Brasilianische Fussballmeisterschaft im Endspurt

São Paulo mit Abstand in Führung

Von Karl Weiss


Die brasilianische Fußballmeisterschaft der ersten Liga steht in ihrem Schlußspurt. Noch 6 Spieltage, dann, am 3.Dezember, wird der neue Meister gekürt sein und die Absteiger, diesmal wieder vier, werden feststehen. Alle Mannschaften haben noch drei Heim- und drei Auswärtsspiele. Wahrscheinlich wird der São Paulo F.C. Meister, der aktuelle FIFA-Vereinsweltmeister.

In Brasilien, das erst vor wenigen Jahren eine landesweite Meisterschaft mit Hin- und Rückrunde Jeder gegen Jeden eingeführt hat, findet diese von April bis Dezember statt, mit im Moment 20 Vereinen. Von Februar bis April gibt es noch zusätzlich regionale Meisterschaften, an denen die Vereine der ersten Liga ebenfalls teilnehmen müssen. Das ergibt eine Unzahl von Spielen, weit mehr als in europäischen Ländern. Fast jeden Mittwoch ist Spieltag.

Oft wird die Qualität der brasilianischen Spitzenvereine in Europa unterschätzt, denn die besten Brasilianer spielen ja in Europa. Das Reservoir an Talenten ist aber so umfangreich in diesem fußballverrückten Land, daß auch ohne diese noch Fußball auf höchstem Niveau gespielt werden kann. Der damalige Champions-Leage-Sieger F.C. Liverpool kann ein Lied davon singen, denn er musste sich dem damaligen Sieger der „Copa Libertadores”, dem südamerikanischen Gegenstück, São Paulo F.C., in der Entscheidung der FIFA-Fußball-Vereinsweltmeisterschaft im Dezember 2005 geschlagen geben.

Die brasilianische Meisterschaft hat auch dieses Jahr wieder mit einer Anzahl Überraschungen aufgewartet, wenn sie auch nicht so extrem ungewöhnlich und spannend verlief wie die letztjährige. Während damals insgesamt 9 der 22 Vereine den ersten Platz einnahmen im Lauf der Meisterschaft und zwei Runden vor den Ende immer noch alles offen war, hat diesmal der São Paulo F.C. den wesentlichen Teil der Zeit die Tabelle angeführt und liegt nun mit 5 Punkten Vorsprung auf dem Meisterplatz. Wenn nicht noch ein Einbruch ungeahnten Ausmaßes passiert, wie damals den Leverkusenern, die vier Spieltage vor Schluss mit 9 Punkten Vorsprung an der Spitze lagen und es noch fertig brachten, die Meisterschaft zu verlieren, so wird der „dreifarbige” Club, wie er hier oft genannt wird nach seinen Vereinsfarben schwarz, weiß und rot, auch am Ende die Nase vorne haben.

Die wesentlichen Überraschungen bereiteten die beiden anderen Spitzenmannschaften aus der Stadt São Paulo, Corinthians, der Vorjahresmeister, sowie Palmeiras, das einmal (im Jahre 1996) die beste Vereinsmannschaft hatte, die der Berichterstatter je gesehen hat. Beide kamen dieses Jahr nicht zurecht und krebsten lange Zeit auf Abstiegsplätzen herum, obwohl sie eigentlich zu den Mitfavoriten gehört hatten. Erst jetzt, kurz vor Ende der Saison, konnten sie sich aus der Abstiegszone befreien, ohne schon rechnerisch sicher zu sein.

Eine andere Überraschung waren drei der vier Spitzenmannschaften aus Rio de Janeiro, den Traditionsclubs Flamengo, Vasco da Gama, Botafogo und Fluminense. In der Rio-Meisterschaften hatten alle desaströse Vorstellungen gezeigt, so dass man schon das schlimmste befürchten musste, z.B. den Abstieg von zweien von ihnen. In Wirklichkeit aber hat sich Flamengo neben dem Pokal-Titel einen festen Mittelplatz erkämpft, Vasco und Botafogo sind sogar noch Anwärter auf einen der Plätze für die „Libertadores“. Nur Fluminense, im letzten Jahr noch im November einer der
Meisterschaftskandidaten, steht diesmal gefährlich nahe der Abstiegszone.

