Der kapitalistische Krisenzyklus - "Eiszeit", "Kollaps", "Infarkt"

Krise Nr. 149

Von Karl Weiss

Der Harvard-Ökonom Robert Barro hat seit 1870 insgesamt 148 Krisen identifiziert, bei denen das Brutto-Inlandsprodukt des jeweiligen Landes um mindestens 10% gesunken ist (gegenüber dem Vorjahreszeitraum). Zwar hat die Intensität der Krisen nach dem 2. Weltkrieg zunächst deutlich nachgelassen, aber die These der bürgerlichen Ökonomen, das sei Ergebnis der verbesserten Beeinflussung, erweist sich nun als vergebliche Hoffnung. Es kann nicht im geringsten von sachlichem Beeinflußbarkeit die Rede sein. Alles, was die kapitalistische Wirtschaftskrise an Intensität verloren zu haben schien, kommt nun mit voller Wucht in der gerade begonnenen (Nr. 149) umso intensiver zur Geltung.

Damit sind so ziemlich alle Thesen der bürgerlichen Ökonomen der letzten 60 Jahre widerlegt. Natürlich gibt das niemand zu. Manche klammern sich so hysterisch an ihre eigenen Dogmen, dass sie jetzt ungeachtet der klaren Anzeichen eine Krise vorhersagen, in der es z.B. Deutschland angeblich nur zu einem Minus von 0,5% in der Wirtschaftsleistung kommen und ab dem Jahr 2010 bereits wieder aufwärts gehen wird.

"Ich bin in Ordnung, ich bin auf einen Steuerzahler gefallen"

Alle jene allerdings, die sich an den tatsächlichen Vorzeichen orientieren und nicht an Dogmen, sprechen von ganz anderen Zahlen und benutzen Worte wie „Eiszeit“, wie „Kollaps“ und „Infarkt“, siehe z.B. den aktuellen Leitartikel von Tobias Bayer in der Financial Times Deutschland (FTD) unter dem Titel „Die ruhigen Jahre sind vorbei“.

Er stellt die These auf, es habe eine Ansammlung von glücklichen Umständen gegeben, die dazu führten, dass die große Krise erst jetzt ausgebrochen ist. Tatsächlich hängt die Intensität der Krisen von hunderterlei Umständen ab, aber im gesamten werden die Krisen eben am Ende das tun, was sie im Kapitalismus tun müssen: Die Vernichtung von überschüssigen Produktionskapazitäten, bis die verbleibenden den vorhandenen Kaufkraft angepasst sind.

Es sieht ganz so aus, dass es da einen ziemlichen Nachholbedarf gibt und es scheint so, diesmal werden alle möglichen Eingriffe bestenfalls noch eine Verminderung der Einbrüche in bestimmten Länder bewirken können, nicht mehr und nicht weniger.

Deutschland: Brutto-Inlandsprodukt, Einkommen, Renten, Prozent gegen Vorjahr, bis 2008

Nicht dass diese Eingriffe nicht einen deutlichen Unterschied ausmachen könnten, was wir besonders in Deutschland extrem bemerken werden. Die Weigerung der großen Koalition (und der sie unterstützenden Parteien der FDP und der Grünen), auch nur ein einziges wirklich großes Konsumpaket aufzulegen, wird noch zu entsetzlichen Zuständen in Deutschland führen.

Allerdings wird sich das nicht wesentlich von jenen Zuständen unterscheiden, die in den USA nach dem Kollaps des Dollars herrschen werden oder denen in China, nachdem praktisch alle Exporte in die USA gestoppt sein werden. Man darf, ohne allzu weit vorzugreifen, von einer profunden sozialen Unrast in allen diesen Ländern ausgehen.

Dollar Gasp

Die kapitalistischen Krisen sind unerbittlich und sie sind unvermeidlich. So sind sie auch Teil des unvermeidlichen Endes des kapitalistischen Systems. Allerdings kommt dies nicht automatisch. Wir werden den entscheidenden Stoß geben müssen. Der Schreiber dieser Zeilen wird mitmachen. Und Sie?


Veröffentlicht am 29. Dezember 2008 in der Berliner Umschau
phuter - 30. Dez, 11:59

Dem kapitalistischen System den letzten Stoss geben...

