Samstag, 12. August 2006

Büchse der Pandora offen

Neue Regeln? - Gut, machen wir Krieg!

Von Karl Weiss


Artikel heute veröffentlicht in der "Berliner Umschau"


Die Menschheit rutscht langsam in den Dritten Weltkrieg und man merkt es kaum. Die Büchse der Pandora wurde geöffnet. Nachdem nun allen Ländern ausführlich vorgemacht wurde, daß man beliebig Nachbar- und andere Staaten angreifen kann, ohne dafür verurteilt oder bestraft zu werden (irgendwelche Vorwände finden sich ja immer), beginnen sich allenthalben die Konfliktpunkte in Kriege umzuwandeln.

Während im Januar/Februar 1991 noch ein kleiner Staat, der einen anderen, noch kleineren Staat angegriffen und besetzt hatte (Irak- Kuwait), heftig bestraft wurde (inzwischen weiß man, daß die Gründe ganz andere waren), begannen danach die Regeln zu verwischen, die Standards interpretierbar zu werden, was sich vor allem zeigte, als es plötzlich akzeptabel war, daß sich Teile Jugoslawiens einfach unabhängig erklärten, ohne darüber mit der Zentralregierung Einigung zu suchen.

Deutschland unter Außenminister Genscher war jeweils das erste Land, das Kroatien, Slowenien und Bosnien anerkannte, alle Regeln internationaler Diplomatie brechend.

Danach kam der Krieg gegen Rest-Jugoslawien wegen des Kosovo, dann der 11. September. George W. Bush erklärte den „New War“. Alle Nato-Staaten erklärten sich im Kriegszustand und sind es noch heute, ohne zu merken (wirklich?), was sie damit anstellten.

Waren vorher, während der Zeit des „Kalten Krieges“, jegliche Überfälle auf andere Staaten (mit Ausnahme natürlich jene der zwei damaligen Supermächte), jegliche Unabhängigkeitserklärungen von Teilen souveräner Staaten absolut verboten und Ziel massiver Eingriffe, waren nun alle Regeln geändert.

Das nächste Ziel war Afghanistan – da machte man sich nicht einmal die Mühe, wirklich plausible Begründungen zu finden, man marschierte einfach ein.

Als dann auch der Irak überrollt wurde und von der US-Regierung und seinen (abbröckelnden) Willigen zu einer Kolonie gemacht wurde, begannen alle Dämme zu brechen.

Zu diesem Zeitpunkt hatten sich bereits vier Teilstaaten von Post-SU-Ländern für unabhängig erklärt: Abchasien und Südossetien (von Georgien), Berg-Karabach (von Aserbeidschan) und Transnistrien (von Moldawien). Das schwelt vor sich hin. In diesem Fall gilt plötzlich nicht mehr die „Genscher-Doktrin“, daß Abspaltungen anerkannt werden sollen, wenn es Mehrheitsentscheidungen in überwachten Volksentscheiden gegeben habe.

In Afrika gibt es wegen der willkürlichen Grenzziehungen der früheren Kolonialmächte sowieso ein riesiges diesbezügliches Konfliktpotential.

Das Ganze begann sich langsam in den Köpfen von Tausenden von Politikern in Konfliktregionen zu klären: „Die Regeln wurden geändert. Das gilt auch für uns. Auf gehts, machen wir Krieg!“

Als die USA dann die Israelis in den Libanon marschieren ließen, war endgültig klar: Jetzt gibts kein Halten mehr. Als erstes marschierte Äthiopien in Somalia ein, wenn auch noch nicht mit der ganzen Truppenmacht. Auch im Süd-Sudan gibt es Kämpfe. Angesichts des Hauptinteresses für den Libanon blieben diese Dinge fast unbeachtet.

Der Nächste war die Türkei: Man begann Truppen an der Grenze zum Irak zusammenzuziehen und seit Beginn des Libanon-Kriegs begannen Übergriffe auf irakisches (kurdisches) Staatsgebiet, die von der Öffentlichkeit ebenfalls kaum zur Kenntnis genommen wurden.

Dann der Iran. Ganz offen und ungehindert unternimmt man Luftangriffe im Nachbarland Irak (kurdischer Teil).