Eine weitere positive Überraschung ist der Club Figuerense aus der Hauptstadt Santa Catarinas, Florianopolis, der schon letztes Jahr als Aufsteiger und Abstiegskandidat einen Mittelplatz einnehmen konnte und diesmal wieder in der „weder-noch“-Zone steht. Im Mittwochspiel (2.11.) hat man gerade einem der Titelanwärter, Gremio, gezeigt, wie stark man auch auswärts ist und mit 2:1 gewonnen in Porto Alegre.

Ein weiterer Verein, der die Erwartungen nicht erfüllen konnte, ist Atlético Paranaense Curitiba, Anfang des Jahres kurzzeitig von Lothar Matthäus trainiert. Als überragendes Beispiel deutscher Zuverlässigkeit hatte der sich nach Europa abgesetzt und nach einiger Zeit nur kurz mitteilen lassen, er werde nicht mehr zurückkommen, werde seinen Vertrag nicht erfüllen. Noch im Jahr davor im Endspiel des „Libertadores“-Pokals, springt diesmal nur ein Mittelplatz heraus, vielleicht noch der letzte Platz für die südamerikanische Vereinsmeisterschaft „Libertadores“. Allerdings ist man im noch laufenden diesjährigen südamerikanischen Cup als letzter übriger brasilianischer Club im Halbfinale. Eben hat man einem der Mit-Anwärter auf einen „Libertadores“-Platz, Vasco Rio de Janeiro, im heimischen Stadion in Curitiba mit 6:4 in einem begeisternden Spiel gezeigt, wie groß die Heimstärke der Mannschaft ist. Wann gab es in der Bundesliga das letzte Mal ein 6:4?

Etwas ähnliches gilt für Cruzeiro Belo Horizonte, ein Daueranwärter auf den Titel oder vordere Plätze. Auch dieser Verein kann bestenfalls noch einen der beiden unteren Plätze für die nächste „Libertadores“ erreichen. Allerdings konnte Cruzeiro im heimischen „Mineirão“-Stadion an diesem

Mittwoch nur ein 2:2-Unentschieden gegen einen der wesentlichen anderen Anwärter auf einen „Libertadores“-Platz, Paraná Clube Curitiba erreichen. Das könnte schon das Ende der Hoffnungen sein.

Im Prinzip hat Brasilien fünf Plätze in der „Libertadores“, davon geht einer an den Pokalsieger, das war in diesem Jahr Flamengo Rio de Janeiro. Außer dem Meister kommen also noch drei Vereine für die begehrten Plätze in Frage. Nun hat Südamerika aber auch dem Vorjahressieger einen „Libertadores“-Platz reserviert. Das war in diesem Jahr Internacional Porto Alegre, im Moment Zweiter hinter seinem Endspielgegner São Paulo F.C. Damit eröffnen sich dem Dritten, Vierten und Fünften die begehrten restlichen Plätze.

Im Moment stehen auf diesen Plätzen der Santos F.C., der Pelé-Verein, Gremio Porto Alegre, eine satte Leistung als Wiederaufsteiger, sowie Paraná Clube Curitiba. Chancen haben noch Vasco Rio de Janeiro, den man eher im Kampf um den Abstieg vermutet hätte, Botafogo Rio de Janeiro und, wie erwähnt, Cruzeiro Belo Horizonte und Atlético Paranaense.

Die Verfolgergruppe vom São Paulo F.C. mit 64 Punkten sind mit 59 Punkten Internacional Porto Alegre, und mit jeweils 55 Punkten der Santos F.C. undInternacionals Lokalrivale Gremio, die beide am Mittwoch verloren haben. Von diesen hat Gremio das leichteste Restprogramm, aber es bleibt fraglich, ob der São Paulo F.C. noch einzuholen ist.

Internacional konnte zwar die „Libertadores“ im Endspiel gegen São Paulo holen, aber in der Meisterschaft dessen Vorherrschaft kaum angreifen, denn nach dem Sieg in der „Libertadores“ gingen die drei besten Spieler nach Europa. Vor allem der Abgang des Stürmers Rafael Sobis zum spanischen Betis konnte man nicht ausgleichen. Sobis kann man übrigens wahrscheinlich wieder als Auswahlspieler besichtigen, wenn Brasilien demnächst ein Freundschaftsspiel gegen die Schweiz in Basel bestreitet.

