verursacht, sondern durch ein tragisches Zusammenspiel mehrer Fehler bzw. Ausfälle. Neben den US-amerikanischen Piloten des Exekutiv-Jets Legacy, der mit der Boeing 737 der Linie „Gol“ zusammenstieß, war auch zumindest einer der Fluglotsen mit einer Fehlleistung verantwortlich. Inzwischen haben die Fluglotsen in Brasilien mit einer Aktion „Dienst nach Vorschrift“ reagiert.

Fest stehen bis jetzt folgende Ursachen für den Absturz mit 155 Toten:

- Das Funkgerät der „Legacy“, die auf dem Überführungsflug von der brasilianischen Fabrik Embraer in São José dos Campos zum US-amerikanischen Käufer war und nach dem Zusammenstoß noch landen konnte, war außer Betrieb. Es ist bis heute nicht geklärt, ob der Pilot das Gerät abgeschaltet hat oder ob es sich um einen technischen Fehler handelt. Das Gerät funktionierte zu Beginn des Fluges und auch nach dem Unfall, als der Pilot das beschädigte Flugzeug auf einer nahen Militär-Base landete.

- Der „Transponder“ der Legacy war ebenfalls zum Zeitpunkt des Zusammenstoßes außer Betrieb. Auch hierfür ist die Ursache ungeklärt: Abgeschaltet oder defekt? Der Transponder sendet automatisch in regelmäßigen Abständen Kennungen aus. Er dient dazu, Flugkontrolle und anderen Flugzeugen die Identifizierung des Flugs, seinen Standort und seine Flughöhe zu ermöglichen. Auch der Transponder funktionierte einwandfrei zu Beginn des Fluges und nach der Landung auf der brasilianischen Luftwaffen-Stützpunkt „Alto Xingu“.

- Die Piloten der „Legacy“ hätten, da sie ohne Kommunikation waren, einen speziellen hierfür vorgesehenen Alarm betätigen müssen, was sie nicht getan haben. Dieser Alarm hätte sowohl die militärische wie auch die zivile Flugkontrolle auf die Situation ohne Kommunikation und ohne funktionierenden Transponder aufmerksam gemacht und sie hätten den Flugverkehr von der Route der Legacy umleiten können.

- Der Fluglotse, der sich zu Beginn des Fluges der Legacy in São José dos Campos mit dem Piloten verständigte, beging einen Fehler: Er gab der „Legacy“ für den ganzen Flug bis Manaus ausdrücklich die Flughöhe von 37.000 Fuß frei, obwohl der Flugplan etwas anderes vorsah, nämlich zwei Wechsel der Flughöhe. Zum Zeitpunkt des Zusammenstoßes auf 37.000 Fuß hätte die „Legacy“auf 38 000 Fuß sein müssen. Die Ursache für diesen Fehler ist ungeklärt – wahrscheinlich einfach ein Versehen des Fluglotsen.

- Die Piloten der Legacy hatten sich nicht die Mühe gemacht, den Flugplan zu lesen, der ihnen schriftlich vorlag, sondern hatten sich auf die mündliche Anweisung verlassen.

- Die Fluglotsen in Brasilia hatten der Legacy nicht ausdrücklich das Heruntergehen auf 36.000 Fuß angeordnet. Wegen des ausgeschalteten (oder defekten?) Transponders konnten sie auch nicht sehen, dass die Legacy diese neue Höhe nicht von sich aus angesteuert hatte.

- Im Bereich des Zusammenstoßes gibt es ein „blindes Loch“ im Radarsystem über Brasilien. Die Legacy war zum Zeitpunkt des Zusammenstoßes bereits eine geraume Zeit von den Radarschirmen in Brasilia verschwunden und noch nicht auf denen der Zentrale in Manaus aufgetaucht.

Fahrgestell der abgestürzten Boeing

Hätte auch nur eines dieser Umstände, Fehler, Ausfälle oder Versehen nicht stattgefunden, wäre der Zusammenstoß und damit der Absturz der Boeing 737 der Linie „Gol“ (155 Tote) mit hoher Wahrscheinlichkeit verhindert worden.

Sechs der Insassen der Legacy. Die beiden juengeren Männer im Vordergrund sind nach Angaben der Agentur die beiden Piloten

Die Piloten der Legacy, zwei junge Männer, sind zumindest für einen wesentlichen Teil dieser Dinge verantwortlich. Sie sind weiterhin in Brasilien und die Staatsanwaltschaft prüft eine Anklage. Ihnen ist nicht erlaubt, das Land zu verlassen.

embraer legacy

Zumindest in einem Punkt ist aber auch eine Verantwortlichkeit von Fluglotsen festgestellt worden. Dies hat inzwischen bereits zu Reaktionen geführt. Die Fluglotsenvereinigung hat eine „Aktion Einhalten der Vorschriften“ ausgerufen und begonnen, die zu heftigsten Flug-Verspätungen geführt hat. Die Verspätungen von Flügen in Brasilien waren zwischenzeitlich auf einem Niveau, auf dem es bereits zu handgreiflichen Auseinandersetzungen und mehrfachem Eingreifen der Polizei gegen randalierende Fluggäste gekommen ist.

