[>>]

Dienstag, 8. August 2006

Rio - Bürgerkrieg in den Favelas

Das tägliche Leben in der beginnenden kapitalistischen Barbarei

Von Karl Weiss

Dies ist ein Artikel, der in der "Berliner Umschau" am 11. April 2006 erschien.

Am Montag, den 10. April frühmorgens wurde man durch den Widerhall von Schußwechseln geweckt, wenn man, wie der Autor, in der Nordzone der Stadt Rio wohnt, in der Nähe des Maracanã-Stadions. Eine der Favelas dort wurde durch die kriminelle Mafia-Organisation der Nachbarfavela überfallen, weil man die lukrativen Verkaufspunkte für Drogen in jener Favela erobern wollte.

Die Favelas werden seit neuestem ‘comunidades’ (Communities) genannt. Das Rezept, das Politiker der cleveren Sorte (Typ Schröder) immer wieder anwenden: Wenn man schon die Wirklichkeit nicht verändern will, verändert man stattdessen den Namen. So wurden aus den Fremdarbeitern die „Gastarbeiter" und aus Bombenkriegsopfern „Lateralschäden", na und so macht man aus Favelas eben „Communities".

In der „Community" Morro de São Carlos (der Hügel Karls des Großen) war vor einer Woche der Anführer der dort herrschenden Unterabteilung einer der Mafia-Drogenbanden, Aritana, ermordet worden. Nun versucht die Unterabteilung einer anderen Bande, die den benachbarten Hügel Morro da Mineira (Hügel der Frau aus Minas) terrorisiert, diesen Hügel im Sturmlauf zu erobern, während die dort sitzende Terrorbande ihn verteidigt. Man konnte am Klang deutlich die Bewaffnung unterscheiden. Zum Teil werden Maschinenpistolen verwendet, die zwar einen Feuerschutz bieten, aber kaum zum gezielten Treffen in Entfernung zu gebrauchen sind. Dazwischen hört man immer wieder Gewehrschüsse, wenn gezielt versucht wird zu töten. Dagegen erscheinen die dumpfen Pistolenschüsse eher wie Platzpatronen.

Nachdem die Kämpfe über Stunden andauerten und die Polizei abwartete, wer gewinnen würde, war der Krieg gegen 10 Uhr morgens beendet und die Polizei besetzte den Hügel.

Es wird einmal mehr deutlich, daß es mitten in der Großstadt Rio (mit den angrenzenden Städten 10 Millionen Einwohner) „No-go"-Bereiche existieren, die allein von Drogenbanden beherrscht werden und in die sich die Polizei
bestenfalls hineintraut, wenn alles vorüber ist.

Wiederum wurden unbeteiligte Zivilisten verletzt und es gab eine noch nicht genau feststehende Zahl von Toten. Die Polizei ließ weder verlauten, ob die Toten Zivilisten oder Bandenmitglieder sind, noch, wer gewonnen hat. Naja, für die Polizeioberen sind alle Favelabewohner Bandenmitglieder. In Wirklichkeit terrorisiert eine kleine bis an die Zähne bewaffnete Clique diese Bewohner, die von der Polizei keinerlei Hilfe mehr empfangen, nur noch Kugeln.

Am gleichen Tag hörte der Autor, was einem Bekannten von ihm letzte Woche passiert war. Er fuhr auf der „linha vermelha", einer der wichtigsten Stadtautobahnen, mit seinem Auto an der Favela „Complexo da maré" vorbei („Gezeiten-Komplex"), als plötzlich eine Kugel sein Auto traf. Zum Glück wurde nur eine hintere Seitenscheibe pulverisiert. Zehntelsekunden vorher hätte es ihn getroffen. Man weiß nicht, ob es einfach eine verirrte Kugel war oder ob sich jemand ein Vergnügen daraus machte, aus der Ferne auf vorbeifahrende Autos zu schießen.

