Brasilien

Montag, 5. Oktober 2009

Olympische Spiele nach Rio de Janeiro

2016 zum ersten Mal in Südamerika

Von Karl Weiss

„Ein kleiner Schritt für das IOC, aber ein gewaltiger Sprung für die Menschheit“: Rio de Janeiro wurde als Ausrichter der Olympischen Spiele im Jahre 2016 gewählt. Erst zum zweiten Mal in der Geschichte der Olympischen Spiele der Neuzeit wurden sie an ein Entwicklungsland vergeben (nach Mexiko Stadt 1968), zum ersten Mal an eine Stadt in den Tropen und zum ersten Mal an eine Stadt in Südamerika. Rio de Janeiro und ganz Brasilien jubeln.

Rio de Janeiro, Zuckerhut und Corcovado von Niteroi aus

Als vor zwei Jahren die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 an Brasilien vergeben wurde, war der Jubel hier sehr gedämpft. Zum einen gab es überhaupt keinen Gegenkandidaten und die Wahl war eigentlich bereits vorher entschieden, aber zum anderen war es eben sowieso Tradition, dass die WM abwechselnd in Europa und Amerika ausgetragen wird, nur unterbrochen von der WM 2002 in Japan und Südkorea und nun nächstes Jahr von der in Südafrika. Im Fußball kommen ja die führenden Nationen aus Europa und Südamerika. Es gab bereits zweimal eine WM in Mexiko, eine in Argentinien, eine in Brasilien, eine in Chile und eine (die erste) in Uruguay.

Mit den olympischen Spielen war dies immer ganz anders. Sie waren von Anfang an eine fast reine Elite-Veranstaltung, nur vorgesehen für den Teil der Menschheit, der reicher ist, weil man Jahrhunderte lang die anderen Länder ausgebeutet hat (und dies weiterhin tut). Sie waren von Anfang an fast ausschließlich als Leuchtzeichen des höheren Ruhmes jener Länder vorgesehen, die sich als „natürlich überlegen“ ansehen und die überwiegend von Menschen der angeblich weißen Rasse bewohnt sind, wobei man Japan (Tokio 1964) und dann später Süd-Korea (1988 Seoul) noch gnädig in diesen Klub aufnahm.

Brasilien (topographisch)

Zwar war die Vergabe an China für die Spiele im letzten Jahr schon eine Neuerung, aber China kann eben heute nicht mehr wirklich als ein Entwicklungsland angesehen werden. Außerdem macht die chinesische Bevölkerung inzwischen einen so großen Teil der Menschheit aus, dass man dies Land wirklich nicht mehr beiseite lassen konnte.

Auch war nicht zu vermeiden, dass sich immer mehr Sportler aus „exotischen“ Ländern beteiligten, wenn auch in der Regel unter ‚ferner liefen’. Ja, man war auch keineswegs abgeneigt, in Länder zu gehen mit den Olympischen Spielen, die weit von den „weißen Zentren“ entfernt liegen (von Europa und den USA), aber eben nur dann, wenn die oben erwähnten Kriterien erfüllt sind: Bereits zwei Mal wurden die Spiele nach Australien vergeben, Melbourne 1956 und Sydney 2000. Demnächst wäre wohl Neuseeland drangekommen.

Rio de Janeiro Botanischer Garten 1

Aber allein die Vorstellung, so etwas glorreiches wie die Olympischen Spiele könnten ihren Namen beschmutzt sehen durch Veranstaltungsorte wie, sagen wir, Lagos, Jakarta, Kairo oder eben Rio de Janeiro (es sind hier Haupt- bzw. große Städte einiger der bevölkerungsreichsten Länder der Erde aufgezählt), lässt einen schon schaudern.

Nun aber wurde das Tabu gebrochen. Es wird wieder – nach 48 Jahren - Olympische Spiele in einem Entwicklungsland geben, noch dazu in einem mit einer Bevölkerungsmehrheit dunkler Hautfarbe.

Natürlich ist es kein Zufall, dass ausgerechnet Rio de Janeiro diesen Durchbruch schaffte. Zum einen wurden alle IOC-Mitglieder dorthin eingeladen und durften einen Rundflug über den landschaftlichen Schönheiten der Stadt am Meer machen. Rio dürfte wohl die landschaftlich schönst gelegene Stadt der Erde sein. Man brachte die IOC-Mitglieder in einem Hotel direkt am Strand Copacabana unter, was typischerweise eine aphrodisische Wirkung auf den normalen Mitteleuropäer hat (der Bürgerjournalist weiß, wovon er spricht).

Karneval in Rio 2009 - 8

Und dann, der Kongress der Auswahl in Kopenhagen: Rio de Janeiro war zusammen mit Chicago, Tokio und Madrid in die Ausscheidung gekommen. Als bekannt wurde, dass Präsident Obama und Ophrah Winfrey sich persönlich nach Kopenhagen bemühten, um für Chicago zu werben, war allgemein klar, wer gewinnen würde – zumal beim letzten Mal – welche Überraschung – London gewählt worden war, das nun bereits zum dritten Mal Olympische Spiele austragen wird. Die „Süddeutsche“ hatte am Tag der Entscheidung (2.10.) bereits einen Artikel mit einem Bild von Obama online, der auf die Wahl aufmerksam machte und die Favoritenstellung Chicagos hervorhob. Als dann Rio als Sieger bekannt gegeben wurde, brauchte man zwei Stunden, um mehr als die schnöde Entscheidung ins Internet zu stellen.

Sowohl in der Berichterstattung über die Kandidaten als auch in jener nach dem Sieg Rios wird immer wieder hervorgehoben, dass es Slums (hier Favelas genannt) in Rio gibt und dass diese im Bewerbungsfilm nicht gezeigt wurden. Ebenso wird auf die hohe Kriminalität in Brasilien hingewiesen.

Karneval in Rio 2009 - 7

Urkomischerweise war von alledem nicht die Rede, wenn Chicago vorgestellt wurde. Der Bürgerjournalist hat bereits in Chicago und in Rio gewohnt und kann dem Beobachter versichern: Der Anteil von Slum-Vierteln am Stadtgebiet von Chicago ist mindestens so groß wie in Rio de Janeiro (was unter anderem damit zusammenhängt, dass die Mittelklasse dort in einem Ring kleinerer Städte außen herum wohnt), ja, Süd-Chicago ist als schwarzes und Slum-Viertel berühmt. Die Kriminalität, auch das kann versichert werden, ist extrem hoch, was schon dazu geführt hat, dass fast 1% der US-Bürger in Gefängnissen sind. In vielen Jahren in Brasilien wurde der Bürgerjournalist nie überfallen, wurde aber in den USA bei weit kürzerem Aufenthalt bereits mit einem bewaffneten Raubüberfall überzogen. Und nun raten Sie einmal, ob Chicago Slums in seinem Bewerbungsfilm gezeigt hat.

Kurz: Die „Sonderbehandlung“, mit der „Qualitäts“-Medien die Entwicklungsländer behandeln, wird auch in diesem Moment deutlich, in dem sie gerade ein Stück weit überwunden wird.

Karneval Rio 2009 24

Übrigens haben Chicago und Rio de Janeiro auch noch eine andere negative Parallele: Beide Städte haben fast keine Kläranlage für die Abwässer. Rio leitet die Abwässer fast vollständig in die Guanabara-Bucht, die Teil des Stadtgebiets ist und dadurch an vielen Stellen schon schwarz und stinkend geworden ist. Man hat aber zugesichert, dies würde bis 2016 überwunden sein. Das wird auch nötig sein, denn in dieser Bucht sollen die Segelwettbewerbe stattfinden. Chicago hat mit einem Trick verhindert, dass der große Michigan-See, an dem die Stadt liegt, das gleiche Schicksal erfährt: Der Ausfluss des Chicago-Rivers, der genau durch das Zentrum der Stadt fließt, in den See wurde mit doppelten Sperrwerken geblockt und man grub einen Verbindungskanal ins Binnenland bis zum Mississippi, in den nun die Wasser des Flusses und die Abwässer Chicagos fließen. Die Anlieger des Mississippi danken es.

Augenzeugen aus Kopenhagen berichten, die Wahl sei aber nicht zuletzt durch den brasilianischen Präsidenten Lula entschieden worden, der eine überzeugende Rede zu Gunsten Rios hielt, die „Süddeutsche“ hält die Rede sogar für „begeisternd“. Sie soll deutlich besser als die Obamas gewesen sein. Und Obama wurde bereits als der beste Redner seit Menschengedenken bezeichnet. Auch der weltweit geschätzte Pelé hatte sich intensiv und bei allen IOC-Mitgliedern für Rio eingesetzt und weinte ebenso wie Lula vor Freude, nachdem die Entscheidung bekannt gegeben war (in Brasilien dürfen Männer weinen - wie wärs, wenn wir das auch einmal einführten).

Karneval in Rio 2009 - 6

Präsident Lula dürfe nun in seiner Popularität neue Rekorde erreichen. Die Letzte Zahl war 84% Zustimmung, das ist die höchste Zustimmung, die je von einem Meinungsbefragungsinstitut in irgendeinem Land für den Regierungschef ermittelt wurde.

Auch aus Argentinien und anderen Südamerikanischen Ländern wurde Begeisterung gemeldet. Ebenso haben einige afrikanische Länder besonders herzlich gratuliert. Das Signal ist angekommen. Lula drückte das so aus: „Nun sind wir auch Erdenbürger 1. Klasse.“

Corcovado von Botafogo aus

Zweifellos wird es bei den Olympischen Spielen 2016 einige Pannen geben – so wie meist bei einem so großen Sportereignis. Aber Rio wird mit Sicherheit nicht den Rekord an schlechter Organisation übertreffen, den Atlanta 1996 aufstellte.


Veröffentlicht am 5. Oktober 2009 in der Berliner Umschau

In derOriginalveröffentlichung http://www.berlinerumschau.com/index.php?set_language=de&cccpage=05102009ArtikelSportWeiss
sind auch zwei offizielle Videos der Bewerbung Rios eingestellt. Die erste ist der offizielle Bewerbungsfilm und die zweite ein Darstellung, wie Rio die Atlethen und Besucher aus allen Ländern empfangen will.

Zusatz zum Artikel

Hier in Brasilien wird in Zeitungen und im Fernsehen kolportiert, die eigentlich aussichtsreichste Kandidatur Chikagos sei gescheitert an den Einreise-Komplikationen und -sperren in de USA.

Die IOC-Mitglieder hätten am eigenen Leib gespürt, dass die Einreise mit dem Flugzeug zu stundenlangen Wartezeiten und Prozeduren führt, dass auch intimste, persönliche Dinge preisgegeben werden müssen, dass man mit Röntgenstrahlen durchleuchtet wird, die einen nackt am Bildschirm zeigen, dass man gar nicht ins Flugzeug kommt, wenn man nicht wusste, dass man mehrere Tage zuvor eine Erklärung abgeben muss, dass für fast alle Besucher aus dem Ausland Visa-Pflicht gilt, dass diese Visa oft ohne Angabe von Gründen verweigert werden, dass weder für die IOC-Mitglieder selbst noch für die Athleten noch für Olympiabesucher oder Fachjournalisten Ausnahmen gemacht wurden bzw. werden sollten und dass keinerlei Zusicherungen gegeben wurden, dass Athleten aus arabischen Ländern, aus dem Iran, Afghanistan, Pakistan und einigen anderen Ländern teilnehmen können. Auch wurde keinerlei Verpflichtung übernommen, Jornalisten aus allen Ländern einreisen zu lassen.

Die Terroristen-Hysterie in den USA ist so manisch, dass nach entsprechenden Regeln praktisch keine wesentlichen Sportereignisse dort mehr stattfinden können.

Mittwoch, 9. September 2009

Brasilien wasserstoffbombenfähig?

Atomenergie-Behörde AEIA alarmiert

Von Karl Weiss

Völlig unbeachtet durch die Weltöffentlichkeit hat Brasilien aus eigener Kraft die Fähigkeit gewonnen, Atombomben und Wasserstoffbomben zu bauen. Einem Physiker ist es gelungen, die dazu nötigen Berechnungen zu entwickeln und alle Rohstoffe und Technologien hat man sowieso im Land.

Während die Weltöffentlichkeit auf Geheiß des US-Imperialismus wie gebannt nach dem Iran guckt, der nach Einschätzung der Internationalen Atom-Behörde (Atomic Energy International Agency, AEIA) überhaupt keine Kernwaffen entwickelt, hat sich still und heimlich Brasilien von hinten an den Besitz solcher Waffen herangepirscht.

Rio de Janeiro, Zuckerhut und Corcovado von Niteroi aus

Zu Zeiten des Militärregimes von US-Gnaden von 1964 bis 1988 wurde in Brasilien heftig an der eigenen Atombombe gearbeitet. Die Arbeiten waren so weit fortgeschritten, dass bereits ein mehrere hundert Meter tiefes Loch in einer abgelegenen Gegend im Norden Brasiliens gebohrt worden war, in dem die erste Versuchsexplosion stattfinden sollte. Allerdings war die ganze Technologie von den USA geliefert worden.

In der neuen Verfassung Brasiliens, nach der Militärdiktatur, die 1988 in Kraft gesetzt wurde, steht eindeutig, dass Brasilien auf atomare Bewaffnung verzichtet. Auch hat sich Brasilien zusammen mit den anderen lateinamerikanischen Ländern verpflichtet, keine Atomwaffen zu bauen.

Da es aber zwei Atomkraftwerke gibt in Brasilien und ein drittes in Bau ist und da in Brasilien recht interessante Uranvorkommen liegen, war es nur natürlich, dass man sich um eine eigene Urananreicherung gekümmert hat, was den Atomstrom extrem günstig macht. Dabei wird in Brasilien natürlich genauso wie in Deutschland einfach nicht mitgerechnet, was die sichere Aufbewahrung und Aufarbeitung der strahlenden Abfälle kostet – ganz zu schweigen von den Risiken von Unfällen.



Seit 2007 hat man nun eine eigene Urananreicherung in Resende im Bundesstaat Rio de Janeiro. Nach brasilianischen Angaben wurde dazu nicht einfach die Zentrifugentechnik von den USA gekauft, sondern man hat eine eigene Technik entwickelt, die jener der Vereinigten Staaten überlegen sein soll. Das ist auch der Grund, weswegen die Brasilianer die AEIA nicht in die Anreicherung selbst hineinlassen, denn sie sagen, fast alle Inspekteure sind US-Amerikaner und man fürchte, die USA würde dann bald heimlich die brasilianische Technik imitieren. Man sagt, man lässt die Behörde kontrollieren, was vorne reingeht und was hinten rauskommt und das würde zur Kontrolle ausreichen.

Zähneknirschend musste die USA das anerkennen, denn man wollte nicht die Aufmerksamkeit von jenem Thema abgelenkt sehen, auf das es ankam: Der Iran.

Wie baut man Atom- und Wasserstoffbomben? Das kann man in Physikbüchern nachlesen – im allgemeinen: Man reichert Uran 235 im Uran bis über 70% an, nimmt zwei Mal ein halbes Kilo davon und sprengt die beiden halben Kilos mit einer kleinen Sprengladung zusammen: Buuum. Für eine Wasserstoffbombe braucht man außen herum um die Atombombe noch eine gute Menge schweres Wasser: Ka –boom.

Nur liegt, wie meistens, das Problem im Detail. Ohne bestimmte zusätzliche Kenntnisse, die man nicht so einfach erwerben kann, funktioniert es nicht oder jedenfalls nicht kontrolliert. Diese zusätzlichen Kenntnisse nennt man die Atomgeheimnisse. Die Atommächte verpflichteten sich, diese Atomgeheimnisse geheim zu halten, an was sich die Vereinigten Staaten aber nicht hielten.

Wie im einzelnen diese Kenntnisse an die Türkei, an Pakistan, an Israel, an Nord-Korea und wahrscheinlich auch an Libyen und den Iran gelangten, darüber kann man in diesen Artikeln nachlesen: „Die Türkei-Connection, Teil 1“, „Die Türkei-Connection, Teil 2“, „Die Tinner-Connection, Teil 1“, „Die Tinner-Connection, Teil 2“.

Nun kann man diese Atomgeheimnisse natürlich auch selbst herausfinden, wie dies damals die Sowjetunion und später China fertiggebracht haben, als sie noch sozialistisch waren.