Leichenabtransport in Mato Grosso

Die Regierung hat promt reagiert. Man hat das Aufstocken der Stellen von Fluglotsen um etwa 20% versprochen. Zwar sind auf dem Arbeitsmarkt im Moment nicht so viele Fluglotsen verfügbar, aber man hat bereits alles eingestellt, was eine Ausbildung hatte und einen speziellen neuen Lehrgang für erfahrene Personen aus der Luftfahrt zur Umschulung zum Fluglotsen angesetzt. Bis Ende Januar will man alle vorgesehenen Stellen besetzt haben. Die Fluglotsen haben inzwischen bereits ihre Aktion abgebrochen und der Luftverkehr in Brasilien normalisiert sich schon wieder. Auch die Radarlücke soll geschlossen werden.

Foto der Schäden an der Legacy

Dabei kam der Regierung ein Fakt zu pass: Vor kurzem ist die frühere offizielle brasilianische Fluglinie Varig pleite gegangen und hat Tausende von Angestellte entlassen. Zwar wird versucht, eine Rest-Varig wieder aufzubauen, aber es stehen haufenweise erfahrene brasilianische Piloten auf
der Strasse.

Diese Fakten sind besonders für uns in Deutschland interessant, denn es hatte sich Ende der 70er-Jahre eine ähnliche Situation in Deutschland herausgebildet. Die Fluglotsenvereinigung hatte einen „Dienst-nach-Vorschrift“-Aktion begonnen, denn man sagte, die Steigerung des Flugverkehrs werde auf dem Rücken der Fluglotsen ausgetragen. Ohne massive Ausweitung der Zahl der Fluglotsenplätze sei ein sicherer Flugverkehr nicht sicherzustellen.



Die Fluglotsen würden andauernd angehalten, Vorschriften zu verletzen, um einen flüssigen Flugverkehr zu gewährleisten. Der Dienst nach Vorschrift sei daher gerechtfertigt. Zum Beispiel sieht die Vorschrift vor, dass aus Sicherheitsgründen zwischen jeder Landung und jedem Start auf einer Rollbahn fünf Minuten Abstand sein müssen. Die Fluglotsen hatten aber zu jener Zeit (und haben heute) diesen Zeitraum längst auf drei Minuten abgekürzt.

Der Berichterstatter saß damals mehrmals lange Zeit in Flughäfen und in stundenlang kreisenden Flugzeugen, die auf eine Landeerlaubnis warteten.

Die damalige Bundesregierung unter einem gewissen Schmidt war allerdings gar nicht dieser Meinung. Sie genehmigte keine neuen Fluglotsenplätze und sagte, die Dienst-nach-Vorschrift-Aktion sei ein illegaler Streik. Die Gerichte folgten dieser Ansicht. Die Fluglotsen wurden verurteilt, die Aktion sofort abzubrechen. Die Fluglotsenvereinigung wurden zu Millionenstrafen verurteilt und ging Pleite. Bis heute sind die Fluglotsen tagtäglich veranlasst, die bestehenden Vorschriften zu brechen.

Sie können sich, verehrter Leser, selbst davon überzeugen, so wie der Berichterstatter dies gemacht hat: An einem Tag, an dem Westwind herrscht (das ist fast immer) nimmt man am Frankfurter Autobahnkreuz die Fahrbahn nach Süden, Richtung Mannheim/Darmstadt. Gleich an der ersten Ausfahrt fährt man raus und macht einen Bogen zurück in Richtung des Flughafens. Dort, gleich neben der Autobahn, kann man in einem Wäldchen sein Auto abstellen.

Man nimmt einen Fußweg, der in einer Fußgängerbrücke über die Autobahn führt und ist dann auf einem Weg zwischen Autobahn und Flughafenzaun, von wo man die Flugzeuge landen sehen kann. Sie haben an dieser Stelle kaum noch 50 Meter an Höhe. Auf beiden Landebahnen ist fast den ganzen Tag Hochbetrieb. (Übrigens ein Spektakel, das man seinen Kindern keineswegs vorenthalten sollte). Die fünf Minuten werden andauernd unterschritten.

Falls sich dies in der Zwischenzeit geändert haben sollte, ist der Berichterstatter gerne bereit, sich zu berichtigen. Kommentare sind willkommen.

Interessant in diesem Zusammenhang: Gerade vor zwei Jahren ist ein Flugzeug im Raum Überlingen am Bodensee abgestürzt, weil ein Fluglotse einen Fehler gemacht hat. Die Angehörigen von ums Leben Gekommenen prozessieren im Moment gerade diesen Fluglotsen.

Welchen Weg halten sie, verehrter Leser, für den Richtigen? Den der Bundesregierung, die Fluglotsen mit Gewalt zum Brechen der Vorschriften zu zwingen? Oder den der brasilianischen Regierung, neue Fluglotsen einzustellen?


Veröffentlicht in der "Berliner Umschau" am 6. Dezember 2006


Zusatz: Am 6.Dezember wurde bekannt: Das zuständige Gericht hat angeordnet, den Piloten der "Legacy" ihre Pässe zurückzugeben und sie ausreisen zu lassen. Nach Ansicht des Gerichts konnte ihnen nicht bewiesen werden, dass sie Funkgerät und Transponder abgeschaltet hätten. Damit kann man ihnen nicht mehr die Hauptlast der Veratwortung aufbürden.

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