Das sind die Zustände, wie sie sich auch in den noch immer naserümpfenden Metropolen der Industriestaaten entwickeln werden, wenn es uns nicht gelingt, den Kapitalismus zum Teufel zu schicken. In Deutschland z.B. ist fast jegliche Verfolgung der organisierten Kriminalität bereits eingestellt worden. Im Frankfurter Bahnhofsviertel z.B., aber auch an manch anderen Orten, beginnen sich schon langsam die ersten Anzeichen solcher Strukturen herauszubilden. Die kapitalistische Barbarei winkt aus dem Süden!



Link zum Originalartikel hier

'Sakrileg' und die Christen

Mit Schaum vor dem Mund

Von Karl Weiss

Dieser Artikel erschien am 17.Mai 2006 in der "Berliner Umschau"

Am kommenden Freitag kommt der Film zum Bestseller „Sakrileg" (Originaltitel: ‚The da Vinci-Code’) in die Filmtheater. Dies Werk und der jetzt folgende Film hat eine beispiellose Kampagne der katholischen Kirche und einiger ihrer Apologeten hervorgerufen, die Gift und Galle spucken. Man höre nur, wie einer der Artikel überschrieben ist: „Der Da Vinci Kot". Warum soviel Schaum vor dem Mund?

Noch als Großinquisitor hatte der jetzige Papst bereits das Buch verurteilt, es sage nicht die Wahrheit. Jetzt aber, da der Film droht, wird die Kampagne immer schriller. Selbst ein Presseorgan wie die ‚Süddeutsche Zeitung’, die sonst nicht so extrem kirchennah angesiedelt war, hat ihre Zeilen für religiöse Eiferer geöffnet, die ihren Kot loswerden müssen.

Selbst der famose Autor des „Kot"-Titels muß zugeben, das Buch „... ist spannend, witzig, unterhaltsam und nie langweilig. Das Buch ist zu Recht weltweit an 50 Millionen mal verkauft worden. Bessere Kurzweillesekost hat selten einen Computer verlassen." So werden denn auch wohl Hunderttausende, wenn nicht Millionen sich den Film ansehen, einschließlich des Autors dieser Zeilen, denn der Film mit Tom Hanks verspricht genauso spannend und unterhaltsam zu werden.

Was ist es also, was so viel Haßtiraden hervorruft?

Der Autor des Buches, Dan Brown, hat den Finger in einige offene Wunden der christlichen Religionen, speziell der katholischen, gelegt. Die christliche Lehre, wie wir sie kennen, ist nämlich nicht von Jesus oder seinen Jüngern oder Aposteln erfunden worden. Sie wurde vielmehr dreihundert Jahre später geboren, als sie offizielle Religion des Römischen Reiches wurde und dazu verschiedenen Ansprüchen zu genügen hatte.

Man wählte aus allen Schriften, die bis dahin über den Jesus von Nazareth überliefert waren, einige aus, die am besten paßten, ließ andere zur Seite, die diesen widersprachen. So wurde aus dem Propheten Jesus der Gott Jesus. Da aber in den Schriften Jesus sich wiederholt auf Gott im Himmel beruft, mußte die Konstruktion der Dreifaltigkeit erfunden werden. Es mußten die Traditionen anderer Religionen berücksichtigt werden, in denen es immer auch mindestens eine Göttin gab. So verklärte man Jesus Mutter zur Gottesmutter, die ohne Erbsünde geboren wurde.

Als Gott durfte Jesus auch nicht mehr verheiratet sein und keine Kinder gehabt haben, also eliminierte man alle Schriften, in denen dies erwähnt wird, aus der Anzahl, die der „Heiligen Schrift" zugeordnet wurden. Eine durchaus irdische Auswahl.

Dan Brown erinnert an diese Manipulationen, die praktisch alle wesentlichen Grundlagen des christlichen Glaubens erst erschaffen haben. Er läßt Maria Magdalena Jesus Frau sein und beide eine Tochter haben. Er läßt Leonardo da Vinci an diese Geschichte glauben und interpretiert in das berühmte Abendmahl-Gemälde hinein, er habe dies versteckt, aber ebenso deutlich damit ausdrücken wollen.