Was nun geschehen ist: In Brasilien hat man eines der wichtigsten Atomgeheimnisse selbst herausgefunden. Der Physiker Dalton Ellery Girão Barroso hat seine Doktorarbeit über das Thema „Numerische Simulation von thermonuklearen Detonationen in Hybrid-Spaltungs-/Fusions-Medien, die durch Strahlung implodieren“ gemacht und veröffentlicht. Auf dieser Grundlage hat er auch ein Buch mit dem Titel „Die Physik der Kernwaffen“ herausgebracht. Als der Inhalt des Buches, das frei zum Verkauf stand, bekannt wurde, begann das große Geschrei.

Die AEIA wurde aufmerksam und verlangte sofort die Entfernung des Buches aus dem Handel und das Vernichten aller Exemplare.

Barroso hat diese Arbeit am „Militärischen Ingenieur-Institut der Armee“ in Rio de Janeiro entwickelt. Es entstand der Verdacht, die brasilianische Armee habe ein geheimes Atomwaffenprogramm im Widerspruch zur Verfassung des Landes. Dieser Vorwurf konnte bisher weder bestätigt noch ausgeräumt werden.
Die ganze Affäre wurde zunächst geheimgehalten – sie schwelt schon seit April – kam aber dann durch eine Indiskretion an die brasilianische Zeitung ‚Journal do Brasil’. Diese Zeitung berichtet von einer Auseinandersetzung der beiden Minister Celso Amorim (Außenminister) und Nelson Jobim (Verteidigung) hierüber.

Das Verteidigungsministerium argumentiert, es handele sich um eine Arbeit der theoretischen Physik, durch keine Experimente mit strahlendem Material fundiert. Das Außenministerium muss sich den Verdächtigungen der AEIA stellen. Das Buch soll bis heute noch nicht zurückgezogen worden sein.

Nach der Veröffentlichung in der Zeitung verweigern alle Beteiligten jeglichen Kommentar. Der Physiker selbst gibt seine Meinung zum besten: „Man braucht die Bombe nicht zu bauen. Es reicht, wenn man zeigt, man kann es.“

Veröffentlicht am 8. September 2009 in der Berliner Umschau

Mittwoch, 17. Juni 2009

Jetzt hat die Regenwaldvernichtung Gesichter

Neues brasilianisches Gesetz erlaubt Abholzen und Abbrennen

Von Karl Weiss

Wenn in einigen Jahrzehnten einmal feststehen wird, dass die Zerstörung des Amazonas-Regenwaldes mit entscheidend zu der Situation beigetragen hat, die ein Überleben der Menschheit, wie wir sie kennen, unmöglich machen wird, so könnte eventuell der Juni 2009 als einer der entscheidenden Meilensteine auf diesem Weg hervorgehoben und die Namen der jetzigen Brasilianischen Präsidenten Lula und der Brasilianischen Senatorin Abreu als Hauptverantwortliche genannt werden.

Regenwald-Abholzung Brasilien

In Brasilien wird im Moment gerade ein Gesetz beraten, das allen Landbesetzern im Amazonas-Gebiet, die sich Staatsland angeeignet haben und dabei auf keinen Widerstand gestoßen sind, die Besitzrechte auf dieses Land zuschreibt und gleichzeitig bis zu 40% des Landes zum Abbrennen oder Abholzen freigibt.

Das Gesetz wurde in einer ersten Version in die beiden Kammern eingebracht und im Senat leicht verändert, aber die wichtigen Eckpunkte sind geblieben. Präsident Lula hat das Gesetz eingebracht und gleichzeitig die Vertreterin der brasilianischen herrschenden Schicht von (hauptsächlich) Großgrundbesitzern, die Senatorin Kátia Abreu, zur Sprecherin für dieses Gesetz ernannt, was in der Regel noch weitere Verschlechterungen des Gesetzestextes verursacht.

Brasilianische Senatorin Kátia Abreu

Im Amazonasgebiet sind große Teile des Landes im Staatsbesitz. Interessierte an solchen Ländereien, sei es zur Viehzucht, sei es zur Edelholzgewinnung, eignen sich solche Gebiete an und werden daran in der Regel nicht gehindert, weil die Brasilianische Bundesregierung ebenso wenig wie die Landesregierungen der Amazonas-Staaten mit Polizei oder Truppen gegen solche Inbesitznahmen vorgeht. Das hat daher eine Bedeutung, weil nach einem Brasilianischen Gesetz alle, die einen gültigen Rechtstitel auf Land im Amazonasbecken haben, das Recht haben, 40% davon abzuholzen oder abzubrennen.

Chávez und Lula
Hier sei noch angemerkt, dass Venezuela ebenfalls einen grossen Bereich von Regenwald hat, wo mit gleicher Geschwindigkeit abgeholzt und abgebrannt wird wie in Brasilien

Wird also jetzt mit dem neuen Gesetz diese illegale Inbesitznahme nachträglich legitimiert, ist eine weitere Beschleunigung der sowieso schon beängstigend schnellen Abholzung der Regenwälder im Amazonasgebiet vorgezeichnet – und vor allem dann völlig legal.

Wenn in einigen Jahrzehnten, eventuell schon im Jahr 2030, vom Amazonasregenwald nur noch unzusammenhängende Stücke vorhanden sein werden, wird auch der Rest schnell verschwinden, weil dann die vom Wald selbst verursachten häufigen Niederschläge ausbleiben werden, die ihm den Namen Regenwald gegeben haben. Innerhalb von Jahren kann das Gebiet dann zu einer Steppe bzw. Wüste werden.

Damit würde soviel zusätzliches CO2 in die Erdatmosphäre kommen, dass die schon begonnene Klimakatastrophe mit hoher Wahrscheinlichkeit unumkehrbar wäre. Damit wäre das Ende der Menschheit, wie wir sie kennen, eingeleitet.

Brasilien: Soja-Pflanzungen auf Regenwald-Gelände

Angesichts der Rolle als Einpeitscherin der Großagrarier, die hauptverantwortlich für die Regenwaldvernichtung sind, ist es zynisch, dass Frau Abreu die Regierung Lula anklagt, keine Umweltpolitik zu haben. Sie hat vollständig recht damit, kocht aber eben gerade ihre Süppchen auf diesem Fakt.

Nachdem die zuständige Ministerin Marina Silva vor wenigen Monaten spektakulär zurückgetreten war, wird nun zum zweiten Mal in kurzer Zeit deutlich: Die Regierung Lula tut in Wirklichkeit nichts gegen die Vernichtung des Regenwaldes im Amazonasgebiet, trotz gegenteiliger Beteuerungen – im Gegenteil, sie ist in diese Vernichtung selbst involviert.


Veröffentlicht am 17. Juni 2009 in der Berliner Umschau

Dienstag, 19. Mai 2009

Brasilien wird Erdöl-Nation

2009 wird voraussichtlich Rekordjahr 2008 wiederholen

Von Karl Weiss

Gerade erst am 1. Mai dieses Jahres hatte Präsident Lula in einer kleinen Feierstunde das erste Erdöl aus dem „Pre-Sal“ vor der brasilianischen Küste in die Leitung strömen lassen, schon kommt bereits die dritte Meldung über ein neu gefundenes Ölfeld in der Bucht von Santos seit Februar 2009.

Chávez und Lula

Der spanisch-argentinische Ölkonzern Repsol hat eine Anzahl von Lizenzen zur Erforschung nach Ölhaltigkeit für Gebiete vor der brasilianischen Küste erworben, die er zusammen mit der brasilianischen Petrobras und anderen betreibt. Im Februar hatte Repsol bereits Ölfunde in den Feldern „Piracucá“ und „Iguaçú“, beide vor der Küste von Santos, bekannt gegeben. Jetzt kommt der neue Fund dazu. Damit sind in den dortigen Feldern nun bereits 6 Bohrungen fündig geworden

Der neue Fund, bekannt geworden am 11. Mai, erhielt den Namen Panoramix und wurde in nur 170 Meter Wassertiefe erschlossen, was die Ausbeutung beachtlich erleichtert und mit einer fest auf dem Meeresgrund verankerten Plattform ausgebeutet werden kann. Allerdings wird dort auch nur eine Ausbeute von etwa 400.000 Kubikmetern Erdgas pro Tag und von etwa 1.500.000 Barril (Fässer) Erdöl täglich erwartet – das ist mittlere Grösse.

Brasilien hat seit letztem Jahr angefangen, auch das Erdgas aus den Ölfeldern zu nutzen und nicht mehr abzufackeln. Innerhalb der nächsten zehn Jahre soll der gesamte Bedarf von Erdgas aus eigenen Quellen gewonnen werden, was Brasilien vom bolivianischen Erdgas unabhängig macht.

Erdöl 1

Auch die im Kern bereits beschlossene, aber nie zur Realisierung gebrachte grosse Erdgasleitung von Venezuela bis in den Südosten Brasiliens (und weiter nach Argentinien) könnte überflüssig werden.

Die wirklich bedeutenden der brasilianischen Ölfunde sind allerdings die im „Pre-Sal“ („Vor Salz“). Im Geologen-Chinesisch drückt das aus: Unter dem Salz.

In verschiedenen Teilen der Weltmeere gibt es Kilometer unter dem Meeresgrund dicke Salzschichten. In vielen Fällen befinden sich noch einmal einen halben oder ein Kilometer darunter Erdölfelder. So ist es mit einer der grössten Ansammlungen von grösseren Ölfeldern, das je gefunden wurde, das sich im Abstand von über hundert Kilometer vor der brasilianischen Küste von Gebieten vor dem Staat São Paulo bis nach Norden in Gebiete vor dem Staat Bahia hinzieht. Sie liegen 5 bis 6 Kilometer unter der Wasseroberfläche und in Wassertiefen von etwa 4 Kilometer. Solche Felder waren bisher nicht zugänglich. Die in Brasilien von verschiedenen, auch ausländischen, Gruppen entwickelte Technik des Bohrens und Förderns von schwimmenden Plattformen aus macht es nun erstmals möglich, solche „Pre Sal“-Ölfelder auszubeuten.

Wirtschaftsmacht China

Es soll bis zum Jahr 2020 an etwa 15 verschiedene Stellen eine Ausbeutung dieser Ölfelder geben. Die Investitionen dafür sind gewaltig und können nicht allein von der Petrobras und dem brasilianischen Staat aufgebracht werden. Es wurden bereits Verträge über Milliarden-Investitionen mit China geschlossen, das später in Erdöl bezahlt werden soll.

Wenn all dies verwirklicht ist, kann Brasilien zu einem der ganz grossen Erdölexporteure werden, in etwa in der Grössenordnung des Iran.

Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass Brasiliens Brutto-Inlandsprodukt zu etwa 75 % aus internem Konsum besteht. Das hat auch dazu geführt, dass Brasilien weit weniger von der derzeitigen Welt-Wirtschaftskrise betroffen ist als die meisten Industrieländer. Voraussichtlich wird Brasilien im Jahr 2009 ein Null-Wachstum aufweisen. Das bedeutet aber, dass sich das Rekordjahr 2008 wiederholen wird.

Erdöl

Auch als grosser Erdölexporteur wird also Brasilien nicht zu einem extrem von Exporten abhängigen Land werden - wie Deutschland es war und deshalb jetzt besonders leidet – oder wie es andere Entwicklungsländer zu völlig vom Erdölkonsum und –preis abhängigen Nationen macht, wie Venezuela, Nigeria oder den Iran.

Im Moment muss Brasilien noch heftige Mengen von Diesel importieren, weil ein grosser Teil der in Brasilien bisher gefundenen Erdölqualitäten extrem dickflüssig ist und von brasilianischen Raffinerien nicht verarbeitet werden kann. Ausser durch den Bau einer neuen grossen Raffinerie versucht Brasilien dies Problem durch Beimischen von Biodiesel zu bekämpfen. Heute hat bereits der gesamte in Brasilien verbrauchte Diesel-Kraftstoff 5% Bio-Diesel beigemischt.

Brasilien (topographisch)

Der Export von Erdöl dagegen ist bisher nur gering, aber offiziell gilt Brasilien bereits als Erdöl-autark. In brasilianischen Reais ergibt sich aber im Moment noch ein Defizit.

Wenn Russland und/oder Italien nicht aufpassen, wird Brasilien sie im Brutto-Inlandsprodukt überholen.


Veröffentlicht am 19. Mai 2009 in der Berliner Umschau

Dienstag, 17. März 2009

Ist der Papst der Anti-Christ?

Die neuen Skandale der katholischen Kirche

Von Karl Weiss

Was sich die katholische Kirche leistet, geht nun langsam auf keine Kuhhaut mehr. Inerhalb eines Monats erscheint sie nun zum dritten Mal in den Skandal-Schlagzeilen – und das nicht, weil irgendwelche Boulevardblätter sensationalistisch aufmachen, sondern wegen eigener skandalöser Handlungen. Zuerst kam die Wiederaufnahme der Lefebre-Jünger, dann die öffentliche Exkommunikation in Brasilien wegen einer medizinisch nötigen Abtreibung an einer 9jährigen, die vergewaltigt worden war, und nun, um dem allen noch die Krone aufzusetzen, die massive Einschüchterung von Jungen, die von einem Pfarrer vergewaltigt worden waren – sie sollen ihre Aussagen zurücknehmen.

Deutschland: Köln

Die Lefebre-Gruppe hatte sich offiziell von der katholischen Kirche losgesagt, weil sie die Öffnung der katholischen Kirche zu dieser Welt, die vom 2.Vatikanischen Konzil in den 60er-Jahren beschlossen worden war, nicht mitmachen wollte. Das Symbol der Hinwendung zu den Menschen war die Messe, die nun nicht mehr in Latein und mit dem Rücken zum Volk gelesen wurde, sondern in Richtung des Volkes und in der Landessprache. Nun, wer nicht will, der hat schon. Die Lefebrianer sagten sich von der Kirche los und wurden nachträglich auch noch exkommuniziert.

Nun aber, ohne dass irgendwelche Gespräche bekannt geworden wären, ohne dass die Lefebrianer auch nur eines ihrer abtrünnigen Dogmen aufgegeben hätten, wurden sie vom Papst pauschal wieder in die Arme geschlossen und die Exkomunikation aufgehoben. Auf Anfragen hierzu reagierte der Vatikan nicht. Man stelle sich vor, wenn der Papst plötzlich den Bann gegen Luther aufhöbe und die Evangelischen wieder in der Kirche begrüsste.

Einige Antworten kamen von Lefebre-Anhängern, die alle einmütig betonten, keine ihrer Überzeugungen aufgegeben zu haben und keinerlei Zugeständnisse gemacht zu haben, um wieder in de katholische Kirche zu kommen.

Damit ist aber eines der wichtigsten Dogmen der Katholiken selbst verletzt, denn die dogmatische Einheitlichkeit ist oberstes Gebot. Keiner weiss das besser als der deutsche Papst, der ja vorher die Glaubenskongregation leitete, das ist der Job, der früher Grossinquisitor hiess. Man kann also davon ausgehen, es handelt sich um die klammheimliche Revision der Ergebnisse des 2. Vatikanischen Konzils, die ja innerhalb der Kirche Dogmen-Charakter haben. Der Papst als Häretiker der eigenen Kirche.

Aber das ist ein Problem der katholischen Kirche, nicht unseres. Was die Öffentlichkeit zu Recht vor allem beschäftigte an der Wiederaufnahme der Lefebristen, sind deren mehr oder weniger offene Beziehungen zum Faschismus und zu rechtsextremistischen Positionen, die sich an einer ihrer Führungspersonen, dem Bischof Williamson, besonders deutlich festmachen.

Zwar forderte der Papst diesen dazu auf, seine Leugnung des Genozids an den Juden durch die Hitler-Horden zu widerrufen, doch er reagierte überhaupt nicht, als dieser das ablehnte und angab, er müsse sich mit den Quellen erst erneut beschäftigen. Kurz, der Papst hat keine wirklichen Probleme mit dem Rechtsextremismus.

Das ist die Position der katholischen Kirche bereits seit dem Aufstieg des Faschismus. Da man gemeinsame Interessen hat, nämlich den Kampf gegen Sozialismus und Kommunismus, hat man ein „gutes Verhältnis“. Es ist unvergessen, wie die katholischen Bischöfe Österreichs damals zum „Ja“ zum Anschluss an Hitler-Deutschland aufriefen.