In dem Maße, wie sich der Libanon-Krieg zu einem Flächenbrand im ganzen Nahen Osten ausweiten könnte, würde man mit Sicherheit die nächsten militärischen Abenteuer erwarten können. Daß er das tun wird, ist angesichts der Bedingungen („Neuer Naher Osten“, vollständiges Besiegen und Entwaffnen der Hisbollah), die durch die US-Regierung für einen Waffenstillstand gestellt wurde, praktisch nicht mehr abzuwenden – es sei denn, diese Bedingungen werden fallengelassen.

Hat nicht Aserbeidschan schon mehrfach angekündigt, Berg-Karabach müsse wieder dem Staatsverband einverleibt werden? Das würde Krieg mit Armenien bedeuten.

Man könnte sich aber auch in eine andere Richtung bewegen und sich des Schicksals der armen unterdrückten Aserbeidschaner im Iran annehmen. Da gäbe es gewiß bestimmte Nationen, die das aus vollem Herzen unterstützen würden.

Aber es gibt noch so viele andere Stellen, die der neuen Doktrin der gewaltsamen Konfliktlösung aufgeschlossen sein könnten. Auf Zypern steht zum Beispiel noch ein ungelöstes Problem an, das auch zum Krieg Türkei-Griechenland führen könnte.

Griechenland hat außerdem noch ein Hühnchen mit Mazedonien zu rupfen, Albanien könnte den Kosovo gleich einverleiben, was dann wohl Serbien auf den Plan ruft.

Der serbische Teil Bosniens steht auch noch an, nicht?

Ganz zu schweigen von wichtigen ungelösten Problemen zwischen Ungarn und Rumänien. Es gibt auch noch eine ungarische Minderheit in einem Eck Serbiens, die müßte sich doch auch noch unabhängig erklären, oder nicht?

Polen hat mit Weißrußland einen Gebietskonflikt, die Situation in der Ukraine schreit nach einer Trennung in Ost und West und daß Tschetschenien nicht bei Rußland bleiben will, weiß man ja nun.

Oder sehen Sie nach Spanien. Ein weites Feld! Und Großbritannien – ja, ist das zuzumuten, daß weiterhin Schottland, Wales und Nordirland besetzt sind?

Oder stellen Sie sich einmal vor, Deutschland würde anfangen. Muß nicht endlich das Sudetenland „heim ins Reich“ – und wie ist es mit Österreich? Dann gibt es da noch eindeutig deutsche Gebiete in Polen, nicht wahr? Die unterdrückten Deutschen in Dänemark müssen endlich befreit werden, was dann dazu führt, daß die Dänen die unterdrückten Dänen in Deutschland befreien müssen. Und was ist mit Südtirol, hä? Und Ostpreußen? War nicht Elsaß-Lothringen auch deutsch? Dann haben wir da noch eine Rechnung mit den Niederlanden offen wegen einer Spucke auf „uns Rudi“ bei der WM 90 und – und – und ...

Nun, so werden Sie sagen, wird es aber absurd! Wird es? Oder war es das schon?

Wenn die Libanonoffensive jetzt so ausgeweitet wird, daß Syrien zum Eingreifen gezwungen ist und dann der Beistandspakt mit dem Iran greift, und der Iran in den Krieg eingreift, wenn dann der Iran von US-Truppen angegriffen wird – wäre das nicht absurd?

So absurd wie das Szenario da oben?

Davon sind wir keineswegs weit entfernt. Rußland sah sich schon veranlaßt, Syrien zu bitten, einen eventuellen Vergeltungsschlag auf Israel nicht mit russischen Raketen durchzuführen. Warum hat man wohl solche Besorgnisse?

Türkische Truppen stehen in irakischen Gebiet und überfliegen es. Jetzt. Heute.

Iranische Flugzeuge greifen irakisches Gebiet an. Jetzt. Heute.

Äthiopische Truppen sind in Somalia. Jetzt. Heute.

Israelische Truppen stehen im Gaza-Streifen und Ramallah.

Israelische Truppen strömen in den Libanon.

US-, Deutsche und viele andere Truppen in Afghanistan.

US- und britische Truppen im Irak.

Absurd, nicht?

Die Regeln wurden geändert! Machen wir Krieg!


Link zum Originalartikel hier

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