Unwichtig, ob das tatsächlich so ist (die Argumente sind allerdings ganz schon überzeugend). Wichtig aber, daß er damit auf eine schwärende Wunde hinweist, die Grundlagen des christlichen Glaubens betreffend.

Dan Browns Theorien mögen falsch und widerlegbar sein, nur ist es auch die Grundstory der christlichen Lehre. Deshalb sind die Reaktionen so harsch. Man muß darauf bestehen, daß die eigene Version die einzig richtige ist, die göttliche. Wer Versionen aufbringt, die man zurückgewiesen hat, ja überhaupt den Gedanken aufkommen läßt, es gäbe Versionen über Jesus, der rührt an Unberührbares und muß ausgetrieben werden wie der Leibhaftige.

Da nimmt man denn schon mal zu etwas handfesten Worten Zuflucht. Da ist nicht nur der Kot. Man schreibt auch: „In seinem Bestseller ‚Sakrileg’ verkauft Dan Brown Halbwahrheiten als historische Tatsachen." „Der Thriller verknüpft geschickt Verschwörungstheorien und Legenden." „...die kunstvoll aufgeschäumte These ..." „...nicht der geringste Hinweis auf solches Zeug ...." „...synthetisch erzeugte Welle der Aufregung ...". Die „...Thesen seien so absurd wie die Behauptung, dass die Erde eine Scheibe sei..." „Fiktion" „...zugehe wie bei Hempels unterm Sofa..." „...synthetisch stilisierte Skandalisierung..." „...ein Sakrileg an der Literatur...". Alles Zitate aus zwei Artikeln der „Süddeutschen", der eine, mit dem Kot im Titel, vom 15. Mai - rechtzeitig zur Filmpremiere - der andere schon zwei Wochen vorher, von einem gewissen Titus Arnu, mit dem ironischen Titel „Der eilige Gral".

Nun kann man natürlich den Katholiken, oder auch anderen Christen, nicht übel nehmen, daß sie ihre Glaubenssätze verteidigen. Aber muß man dazu so erregt schimpfen? Man bekommt den Eindruck, sie sind deshalb so aufgeregt, weil sie ihre Thesen genauso wenig beweisen können wie Dan Brown seine. Deshalb braucht man ja einen unfehlbaren Papst, damit ist dann alles bewiesen.

Immerhin ist es interessant, daß man sich dabei u.a. ausgerechnet auf die Story bezieht, daß es Leute gab, die fest und steif behaupteten, daß die Erde eine Scheibe sei und jeder, der anderes sage, der heiligen Inquisition ausgeliefert werden müsse. Wenn jemand, der so etwas in der Geschichte hat, die er verteidigt und jetzt ausgerechnet dieses Beispiel nimmt, um einen anderen unglaubwürdig zu machen, so wird die Ironie ungewollt und daher umso ironischer.

Da kommt es dann auch schon vor, daß man sich ein wenig vergaloppiert in der frenetischen Sicherheit, die man als Gläubiger hat. So lastet Titus Arnu Dan Brown an, daß er sagt, die Schriftrollen vom Toten Meer hätten andere Stories über Jesus beinhaltet und es hätte viel mehr als die vier Evangelien über Jesus gegeben. Sei nicht wahr, die Schriftrollen vom Toten Meer hätten überhaupt keinen Inhalt über Jesus. Da ist es natürlich peinlich, daß kurz nach dem Artikel die Geschichte mit dem „Judas-Evangelium", gefunden auf einer der Schriftrollen vom Toten Meer, in allen Zeitungen steht, wo eine andere Version über den angeblichen Verrat von Judas an Jesus erzählt wird. Dann muß man auch noch zugeben, daß es wirklich viel mehr Evangelien gab als die vier, die man verwendete, um die Story im richtigen Bild zu haben, nämlich 17.