Kaum hatte sich die Empörung über diese päpstliche Entscheidung, die immerhin auch Frau Merkel zu einer Kritik veranlasste, etwas gelegt, legte die katholische Kirche nach, um nur ja nicht aus den Schlagzeilen zu verschwinden – immer nach dem Motto: Immer im Gerede bleiben kann nur nützlich sein.

Hier in Brasilien, dem grössten katholischen Land, hatte sich in der Nähe von Recife ein tragisches Verbrechen zugetragen. Ein Stiefvater hatte über Jahre hinweg die beiden Töchter der Famile missbraucht und vergewaltigt, eine davon bereits mit 5 Jahren. Nun war die zu diesem Zeitpunkt 9 Jahre alte andere Tochter schwanger geworden - und zwar mit Zwillingen. Die Ärzte stellten fest, das junge Mädchen, das 36 Kilo wog, könnte eine Zwillingsgebut schwerlich überstehen und gaben grünes Licht für eine Abtreibung (in Brasilien müssen in einem solchen Fall mehrere Ärzte zugezogen werden).

In Brasilien gibt es das absolute Verbot der Abtreibung, aber im Fall von Vergewaltigung und Lebensgefahr für die Mutter wird eine Ausnahme gemacht. So wurde also die Schwangerschaft legal unterbrochen. Das hätte keinerlei Schlagzeilen gemacht, denn es kommt öfters vor, aber dann meldete sich der katholische Bischof von Olinda und Recife zu Wort, Dom José Cardoso Sobrinho. Niemand hatte ihn zu diesem Fall befragt, aber er hatte das Bedürfnis, der Welt eine Lektion zu erteilen und verkündete im Bischofs-Ornat: Die Mutter des Mädchens und die Ärzte seien exkommuniziert, denn Abtreibung würde immer mit Exkommunikation bestraft.

Das führte allerdings nun zu einem empörten Aufschrei in Brasilien. Selbst knallharte Anhänger der katholischen Kirche sprachen von „Unverständnis“. Auch Präsident Lula, der selten die Gelegenheit zu einer populären Stellungnahme verstreichen lässt, verurteilte diese Exkommunikation. Noch empörter wurde die Reaktion, als der Bischof in einem Interview eiskalt erkärte, der Vergewaltiger, der ja verantwortlich war, werde nicht exkommniziert, denn auf die Vergewaltigung kleiner Kinder stünde nicht Exkommunikation, sehr wohl aber auf Abtreibung.

Deutlich wird, wie sehr der Bischof um das Mädchen besorgt war, als er in einem Interview deutlich machte, er wusste nicht einmal ihren Namen.

Der Kommentator eines grossen Internetportals in Brasilien empfahl der Mutter und den Ärzten sogar, eine Anzeige wegen übler Nachrede und einen Schadenersatzprozess wegen öffentlicher Verunglimpfung anzustrengen gegen den Bichof, denn interne Angelegenheiten der katholischen Kirche hätten nichts in der Öffentlichkeit zu suchen, wenn es sich nicht um kriminelle Delikte handelt.

Um das Mass voll zu machen, kam denn auch gleich der Vergleich des Holocaustes mit der Abtreibung von ihm, den wir auch in Deutschland sehr gut kennen: „Hitler wollte das jüdische Volk auslöschen und liess 6 Millionen töten. ... Und da werden wir schweigen, wenn 50 Millionen Abtreibungen in der ganzen Welt getätigt werden?“ sagte er in einem Interview mit dem Magazin „Veja“ mit Datum 18. März 2009. In diesem Interview betont er immer wieder, er habe ein gutes Gewissen, er habe völlig recht, würde alles noch einmal genauso machen und wer im Unrecht sei, wären seine Kritiker, denen er sogar pauschal unterstellt, ihn zu beleidigen. Irgendwie erinnert das an Honecker.

Er erklärte der erstaunten Welt auch, ein Mord zum Beispiel führe nicht zur Exkommunikation. Hätte also jemand das Kind oder die beiden Kinder in diesem Fall jeweils eine Minute nach ihrer Geburt ermordet, wäre er nicht exkommuniziert so wie bei der Abtreibung.

In der Sonntagsausgabe der Zeitung „Estado de Minas“ vom 15.3.09 schreibt dazu die katholische Kolumnistin Déa Januzzi in Beziehung auf die katholische Kirche und diesen Fall: „... einer Kirche, die tagtäglich unseren Glauben abtreibt, unsere Träume vergewaltigt, unsere Hoffnung exkommuniziert...“. Nachdem sie daran erinnert hat, dass der wichtigste brasilianische Bischof der Religion der Befreiung, Dom Helder Cámara, nach dem heute in jeder grösseren Stadt Brasiliens eine breite Avenida benannt ist, ebenfalls Bischof der Erzdiözese Olinda und Recife war und fragt, wo dessen Geist geblieben ist, kommt sie wieder auf die Kirche zurück: „...eine Kirche fern dem tagtäglichen Leben in unserem Land, die den Gebrauch von Präservativen verurteilt, die Pille, die Abtreibung, aber ganz natürlich die Pädophilie seiner Priester akzeptiert...“

Corcovado von Botafogo aus

Aber auch diese Nachricht war schon wieder aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit verschwunden (jedenfalls ausserhalb Brasiliens), die ja längst mit den neuesten Sensationen gefüttert wurde, wie zum Beispiel einem Amoklauf – der kurz danach auch wieder der Vergessenheit anheimfällt.

Da scheint jemand in der katholischen Kirche verzweifelt nach einem Anlass gesucht zu haben, wie man wieder ins Licht der Öffentlichkeit finden könnte. Und siehe da – man wurde fündig! Man hat ja noch die "pädophilen" Priester, an die jene Kommentatorin erinnerte.

Da gibt es den deutschen Pfarrer W., der an drei seiner Einsatzorte (zuerst in Bamberg, dann in Limburg und schlieslich im oberfränkichen Städtchen Ebersdorf) sich an Jungen herangemacht hatte. In Ebersdorf konnte ihm die Vergewaltigung in insgesamt 13 Fällen von Sebastian Cionoiu, damals 8 Jahr alt, und zwei weiteren Jungen nachgewiesen werden, der älteste elf Jahr alt.

Die katholische Kirche zieht Pfarrer, denen „pädophile Neigungen“ zugesprochen werden, nicht aus dem öffentlichen Verkehr, sondern versetzt sie einfach in eine andere Diözese.

Pfarrer W. wurde zu zwei Jahren Gefängnis auf Bewährung verurteilt. Die katholische Kirche bezahlte ihm den Gang durch alle Instanzen bis zum Bundesgerichtshof, aber das Urteil hatte Bestand.

Oettinger Rede für Filbinger
Hier ein Photo der Rede des CDU-Ministerpräsidenten Oettinger beim Gedenkgottesdienst, abgehalten vom katholischen Bischof von Freiburg, für den Faschisten Filbinger

Sicherlich traumatische Erlebnisse für die drei Jungen, doch meistens kommt man über so etwas hinweg, wenn das nicht alles ständig wieder aufgewärmt wird.

Doch was nun geschah, lässt selbst einer kühlen Person das Blut in den Kopf steigen. Die katholische Kirche gab Pfarrer W. die Möglichkeit, zwei Detektive zu engagieren. Die schickte er nun zu den Familien der drei vergewaltigten Jungen, um diese zu veranlassen, die damaligen Aussagen zu widerrufen. Man würde ihnen „dringend dazu raten“.

Die Detektive deuteten dabei an, die drei Jungen hätten gelogen. Pfarrer W. hat inzwischen auch die Mittel und einen Rechtsanwalt, um eine Wiederaufnahme des Verfahrens zu versuchen.

Auf Anfrage gab die Kirche keine Auskunft, warum man den Pfarrer immer noch in seinem Priesterberuf belässt und warum man ihm diese Mittel zur Verfügung stellt.

Besonders ruft die Tatsache die Aufmerksamkeit hervor, dass die Detektive den Aufenthaltsort der Familien der beiden anderen Jungen wussten, die nicht mehr in Ebersdorf wohnen. Gibt es da heimliche Verbindungen der Kirche zu Staatsanwaltschaft und/oder Polizei, über die illegalerweise Adressen heraussickern?

Angesichts all dieser Kirchen-Skandale fragte eine Nonne hier in Brasilien allen Ernstes, ob der Papst nicht vielleicht der Anti-Christ sei, dessen Erscheinen in der Bibel vor dem Weltuntergang vorausgesagt ist.


Veröffentlicht am 17. März 2009 in der Berliner Umschau

Mittwoch, 25. Februar 2009

Karneval in Rio

Da dies inzwischen bereits Tradition ist, seien auch dieses Jahr zu Karneval wieder einige markante Fotos der Karnevalsumzüge in Rio ins Blog gestellt. Dieses Jahr mit Suchbild-Spiel für die Damenwelt: Wer das beträchtliche "Ding" entdeckt, darf es behalten.

Karl Weiss


Karneval in Rio 2009 - 1

Karneval in Rio 2009 - 2

Karneval In Rio 2009 - 3

Karneval in Rio 2009 - 4

Karneval in Rio 2009 - 5

Karneval in Rio 2009 - 6

Karneval in Rio 2009 - 7

Karneval in Rio 2009 - 8

Karneval in Rio 2009 - 9

Karneval in Rio 2009 - 11

Karneval in Rio 2009 - 11

Karneval in Rio 2009 - 12

Karneval in Rio 2009 - 13

Karneval in Rio 2009 - 14

Karneval in Rio 2009 - 15

Karneval in Rio 2009 -15

Carnaval Rio 2009 20

Carnaval Rio 2009 21

Karneval Rio 2009 24

Karneval Rio 2009 23

Karneval Rio 2009 22

Sonntag, 28. September 2008

Brasilien jenseits von Fussball und Samba, Teil 13: Wie unsere Zukunft in der beginnenden kapitalistischen Barbarei aussähe

'Ich habe kein Leben'


Von Elmar Getto


Ein erschütterndes Dokument über das Leben im Kapitalismus (oder eigentlich schon in der kapitalistischen Barbarei): Ein 12-jähriger in Rio de Janeiro wird von der Polizei festgenommen und verprügelt. Er hat beim Drogenhandel geholfen und ist Schmiere gestanden, als die Drogenhändler einen Polizisten umbrachten. Der Reporterin, die ihn auf der Polizeistation befragt: „Warum bist du in dieses Leben eingestiegen?", sagt er: „Ich habe kein Leben." Und „Das war meine einzige Möglichkeit zu überleben."

Brasilien (topographisch)

Wie wird es aussehen, wenn es uns nicht gelingt, den Kapitalismus zu besiegen und den wahren Sozialismus zu errichten, wenn der Kapitalismus in die kapitalistische Barbarei übergehen wird? In einigen Entwicklungsländern, so wie in Brasilien, kann man jetzt schon sehen, was kapitalistische Barbarei IN DEN ERSTEN ANSÄTZEN heißen würde:

In wesentlichen Teilen des Landes herrscht nicht mehr die Staatsmacht, sondern eine Doppelherrschaft zwischen Staatsmacht und kriegsmäßig bewaffneten, mafiaähnlichen Banden, die sich vor allem durch Drogen-, Frauen- und Waffenhandel finanzieren. Der Drogenkonsum (illegale Drogen) hat sich tief in die Gesellschaft eingeführt, vor allem die Unterdrückten versuchen ihre elende Lage im Rausch zu vergessen, aber auch die Droge der Schickeria, Kokain (auch in Form von Crack), spielt eine bedeutende Rolle. Nicht einmal mehr ein Viertel der Einwohner hat dort regelmäßige bezahlte Arbeit.

Dies sind Zustände, wie sie in Brasilien schon heute in bestimmten Teilen herrschen. Besonders in der größten Stadt der südlichen Hemisphäre, São Paulo, und in Rio de Janeiro ist dies bereits für einen wesentlichen Teil der Bevölkerung Realität. In Rio auf den Hügeln, in Sâo Paulo an der Peripherie.

São Paulo, grösste Stadt der südlichen Hemisphere

In den Armenvierteln, den sogenannten Favelas, herrschen 60, 70, 80, 90% Arbeitslosigkeit bei den Männern und männlichen Jugendlichen. Die einzige Aussicht für die meisten ist, den kriminellen Banden beizutreten, Drogen zu verkaufen und Hilfsdienste zu leisten. Die Polizei, schlecht bezahlt und in lächerlicher Weise unterbewaffnet gegenüber den Kriminellen, die über jede Art von Kriegswaffen verfügen, hat keine wirkliche Kontrolle mehr über diese Regionen, denn sie kann dort nur noch in großer Anzahl bei seltenen „Suchaktionen" auftreten, die üblicherweise von den lokalen Politikern als Beweis ihrer phantastischen „Bekämpfung der Kriminalität" angeordnet werden.

Die Polizei ist zudem - ständig in Angst, selbst erschossen zu werden - völlig brutalisiert und schießt auf alles, was männlich ist und sich bewegt (das mit dem Männlich ist dabei nicht unbedingt notwendig).

Die kriminellen Banden sind völlig skrupellos, wenn jemand eine erhaltene Droge nach dem Weiterverkauf nicht oder nur teilweise bezahlt. Derjenige wird ohne Ausnahme liquidiert. Dabei macht man sich nicht immer die Mühe, ihn allein abzupassen, sondern erschießt ihn auch schon mal in aller Öffentlichkeit und dann auch gleich alle anderen Umstehenden, um keine Zeugen übrig zu lassen. Z.B. so kommen im heutigen Brasilien Zahlen zustande wie die 40 000 Ermordeten pro Jahr, die höchste Zahl von Morden aller Länder (wenn man in diesem Fall einmal den Irak ausnimmt - aber selbst dort hat man Schwierigkeiten, auf 40 000 Ermordete zu kommen).

Rio de Janeiro Botanischer Garten 1

Der Schreiber dieser Zeilen hat Jahre in Barueri an der Peripherie von São Paulo gelebt und dort abends die Maschinenpistolensalven gehört, wenn solche Massaker angerichtet wurden. Ein Bekannter von ihm wurde bei einem erschossen. Als er später in Rio de Janeiro lebte, konnte man in manchen Nächten Schnellfeuergewehr- und Maschinenwaffen-Feuer hören, wenn sich verschiedene der Banden bekämpften oder ein Feuergefecht mit Polizisten stattfand.

Die Polizisten versuchen so lange wie möglich zu überleben in dieser Situation und nehmen kleine Bestechungsgelder an, hauptsächlich um damit den Führern der kriminellen Banden zu signalisieren, daß sie nichts von ihnen zu befürchten haben. Aber immer, wenn ein Polizist im Verdacht steht, irgendeine eventuell gefährliche Information weitergegeben zu haben, wird er von den Unterführern der Kriminalität zum Tode verurteilt und ein Hinrichtungskommando wird abgestellt, um das schmutzige Geschäft durchzuführen.

Das war auch in diesem Fall so. Ein Polizist wurde im vergangenen Mai in Niteroi, Großraum Rio de Janeiro, ermordet von einem Kommando der kriminellen Organisation der Favela, wo er zuständig war. Wie oft üblich, wurden von der kriminellen Bande, in diesem Fall den ‚Herrschern’ des ‚Morro do Estado’ in Niteroi, dabei auch Kinder mit in das Verbrechen einbezogen. Dadurch hat man diese später als Jugendliche in der Hand, denn man kann sie ja jederzeit der Polizei ausliefern und so schafft man sich vor Angst schlotternde Untergebene, die selbst die unmenschlichsten Befehle ausführen.

Rio de Janeiro, Zuckerhut und Corcovado von Niteroi aus

In diesem Fall wurde ein 12-jähriger Junge einbezogen, der gelegentlich für 20 Real (7,50 Euro) pro Tag als Verkäufer von Kleinmengen von Marihuana an bekannten Punkten in der Nähe der Favela für die Drogen-Mafia arbeitet (daß wir auch in Deutschland bereits auf diesem Weg sind, kann uns jeder Ein-Euro-Jobber bestätigen. Zwar sind die hiesigen „Arbeitgeber" offiziell noch keine kriminellen Organisationen, aber z.B. schon politische Parteien, was ja auch nicht sehr unterschiedlich ist). Der Junge wurde abkommandiert, Schmiere zu stehen beim Mord an jenem Polizisten. Dabei kam es zu einem Feuergefecht, bei dem sowohl der Polizist als auch einer der Mordbuben getötet wurden.