Was den Abstieg betrifft, so ist mit Santa Cruz einer der beiden Aufsteiger bereits fast aussichtslos abgeschlagen am Tabellenende mit einem Abstand von 11 Punkten auf den rettenden fünftletzten Platz. São Caetano, vor zwei Jahren noch im Meisterschaftskampf, liegt nur zwei Punkte besser, ist aber mit seiner Kampfkraft eventuell noch in der Lage, sich zu retten. Das 1:1 gegen den Mitabstiegskandidaten Fluminense zu Hause war aber zu wenig.

Auf dem dritten Abstiegsplatz davor liegt mit Fortaleza einer der typischen Kandidaten für den Abstieg, mit 5 Punkten Abstand zum rettenden Ufer. Ein 0:4 am Mittwoch zu Hause gegen Corinthians São Paulo, das vor drei Spielen noch auf einem Abstiegsplatz stand, könnte schon das Ende der Hoffnungen bedeuten.

Mit Ponte Preta Campinas steht davor ein weiterer Verein aus dem Landesinneren von São Paulo auf einem Abstiegsplatz, mit zwei Punkten Abstand zum fünftletzten.Am Donnerstag, den 2.11., konnte man bei Spitzenreiter São Paulo ein 1:1 holen und machte gar nicht den Eindruck eines Absteigers.

Fortaleza und Ponte Preta müsse noch gegeneinander antreten (im Nordosten bei Fortaleza) und spielen jeweils auch noch gegen jeweils drei weitere extrem gefährliche Gegner, Mitkandidaten um den Abstieg oder auf einen Platz in der Libertadores. So dürfte es für beide äußerst schwer werden. Einer von beiden hat aber eine reelle Chance, dem Abstieg zu entgehen, wobei die grösseren Chancen bei Ponte Preta liegen.

Davor steht im Moment auf dem rettenden Platz Fluminense Rio de Janeiro. Er muss noch gegen drei der Mitkandidaten auf den Abstieg antreten. Es könnte zu einem Desaster am Ende der Saison werden, wenn man im letzen Spiel Palmeiras São Paulo empfängt, das zwei Punkte davor liegt und mit einem theoretisch stärkeren Team aufwarten kann.

Nur theoretisch noch mit im Abstiegsstrudel stehen Corinthians São Paulo, der aktuelle Meister, und Juventude Caxias do Sul, die voraussichtlich nicht mehr wirklich gefährdet sind.

Bleibt noch anzumerken: Es wird in Südamerika neben der Vereinsmeisterschaft „Libertadores“ auch noch der Südamerika-Cup ausgetragen, so etwas wie der UEFA-Cup (für die zweite Garnitur). Der wird aber nicht parallel, sondern nach dem Ende der „Libertadores“ durchgeführt. Im Moment ist man dort gerade bei den Semifinalspielen 2006 angelangt. Es haben sich Vereine aus vier verschiedenen Ländern qualifiziert. Das eine Halbfinale führt die brasilianische Mannschaft Atlético Paranaense Curitiba und den mexikanischen Club Pachuca zusammen (wie auch bei der „Libertadores“ werden immer mexikanische Vereine zu den Südamerika-Ausscheidungen eingeladen), das andere wird entschieden zwischen dem chilenischen Club Colo-Colo Santiago, der im Viertelfinale die Argentinier Gimnasia ausgeschaltet hat, und dem Sieger aus dem argentinisch-mexikanischen Duell zwischen San Lorenzo, dem letzten verbliebenen argentinischen Verein und Toluca Mexico. Das Hinspiel in Argentinien hat San Lorenzo 3:1 gewonnen. Das dürfte nur schwer
aufzuholen zu sein für die Mexikaner.

Fast möchte man wetten: Mindestens eine der Voraussagen des Artikels wird nicht eintreffen.

Veröffentlicht am 4. November 2006 in der "Berliner Umschau"

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