Klingt ja mal nicht so übel. Und dann?
Ich befürchte, dass die Vorstellungen was dann kommen sollte weit auseinandergehen. Die einen wollen einen starken Staat mit hoher Abgabenquote und Umverteilung, andere wiederum wollen genau das Gegenteil.
Wie soll Verteilung funktionieren und wer soll die Produktionsmittel besitzen? Die sozialistische Verteilungsform ist an der Natur der Menschen gescheitert - denn wo Macht sich akkumuliert sind amoralische Schmeissfliegen zumeist nicht fern, die nicht im Sinne der Allgemeinheit sondern in ihrem eigenen Sinn denken. Das wird sich auch beim besten aller am Reissbrett entworfenen Wirtschaftssysteme nicht verhindern lassen...
Treten wir also den Kapitalismus die Klippe hinunter, so ist absehbar, dass wir uns alle im Anschluss um das bessere Gesellschaftssystem balgen werden. Und dies wird eine Entwicklung am meisten begünstigen: Der Kapitalismus wird in noch brutalerer Form durch die Hintertür schleichen. Das kann als Mafiastruktur sein, das können Warlords sein oder aber ein oligarchisch organisierter Staat, dessen Machthaber in erster Linie mal an sich selbst denken und Ordnung nur insofern aufrecht erhalten, als sie ihren Interessen dient.
Der Kapitalismus ist - so fürchte ich - ein ins uns ruhendes Naturprinzip. Er wiederholt sich in noch krasseren Formen in der Natur ständig. Was wir romantisch verklärt als Gleichgewicht sehen ist ein brutaler Verteilungskampf zwischen Organismen. Symbiotische Existenzformen sind die Ausnahme - Parasiten und Raubtiere die Regel. Selbst "Wirtschaftskrisen" passieren mit schöner Regelmäßigkeit und aus ähnlichen Gründen (Überpopulation, Zerstörung der eigenen Lebensgrundlagen).
Alles, was wir tun, um die Folgen dieses Konstruktionsprinzips abzumildern könnte man also als "Kultur" oder "Kulturelle Errungenschaft" sehen. Und je mehr wir dagegen tun, desto weiter entfernen wir uns von unserer eigenen Natur. Das Kulturprinzip wird also mit fortschreitender Entwicklung nicht stärker sondern immer fragiler. Soziales Verhalten ist sozusagen ab einem gewissen Punkt mit einem Zölibat vergleichbar, mit dem Unterdrücken von Trieben. Je weiter dies voran schreitet, desto unangenhmer, lähmender wird es empfunden - desto öfter wird versucht werden es zu umgehen, desto strikter werden die Maßnahmen um Mißbrauch zu verhindern, desto unfreier wird es.
In diesem Spannungsfeld wird sich eine künftige Gesellschaft entwickeln müssen - der nachhaltige Erfolg neuer Gesellschaftssysteme wird sich daran messen, wie gut es diese Grundeigenschaften der Menschen berücksichtigt und sie zu integrieren im Stande ist.

Karl Weiss - 2. Jan, 12:24

Geschichte der Menschheit

Ja, phuter, da werden wir wohl nicht zusammenkommen, wie sich schon bei früheren Kommentaren von Ihnen gezeigt hat. Ich will aber trotzdem antworten, für die, welche hier lesen.

Ihr grundlegenden Irrtum ist dieser:

Sie haben nie auch nur versucht die Gesetzmässigkeiten der menschlichen Geschichte zu verstehen oder zu studieren. Die Menschheit hatte nie die Möglichkeit, ihr Gesellschaftssystem frei zu wählen, mit Komponenten von jenem und von diesem. Die menschliche Geschichte spielt sich aufgrund der ökonomischen Entwicklung in Epochen nach Gesellschaftssystemen ab. Zuerst gab es die Urgemeinschaft, auch Ur-Kommunismus genannt. Sie herrschte zu 90% der Zeit, seit es unsere Spezies gibt. Dann wurde die Sklavenhaltergesellschaft eingeführt, nicht weil die Menschheit dies gewählt h6atte, sondern weil die Begrenztheit der Ressourcen das Anbauen von Pflanzen und das Halten von Vieh nötig machten. Damit wurden die Ausbeutung und Unterdrückung erstmals eingeführt, ebenso wie die Familie, das Privateigentum und der Staat. Später ging die Sklavenhaltergesllschaft in die Feudalgesellschaft über. Wieder waren es ökonomische Gründe, wiederum hatte niemand die Möglichkeit zu wählen. Der Feudalismus war einfach effektiver und gewann deshalb gegen Gesellschaften, die noch in der Sklavenhaltergesellschaft verharrten. Schliesslich der nächste revolutionäre Übergang: Der Kapitalismus kam auf und erwies sich den neuen Verhältnissen als mehr angepasst. Er verdrängte den Feudalismus. Nun sind wir da angelangt, dass der Kapitalismus kein einziges Problem mehr lösen kann und nur der Sozialismus ein Überleben der Menschheit gerantieren kann. Dies ist nicht eine Frage der Wahl, nicht Ergebnis der Disskussion über wünschenswerte Gesellschaftssysteme, sondern eine ökonomische Notwendigkeit. Allerdings wird es wiederum notwendig sein, ihn im Kampf gegen das bestehende System, den Kapitalismus, zu installieren, denn die Kapitalisten werden schwerlich freiwillig von der Bühne der Geschichte abtreten. Es ist also keine Frage, was wir - und in welcher Art - gerne hätten, sondern was notwendig ist zum Überleben der Menschheit. Wenn wir den Sozialismus nicht errichten - und zwar weltweit - wird es tatsächlich zu jenen Warlord-Verhältnissen kommen und der wesentliche Teil der Menschheit wird vernichtet werden.

Wie Sie zu der absurden These kommen, der Mensch sei gewissermassen von Natur aus kapitalistisch, ist wirklich lächerlich. Der Kapitalismus ist lediglich eine extrem kurze Periode der menschheitsgeschicht: 200 bis 300 Jahre von insgesamt etwa 300 000 bisher.

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