Wer sich in etwa ein Bild machen will, wie man sich das Leben und die Zustände in einer Favela vorzustellen hat, kann sich das Stück oder eine der beiden Verfilmungen „Orpheu Negro" ansehen, ein Meisterwerk des brasilianischen Dichters und Schriftstellers Vinicius de Morais, heute leider schon verstorben, der u.a. auch das Gedicht (Text) des weltbekannten Liedes „Garota de Ipanema" („The Girl from Ipanema") geschrieben hat. Zwar ist diese Beschreibung schon Jahrzehnte alt, damals gab es diese Zustände erst in wenigen begrenzten Gebieten und die unglaubliche Brutalität der heutigen Zustände deutete sich erst an, aber das Prinzip bleibt das gleiche.

Die Polizei reagiert auf Polizistenmorde üblicherweise nicht damit, daß die Täter gefunden und der Justiz übergeben werden, sondern mit Rache-Unternehmen gegen diejenige Favela, die als Urheber des Mordes angesehen wird.

Im März dieses Jahres wurde ein Massaker bekannt, das Polizisten, die nicht im Dienst waren, in einer Favela in der ‚Baixada Fluminense’ angerichtet haben, ein anderer Bereich von Groß-Rio-de-Janeiro. 30 Personen wurden abgeschlachtet, einschließlich Frauen und Kinder, wahllos, offenbar weil die Polizisten eine Riesenwut hatten.

Es wurde in diesem Fall nicht aufgeklärt, ob es wiederum um einen Racheakt für einen Polizistenmord gehandelt hat oder ob die Angabe der Täter stimmt, sie seien erbost über eine unpopuläre Maßnahme eines ihrer Vorgesetzten gewesen.

Zuckerhut von der Botafogo-Bucht aus

Tatsache ist, daß die Täter, obwohl sie bereits innerhalb kurzer Zeit identifiziert werden konnten, bis heute keinerlei irgendwie geartete Strafe gefunden haben. Zwar wurden sie wegen des internationalen Aufsehens, das jenes Massaker hervorrief, für kurze Zeit in ein speziell für Polizisten vorgesehenes Gefängnis eingesperrt, aber sofort wieder freigelassen, als die internationale Aufmerksamkeit nachließ. Bis heute tun sie ihren Dienst in der Polizei und bis heute liegt gegen keinen von ihnen eine Anklage vor.

Die Aburteilung solcher Täter ist extrem selten, denn es finden sich praktisch nie Zeugen, die aussagebereit sind. Jeder weiß, wer gegen einen Polizisten aussagt, wird nicht allzu lange danach mit einer Kugel im Kopf aufgefunden. Selbst das Nicht-Aussagen schützt dabei Zeugen wenig. Im Fall des Polizistenmordes in Niteroi gab es nämlich einen Zeugen, der sich aber aus Angst weigerte auszusagen. Trotzdem wurde seine Leiche kurze Zeit später im Kofferraum eines Autos gefunden - mit der obligatorischen Kugel im Kopf.

Es gibt zwar in einzelnen Fällen Zeugenschutzprogramme, aber auf die vertraut inzwischen kaum einer mehr, denn neuer Name und Aufenthaltsort sind ja innerhalb der Polizei bekannt und bleiben vor anderen Polizisten nicht immer geheim.

Auf den Jungen, der 1993 das Candelaria-Massaker überlebte (ehemalige Polizisten und Polizisten außer Dienst ermordeten 6 Straßen-Kinder, verletzten weitere 5 schwer) und sich bereit erklärte auszusagen, wurden 3 Anschläge verübt, die er wie durch ein Wunder überlebte. Er lebt heute unter neuem Namen in der Schweiz. Die Verurteilungen von Polizisten bzw. Ex-Polizisten wegen dieses Massakers (alle unterhalb der Strafe für Mord) wurden ausnahmslos von höheren Gerichten wegen angeblicher Formfehler wieder aufgehoben. Sie sind alle in Freiheit.

Staatsanwälte können praktisch keine Verfahren gegen Polizisten führen, denn die Polizei würde dann in den von jenem Staatsanwalt bearbeiteten Fällen die Aufklärung blockieren und der Staatsanwalt müßte abberufen werden. Als man einen Staatsanwalt nur für Polizisten-Kriminalität einsetzte, wurde er bald mit der berühmten Kugel im Kopf aufgefunden. Es braucht nicht erwähnt zu werden, daß dieser Mord nie aufgeklärt wurde.

Interessierte ultrarechte Politiker und Medien, speziell der Groß-Fernsehsender ‚Globo’, lassen immer wieder deutlich durchblicken, daß solche Massaker von Polizisten an Straßenkindern und Favela-Bevölkerung „im Grunde berechtigt" und notwendig seinen, nur leider wegen der legalen Probleme nicht in der notwendigen Häufigkeit durchgeführt werden könnten.

Das geht so weit, daß reaktionäre Politiker mit bestimmten Codewörtern und -Zahlen sich zur Ausrottung von „potentiellen Straßenräubern" und „Delinquenten" bekennen und mehr oder weniger offen zur Wahl mit diesem Programm antreten. Speziell gilt dies für eine Anzahl von Politikern der PP (Partido Progressista), einer ultrarechten Partei in Brasilien, die Partei von Paulo Maluf, dem „Franz-Josef-Strauß Brasiliens". Ein durch und durch korrupter und reaktionärer Politiker, der Kandidat der Militärs bei der noch nicht vom Volk durchgeführten Präsidentenwahl im Jahr 1985 in Brasilien am Ende der Militärdiktatur war.

Corcovado von Botafogo aus

Politiker dieser Partei benutzen ihre Parteinummer 11, um solche Anspielungen zu machen. In Brasilien haben alle Parteien feste Nummern. Die Präsidentenwahlen und Gouverneurswahlen (Ministerpräsidenten der Bundesstaaten) werden direkt mit diesen Nummern durchgeführt, die einzelnen Listen für Bundestags, Senator-, Landtags- und Kommunalwahlen fangen mit dieser Nummer an. Die Kandidaten dieser Partei hängen eine weitere 1 an die Parteinummer an und spielen mit der sich dann ergebenden Zahl 111 auf das Carandiru-Massaker an.

Im Jahr 1994 war nach einer Gefangenen-Revolte im Großgefängnis Carandiru von São Paulo von der stürmenden Polizei ein unerhörtes Massaker unter den Häftlingen verübt worden. 111 von ihnen wurden exekutiert.

Weder wurde der verantwortliche Gouverneur Fleury bisher angeklagt (er ist weiterhin hochangesehener Politiker) noch erhielten die Polizeikommandeure oder die einzelnen ausführenden Polizisten irgendwelche Strafen. Stattdessen identifizieren sich bestimmte Politiker, z.B. ein gewisser Bolsonaro, mit dieser Nummer als „law-and-order"-Rambos, worauf allerdings weniger und weniger der ratlosen brasilianischen Wähler hereinfallen.

Im Fall des Polizistenmordes im Mai in Niteroi hatte die Polizei nun unter anderem herausgefunden, daß der Zwölfjährige beteiligt war. Sie holten ihn vom Verkaufsort der Marihuana ab (trafen natürlich bereits in Kleinpackungen aufgeteiltes Marihuana bei ihm an) und nahmen ihn mit aufs Revier, wo er kräftig verprügelt wurde.

Tänzerin beim Karneval in Rio

Interessant hier das Detail, daß die Polizei natürlich genau weiß, wo illegale Rauschgifte verkauft werden, diese Verkaufsstellen aber keineswegs ausräuchert, sondern dort alle gewähren läßt. In Brasilien haben diese Verkaufsstellen sogar einen eigenen Namen: „Boca do fumo". Dies macht deutlich, wie verwoben bereits die Polizei und das organisierte Verbrechen sind, die man nur noch an der Uniform unterscheiden kann.

Jemand aus der Favela hatte gesehen, wie der Junge abgeführt wurde und die Mutter benachrichtigt, die als Tagelöhnerin arbeitet ( ja, Taglöhner werden in der kapitalistischen Barbarei natürlich auch wieder eingeführt, es wird nicht mehr lange dauern, dann haben wir in Deutschland auch wieder welche). Die Reporterin einer Zeitung Rios schildert die Szene so, als sie auf der Wache ankommt: „Der Junge stand da, in Tränen aufgelöst, umgeben von zumindest 6 Polizisten mit Gewehren und Pistolen. Als die Mutter ankommt, wendet sie sich zuerst an den Jungen: „Du sagst jetzt gar nichts mehr! Sonst werde ich es sein, die dich mit Schlägen eindeckt!" Dann wendet sie sich an die Polizisten: „Ihr habt kein Recht, einen Jungen festzunehmen und zu schlagen! Was ist das für eine Geschichte?"

Eine Zeit später hat sie sich schon etwas beruhigt und wird von der Reporterin befragt. Sie erzählt, daß sie außer dem Jungen noch 5 Kinder hat, zwischen 21 und 2 Jahren alt. Sie sagt auch, daß ein anderer Sohn im Jahr 2003, 16 Jahre alt, von Leuten der konkurrierenden Rauschgifthändlerbande aus der Nachbarfavela verschleppt und bei lebendigem Leib verbrannt worden sei. „Es ist nicht gerecht, daß eine Mutter so ihre Kinder verliert. Keine Mutter verdient es, so etwas zu erleben!"

Karneval in Rio - Tänzerin fast nackt

Danach befragt die Reporterin den Jungen. Er sagt, er braucht das Geld, das er mit dem Marihuana-Verkauf verdient, zum Überleben. Ja, er ginge zur Schule. Er habe einmal Arzt werden wollen. Aber an diesem Tag sei die Schule ausgefallen, weil die Lehrerin fehlte (Na, das kennen wir doch auch aus Deutschland, nicht?). Schließlich fragt die Reporterin: „Warum bist du in dieses Leben eingestiegen?" und er sagt: „Ich habe kein Leben, Tante." (‚Tante’ und ‚Onkel’ sind die übliche Bezeichnung, mit der Kinder aus den Favelas außenstehende Personen ansprechen.)

Der Junge hat bereits eine klare Sicht der Wirklichkeit. Männliche Jugendliche in den Favelas haben, statistisch gesehen, nur etwa 50% Chance, das 30. Lebensjahr zu erreichen oder anders ausgedrückt, 50% Chance, vorher ermordet zu werden. Dieser Junge, so berichtet die Reporterin weiter, wird nun in ein Besserungslager für Jugendliche von 12 bis 18 Jahren gebracht. Dort wird man ihm endgültig alles beibringen, was skrupellose Kriminelle für ihr kurzes Leben brauchen, denn es handelt sich um reine Aufbewahrungsanstalten mit brutalisierten Aufsehern und Folter.

So zieht der brasilianische Staat bewußt den Nachwuchs für die kriminellen Banden heran.

In der brasilianischen Öffentlichkeit wird es versucht so darzustellen, daß die Köpfe jener Banden die jeweiligen Machthabenden in den Favelas sind. Die sind in der Regel mit ihren Spitznamen bekannt und genießen in den Medien eine gewisse - und keineswegs nur negative - Aufmerksamkeit. So haben die brasilianischen Medien einen der Favela-Bosse, einen gewissen Fernandinho Beira-Mar, als öffentliche Persönlichkeit hochgejubelt, so als ob an ihm irgendetwas zu feiern wäre.

Brasilianischer Karneval: Tänzerin auf dem Festwagen

Wenn man allerdings seinen Menschenverstand zu Hilfe nimmt, so wird klar, daß die wirklichen Hintermänner dieser kriminellen Banden ja täglich Hunderttausende von Dollars an Gewinnen einstecken. Völlig undenkbar, daß diese Bosse in Favelas leben. Man wird sie wohl eher in den typischen Häusern und Wohnungen der brasilianischen Superreichen finden.

Da sind wir denn auch schon angekommen bei jenen Personen, denen all dies zugute kommt. Die brasilianische Gesellschaft ist dominiert von etwa 500 bis 1000 Familien (ein Leser meinte, es könnten auch 1500 sein), die alle Institutionen dominieren. Sie haben die Politik in der Hand, das Parlament, die Justiz, die Medien, die Polizei, die Armee, kurz: Alles.

Sie zeichnen sich vor allem durch zwei Dinge aus: Sie sind superreich - Vermögen von Milliarden von Dollar sind in Brasilien häufig - und sie sorgen dafür, daß wesentliche Teile der in Brasilien geschaffenen Werte in Form von Zinsen und Zinseszinsen für die überbordende Auslandsverschuldung an internationale ‚Finanzagenten’ gehen, also Banken, Großkonzerne und private Anleger.

Die Armut Brasiliens und der meisten Brasilianer ist also durch das Zusammenspiel der Superreichen Brasiliens (dort von den Medien - die ihnen gehören - gerne „Elite" genannt) und der Imperialisten bedingt.

Dort, bei diesen Superreichen, sind dann auch die Hintermänner zu suchen, die letztlich die kriminellen Gangs in der Hand haben, die große Teile der brasilianischen Gesellschaft terrorisieren. Es gibt sogar klare Hinweise, daß ein Teil der Politiker, die in Brasilien etwas zu sagen haben, direkt oder indirekt mit diesen Mafiabanden verknüpft sind.

Speziell zu den Deals, die Politiker hier mit den kriminellen Banden schliessen, siehe hier und hier.

Ein Beispiel sei hier beschrieben: der in Brasilien bekannte Politiker Garotinho (im Moment gerade bei der Partei PMDB). Er wurde, damals noch bei einer angeblich linksgerichteten Partei, der PDT, zum Gouverneur von Rio gewählt.

Zunächst tat er etwas, das vielen Hoffnung gab, hier würde nun einer einmal wirklich versuchen, die Zustände zu verbessern: Er beschäftigte einen anerkannten Fachmann in Sicherheitsfragen und beauftragte ihn, die Zustände bei Polizei, Strafvollzug und Justiz zu durchleuchten und Vorschläge für Änderungen zu machen. Der war denn auch schon bei seinen ersten Untersuchungen fündig geworden. Er hatte herausgefunden, daß die gesamte Spitze der Zivil-Polizei im Staat Rio de Janeiro korrupt war. Er legte nach seinen eigenen Angaben den entsprechenden Bericht mit Belegen usw. bei einem kurzen Gespräch mit dem Gouverneur auf dessen Tisch.

Am nächsten Tag war die Story in allen Zeitungen und im Fernsehen. Die betroffenen Polizeioffiziere waren vorgewarnt, um eventuelle Beweise verschwinden lassen zu können. Der Sicherheitsexperte bekam Morddrohungen für sich und seine Familie. Er wurde kurz danach vom Gouverneur entlassen und mußte mit der Familie in die USA fliehen, um sein Leben und seine Familie zu schützen. Von den im Bericht genannten Offizieren (alle in den Rängen von Obersten und höher) wurden zwei versetzt, alle blieben im Amt und ansonsten betrieben sie weiter ihre „enge Zusammenarbeit" mit den Verbrecherbanden. Die Zivil-Polizei ist in Brasilien jener Teil der Polizei, der für Ermittlungen und Vorbereitung von Anklagen zuständig ist, also die entscheidende Stelle, bei der man sich gegen eventuelle staatliche Verfolgung versichern kann.

Die nächste Großtat des Gouverneurs folgte kurze Zeit später. Es war gerade ein völlig neues Hochsicherheits-Gefängnis in Rio fertiggestellt worden, nach den modernsten Erkenntnissen des Umganges mit Schwerst-Kriminellen. Hier würden also die bereits Verurteilten mittleren Chargen der Mafia-Banden einsitzen müssen und auch zukünftig Verurteilte hineinkommen - dazu gehörte u.a. der oben schon erwähnte Verbrecher mit dem Spitznamen Beira-Mar.

Favela in Belo Horizonte

Laut Angaben der ‚Folha de São Paulo’, der größten Tageszeitung Brasiliens, wurden alle wesentlichen Sicherheitseinrichtungen des Gefängnisses mit dem Namen ‚Bangu 1’ nach der Übergabe des Baus an die lokalen Behörden außer Kraft gesetzt und abgebaut, noch bevor es eingeweiht wurde. Alle Türen und Absperrungen wurden entfernt, die sicherstellen sollten, daß es zwischen Häftlingen und Aufsehern wie auch zwischen Häftlingen und Besuchern - wie auch Anwälten - zu keinem physischen Kontakt kommen könnte. Ebenso wurde das gesamte Überwachungssystem mit Kameras usw. nie benutzt. Das Gefängnis wurde also so betrieben wie alle anderen Gefängnisse in Brasilien auch.