So wird dann der Ankläger entlarvt: Es hatte Recht der Angeklagte, in diesem Fall Dan Brown.

Wenn wir uns also den Film ansehen, werden wir die Story mit aller Skepsis aufnehmen, so wie wir es mit der christlichen tun.



Link zum Originalartikel hier

Buchrezension - Asoziale Marktwirtschaft

Subventionen, Subventionen - Wer hat, dem wird gegeben

Von Karl Weiss

Dieser Artikel erschien am 31. Mai 2006 in der "Berliner Umschau".

„Subventionsabbau" ist immer eine der wichtigsten Forderungen des Bundesverbandes der Industrie (BDI), wenn er mal wieder „Reformen", sprich Streichen beim kleinen Mann fordert. Da ist es besonders interessant, wie genau diese Industrie, die dort vertreten wird, in Unmengen von Geld watet, wenn es um Subventionen geht.

Die beiden Autoren Hans Weiss und Ernst Schmiederer haben das Buch „Asoziale Marktwirtschaft" geschrieben, das bei Kiepenheuer + Witsch erschienen ist. Dort werden zahllose recherchierten Fälle von Millionensubventionen an Konzerne aufgedeckt, u.a. solche, bei denen die EU involviert ist.

Hier einige Beispiele aus der Pressepräsentation des Buches:

„Beispiel Nummer 1. Die Bayerischen Motorenwerke wollen eine ihrer Fabriken modernisieren. Um zu entscheiden, in welches man die dafür vorgesehene Summe investieren soll, läßt BMW erheben, wo die größten Zuschüsse spendiert würden. Österreich bietet 37,2 Millionen Euro an staatlichen Beihilfen. Damit macht die BMW-Fabrik im oberösterreichischen Steyr das Rennen.

Nun wird die EU-Kommission mit der Sache befaßt: Sie prüft, ob die Fördermittel mit den europäischen Richtlinien in Einklang stehen. Im Mai 2003 kommt die Kommission zu folgender Entscheidung: Österreich darf BMW mit 29,9 Millionen Euro fördern. (...)

BMW weiß aus langjähriger Erfahrung, wie man zu Subventionen kommt. Bereits Mitte der neunziger Jahre hatte der bayerische Autokonzern von den Österreichern umgerechnet 33 Millionen Euro Subventionen für sein Werk in Steyr erhalten. (...)

Und Ende des Jahres 2002 erlaubte die EU, daß BMW für sein neues Werk in Leipzig mit 361 Millionen Euro von Bund und Land gefördert wird.

Das Beispiel BMW zeigt auch, daß in der Regel nicht etwa arme Firmen, sondern hoch profitable Konzerne gefördert werden. Die Gewinne können sich sehen lassen:

2001: 3,2 Milliarden Euro
2002: 3,3 Milliarden Euro
2003: 3,2 Milliarden Euro"

„Beispiel Nummer 2. Auch der zweitgrößte deutsche Autokonzern - Volkswagen - ist ein ausgebuffter Spieler in Sachen Subvention: Für den Bau einer Fabrik in Chemnitz erhielt VW 1994 von der Bundesrepublik staatliche Subventionen in der Höhe von umgerechnet 286 Millionen Euro. Zwei Jahre später legte man noch einmal fast 270 Millionen drauf - als Ausgleich für regionale Nachteile. (...)

Für die Fabrik in Dresden hatte Volkswagen im Jahr 2001 von der EU bereits die Erlaubnis erhalten, 70 Millionen Euro Subventionen einzustreichen. (...) Außerdem kassiert VW regelmäßig auch in anderen europäischen Ländern. 2003 genehmigte die EU 15 Millionen Euro aus regionalen Fördertöpfen für eine Investition im spanischen VW-Werk Navarro bei Pamplona. Und in der österreichischen Stadt Graz darf VW 10 Millionen Euro kassieren. (...)"

„Fast endlos könnte man diese Subventionsliste fortsetzen.

Mit Infineon etwa: Mehr als eine Milliarde Euro an Steuergeldern hat der von Siemens abgespaltene Chip-Konzern für seine Fabrik in Dresden kassiert. Um dann mit der Abwanderung des Unternehmens in die steuergünstige Schweiz zu drohen. Im österreichischen Bundesland Kärnten hat Infineon in den vergangenen Jahren 14 Millionen Euro von Bund und Land erhalten, und in Portugal genehmigte die EU Anfang des Jahres 2004 eine staatliche Finanzspritze von 41 Millionen.

Oder mit Degussa: Die Spezialchemie-Gruppe hat für ihr Werk in Radebeul bei Dresden Mitte der neunziger Jahre rund 70 Millionen Euro Subventionen bekommen, um Standort und Arbeitsplätze zu erhalten."

„Mit 13 Milliarden Euro hat Deutschland (...) den größten Brocken [an Subventionen für die Konzerne] vergeben. Es folgen Frankreich (10 Milliarden Euro) und Italien (6 Milliarden Euro).

Zusätzlich zu all diesen einzelstaatlichen Fördertöpfen stellt Brüssel noch Jahr für Jahr ein eigenes Subventionspaket im Umfang von fast 100 Milliarden Euro bereit."

„Der Brüsseler Etat besteht zu 95 Prozent aus Subventionen."

In einem anderen Teil des Buches wird geschildert, wie es bei der Abwicklung der DDR zuging. Ein „Eingeweihter" berichtet, wie man es damals machte:

„Versetzen wir uns zurück in die Jahre 1993 bis 1995. Wir, Sie und ich, haben einen guten Namen, ein gutes Auftreten, ein paar gute Ideen. Wir sitzen an einem Biertisch und planen die Gründung einer GmbH. (...) Wir siedeln unsere Firma in Halle an, um dort ein größeres Industrieunternehmen zu übernehmen. Das ist im Metallbereich tätig, hat zu dieser Zeit noch 2.800 Mitarbeiter, die alle um ihre Zukunft fürchten. (...)

Wir überlegen: Was könnten wir da machen? Wir erstellen in einer Stunde ein schönes Unternehmenskonzept und unterbreiten es einigen Politikern. Dann melden wir uns bei der Treuhandanstalt und kümmern uns um Landesfördermittel. (...)

Ich garantiere Ihnen, daß es nicht lange dauert, bis sich jemand bei uns meldet und sagt: Schön, Sie kriegen das Unternehmen. Weil alles so kaputt ist, zahlen Sie 1 DM, dafür kriegen Sie alles inklusive der Liegenschaften. Obendrein bekommen Sie 120 Millionen DM Zuschuß. Dafür unterschreiben Sie folgenden Vertrag: Wenn Sie es nicht schaffen, in zwei Jahren mindestens zehn Prozent der Mitarbeiter dauerhaft zu beschäftigen, dann zahlen Sie eine Strafe von zehn Millionen Mark.

(...) Wir sind nun reich. (...) Wir wollen das Unternehmen ja retten. Wir machen also eine Betriebsversammlung. Dort sind wir wirklich leidenschaftlich, es geht uns schließlich um die Menschen, um den Standort, um das Land.

Wir verkünden auf der Betriebsversammlung, daß wir jetzt in Dubai nach Partnern, nach Geldgebern für die Restrukturierungs-Maßnahmen suchen werden. Wir fahren nach Dubai - und machen in Wirklichkeit einfach ein paar Tage Urlaub, schließlich waren die vergangenen Wochen sehr anstrengend. Wir kommen zurück. Und sind geknickt: Es sei alles sehr, sehr schwer, erklären wir öffentlich. Irgendwann rücken wir ganz damit heraus: Es ist entsetzlich, es ist grauenhaft, aber niemand will im Osten investieren, keiner hat Vertrauen, keiner nimmt das ernst, keiner will hier rein. Es tut uns Leid, aber so schaffen wir das nicht: Wir müssen das Unternehmen schließen.