So hörte man denn auch schon kurz nach der Einweihung davon, daß die Insassen, soweit sie Sergeanten der Drogen-Banden in den Favelas gewesen waren, von dort aus per Handy ihre ‚Geschäfte’ weiter führten. Abgehörte Telefongespräche belegten, daß sie ungehindert Mordaufträge per Telefon gaben und ähnliches. Später bekam man sogar ein Video zu sehen, daß nach des Gouverneurs eigenen Angaben von Häftlingen erstellt wurde (man stelle sich vor, es konnten Video-Kameras in die Gefängnisse und die fertigen Videos herausgeschmuggelt werden), indem man sah, daß während der Zeit der Zellenöffnungen (alle Häftlinge konnten im Gefängnis herumlaufen, sich ungehindert miteinander verständigen) offen Rauschgift angeboten und verkauft wurde.

Doch damit waren die sehr speziellen Vorlieben dieses Gouverneurs noch keineswegs erschöpft. Er liebte es auch, sich mit Gestalten aus der Unterwelt zu umgeben. Er berief zum Sportminister von Rio de Janeiro einen Politiker, der bereits mehrmals aufgefallen war, weil er engste Beziehungen zu den Chefs der Terrorbanden in der Favela Mangueira hatte. Er besuchte z.B. den Boss der Mangueira-Bande regelmäßig im Gefängnis, als dieser verurteilt war. Nach Absitzen seiner Strafe durfte dieser Drogen-Unter-Boss dann sogar ein Amt in der Aufsicht des Maracanã-Stadions einnehmen, in das ihn sein Freund, der Sportminister, berufen hatte (Die Favela Mangueira liegt gleich neben dem Maracanã-Stadion).

Kaum glaublich war auch der nächste Skandal, der sich abspielte. Es war eine neue Direktorin berufen worden in genau jenes Spezialgefängnis, das oben bereits erwähnt wurde. Diese Frau war offenbar ziemlich unerschrocken und pflichtbewusst und wohl auch nicht bestechlich - bezeichnend, daß für so etwas anscheinend immer eine Frau kommen muß, die Herren der Schöpfung scheinen generell nicht unbedingt die Mutigsten zu sein. Jedenfalls ordnete sie an, daß ein Teil der speziellen Sicherheitsmaßnahmen des Gefängnisses wieder eingeführt wurden und auch spezielle Restriktionen für den Anwaltskontakt.

Dazu muß man wissen, daß diese Drogenbanden-Unter-Bosse mit ganzen Horden von Anwälten arbeiten. Der oben genannte Beira-Mar z.B. beschäftigte 14 Anwälte nur für sich. So hat er täglich Besuch von einem oder mehreren Anwälten (Es wäre übrigens leicht, anhand der Bezahlung dieser Anwälte den Weg zurück zu den Geldquellen der Verbrecherbanden und eventuell zu höheren Chargen zu verfolgen, aber das wurde noch nicht einmal versucht.). Besagte Gefängnisdirektorin beschränkte nun die Zahl der Anwaltsbesuche pro Woche und ließ auch die Gespräche mit den Anwälten abhören. Allerdings begann sie bereits mit dem Abhören, als der zuständige Richter dies noch gar nicht genehmigt hatte. Sie staunte nicht schlecht, als sie eines der Anwaltsgespräche abhörte. Der Häftling und der Anwalt sprachen die Einzelheiten ihrer (der Direktorin) Ermordung ab! Das entsprechende Band leitete die Direktorin direkt an den Gouverneur Garotinho und bat um speziellen Schutz.

Der erklärte daraufhin, er könne nicht aktiv werden, denn die Abhöraktion sei illegal gewesen. Wenige Tage später wurde die Direktorin erschossen aufgefunden. Sie war genau auf die Art ermordet worden, wie es auf dem Tonband vereinbart worden war. Der Gouverneur sagte, er habe mit den Ermittlungen zu diesem Mord nichts zu tun. Bis heute wurde angeblich nicht aufgeklärt, wer diesen Mord in Auftrag gegeben hatte, obwohl es jeder weiß.

Charakteristisch, daß dies zwar für drei Tage auf der Titelseite der Zeitungen und am Anfang der Nachrichten im Fernsehen kam, aber dann abrupt fallengelassen wurde und der nächste Skandal berichtet wurde. Alle diese Skandale werden von den Medien nicht verfolgt. Es werden keine Aufklärungen verlangt, nicht darauf gedrungen, daß die Parlamente, Staatsanwälte und die Polizei untersuchen. Die anfängliche Erklärung, es werde alles brutalstmöglich aufgeklärt, wird für bare Münze genommen und dann nicht mehr nach der Aufklärung gefragt (das kennen wir gut aus Deutschland, Roland Koch läßt grüßen).

Das ist auch verständlich, denn die Medien sind ja eben in den Händen genau jener Superreichen Brasiliens, aus deren Kreisen die Hintermänner kommen. Die Medien kochen einen Skandal nach dem anderen hoch, in schneller Abfolge, so daß die einzelnen schnell dem Vergessen anheim fallen. So wird die Öffentlichkeit scheinbar informiert, doch in Wirklichkeit nur unterhalten, im Endeffekt düpiert.

Ebenso charakteristisch, daß diese Art von Skandalen in den Wahlkämpfen von den gegnerischen Kandidaten nicht benutzt wird, um diese Kandidaten anzugreifen. Die Krähen hacken einander...

Interessant, daß genau dieser Politiker Garotinho bei der ersten Runde der letzten Präsidentenwahlen in Brasilien auf den dritten Platz kam – nach Lula und dem konservativen Politiker Serra, den er dann im zweiten Wahgang schlug. Auffallend, daß er in ‚seinem’ Staat Rio de Janeiro über 70% der Stimmen bekam, ein kaum glaubwürdiges Ergebnis. Es besteht, nicht zuletzt auch aufgrund der späteren Wahlen auf kommunaler und Landesebene, der starke Verdacht, daß in Rio de Janeiro massiv Wahlen gefälscht werden.

Es werden die gleichen Wahlmaschinen wie in den USA verwendet, von denen bereits bewiesen ist, daß sie manipuliert werden können. Bei den Wahlen der Landtagsabgeordneten in Rio hatten eine Anzahl von Kandidaten bei den Zwischenergebnissen bereits eine höhere Stimmenzahl, als ihnen am Ende zugesprochen wurden.

Wie auch in den USA, gibt es bei diesen Maschinen außerhalb des elektronischen Gedächtnisses keine Dokumentation auf Papier, was ein Nachzählen unmöglich macht.

Dies waren einige Eindrücke von den Zuständen, die bereits den Anfang der kapitalistischen Barbarei kennzeichnen, auf die wir auch in Deutschland zusteuern, wenn wir nicht vorher den echten Sozialismus errichten.


Hier der letzte Artikel aus Elmar Gettos Brasilien-Reihe, die inzwischen schon vielfach zitiert wird. Dieser Artikel wurde am 6. Februar 2006 in der "Berliner Umschau" veröffentlicht. Die anderen Teile kann man hier im Blog ebenfalls finden.

Anmerkung von Karl Weiss vom 30. September 2006:
Der oben angesprochene Politiker Garotinho ist inzwischen soweit desavouiert, daß er Statthalter auf den Gouverneursposten von Rio de Janeiro schicken muß. Zuerst ließ er seine Frau (Rosinha) zum Gouverneur wählen, jetzt kandidiert ein anderer Strohmann, eingewisser Cabral, für ihn - und steht an erster Stelle der Umfragen für die morgigen Wahlen. Man sieht ihn auf Plakaten hier in Rio de Janeiro zusammen mit dem oben bereits erwähnten Sportminister, der auf den Künstlernamen "Chiquinho da Mangueira" hört. Der kandidiert nämlich als Bundestagsabgeordneter. Damit wird deutlich, daß nicht nur Oligarchen aus Posten der Politik die kriminellen Organisationen schützen, sondern auch die kriminellen Banden direkt in die Politik eindringen.


Hier die Links zu allen Teilen der Reihe „Brasilien jenseits von Fussball und Samba“

- Teil 1: „Wie der Amazonas zu seinem Namen kam“

- Teil 2: ‚Menschenfresser-Country’

- Teil 3: „Ausgerottete Künstler“

- Teil 4: Niemeyer ist 100 – ‚Auf dem Höhepunkt des Schaffens’

- Teil 5: Brasilien und Gold

- Teil 6: Die Landschaften Brasiliens – Der Amazonas-Regenwald

- Teil 7: Brasilien und der Strom

- Teil 8: Die Landschaften Brasiliens – Mata Atlântica

- Teil 9: Santos Dumont und der erste Motorflug

- Teil 10: SIVAM – Big Brother in Amazonien

- Teil 11: Sprit aus nachwachsenden Rohstoffen

- Teil 12: Regenwaldvernichtung und Trockenheit im Amazonasgebiet

- Teil 13: Wie unsere Zukunft in der beginnenden kapitalistischen Barbarei aussähe – „Ich habe kein Leben“

Samstag, 27. September 2008

'Ende der neoliberalen Ära'

Lula schwimmt auf der Woge

Von Karl Weiss

In seiner Rede vor der UN-Vollversammlung in New York dekretierte der brasilianische Präsident ‚Lula‘ da Silva „das Ende der neoliberalen Ära“. Er sagte, nicht nur der normale Bürger müsse sich ethisch und ernsthaft verhalten, auch das Finanzsystem. Für jemand, der selbst ausführlich Neoliberalismus betrieben hat, ist das immerhin bemerkenswert.

Brasilien (topographisch)

Lula sparte auch sonst nicht mit Kritik, sowohl in Richtung der US-Regierung als auch gegenüber der Weltbank, dem Welt-Währungs-Fonds und den G8. „Wenn ein kleines Land in eine Krise kommt,“ so sagte er, “dann sind diese Institutionen immer schnell mit `Ratschlägen` bei der Hand, doch nun, da es die Vereinigten Staaten trifft, hört man von dort gar nichts.“

Er forderte auch – und das ging eindeutig in Richtung der USA: “Die Folgen der ungebremsten Habgier können nicht einfach straflos von allen getragen werden.“

Das „Wall Street Journal“ charakterisierte daraufhin die Politik Lulas als einen „Balanceakt zwischen orthodoxen ökonomischer Maßnahmen und Finanzierung populistischer Sozialprogramme.“

Tatsächlich war Lula bereits in seiner ersten Amtsperiode (2002 – 2006) auf absoluten Tiefpunkten in seiner Popularität angekommen, nachdem fast alle wesentlichen Politiker seiner Partei und seiner Regierung in Korruptionsskandale verwickelt waren und zurücktreten mussten. Zu jener Zeit hatte er auch eine Rentenreform durch die Legislative gebracht, die jene „orthodoxe“ Wirtschaftspolitik widerspiegelte: Erhöhung des Rentenalters, Verringerung der Rente usw. Man hätte ihn beinahe Lula Schröder nennen können. Gleichzeitig wurden die skandalös hohen Pensionen, die z.B. Richter in Brasilien bekommen, nicht angetastet.

Chávez und Lula

Es wurden Telefonlizenzen für das Festnetz wie auch für Handys verkauft, die praktisch das gesamte Telefon-System Brasiliens in die Hände ausländischer Kapitaleigner legte, in diesem Fall von spanischen, italienischen und französischen Firmen.

Noch vor kurzem wurden einige der wichtigsten vierspurigen Bundesstrassen an private Firmen vergeben, die gegen den Unterhalt der Strassen das Recht haben werden, eine Maut zu verlangen, deren Erhöhung jährlich bereits garantiert ist. Darunter waren Strassen wie die „Rodovia Fernão Dias“, die São Paulo mit Belo Horizonte verbindet und die der Staat gerade erst mit einem Aufwand von Milliarden Reais vierspurig ausgebaut hatte. Die meisten der Strassen gingen an einen spanischen Konzern.

Kurz nach der Rentenreform aber begann Lula – gerade noch rechtzeitig vor den Wahlen 2006 – mit dem Programm „bolsa família“ (Familien-Stipendium), das Bedürftigen eine monatliche Zuwendung von umgerechnet etwa 25 Euros pro Person garantiert, wenn die Kinder der Familie die Schule besuchen. Dies ist bis heute bereits auf fast ganz Brasilien ausgeweitet worden und hat sich als erfolgreiche, wenn auch nicht vollständige Bekämpfung des Hungers und der schlimmsten Auswirkungen des Elends erwiesen (und auch als Anreiz, die Kinder in die Schule zu schicken).

Bush und Lula in Brasilien

Gleichzeitig garantierte dies Programm Lulas Wiederwahl und seine hohe Popularität heute. Er hat vor kurzem auch einen Tarifabschluss im öffentlichen Dienst mit besonderer Berücksichtigung des Militärs abgeschlossen, das bereits dieses Jahr deutliche Gehaltserhöhungen garantiert und gleichzeitig jene für die folgenden Jahre festlegt. Er schuf auch Tausende neuer Stellen im öffentlichen Dienst.

Ausserdem hat er jedes Jahr den Mindestlohn (der allerdings nicht überall in Brasilien eingehalten wird) stärker als die Inflation erhöht (im Moment auf umgerechnet etwa 160 Euro im Monat) und zusätzlich noch Jahr für Jahr die Erhöhung um jeweils einen Monat vorverlegt.

Dazu kam ein Wirtschaftsboom in Brasilien, der weiterhin anhält, so als ob die Weltwirtschaft sich nicht auf der Abwärts-Rutschbahn befände. Im letzten Jahr wuchs die Wirtschaft Brasiliens um etwa 5% (nach Abzug der Inflation) und auch dieses Jahr wird diese Marke wohl wieder erreicht werden.

Brasilianischer Logan Flex

Dieses Wachstum wurde zwar auch und gerade durch gesteigerte Exporteinnahmen initiiert (das Hauptexportprodukt Brasiliens, Eisenerz, unterlag in den letzten Jahren einer Preissteigerung auf das zweieinhalb-fache, das zweitwichtigste, Soja und Soja-Öl auf etwa das doppelte), konnte aber dann in einen vom Inlandskonsum getragenen Aufschwung umgesetzt werden, denn viele neue Arbeitsplätze (offizielle und inoffizielle) öffneten sich, was wiederum mehr Inlandskonsum erzeugte, was weitere neue Arbeitsplätze schuf usw.

In einer Umfrage haben über 60% der Brasilianer erklärt, heute ein besseres Lebensniveau zu haben als 4 Jahre zuvor. Die guten Noten für Lula haben bei Umfragen ein absolutes Rekordniveau erreicht, seit es Umfragen gibt: 77,7% der Befragten, während die ganze Regierung von 68 % als ‚gut‘ oder ‚sehr gut‘ eingeschätzt wird. Nicht einmal kurz nach seiner ersten Wahl, als fast das ganze Land hohe Hoffnungen in ihn setzte, wurden solch hohen Raten der Zustimmung erreicht. Das bekannte Argentinische Zeitung ‚Nación‘ spricht sogar von Lula-Manie

Natürlich hat sich Lula nicht einfach so vom Saulus zum Paulus gewandelt. Er hat vielmehr mit diesen Politikänderungen hauptsächlich auf die in ganz Lateinamerika um sich greifende revolutionäre Gärung reagiert. In Lateinamerika kann man heute nicht mehr einfach weitermachen wie bisher. Entweder man muss sich radikal auf die Seite der US-Regierung stellen und wird dann automatisch zu einem weithin verhassten Politiker wie Uribe in Kolumbien oder man muss eine Öffnung zu „linken“ Positionen betreiben.

Morales und Lula in Santiago

Zum anderen hat Lula Gefallen daran gefunden, als einer der internationalen Führer der Entwicklungsländer angesehen zu werden. Dazu muss er bis zu einem gewissen Grade natürlich deren Interessen vertreten und zumindest in Worten gegen die grossen Industrieländer schiessen

Während in diesem Moment nur noch etwa 14 % der US-Bürger glauben, ihr Land befinde sich auf dem richtigen Kurs, gilt dies in Brasilien für mehr als 60%. Eine in etwa vergleichbare Umfrage in Deutschland ergab 17%.

Das ist der Unterschied zwischen Neoliberalismus und „gemässigt linken Positionen“.