Wir schließen es. Wir zahlen 10 Millionen Mark Strafe. Den Rest des Geldes [sowie die zentralen Grundstücke in Halle] behalten wir. Wir werden (...) als die großen Helden gefeiert, die sich aufgeopfert haben. Wir werden das Bundesverdienstkreuz kriegen. Wir werden geehrt, geachtet, geschätzt für unser unternehmerisches Verantwortungsgefühl.

Das ist keine Übertreibung, das hat es wirklich gegeben. Nicht einmal, nicht zweimal. Mehrfach. Das nennt man Subvention."

Diese Art von Machenschaften werden vom „Spiegel" bestätigt: „Allein in Sachsen wurden seit 1991 rund 460 Millionen Euro Fördermittel in Betriebe gesteckt, die in weiterer Folge Pleite gingen. In Brandenburg waren es 450 Millionen. Ausbezahlt wurden all diese Gelder als Investitionszulagen. Rund 90 Prozent der ostdeutschen Industrie habe solche Investitionszulagen in den letzten Jahren in Anspruch genommen, (...) Etwa 1,2 Milliarden Euro Steuergelder entgingen den öffentlichen Haushalten dadurch jährlich."

Das ganze Buch ist voll von Beispielen und belegten Ereignissen.

Wenn Sie, geneigter Leser also das nächste Mal von unseren allseits geliebten Politikern hören, die hinter diesen Machenschaften stecken, daß die öffentlichen Kassen leer sind, das keine Geld da ist für eine Kindertagesstätte, für eine Sozialticket, für den öffentlichen Nahverkehr, für eine Universität ohne Studiengebühren, dann wissen Sie, wohin die Gelder geflossen sind, die fehlen. Wenn Ihnen das nächste Mal erzählt wird, Hartz IV müsse weiter gekürzt werden, die Mehrwertsteuer müsse erhöht werden, die Renten schon wieder gekürzt, die nächste „Gesundheitsreform" angedroht wird, dann wissen Sie, an wen diese Politker die Gelder vergeben haben, die diese Löcher schufen.

Hans Weiss / Ernst Schmiederer
Asoziale Marktwirtschaft
Kiepenheuer + Witsch
Euro 19,90



Link zum Originalartikel hier

Brasilien jenseits von Fußball und Samba, Teil 4: Niemeyer wird 97 - Auf dem Höhepunkt des Schaffens

Diesen Artikel gibt es in aktualisierter Form hier: http://karlweiss.twoday.net/stories/5056403/

Wohin die Gelder 'Aufbau Ost' verschwanden

Wie ein paar deutsche Banken 200 Milliarden Euro einsteckten

Von Karl Weiss


Artikel veröffentlicht in der "Berliner Umschau" am 8. August 2006

Als letztes Jahr die 15 Jahre Währungsunion zwischen der Bundesrepublik und der in den letzten Zügen liegenden DDR gefeiert wurde, hätte jemand mit feinem Gehör auch die Sektkorken in den Vorstandsetagen einiger deutscher Großbanken knallen hören können, denn es war 15 Jahre her, daß sie eines der größten Geschäfte aller Zeiten gemacht hatten: 200 Milliarden Euro mit einem Streich.

Es hat sicherlich auch noch andere Riesengeschäfte gegeben, aber dieses war mit Sicherheit eines der größten. Die DDR-Banken, die ja als Staatsbanken in einer Planwirtschaft völlig andere Aufgaben zu erfüllen hatten als die BRD-Banken, wurden schlicht und einfach für einen Appel und ein Ei an die westdeutschen Banken verhökert. Soweit Schulden der Ostbetriebe gegenüber diesen Banken vorhanden waren, trat der westdeutsche Steuerzahler als Bürge auf.

Große Nutznießer waren unter anderem die Dresdner Bank und die Deutsche Bank, die beiden größten Privaten. Aber auch andere Banken wurden bedacht: Die Berliner Bank bekam die Berliner Stadtbank, die aus der DDR-Staatsbank hervorgegangen war, die Genossenschaftsbank West die Genossenschaftsbank Ost und die Westdeutsche Landesbank Girozentrale die Deutsche Außenhandelsbank.

Der Staat DDR hatte ja den Betrieben Gelder für ihre Investitionen zukommen lassen müssen. Das wurde formal in Form von Krediten durch die (staatseigenen) Banken getan, waren aber in Wirklichkeit Subventionen. Die DDR-Staats-Betriebe (also fast alle) mußten ja ihre Gewinne vollständig an den Staat abführen, konnten nichts in Rücklagen legen, um etwa Investitionen durchzuführen. Als nun diese Staatsbanken abgewickelt wurden, gingen diese scheinbaren Kredite als Forderungen an die DDR-Betriebe mit an die Westbanken über.

Ganz plötzlich hatten alle DDR-Staatsbetriebe riesige Schulden. Das war ja im DDR-System so nicht vorgesehen. Der Begriff Kredite für diese Gelder war fehl am Platz. Sie mußten nicht zurückgezahlt werden. Statt dessen wurden ja die gesamten Gewinne abgeführt.

Dadurch waren fast alle vorherigen DDR-Staatsbetriebe praktisch pleite. Man hatte ja keine Rücklagen, weil die Gewinne abgeführt worden waren. Plötzlich mußte man aber hohe Summen an Westbanken zurückzahlen und hohe Zinsen und Zinseszinsen begleichen, weil der Begriff Kredite so genommen worden war, wie man ihn im Westen verstand.

Man sehe sich nur einmal an, was für Geschäfte da getätigt wurden: Die Westdeutsche Landesbank Girozentrale bekam die Deutsche Außenhandelsbank für schlappe 430 Millionen Mark. Ein Schnäppchen! Mit ihr kamen nämlich Kreditforderungen an Ost-Betriebe in Höhe von etwa 7 Milliarden Mark. Das ist mehr als 16 mal so viel.

Die Berliner Bank mußte für die Berliner Stadtbank 49 Millionen Mark bezahlen. Doch der Kreditberg, der als „Bonus“ mitkam, betrug 11,5 Milliarden Mark, das ist etwa das 235-fache des Kaufpreises.

Die Genossenschaftsbank West hatte 120 Millionen für die Genossenschaftsbank Ost zu berappen, doch gleichzeitig erhielt sie Verbindlichkeiten von 15,5 Milliarden Mark, also etwa 129 mal so viel. Das sind Geschäfte, bei denen selbst erfolgsgewöhnten Bankern ein Leuchten in die Augen steigt.

Auf diese Art und Weise wurden insgesamt an die 200 Milliarden Euro (nicht Mark!) an die Banken vergeben.

Nun, mögen Sie sagen, da war ja auch ein großes Risiko drin, denn die Ostbetreieb konnten das alles ja nicht zahlen. Genau. Das wußte natürlich auch der damalige Staatssekretär im Finanzministerium, der für die Währungsunion zuständig war. Also sagte man sich, da müssen wir als Bund mit einer Kreditgarantie bürgen, denn sonst gehen ja die armen Banken pleite, wenn sie ihre Kredite nicht zurückgezahlt bekommen.

Merken Sie, worauf es hinausläuft? Genau!

Die Ostfirmen sind fast alle Pleite gegangen. Ist ja logisch, wenn sie zuerst alle Gewinne immer abführen mußten, damit Honecker seinen aufwendigen Lebensstil leben konnte und dann als Kredite zurückzahlen mußten, was man ihnen für Investitionen gegeben hatte.

Uns wurde erzählt, die Firmen im Osten seien marode bis zum geht nicht mehr gewesen. Jetzt wissen wir, was wirklich geschah. Wer am Ende alle diese „Schulden“an die Banken zahlen mußte, waren wir, der deutsche Steuerzahler.