Könnte Lula sich 2010 erneut zur Wiederwahl stellen, wäre sie mit Rekordergebnis gesichert. Aber es gibt in seiner Partei, der PT, keine andere bekannte und beliebte Persönlichkeit – kein Wunder, da fast alle bekannten PTler in Strafprozessen Angeklagte sind. Die mit gewisser Wahrscheinlichkeit als Kandidatin in Frage kommende Ministerin Dilma Roussef erhält im Moment in den Umfragen im günstigsten Fall 12 % der Stimmen. Tritt sie gegen die bekanntesten Kandidaten der Oposition an, sogar noch weniger. Aber das kann sich ändern bis 2010.


Veröffentlicht am 26. September 2008 in der Berliner Umschau

Originalveröffentlichung

Sonntag, 21. September 2008

Gouverneur Lembo erleichtert sein Herz

"Die brasilianische Bourgeoisie ist eine zynische, perverse, heuchlerische weiße Minderheit..."

Von Karl Weiss

Eigentlich war für den heutigen Sonntag der letzte Teil der Serie "Brasilien jenseits von Fussball und Samba" von Elmar Getto vorgesehen, aber er hat mich gebeten, ihn auf nächsten Sonntag zu verschieben. Stattdessen sei hier ein älterer Artikel über Brasilien eingestellt, der in mehrerer Hinsicht entlarvend ist und sehr charakteristisch für das heutige Brasilien, in dem die Oligarchie bereits Stillhalteabkommen mit den kriminellen Mafia-Organisationen abschliesst. Er war am 29. Mai 2006 in der Berliner umschau erschienen (damals noch "rbi-aktuell") und ist hier leicht aktualisiert und redigiert, Dies gleiche Thema wird dann auch in jenem Artikel am nächsten Sonntag vorkommen und eine Anmerkung von Elmar sich auf diesen Artikel beziehen.

Kaum je erlebt man einmal, daß einer der führenden Politiker in einem der Regime der großen Länder seiner Wut freien Lauf läßt und sein Herz ausschüttet. Jeder weiß, daß damit seine Karriere beendet wäre und kommt deshalb auch nur auf solche Posten, wenn er bereits bewiesen hat, daß er sich immer (fast vollständig) im Griff hat.

Doch aufgrund der speziellen Umstände in Brasilien hat der Gouverneur (Ministerpräsident) des Bundesstaates São Paulo, Lembo, genau dies getan. Er war der Verantwortliche, als die Mafia-Terrororganisation PCC beschloß, ihre Macht zu zeigen, weil sie den Bruch eines Abkommens mit der Staatsregierung zu beklagen hatte. Ihre Attacken und die Reaktion des Staates darauf wurden bereits berichtet (siehe "Doppelherrschaft in Brasilien").

Die spezielle Situation des Gouverneurs Lembo beruht auf dem präsidialistischen System (im Gegensatz zum parlamentaristischen System), das in Brasilien (so wie in den USA) herrscht. So wie der Präsident und das Parlament auf Bundesebene, werden auch auf der Ebene der Bundesländer der Gouverneur und das Parlament getrennt voneinander direkt vom Volk gewählt. Deshalb treten die Kandidaten für die Präsidentschaft und für den Gouverneur jeweils mit einem Vize-Kandidaten an. Der Vize übt kein Ministeramt oder etwas ähnliches aus, sondern vertritt nur den Präsidenten (Gouverneur) bei seiner Abwesenheit. Das ist also ein Drückerposten, in das man üblicherweise ältere, ‚verdiente’ Politiker (die keinen mehr vom Hocker reißen) jener Partei steckt, die Anspruch auf den Posten hat (so ähnlich wie in Deutschland der Bundespräsident).

So kam auch Vize-Gouverneur Lembo zu diesem Posten. Er ist ein altgedienter Haudegen der politischen Rechten in Brasilien, war zu Zeiten der Militärdiktatur Parteichef der ‚Arena’ in São Paulo, des politischen Flügels der Militärdiktatoren und einziger zugelassener Partei. Später, als die Militärdiktatur abgelöst wurde, ging er zeitweise zur liberalen Opposition, gründete dann zusammen mit anderen die PFL (Partei der liberalen Front), eine der beiden Nachfolgeparteien der ‚Arena’. Heute ist er bereits über Siebzig. So wurde er denn von seiner Partei ausgewählt, Vize des Kandidaten Alckmin zu sein, der mit einer Koalition zwischen dessen Partei PSDB (eine konservative Partei, die sich lustigerweise sozialdemokratisch nennt) mit der PFL antrat.

Nun ergab sich aber, daß Alckmin zum Kandidaten der PSDB gegen Lula bei den Präsidentschaftswahlen im Spätjahr bestimmt wurde [der Artikel wurde vor den letzten Präsidentschaftswahlen in Brasilien geschrieben] und deshalb den Gouverneursposten abgeben mußte, denn wer hier zum Präsidenten kandidiert, muss 8 Monate vor den Wahlen von seinen öffentlichen Ämtern zurücktreten. So kam Lembo zum Amt eines Gouverneurs wie die berühmte Jungfrau zum Kind. Nur: Er wird diesen Posten nur 8 Monate bekleiden und seine Karriere ist sowieso bereits am Ende.

Unter dieser Bedingung wollten offenbar die PSDB-Politiker ein Experiment durchführen, daß sie unter der Herrschaft eines der eigenen nicht gewagt hätten: Sie ließen - wahrscheinlich über den Sicherheits-Minister, der ja nicht ausgetauscht worden war - die Zusicherungen, die man an die PCC gegeben hatte, zur Seite und ließen deren gefangene Mitglieder, einschliesslich des Führers, in ein entfernt gelegenes Hochsicherheitsgefängnis verlegen. Man vermutete wohl schon, daß die Antwort des PCC gewaltig und gewalttätig sein würde. Ein ausgedienter Politiker der PFL konnte das dann nötige neue Abkommen auf seine Kappe nehmen. Man selbst geht einfach auf Tauchstation.

Das waren offenbar die Umstände, die Lembo dazu veranlaßten, sein Herz zu erleichtern. In der Krisensituation verschwanden nämlich alle seine Allierten von der Bildfläche. Niemand wollte mit den schweren Problemen identifiziert werden, die dieser Gouverneur nun hatte und die er offenbar nur durch einen „Deal" mit der Verbrecherbande lösen konnte, was er offenbar auch tat.

Niemand verteidigte ihn, niemand wollte mit dieser Ungeheuerlichkeit Verbindung haben, daß in Brasilien die Oligarchie ihre Herrschaft bereits mit dem organisierten Verbrechen teilt und mit ihm teilweise auch gemeinsame Sache macht, oder auch nur seinen Namen hiermit in Verbindung gebracht sehen.

Der Kandidat der Rechten gegen Lula, Alckmin, versteckte sich unerreichbar und ließ nur kurz über Telefon verlauten, er habe kein Abkommen mit der PCC gehabt, was offensichtlich nicht stimmt. Der bei weitem aussichtsreichste Kandidat für den Posten des Gouverneurs von São Paulo, Serra (der also wahrscheinlich das Abkommen erben wird), ebenfalls von der PSDB, unterlegenenr Kandidat gegen Lula bei den letzten Präsidentschaftswahlen, verschwand. Niemand wußte, wo er sich aufhält, wahrscheinlich in den USA. Der frühere Präsident Brasiliens, Cardoso, ebenfalls von der PSDB, war in New York und kritisierte von dort aus das Abkommen, das Lembo offenbar geschlossen hatte. Die Führer von Lembos eigenen Partei, der PFL, sonst immer die ersten vor einer Fernseh-Kamera, tauchten ebenfalls unter.

In einem Interview ironisierte Lembo diese politischen Größen und hob hervor, daß sie selbst telefonischen Kontakt mit ihm weitmöglichst vermieden: „Alckmin hielt es für nötig, genau zweimal kurz anzurufen, naja, die Telephoneinheiten sind ja so teuer. Serra hat Amnesie und Fernando Henrique [Cardoso] sitzt in New York und diniert in feinen Restaurants, in denen ein Gläschen Cognac 900 Reais kostet (etwa 300 Euro)". Seine eigenen Parteiführer von der PFL, so sagt er sarkastisch, denken nach und werden sicherlich anrufen bei ihm, in etwa 500 Jahren!

Doch er blieb nicht dabei stehen. Er attakierte die brasilianische Oligarchie, die sich selbst gerne die „Elite" nennen läßt, aber auch die ‚brasilianische Bourgeoisie’ genannt wird. Er nennt sich selbst einen ‚Pequeno Burgues’ (Kleinbürger) und findet starke Worte gegen die Oligarchie: Sie sei böse, sie sei eine zynische und perverse weiße Minderheit, die ihre Bediensteten schlecht behandelt und sei außerdem heuchlerisch und sterbe fast vor Geiz. Sie sei nicht bereit, die Rechnung zu bezahlen für das Elend, das sie sich so angestrengt habe zu erzeugen.

Dann langt er noch einmal hin: „Im ökonomischen, politischen, Finanz-Bereich gibt es große Räuber, die niemals... Ich sehe Leute, die ihre pompösen Villen zur Schau stellen, obwohl sie große Betrügereinen gemacht haben und andere sind im Gefängnis, nicht wahr?"

Das Interview wird von einem bekannten brasilianischen Journalisten geführt, Bob Fernandes, der sich auch längst an die Oligarchie verkauft hat, nun aber Schadenfreude empfindet, daß er Lembo Stichworte geben kann, die der auch gerne aufgreift. Man höre sich nur diesen Teil des Interviews an:

„Welches Verhältnis sehen Sie zwischen dem Leben im Gefängnis und dem derer, die Sie die Bourgeoisie genannt haben? Wie groß ist der Abstand dieser Welten?"

„So groß ist der Abstand nicht! Vielleicht hat die eine Welt nur gute Rechtsanwälte und die andere schlechte?"

Oder diesen:

„Herr Gouverneur, Sie haben in jenem Interview (mit der „Folha de São Paulo", der grössten Tageszeitung Brasiliens) Ihr Herz ausgeschüttet ... war das Ihr 18. Brumaire?"

Das zu sagen wäre gefährlich, denn beim ersten Mal ist es heldenhaft, beim zweiten ein Irrtum. Das war Karl Marx selbst, der dies gesagt hat, darum würde ich das so nicht sagen."

Diese Stelle des Interviews belegt, daß beide, zwei hervorstechende Figuren der Rechten in Brasilien, Karl Marx gelesen haben. Der 18. Brumaire bezieht sich auf die Schrift von Karl Marx „Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte". Dort beschreibt Marx einen versuchten Staatsstreich in Frankreich gegen den reaktionären Herrscher Louis Bonaparte in den 60er Jahren des neunzehnten Jahrhunderts. Eine Reihe dessen scheinbar besten Freunde versuchten, ihm seinen Thron zu rauben und er beklagt sich denn auch lautstark darüber, verspottet von Karl Marx.

Die Antwort des Gouverneurs bezieht sich auf die Aussage von Karl Marx, daß sich die Geschichte nicht wiederholt - und wenn sie es tut, dann beim ersten Mal als Ereignis, beim zweiten Mal als Farce.

So dreht sich denn die Anklage des Zynismus gegen die Bourgeoisie gegen die beiden Marx-Kenner, den etablierten Journalisten und den Gouverneur eines Staates mit 40 Millionen Einwohnern. Der Journalist stichelt: „Dann sind Sie also jetzt links von [der trotzkistischen] Senatorin Heloísa Helena?" „Nein, sie hat einige sehr farbige Hemden [bezieht sich auf die rote Farbe], während ich bei den dunklen bleibe [bezieht sich auf das Schwarz des Konservatismus].

Nun, hier hat einer der intimsten Kenner der brasilianischen Oligarchie gesprochen und wir dürfen ihm glauben. Es wurde deutlich, daß er dabei noch voll die Staatsräson bewährt hat. Wo er Namen nannte, hat er nur leicht ironisiert, wo er schwerere Geschütze auffuhr, blieb alles anonym. Aber alles, was er z.T. nur andeutete, können wir gestrost als Wahrheit ansehen, auch wenn er nur einen kleinen Zipfel des großen Teppichs angehoben hat, unter den ansonsten alles gekehrt wird.

Sonntag, 14. September 2008

Brasilien jenseits von Fußball und Samba, Teil 12: Regenwaldvernichtung und Trockenheit im Amazonasgebiet

Brasilien jenseits von Fußball und Samba, Teil 12: Regenwaldvernichtung und Trockenheit im Amazonasgebiet

Von Elmar Getto

Seit etwa Mitte September 2005 gehen alarmierende Meldungen aus dem Amazonasbecken ein: In großen Teilen, speziell im brasilianischen Bundesstaat Pará, herrscht Trockenheit. Das mächtige Stromsystem ist an manchen Stellen zu Rinnsalen geworden, Hunger und Elend breiten sich unter der Bevölkerung aus. Umweltaktivisten und Wissenschaftler, wie auch viele Bewohner Amazoniens selbst, haben seit Jahren gewarnt: der Raubbau an den wertvollen Hölzern der Regenwälder Amazoniens und das ständig ansteigende Abbrennen von Regenwaldflächen werden zu einer Verringerung der vom Regenwald „ausgeschwitzten" Feuchtigkeit führen, die die Hauptquelle der ergiebigen Regenfälle ist, durch die der Regenwald charakterisiert ist. Gehen die Regenfälle unter bestimmte Mindestmengen zurück, wird der Regenwald als solcher beginnen abzusterben. Das wäre der Beginn des Endes der Menschheit, wie wir sie kennen.

Brasilien (topographisch)

Dazu kommen die Einflüsse des Klimawandels. Vor zwei Jahren konnte der Schreiber dieser Zeilen mit einem brasilianischen Klimaspezialisten sprechen, von dem er in etwa folgendes lernte: Die verschiedenartigen Regenwälder des Amazonasbeckens haben eine Reihe von klimatischen Bedingungen gemeinsam, die wiederum von einer großen Anzahl an Einflüssen geprägt sind.

Der erste wichtige Einfluß ist der Winkel der Sonneneinstrahlung, der die gesamte Energiezufuhr bestimmt. Das gesamte Amazonasbecken ist nahe des Äquators gelegen, hat allerdings im Kern ein Südhalbkugel-Klimaverhalten. Oft wird nicht klar gesehen, daß ein solches Gebiet sich im wesentlichen so verhält wie sein Mittelpunkt. Der Mittelpunkt des Amazonasbeckens ist eindeutig südlich des Äquators. Dabei muß man das Amazonasbecken deutlich vom Orinokobecken unterscheiden, auch wenn beide an manchen Stellen ineinander übergehen. Beide Becken sind aber im wesentlichen durch Bergketten voneinander getrennt, die eine Höhe von bis zu 3.000 Metern erreichen. Der höchste Berg Brasiliens, der Pico de Neblina, fast auf den Meter genauso hoch wie die Zugspitze, liegt auf einer dieser Bergketten.

Amazonas

Nur am Oberlauf des Orinoko und des Rio Negro, eines der Quellflüsse des Amazonas, gibt es eine unmittelbare Verbindung beider Flußsysteme, die sogar so weit geht, daß - je nach Wasserstand - Orinokowasser in den Amazonas fließt und umgekehrt, ein weltweit einmaliges Phänomen.

Der Südhalbkugel-Charakter des Amazonas-Klimas zeichnet sich durch folgende Sommer-Winter-Besonderheit aus: Im Südhalbkugelsommer, also etwa von Oktober bis Mai, hat das Amazonasbecken die Energiezufuhr einer Sonne, die jeden Tag den Zenit erreicht oder einen Punkt nahe des Zenits. Im Winter dagegen, also etwa von Juni bis September, wird jeweils nur ein Punkt in der Größenordnung von zehn bis 20 Grad unterhalb des Zenits erreicht. Das macht im Mittel einen Unterschied der Energieeinstrahlung von der Hälfte (bzw. dem Doppelten) aus.

Die hohe Energiezufuhr im Sommer führt zu einem generellen Aufheizen des ganzen Regenwaldes und seiner Flüsse, Kanäle und Seen. Die höheren Temperaturen führen zu einer erhöhten Verdampfung von Wasser (im Schnitt über den ganzen Sommer in etwa das Doppelte der Verdampfung gegenüber dem Winter). Der wesentlichste Teil des verdampften Wassers kommt als Regen innerhalb des Amazonasgebiets wieder herunter. Die führt in diesen Monaten (mit einer Zeitverzögerung) zu einem weit höheren Wasserstand des gesamten Flußsystems des Amazonas als im Winter. Auf der Höhe von Manaus, das ist etwa in der Mitte des Weges von den Anden zum Atlantik, hat der Amazonas Jahr für Jahr einen Unterschied des Wasserstandes, der etwa 10 bis 15 Meter ausmacht. Die Höchststände werden typischerweise im August erreicht (mit einer Zeitverzögerung nach der langen Sommersaison), die niedrigsten Stände im November.

Regenwald

An der Mündung dagegen, etwa auf der Höhe der Insel Marajó, gibt es nur einen Unterschied des Wasserstandes von 1 bis 2 Meter. Das belegt einmal mehr, daß es sich wirklich um einen Kreislauf von Wasser im wesentlichen innerhalb des Amazonasbeckens handelt. Dies wiederum zeigt, daß das gesamte Bestehen des Amazonasregenwaldes vom selbst erzeugten Regen abhängt. Es gibt keinen aufgrund des Klimas von außen kommenden Regen, der ausreichend zur Bildung (oder für den Bestand) von Regenwald wäre. Ein Regenwald braucht zum Überleben im Schnitt einer Anzahl von Jahren etwa 2.000 mm Regen jährlich (in Deutschland haben wir um die 500 mm jährlich).

Für das Klimageschehen im weiten Umkreis bedeutet das: Der Amazonasregenwald ist ein Energiefresser: Er sorgt für weit niedrigere Temperaturen im Gebiet des Regenwaldes, aber auch in der ganzen Region, als auftreten würden, wenn es dort keinen Regenwald gäbe. Diesen Effekt kann jeder im Wald selbst spüren: Sobald er sich einem Wald annähert, wird es kühler. Im Wald selbst wird es noch einmal kühler, je weiter man zum Zentrum des Waldgebietes vorstößt.

Das bedeutet, daß im Sommer, aber auch in Teilen des Winters, der Amazonasbecken ein ständiges Tiefdruckgebiet darstellt. Das führt, zusammen mit der äquatornahen Lage, zu einem typischen täglichen Wetterablauf in großen Teilen des Gebietes: Bei Sonnenaufgang ist es bewölkt, wie es auch über Nacht war. Im Lauf des Vormittags werden die Wolken von der Erwärmung durch die steigende Sonne „aufgefressen". Gleich darauf, meist schon vor dem Mittag, manchmal erst nachmittags, kommen neue Wolken auf, die durch die hohe Verdampfung gebildet werden und türmen sich zu Regenwolken oder auch zu mittleren oder großen Unwettern zusammen. Am Nachmittag regnet es, oft in Strömen. Zu Beginn der Nacht hört es auf zu regnen und bleibt bewölkt, bis in die Nacht hinein. In Belém, im brasilianischen Bundesstaat Pará, an der Mündung des Amazonas z.B. gibt es dieses Schema für so große Teile des Jahres, daß die Leute sich dort für den späten Nachmittag, „nach dem Regen", verabreden.

Brasilien: Soja-Pflanzungen auf Regenwald-Gelände

Fast nur im Winter (im Sonner nur in Ausnahmefällen), wenn die Sonneneinstrahlung nicht für so viel selbst produzierten Regen ausreicht, kommt es vor, daß Hoch- oder Tiefdruckgebiete von außerhalb der Zone in das Amazonabecken kommen und das Wetter bestimmen.

Das gesamte Klima der Region ist damit für wesentliche Teile des Jahres von dem Dauertiefdruckgebiet über dem Amazonasbecken bestimmt. Es arbeitet zusammen mit einer anderen Dauererscheinung, das ist das Dauerhochdruckgebiet auf der anderen Seite des Atlantiks, über der Sahara, die sich heute ja bereits beachtlich nach Süden ausdehnt. Die Meteorologen sind sich heute einig, daß die Kombination dieser beiden Phänomene die Hauptverantwortung trägt für den konstantesten Dauerwind, den es auf der Erde gibt, der Wind, der fast ununterbrochen aus einer Zone im Äquatorialgebiet vor der Küste Westafrikas nach Nordwesten weht, also ein Südostwind, der den gesamten Nordosten Südamerikas und die gesamte Karibik trifft.

Dieser Wind ist so konstant und weht über so große Teile des Jahres, daß die Bäume in diesem Bereich mehr oder weniger nach Nordwesten geneigt wachsen, abhängig von ihrem Ausgesetztheit. Dies ist auch der Wind, der die Meeresströmung hinein in den Golf von Mexiko verursacht. Das Wasser hat nur einen schmalen Ausweg aus dem Golf von Mexiko: Die etwa 150 km breite Straße zwischen Florida und Kuba und danach der Kanal zwischen Florida und den Bahamas, der dem Strom eine nordöstliche Richtung gibt.

Dort strömt der warme Golfstrom aus dem Golf von Mexiko und überbrückt als die stärkste aller Meeresströmungen den ganzen Atlantik. Er sorgt dafür, daß es an der Westküste von Grönland (=Grünland) grüne Wiesen gibt, daß Island bewohnbar ist, daß Irland nicht einen großen Teil des Jahres unter Schnee und Eis liegt, sondern ‚die grüne Insel’ ist, daß der Südwestzipfel Englands, Cornwall, fast keine Temperaturen unter 0 ºC kennt und dort Palmen wachsen, daß ganz Südeuropa nicht ein gemäßigtes Klima hat, wie es seiner Lage entspräche, sondern ein subtropisches Klima, daß Mitteleuropa nicht das Klima Kanadas oder Schweden hat, sondern eben das Mitteleuropas und daß Nordeuropa nicht unter einem Eispanzer liegt, sondern bis hinauf an den Polarkreis bewohnbar ist.

Regenwald-Abholzung Brasilien

Diese Winde und Meeresströmungen bilden einen großen Kreisel im Nordatlantik: Im Süden des Nordatlantik der Wind und die Meeresströmung nach Westen, im gesamten nördliche Nordatlantik nach Osten. Für uns ist es ja fast gesetzmäßig, daß Wetter von Westen kommen, was keineswegs in allen Teilen der Welt so ist. Dies ist wesentlich bedingt durch diese Strömungen und Winde. Wahrscheinlich hat schon Kolumbus diesen großen Kreisel im Nordatlantik gekannt oder jedenfalls geahnt. Dies legen einige seiner Dokumente (und der Film Columbus 1492) nahe: Als sich die Schiffe seiner historischen Mission auf der Rückreise verlieren, nimmt sein Rivale den direkten Kurs nach Westen und kommt lange nach Kolumbus an, der einen scheinbaren Umweg über einen viel weiter nördlichen Kurs genommen hat.

Es gibt sogar die Theorie, daß Kolumbus auf einer seiner Reisen, die ihn vorher auf die Azoren geführt hatte, bereits den Sprung nach Amerika geschafft hatte. Er konnte aber mit dieser Entdeckung noch nichts anfangen, denn es war keine offizielle Mission, von einem König beauftragt. Erst als er 1492 vom spanischen König beauftragt losfuhr, konnte er ‚offiziell’ den Seeweg nach Indien entdecken, wie er meinte.

Jedenfalls ist klar, daß im Jahre 1500, also acht Jahre später, bereits Allgemeingut war (und sich schon bis Portugal herumgesprochen hatte), daß man, um schneller zu den „neuen Inseln" zu kommen einen sehr südlichen Weg, ausgehend von den Kanarischen oder besser noch den Kapverdischen Inseln nehmen muß, während man auf dem Rückweg einen weit nördlicheren Kurs nehmen sollte, der einen auf die Höhe oder sogar noch nördlich der Azoren führt.

Die fünf wärmsten Jahre seit 1890

Im Zentrum dieses großen Kreisels, in einer Zone mit wenig von außen kommenden Winden, ist die ‚Küche der Hurricanes’, wo in jeder Saison (von Juni bis November) etwa 16 schwere tropische Unwetter entstehen, die sich zum Teil zu Hurricanes entwickeln. Dieses Jahr waren es bis jetzt bereits 23 und davon wurden schon 13 zu Hurricanes (einschließlich Hurricane Beta).

Dort bestehen in diesem Zeitraum die notwendigen Bedingungen zur Herausbildung von Unwettern oder Hurricanes: Relativ hohe Oberflächentemperaturen des Wassers (wahrscheinlich braucht es mindestens etwa 26 ºC für die Entwicklung von Hurricanes) und schwache Winde, so daß die aufsteigenden Massen warmer Feuchtigkeit nicht gleich weggeweht werden.

Das Ganze ist, wie man sich leicht vorstellen kann, ein labiles Gleichgewicht. Kommt auch nur eine der wesentlichen Komponenten seiner Aufgabe im Geschehen nicht mehr vollständig nach, beginnt sich das Ganze zu bewegen, wobei die Richtung und die Ergebnisse fast unmöglich vorherzusagen sind.

Treffende Karikatur

Neben dem Einfluß der Sonneneinstrahlung gibt es aber noch einige andere Einflüsse auf das Klima im Amazonasgebiet. Während Einflüsse aus der Pazifikregion extrem gering sind wegen der gigantischen Mauer der Anden zwischen dort und dem Pazifikbecken, gibt es sowohl eine Interaktion zwischen dem Klima im Südatlantik und der Amazonasregion als auch eine solche mit dem Geschehen im Nordatlantik.Diese gegenseitigen Beeinflussungen können zwar an bestimmten Ergebnissen und Wetterereignissen nachgewiesen werden, aber es gibt bisher keine erwiesenermassen richtige Theorie über diese Zusammenhänge.

Die Theorie über die Interaktion zwischen dem Nordatlantik und Amazonien, die der genannte Gesprächspartner bevorzugte, war folgende: In den Übergangsmonaten zwischen dem Sommer auf der Nord- und auf der Südhalbkugel gibt es eine Phase in jedem Jahr, in dem die Südostwinde im Äquatorialatlantik abflauen und Massen feuchter Luft zwischen der Amazonasregion und der „Küche der Hurricanes" im Nordatlantik ausgetauscht werden, in diese oder jene Richtung. Danach schließt sich das Fenster wieder und eine der beiden Regionen hat einen Feuchtigkeitsüberschuß für die folgende Saison und vice versa. Das wird geschlossen aus der Tatsache, daß niedrige Hochwasser im August im Amazonas koinzidieren mit besonders heftigen Hurricanes im Nordatlantik im gleichen Jahr und umgekehrt.

Kohlendioxid-Anstieg: Dies ist eine so überzeugende Kurve über das, was im Moment geschieht, dass sich jeder Kommentar erübrigt.

Was den Südatlantik angeht, so besteht ebenfalls normalerweise keine direkte Klimaverbindung mit dem Amazonasgebiet. Das beruht darauf, daß die Kaltfronten aus der Wetterküche zwischen Südamerika und der Südpolregion, die üblicherweise ganz Südamerika nach Norden hinauf fortschreiten, auf brasilianischen Gebiet meistens auf große Massen warmer Luft stoßen und von diesen auf den Atlantik hinaus abgeleitet werden. Unter bestimmten Bedingungen aber, deren Ursachen noch erforscht werden, geschieht dies nicht. Die Kaltfront stößt weiter nach Norden vor bis in die Amazonasregion hinein und sorgt dort für ausgiebige Regenfälle von tagelanger Dauer. Dies führt aber auch zu einem Sinken der Temperaturen im Amazonasgebiet und damit zu einer Verringerung der Verdunstung, was dann wieder Zeiten ohne die typischen häufigen Regenfälle verursacht.

Soweit also die Grundlagen der amazonischen Klimakunde.

Nun kommt der zweite Schritt; Was passiert, wenn, wie leider anzunehmen, weder die Zerstörung des Regenwaldes am Amazonas noch die globale Erwärmung durch radikale Maßnahmen gegen den CO2-Ausstoß gestoppt wird?

Nun, wenn die globale Erwärmung fortschreitet, wird sie sich beschleunigen, unabhängig davon, ob eventuell der Kohlendioxid-Ausstoß nicht mehr weiter ansteigt, denn die steigenden Temperaturen setzen neue Mengen von Kohlendioxid frei. Das betrifft vor allem Böden, die bisher auf Dauer gefroren waren oder jedenfalls in den kurzen Sommern arktischer Gebiete nur oberflächlich auftauen. Tauen diese Böden bis in die Tiefe hinein auf, worüber schon die ersten Berichte aus Grönland, Alaska und Sibirien vorliegen, werden sie neue gewaltige Mengen von Treibhausgasen freisetzen und die globale Erwärmung weiter beschleunigen.

Grönland-Erwärmung-Stand-1985

Grönland Erwärmung Stand 2002

Grönland Erwärmung Überblick - Kartenausschnitt

Die beiden oberen Bilder zeigen in beeindruckender Weise das Fortschreiten der Eisschmelze in Grönland, wie weit sie bereits vor 6 Jahren gekommen war. Allerdings ist die Aussagekraft durch die unterschiedlichen Aufnahmezeitpunkte eingeschränkt. Aber: Sowohl November als auch Mai sind in der Arktis-Region Teile des Winters. Der Sommer dauert nur von Juni bis August. Das untere Bild zeigt den Ort der Satelliten-Fotos und (in Farben) die Anzahl Tage in Grönland mit Eisschmelze.

Wie wirkt die globale Erwärmung auf Amazonien? Zunächst gibt es natürlich die einfache Reaktion: Höhere Temperaturen führen zu höherer Verdunstung. Die Sommer-Hochwasser im Amazonasgebiet würden die Tendenz haben zu steigen. Tatsächlich gab es in den letzten zehn Jahren zwei der höchsten Wasserstände des Amazonas. Das reicht allerdings zur Stützung dieser Theorie noch nicht aus. Andererseits wird nämlich darauf hingewiesen, daß eine erhöhte Verdunstung auch zu vermehrter Wolkenbildung führt und diese wiederum die weitere Aufheizung von Regenwald und Flußsystem abblockt, das Amazonassystem also innerhalb bestimmter Grenzen selbstregulierend ist. Die Energie wird aber doch in die untere Athmosphäre gepumpt, denn in diesem Fall absorbieren die Wolken die Energie. Wozu das führt, ist noch nicht bekannt.

Im allgemeinen muß man mit großer Wahrscheinlichkeit mit erhöhten Regenfällen im Amazonasgebiet rechnen und damit auch mit durchschnittlich höheren Wasserständen. Dies war allerdings bisher nicht eindeutig statistisch nachweisbar.

Ganz anders dagegen mit dem fortschreitenden Abbrennen und Abholzen des Regenwaldes: Dies führt eindeutig zu einem Rückgang der Verdunstung und damit auch der Niederschläge und des Wasserstandes. Die globale Erwärmung und die Regenwaldvernichtung würden also zunächst zu entgegengesetzten Folgen führen, die sich für eine Zeit gegenseitig aufheben könnten. Ab einem bestimmten Grad der Verringerung der Regenwaldflächen - damals wurde bei gleichbleibender Vernichtungsgeschwindigkeit des Regenwaldes etwa mit der Größenordnung des Jahres 2015 gerechnet - würde die Verringerung des Regens dann überwiegen und es käme zu ersten Trockenheiten in der Periode des Niedrigwassers ab September als erstes Anzeichen für ein Verschwinden des Amazonasregenwaldes.

Und damit sind wir jetzt in der Aktualität angelangt. Wie schon verschiedentlich seit September berichtet wurde, ist im Amazonasgebiet eine extreme Trockenheit aufgetreten, die selbst die ältesten Menschen in der Region als etwas bezeichnen, was sie nie vorher gesehen haben. Das bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als daß eine bestenfalls für 2015 erwartete Erscheinung jetzt bereits eingetreten ist. Es gibt zwei Möglichkeiten der Erklärung: Eine wäre, daß es sich um einen typischen einmaligen Ausreißer handelt, wie sie gelegentlich vorkommen (es könnte z.B. beim "Öffnen des Fensters" im Juni zu einer übermäßigen Transfer von Feuchtigkeit in die Zone der Brutstätte der Hurricanes gekommen sein, was mit dem diesjährigen extrem hohen Hurricane-Aufkommen zusammenfallen würde).

Schmelzendes Eis

Dies schien bis zum 21.Oktober 2005 die wahrscheinlichste Erklärung zu sein. Seitdem aber muß davon ausgegangen werden, daß in Wirklichkeit die andere Erklärung bemüht werden muß, um diese Trockenheit zu erklären: Der Prozeß der Vernichtung des Regenwaldes am Amazonas ist bereits viel weiter fortgeschritten als vorher angenommen. Die Trockenheit ist wirklich bereits die Ankündigung des kommenden Austrocknens der Region, was den endgültigen Beginn der akuten Phase der globalen Klimakatastrophe anzeigt.