Das alles geht übrigens aus einem Bericht des Bundesrechnungshofes hervor. Es gab schon damals auch Politiker, die vor einem solchen Vorgehen warnten, z.B. der CDU-Mann Rupert Scholz. Danach hat man nicht mehr viel von ihm gehört. Na eben. Auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat vergeblich gewarnt.

Während man uns weismachte, die Wiedervereinigung sei so teuer und wir müßten alle zum ‚Aufbau Ost’ beitragen, war es in Wirklichkeit der Profit-Aufbau von West-Banken, wohin wesentliche Teile der Gelder flossen.

Ach so, es wurde noch nicht gesagt, wer denn der Staatassekretär im Finanzministerium war, der hierfür und für die Währungsunion zuständig war. Sein Name war Horst Köhler. Kennen wir den Namen nicht irgendwoher? Richtig, das ist doch der Bundespräsident.

Nun weiß man, warum die Banken dafür sorgten, daß er zunächst Präsident des Internationalen Währungsfonds und später Bundespräsident wurde. Man muß sich schließlich für 200 Milliarden Euro dankbar zeigen.

Wenn Ihnen demnächst wieder erklärt wird, es sei keine Geld da und es müsse gespart werden, dann fragen Sie doch einmal nach den 200 Milliarden Euro, die aus unseren Steuergeldern den Banken in den Rachen geschoben wurden.


Link zum Originalartikel hier

Karl Weiss - Journalismus

Bürger-Journalist - Nachrichten-, Politik-, Brasilien- und Bilder-Blog

Artikel und Dossier der Woche

Artikel der Woche "Der Crash der Weltwirtschaft ist unvermeidlich" Der Kapitalismus hat keine Zukunft

Dossier der Woche "Dossier Totale Kreislaufwirtschaft 1 Synthesis - Es ist längst möglich" Nur die Kreislaufwirtschaft kann die Zukunft der Menschheit retten

Willkommen / Impressum

Willkommen im Weblog Karl Weiss - Journalismus.
Er enthält im wesentlichen meine Artikel, z.T erstveröffentlicht, z.T. bereits vorher erschienen und soll den Lesern auch meine (und Elmars) älteren Artikel zugänglich machen, meistens aus der "Berliner Umschau" (Link hier unten). Alle sind aufgefordert, Kommentare, Kritiken, Anregungen zu schreiben.
IMPRESSUM
Ich bin zu erreichen über berliner_umschau@ yahoo.de
Die Adresse ist Gaudystr.6, 10437 Berlin, Tel./Fax: 030/4771591
Ich wünsche also allen (und mir) viel Spaß (und Ernst) mit diesem Blog.
Karl Weiss, Belo Horizonte, Brasilien

Suche

 

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Beiträge

Das gute Leben
Lieber Karl erstmal vielen Dank, dass du dich immer...
geheimrätin - 7. Dez, 16:35
Dossier Klimakatastrophe
Ende der Menschheit, wie wir sie kennen – 10...
Karl Weiss - 7. Dez, 14:34
11. September: Verdacht...
Die Aussage des Agenten Samit im Moussaoui-Prozeß Von...
Karl Weiss - 5. Dez, 15:49
Ob die Israelis noch...
Seht euch Zimbabwe an! Von Karl Weiss 8. Artikel...
Karl Weiss - 4. Dez, 13:24
Falsche Adresse
Hallo Baria, Immer langsam mit die junge Pferde! Noch...
Karl Weiss - 4. Dez, 13:06

Status

Online seit 1260 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 7. Dez, 16:35

Credits

Knallgrau New Media Solutions - Web Agentur für neue Medien

powered by Antville powered by Helma


xml version of this page

twoday.net AGB

Archiv

August 2006
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 
 1 
 3 
13
14
16
17
22
26
27
28
30
 
 
 
 

Alle Links in Popups öffnen

alle Links auf der aktuellen Seite in einem neuen Fenster öffnen 

Zufallsbild

Bravo - Stellung4

kostenloser Counter

Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de