Am 21. Oktober 2005 nämlich wurde in der internationalen wissenschaftlichen Fachschrift Science ein Artikel (Band 310, S. 480) veröffentlicht, der genau dies auf wissenschaftlicher Grundlage belegt, nämlich den Fakt, daß die Vernichtung des Regenwaldes am Amazonas bereits viel weiter fortgeschritten ist als angenommen. Verantwortlicher Autor für eine Gruppe von Carnegie Wissenschaftlern ist Gregory Asner, Assistenzprofessor der Stanford University, Department of Geological and Environmental Sciences.

Globale Erwärmung

Bereits im Mai waren die letzten Zahlen der Vernichtung des Amazonas-Regenwaldes veröffentlicht worden: Von August 2003 bis August 2004 wurden mindestens 26.130 Quadratkilometer Urwald vernichtet. Berücksichtigt wurden hier aber nur die nach einem Kahlschlag vollständig gerodeten Waldflächen. Das entsprach etwa der Hälfte der Fläche der Schweiz in einem einzigen Jahr (die US-Wissenschaftler pflegen zu sagen: in etwa die Fläche des Staates Connecticut pro Jahr).

„Jede Minute verliert Brasilien eine Fläche von sieben Fußballfeldern wertvollen Regenwaldes", wurde Michael Evers schon damals zitiert, Leiter des Fachbereichs Wald bei der Umweltschutzorganisation WWF Deutschland. Die Regierung in Brasilia trage eine erhebliche Mitschuld an der Entwicklung, indem sie Bodenspekulationen zur Vergrößerung von Weideflächen für Rinder begünstige und den illegalen Holzeinschlag sowie die Ausbeutung der Arbeiter und die Kriminalität nicht ausreichend bekämpfe.

Nun aber wurde festgestellt, daß darüber hinaus bisher noch nicht registriert wurde, daß bereits seit vielen Jahren in großen Teilen des Amazonasgebietes das selektive Einschlagen bestimmter wertvoller Hölzer praktiziert wird. Dies führt, wie jetzt durch eine neue Methode der Auswertung von Satelittenbildern herausgefunden wurde, zu einer massiven Ausdünnung des Regenwaldes mit weitgehenden Folgen für eine der wichtigsten Eigenschaften eines Regenwaldes: Die Dichte. Durch seine hohe Dichte hält der Regenwald eine extrem hohe Luftfeuchtigkeit unterhalb des Blätterdachs, was durch das Ausdünnen beeinträchtigt wird. Dies führt zu einem generell trockeneren Wald und zu einer geringeren Verdunstung.

Dieser trockenere Regenwald wird dann auch viel eher Opfer natürlicher Buschfeuer, so etwa durch Blitzschlag, wogegen Regenwälder - eben wegen ihrer hohen Feuchtigkeit - eigentlich relativ geschützt sind.

Was hier interessant ist, ist die schwarze Linie (Beobachtung). Sie zeigt einen völlig von den vorherigen Scwankungen abweichenden, unaufhaltsamen Anstieg der Temperaturen in letzter Zeit.

Beim selektiven Einschlag werden nur jene wirtschaftlich besonders interessanten besonders großen Bäume mit besonders hartem Holz geschlagen (Mahagoni und andere). Allerdings reißen diese Urwaldriesen mit Höhen bis zu 70 Metern beim Fallen gewaltige Breschen in den Wald, die dann beim Abtransport noch vergrößert werden. Die Blätterdachabdeckung in großen Höhen wird unterbrochen, viele kleineren Bäume und niedrige Vegetation leiden. Es wird ein US-Spezialist zitiert, der sagt: „Der Regenwald ist durchlöchert wie Schweizer Käse." Er beklagt vor allem die fehlende Kontrolle bei den Abholzaktionen. Daraus ergibt sich die Erkenntnis, daß in Wirklichkeit eine weit höhere Abholzung erfolgt, als angenommen worden war. Tatsächlich, so die Wissenschaftler, dürfte die Abholzung in jedem Jahr jeweils 60 bis 128 Prozent über den offiziell festgestellten Werten liegen.

Es wird auch berichtet, daß die Technik des selektiven Einschlagens auch in Bereichen durchgeführt wird, die als Naturschutzgebiete ausgewiesen sind oder als Indio-Reservate, wo eigentlich der Zugang verboten ist.

Im Schnitt, so stellten die Wissenschaftler fest, werden etwa 30 Bäume mitgefällt, wenn einer der Urwaldriesen herausgeholt wird. Das hängt auch damit zusammen, daß in solchen Regenwälder die Bäume untereinander mit Lianen verbunden sind. Ein großer Mahagoni-Stamm bringt mehrere Hundert Dollar in einem Sägewerk. Neben dem Mahagony gibt es noch etwa 35 andere Baumarten, deren Hölzer begehrt sind. Die Stämme werden mit Traktoren zum nächsten Flußlauf geschleppt und dort zu Flößen zusammengestellt, die dann mit Schleppschiffen zu den großen Sägewerken gebracht werden. Wenn man im Schnitt täglich drei Bäume für einen Tag pro Einsatztrupp (mit fünf Mann) rechnet und die geringen Kosten für den Verantwortlichen der Aktion (weniger als 50 Dollar pro Tag einschließlich Abschreibungen), kann dieser größenordnungsmäßig mit etwa 1.000 Dollar Reingewinn pro Tag rechnen. Davon muß der verantwortliche Verbrecher dann etwa 100 Dollar pro Tag an Schmiergeldern für Beamte abziehen, die ihm anschließend den Stempel „aus kontrolliertem Einschlag" auf die Papiere seiner Hölzer setzen.

Arbeitet der Verbrecher mit einem Schiff und drei Traktoren sowie drei Trupps, erzielt er also einen Profit von um die 2.700 Dollar pro Tag. Das macht bei 25 Arbeitstagen im Monat 67.500 Dollar REINGEWINN. Pro Jahr wären das 810.000 Dollar. Man kann damit also mit wenig Aufwand annähernd eine Million Dollar im Jahr machen.

Die Schätzungen besagen, daß Zehntausende solcher Trupps in Amazonien unterwegs sind.

Solange also in den entwickelten Ländern Nachfrage nach Tropenhölzern besteht, wird es haufenweise Leute geben, die das Risiko eingehen werden, mit so etwas erwischt zu werden. Daß die hier angelieferten Hölzer offiziell „aus kontrolliertem Einschlag" gekennzeichnet sind, sagt gar nichts.

Und - nur um das noch einmal in Erinnerung zu rufen: Das ist alles zusätzlich zu dem Niederbrennen zum Gewinnen neuer Flächen zum Anbau und für Viehweiden, das allein schon jährlich die Fläche der Hälfte der Schweiz ausmacht. D. h., wir müssen nun mit einer jährlichen Fläche von zerstörtem Regenwald (allein im Amazonas-Bassin) in der Größenordnung der Schweiz ausgehen.

Ein so ausgedünnter Regenwald verliert einen Teil der Fähigkeit, CO2 zu speichern, was im Moment die wichtigste Eigenschaft des Amazonas-Urwaldes für die Menschheit darstellt. Das ist das Ergebnis einer anderen Arbeit, die in der gleichen Ausgabe von Science veröffentlicht wurde. Ein Team um Daniel Bunker von der Columbia University in New York hat festgestellt, daß es durch den Einschlag zu weniger Niederschlägen im Regenwald komme. Das führe letztendlich dazu, daß auf der gleichen Fläche weit weniger Kohlendioxid absorbiert würde. Das bedeutet im Endeffekt, daß die gesamte bisherige Einschätzung über die Menge von CO2, die der Regenwald im Amazonas absorbiert, neu durchdacht werden müssen. Bisher ging man davon aus, daß durch Abbrennen und Abholzen des Amazonas-Waldes etwa 400 Millionen Tonnen von Kohlenstoff zusätzlich in die Athmosphäre gelangen. Nach diesen neuen Erkenntnissen müssen jetzt etwa weitere 100 Millionen Tonnen pro Jahr dazugezählt werden. Wahrscheinlich ist die Kapazität des Waldes auch in dieser Hinsicht letzthin überschätzt worden und muß nun aus neuer Perspektive gesehen werden. Das bedeutet wiederum, daß die bisherigen Voraussagen, wann die Menge an Kohlendioxid in der Atmosphäre so weit angestiegen ist, daß unumkehrbare generelle und weitreichende Klimaänderungen alles menschliche Leben beeinträchtigen werden, neu gefaßt werden müssen. Es kann wahrscheinlich keine Rede mehr davon sein, daß ein solcher Zeitpunkt erst 2050 oder 2040 einträte, sondern es muß mit kürzeren Zeiträumen gerechnet werden.

Eine Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse der neuen wissenschaftlichen Untersuchungen über die Zerstörung des Amazonas-Regenwaldes kann man auf dieser Web-Site nachlesen (in Englisch).

Diese neuen Erkenntnisse sind erst seit kurzer Zeit bekannt. Es gibt daher noch keine wissenschaftlich abgesicherten Einschätzungen, welchen Zeitvorhersagen jetzt gemacht werden können. Man kann aber schon davon ausgehen, daß wahrscheinlich in etwa das Jahr 2030 der letzte und äußerste Zeitpunkt sein wird, bis zu dem die bereits in ihr akutes Stadium getretene Entwicklung zur globalen Umweltkatastrophe noch umkehrbar wäre, wahrscheinlich geht es eher in die Richtung der Jahre 2015 oder 2020.

Was charakterisiert nun die globale Umweltkatastrophe? Neben anderen Erscheinungen (wie z.B. dem Anstieg des Meeresnieveaus, der vom Verschwinden einiger Inseln und einiger tiefliegender Küstenbereiche begleitet ist oder auch der Möglichkeit des Ausbleibens des Golf-Stromes, was Nord- und Mittel-Europa für eine Übergangszeit in Schnee und Eis versinken lassen würde) besteht sie im wesentlichen aus dem Anstieg in Intensität und Häufigkeit von Unwettern sowie dem Anstieg in Intensität und Häufigkeit von Dürren.

Beide Effekte gemeinsam werden einerseits zur Ausdehnung bestehender und dem Entstehen neuer Wüsten und Steppen führen (das Amazonasgebiet z.B. wird zu einer Wüste werden) und andererseits werden die gewaltigen Regen-Sturzbäche den Humus, den Boden, auf dem Pflanzen wachsen können, in zunehmendem Maße weg- und ins Meer spülen. Beides wird auch die Möglichkeit des Zurückhaltens von Regenwasser vermindern, so daß es immer schwieriger werden wird, noch Trinkwasser zu finden. Die Sturzbach-Regenfälle werden außerdem immer mehr zu verheerenden Überschwemmungen führen. Im Endstadium gibt es kaum noch Trinkwasser und kaum noch Pflanzen. Es braucht nicht näher erläutert zu werden, daß dies das Ende der Menschheit bedeutet, wie wir sie kennen.

Es ist offensichtlich, daß zumindest dieser Teil der Regenwald-Vernichtung (nicht nur im Amazonasgebiet) einfach beendet werden könnte: Mit einem generellen Verbot der Einfuhr und des Verkaufes von tropischen Hölzern in allen G8-Staaten, verbunden mit hohen Strafen. Ebenso offensichtlich ist, daß die Regierungen der G8-Staaten den Teufel tun werden, ein solches Verbot zu beschließen. Sie sind schließlich den reichen Verbrechern verpflichtet, nicht den Völkern.

Und das alles, damit gewisse Reiche noch viel reicher werden können. Es wird deutlich, daß wir nur noch wenig Zeit haben, den Kapitalismus zum Teufel zu jagen. Der Kapitalismus steht bereits im Übergang zur kapitalistischen Barbarei und diese wird in der globalen Umweltkatastrophe ihren am weitest gehenden Ausdruck finden. Jetzt müssen alle Kräfte zum Sturz des Kapitalismus vereint werden.


Hier also Teil 12 der Serie "Brasilien jenseits von Fussball und Samba" von Elmar Getto. Des ist eine der umfangreichsten und tiefgreifendsten Veröffentlichungen zu diesem Thema, ursprünglich in der "Berliner Umschau" veröffentlicht am 19.11.2005. Er ist wieder besonders aktuell wegen der umfassenden Aussagen zur Beeinflussung der Entwicklung zur Klimakatastrophe.


Hier die Links zu allen Teilen der Reihe „Brasilien jenseits von Fussball und Samba“

- Teil 1: „Wie der Amazonas zu seinem Namen kam“

- Teil 2: ‚Menschenfresser-Country’

- Teil 3: „Ausgerottete Künstler“

- Teil 4: Niemeyer ist 100 – ‚Auf dem Höhepunkt des Schaffens’

- Teil 5: Brasilien und Gold

- Teil 6: Die Landschaften Brasiliens – Der Amazonas-Regenwald

- Teil 7: Brasilien und der Strom

- Teil 8: Die Landschaften Brasiliens – Mata Atlântica

- Teil 9: Santos Dumont und der erste Motorflug

- Teil 10: SIVAM – Big Brother in Amazonien

- Teil 11: Sprit aus nachwachsenden Rohstoffen

- Teil 12: Regenwaldvernichtung und Trockenheit im Amazonasgebiet

- Teil 13: Wie unsere Zukunft in der beginnenden kapitalistischen Barbarei aussähe – „Ich habe kein Leben“

Karl Weiss - Journalismus

Bürger-Journalist - Nachrichten-, Politik-, Brasilien- und Bilder-Blog

Artikel und Dossier der Woche

Artikel der Woche "Die zweite Leiche in Frau Merkels Keller" Nach der Umweltleiche die Strahlungsleiche

Dossier der Woche "Dossier Totale Kreislaufwirtschaft 1 Synthesis - Es ist längst möglich" Nur die Kreislaufwirtschaft kann die Zukunft der Menschheit retten

Willkommen / Impressum

Willkommen im Weblog Karl Weiss - Journalismus.
Er enthält im wesentlichen meine Artikel, z.T erstveröffentlicht, z.T. bereits vorher erschienen und soll den Lesern auch meine (und Elmars) älteren Artikel zugänglich machen, meistens aus der "Berliner Umschau" (Link hier unten). Alle sind aufgefordert, Kommentare, Kritiken, Anregungen zu schreiben.
IMPRESSUM
Ich bin zu erreichen über berliner_umschau@ yahoo.de
Die Adresse ist Gaudystr.6, 10437 Berlin, Tel./Fax: 030/4771591
Ich wünsche also allen (und mir) viel Spaß (und Ernst) mit diesem Blog.
Karl Weiss, Belo Horizonte, Brasilien

Suche

 

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Beiträge

Der Tod an der Elbe
Großer Atomunfall in Krümmel/Geesthach wurde...
Karl Weiss - 7. Nov, 19:48
Lateinamerika: Neuer...
Paraguay: Präsident entlässt die drei Chefs...
Karl Weiss - 7. Nov, 13:38
GM hat nicht alle Karten...
Was sollen die Opel-Werker tun? Von Karl Weiss GM...
Karl Weiss - 5. Nov, 13:36
Brasilien ist der Renner...
Wird Brasilien das Land des Jahres 2010? Von Karl...
Karl Weiss - 4. Nov, 13:39
Scheinwissenschaftliche...
‚Spiegel online‘ lügt und verdreht Von...
Karl Weiss - 3. Nov, 17:38

Status

Online seit 1228 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 8. Nov, 12:39

Credits

Knallgrau New Media Solutions - Web Agentur für neue Medien

powered by Antville powered by Helma


xml version of this page
xml version of this topic

twoday.net AGB

Archiv

November 2009
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 
 
 
 
 
 
 1 
 2 
 8 
 9 
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
 
 
 
 
 
 
 
 

Alle Links in Popups öffnen

alle Links auf der aktuellen Seite in einem neuen Fenster öffnen 

Zufallsbild

Das bekannte Bild mit einem Gefangenen mit Kapuze auf dem Hocker, mit Drähten angebunden.

kostenloser Counter

Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de

AbbauRechte
AlternativPolitik
Brasilien
Deutschland
Fussball
Imperialismus
InternetundMeinungsfreiheit
Lateinamerika
Medien
NaherOsten
Oekonomie
Sozialabbau
Umwelt
Willkommen
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren