Fussball

Montag, 28. Juli 2008

Cícero zu Hertha

Fluminense verlor die Endspiele der Libertadores

Von Karl Weiss

Nach einer unerklärlich schwachen Leistung in der ersten Halbzeit beim Hinspiel (in der Höhenlage von Quito) der beiden Endspiele der Libertadores, dem südamerikanischen Gegenstück zur Champions Leage, konnte Fluminense Rio de Janeiro den Rückstand nur noch ausgleichen und verlor im Elfmeterschiessen gegen LDU aus Ekuador. Der Fluminense-Mittelfeldspieler Cícero wurde danach an Hertha Berlin verkauft.



Fluminense war die beste Mannschaft der Gruppenphase der Libertadores und hatte, um es bis ins Endspiel zu schaffen, neben dem überragenden südamerikanischen Verein Boca Juniors Buenos Aires zwei der besten brasilianischen Mannschaften zu eliminieren, São Paulo F.C. und Gremio Porto Alegre. São Paulo hat die beiden letzten brasilianischen Meisterschaften gewonnen und Gremio ist im Moment an der Tabellenspitze der brasilianischen ersten Liga, die noch in der Hinrunde ist.

Der Gegner von Fluminense in den Endspielen, Lega Desportiva Universitária (LDU) aus der ekuadorianischen Hauptstadt Quito, hatte ebenfalls bereits schwere Brocken zu überwinden, wie das argentinische Team San Lorenzo, das den Lokalrivalen River Plate ausgeschaltet hatte und vor allem den Mitfavoriten und mexikanischen Meister America Mexico Stadt, konnte aber immer mit einem wichtigen Umstand rechnen: Die Höhenlage seines Stadions in Quito mit mehr als 2500 Metern.

Dieser Vorteil galt allerdings nicht gegen America, denn deren Stadion liegt sogar noch höher. Fluminense war also gewarnt. LDU war in der gleichen Gruppe wie Fluminense gewesen. Fluminense hatte da die Mannschaft zu Hause besiegt und in Quito ein 0 : 0 geschafft, das Traumergebnis für jeden Flachland-Club in dieser Höhe.

Bei den Spielen der südamerikanischen Vereinswettbewerbe in Stadien in Höhenlagen reist man im allgemeinen erst unmittelbar vor dem Spiel an, denn eine Adaptation an die Höhe, die drei Wochen dauert, ist nicht möglich, wenn man am Wochende spielt, am Mittwoch ein Höhenlagen-Spiel hat und am nächsten Wochenende schon wieder ran muss.

Fluminense versuchte aber die Schwierigkeiten zu vermindern, die man in der ungewohnt dünnen Luft hat, wenn man sportliche Höchstleistungen verbringen will, indem der Verein einen grossen Teil des Teams bereits eineinhalb Wochen vor dem Spiel nach Quito reisen liess und in Brasilien die ersten Spiele der Meisterschaftsrunde von Ersatzmannschaften bestreiten liess. Diese Rechnung ging nicht auf, ja, sie wurde zum Desaster. In der Meisterschaft lag Fluminense nach vier Spieltagen auf dem letzten Platz und hat bis jetzt Schweirigkeiten, sich dort unten herauszuwursteln und die Libertadores-Krone ging verloren.

In der ersten Halbzeit in Quito zeigte Fluminense eine völlig unakzeptable Leistung, konnte nie ins Spiel finden noch den Gegner an seinen Kombinationen hindern und lag am Ende der Halbzeit mit 4 :0 zurück!

Dann allerdings, in der zweiten Halbzeit, fand das Team sein Spiel und wurde sogar überlegen. In einigen Situationen schienen eher die ekuadorianischen Spieler Schwierigkeiten zu haben als die Brasilianer aus der Stadt auf Meereshöhe. Es gelang, die zweite Halbzeit mit 2:0 zu gewinnen, was aber immer noch eine 4:2 Niederlage als Ergebnis hatte.

Immerhin gab es noch Hoffnung. Mit einem 3 : 0 zu Hause oder einem 4:1 würde man Sieger sein und das schien nicht völlig ausgeschlossen. Und bei einem 2:0? Ja, das war eben der Knackpunkt, denn genau dies Ergebnis kam dann auch zustande.

In der Libertadores gilt, wie auch in der Champions-Leage, die Regel, dass Auswärtstore doppelt zählen, aber nicht in den Endspielen. Wäre das auch in den Endspielen gültig gewesen, hätte Fluminense mit dem 2: 0 zu Hause die Libertadores gewonnen gehabt, aber so musste man in eine Verlängerung, die nichts mehr veränderte und dann ins Elfmeterschiessen.

Dort benutzte der ekuadorianische Torwart einen Trick, auf den der Schiedsrichter hereinfiel. Er blieb vor dem Elfmeter mit dem Rücken zum Spieler im Tor und drehte sich erst um, wenn der Schiedsrichter den Elfmeter mit einem Pfiff freigegeben hatte, um zu versuchen, ihn zu halten.

Tatsächlich irritierte er damit einen der brasilianischen Schützen und konnte dessen Schuss abwehren. Dann beim entscheidenden Elfmeter von Thiago Neves, der verwandelt werden musste, sonst hätten die Brasilianer verloren, weitete er seinen Trick aus: Er wartete wieder mit dem Rücken zum Gegner, bis die Exekution freigegeben war, drehte sich zum Spieler – und ging aus seinem Tor heraus auf den Schiedsrichter zu, irgendetwas sagend. Der Brasilianer Thiago Neves stutzte kurz, verwandelte aber dann den Elfmeter, der ja freigegeben war. Der Schiedsrichter liess sich aber vom Torwart einwickeln und liess den Elfmeter wiederholen. Tatsächlich war der Brasilianer nun so irritiert, dass er schwach schoss und der Torwart den Elfmeter abwehren konnte. LDU hatte die Libertadores gewonnen!

Fluminense war am Boden und nun begann der Ausverkauf. Thiago Neves wird wahrscheinlich von Barcelona gekauft und Cícero geht nach Deutschland zu Hertha.


Cícero im Dress von Fluminense

Cícero ist ein defensiver Mittelfeldspieler, der sich – neben den für einen Brasilianer obligatorischen technischen Fähigkeiten – vor allem durch seine Vielseitigkeit auszeichnet. Er ist beidfüssig und versteht das defensive Fussballgeschäft genauso gut wie das offensive. Er wurde in mehreren Spielen von Fluminense als offensiver Mittelfeldspieler eingesetzt und auch schon als Stürmer. In einem Spiel war er auch rechter Aussenverteidiger.

Cícero wird am 26. August 24 Jahre alt, könnte sich also noch weiter entwickeln. Man sehe nur, wo Luca Toni mit 24 war. Allerdings wird er sich noch sehr entwickeln müssen, wenn er es zum Beispiel bis in die brasilianische Nationalmannschaft schaffen wollte. Er ist also wohl sein 800 Tausend Euro wert und könnte sich zu einem bedeutenden Spieler mausern.

Er war entscheidend am Höhenflug von Fluminense in 2007 und 2008 beteiligt. Er wurde von einem kleinen Verein Anfang 2007 an Fluminense ausgeliehen, das später 20% seiner Rechte kaufte. Er war eine der wesentlichen Stützen der Mannschaft beim Gewinn des Pokals in jenem Jahr, was Fluminense das Recht auf Teilnahme an der Libertadores sicherte und ebenfalls an der herausragenden Leistung von Fluminense als bester brasilianischer Verein und Endspielteilnehmer in der diesjährigen Libertadores.

Er ist nicht – oder jedenfalls noch nicht – der Typ eines genialen Regisseurs im Mittelfeld, keine Führungspersönlichkeit, niemand, der durch seine Leistung schon verloren geglaubte Spiele herausreisst, aber er bringt ein gerüttelt Mass an Kreativität mit, was ihn zu einem extrem nützlichen Spieler machen kann.

Er hat in der Saison 2007 bei Fluminense sechs Tore erzielt, ein guter Schnitt für einen defensiven Mittelfeldspieler. Eines der Tore war am vorletzten Spieltag das spielentscheidende Tor beim 3 : 2-Sieg gegen Juventude, das den dritten Platz der Meisterschaft sicherte und Juventude zum Abstieg verurteilte. Er kann also in geeigneten Situation als Überraschungsmoment vorne auftauchen und die gegnerische Hintermannschaft vor Probleme stellen. Man kann ihn in gewisser Weise mit Salihamicizc vergleichen. Wer dessen Tätigkeit bei den Bayern verfolgt hat, kann sich vorstellen, welche Bedeutung ein solcher Spieler für ein Team gewinnen kann. In einem Spiel der Rio-Meisterschaft (Anfang des Jahres werden in Brasilien noch die Regionalmeisterschaften ausgetragen) gegen den Erzrivalen Flamengo war Cícero mit zwei Toren spielentscheidend, eines davon in der Nachspielzeit.

Er kommt aus einfachen Verhaltnisse, wird also wohl am Anfang die üblichen Eingewöhnungsprobleme von Brasilianern in Deutschland haben, aber Hertha hat ja Erfahrungen mit Brasilianern und wird ihm da wohl helfen können. In den ersten Spielen wird man Geduld mit ihm aufbringen müssen. Er wurde in einem kleinen Ort im Landesinneren von Espirito Santo geboren, das ist jener Bundesstaat nördlich von Rio de Janeiro. Cícero (mit Akzent auf dem i ) ist keiner der üblichen Spitznamen, sondern sein Vorname. Er heißt Cícero Santos.

Und – Achtung Berliner Frauen! – er ist unverheiratet und im Moment solo, wie er betont. Ein Reporter konnte ihm die Äusserung entlocken, er werde in Berlin nicht nur den Erfolg suchen, sondern auch eine Frau.

Nun, seit 18. Juli trainiert er mit der Hertha und man kann ihm und Hertha nur alles Gute wünschen.


Veröffentlicht am 28. Juli 2008 in der Berliner Umschau

Originalveröffentlichung

Samstag, 7. Juni 2008

Eine rauschende Fussballnacht im Maracanã

Libertadores-Finale: LDU-Fluminense

Von Karl Weiss

Das war Fußball, wie es das Herz begehrt: 90 Minuten am späten Abend des 4. Juni 2008 im gefüllten Maracanã-Stadion in Rio de Janeiro: Boca Juniors Buenos Aires, gegenwärtiger Titelhalter, gegen Fluminense Rio de Janeiro, Bester der Gruppenphase, vor 84 000 begeisterten Zuschauern. Wie immer, haben Duelle zwischen argentinischen und brasilianischen Vereinen eine besondere Aufmerksamkeit, wieviel mehr, wenn das Halbfinale der Kontinent- Meisterschaft Libertadores bestritten wird.



Während in der Endphase der Champions Leage, wenn Chelsea, Barcelona und Manchester United antreten, das Spiel zum Gähnen langweilig ist für jemand, der nicht einem der beiden Vereine anhängt, weil fast nur im Mittelfeld um den Ball gekämpft wird und man nur viertelstündig vor einem der Tore auftaucht, sind die Spiele der besten südamerikanischen Mannschaften und Mexikos voller Spannung, extrem ereignisreich und angefüllt mit Szenen vor beiden Toren

Zu den Gründen dafür hier.

Das Hinspiel war 2:2 in Buenos Aires ausgegangen, eine Spitzenleistung von Fluminense, denn dort kann man auch schon mal untergehen. Damit war ein einfacher Sieg zu Hause ausreichend und auch schon ein 0:0 und ein 1:1 unentschieden, um Fluminense ins Finale zu bringen.



Aber Fluminense hatte schon seit Jahren kein Maracanã mehr gefüllt, auch nicht, nachdem es renoviert und vollständig mit Sitzplätzen versehen wurde, was die Kapazität, die einmal bei 200 000 Stehplätzen lag, auf 84 000 verringert hat. Das lag daran, dass Fluminense, früher immer der Hauptrivale von Flamengo in Rio (die Lokalderbys Fla-Flu waren Legende), in den beiden letzten Jahrzehnten zu einem mittelklassigen Verein wurde. Man war sogar einmal bis in die dritte Liga abgestiegen.

Im letzten Jahr hatte man den brasilianischen Pokal gewonnen und von dann ab ging es aufwärts. In der brasilianischen Meisterschaft wurde man Dritter und dann konzentrierte man sich 2008 voll auf die Libertadores. Die Pflichtspiele in der Rio-Meisterschaft und jetzt auch in der brasilianischen bestritt man meist mit Reservemannschaften oder jedenfalls stark ausgedünnten Aufstellungen, was unter anderem dazu geführt hat, dass man in der Tabelle momentan mit einem einzigen Punkt auf dem letzten Platz steht. Doch die Priorität zahlte sich aus. Nicht nur, dass man die beste Gruppenmannschaft der Libertadores war und daher bis einschliesslich der beiden Endspiele den Vorteil hat, das jeweils zweite Spiel zu Hause austragen zu können, nicht nur, dass man jetzt in den Endspielen steht und damit zweimal die Einnahmen aus einem gefüllten Maracanã erhält, vor allem wurde der Name Fluminense wieder zu einem Fußball-Markenartikel, wie er das über lange Jahre des 20. Jahrhunderts war.

Fluminense - Boca: Palácio und Palermo haben eine grosse Chance vergeben

Zu Beginn des Spieles vor der beeindruckenden Kulisse versuchte Fluminense Druck zu machen, wie man es versprochen hatte. Washington vergab eine hervorragende Torchance und die Zuschauer kamen fast zum Delirium. Doch dann, im Verlauf der ersten Hälfte, wurde Boca immer überlegener und dominierte das Spiel. Folgerichtig taten sich Torchancen auf, die aber zum Teil vergeben wurden (Riquelme, Palermo, Palácio, Cáceres ) und zum Teil an irgendeinem fluminensischen Bein apprallten. Was durchkam, wurde Beute des Torhüters Fernando Henrique von Fluminense, der seine bisher beste Leistung zeigte und zum besten Spieler des Siegers avancierte. Nur in der ersten Halbzeit waren es bereits zwei „unmögliche“ Abwehrtaten von ihm, wozu in der zweiten weitere drei kamen.

Dass man zur Halbzeit nicht zurücklag, konnte nur als das Glück des Tüchtigen angesehen werden. In der zweiten Halbzeit ging es zunächst genauso weiter: Boca drückte, Fluminense verteidigte. So kam dann auch der Moment, in dem das Unausweichliche geschah: Boca ging 1:0 in Führung. Eine Flanke von links von Riquelme zielte unmittelbar vors Tor am zweiten Pfosten. Palermo trat blitzschnell an und stand plötzlich allein direkt vor dem Torwart, wenn auch in spitzem Winkel rechts vor dem Tor. Als die Flanke ankam, köpfte Palermo den Ball zwischen Pfosten und Torhüter ins Tor.



Hätten beide so weitergespielt, wäre das Finale Boca nicht zu nehmen gewesen. Doch nun zeigte die junge Mannschaft von Fluminense, was sie auch schon an gleichem Ort gegen Sâo Paulo bewiesen hatte: Sie kann zurückfighten. Das Bild änderte sich, Fluminense wurde gleichwertig und die Szenen vor beiden Toren wechselten sich jetzt ab. Bei Fluminense kam Dodô als zweiter Stürmer herein, der schon wiederholt als Joker eingesetzt worden war. Er war früher einmal eines der brasilianischen Supertalente gewesen, wurde dann aber nicht mehr als ein guter Stürmer, ohne den Sprung nach Europa zu schaffen. Jetzt, gegen Ende seiner Karriere, ist er der ideale Joker. Er kommt in der zweiten Halbzeit, wenn sich schon Ermüdungserscheinungen bei der Abwehr zeigen und kommt mit seinem technischen Fußball dann oft in aussichtsreiche Positionen.

An diesem Abend zeigte er auch ein Kabinettstückchen, das man selten zu sehen bekommt: Er bekam mit dem Rücken zum Tor den Ball, wurde aber von zwei Seiten angegriffen. Da schob er den Ball zwischen den Beinen in Richtung Tor und machte gleichzeitig eine Pirouette, die beide Abwehrspieler täuschte und war mit dem Ball in Richtung gegnerisches Tor unterwegs.



So war es denn auch Dodô, der kurz vor dem Strafraum gefault wurde. Der fällige Freistoss wurde von Washington direkt genau in den Winkel verwandelt: 1:1. Eigentlich ist es Riquelme auf der anderen Seite, der für diese Freistosstore zuständig ist, aber der hatte nicht den besten Tag erwischt. Seine beiden Freistösse schickte er übers Tor.

Mit diesem Ergebnis war es wieder Fluminense, das weitergekommen wäre. Boca griff nun immer wütender an, aber Fluminense erwies sich als gleichwertiger Gegner. In ihren Bemühungen musste die Mannschaft von Boca nun aber bis zu einem gewissen Grade die Abwehr vernachlässigen und das nutzte Fluminense kaltblütig aus.



Mit Conca ging das Team bereits kurz nach dem Ausgleichstor in Führung. Fast gelang Palácio in der Schlussminute der regulären Spielzeit der Ausgleich, aber der Ball verfehlte knapp das Tor. In der Nachspielzeit, als Boca verzweifelt um ein 2:2 kämpfte, das zu einem Elfmeterschiessen geführt hätte, setzte Dodô den Schlusspunkt. Boca zeigte eine Ungenauigkeit im Pass in der Abwehr, die Dodô fast frei vor das Tor kommen liess. Er liess mit einem gut gezirkelten Ball dem Torwart keine Chance. 3:1! Flu war in den Endspielen und das Stadion explodierte fast.



Das war etwa um 23.45 an diesem Abend, aber die Anhänger von Fluminense verliessen das Stadion erst lange nach Mitternacht.

Damit hat Fluminense das seltene geschafft, das nur wenige Vereine in Südamerika in den letzten zehn Jahren für sich reklamieren können, Boca Juniors aus dem Wettbewerb geworfen zu haben. Der letzte, dem das gelungen war, war der São Paulo F.C. im letzten Jahr in der Copa Sulamericana, dem Gegenstück zum UEFA Cup. In der Libertadores allerdings ist es Jahrzehnte her, dass Boca Juniors durch ein brasilianisches Team eliminiert wurde. Das letzte Mal war 1963 (!), gegen das Santos von Pelé im Endspiel.



Bereits am Vortag hatte sich LDU Quito aus Ekuador überraschend gegen America Mexiko Stadt durch ein 0:0 zu Hause für die Endspiele qualifiziert, nachdem man es geschafft hatte, im Aztekenstadion in Mexikos Hauptstadt ein 1:1 unentschieden zu erreichen. Das belegt eindrucksvoll, was der Berichterstatter bereits in einem früheren Artikel gesagt hat: LDU ist bärenstark. Eigentlich sehen die Verantwortlichen der Fussballszene immer etwas von oben herab auf Mannschaften aus den Höhenlagens Boliviens, Perus oder Equadors, die weit kommen in der Libertadores. Sie haben ja den Vorteil des Heimspiels gegen nicht an die Höhe adaptierte Gegner. Da die Spiele unter der Woche zwischen zwei Spielen im Heimatland stattfinden, kann keine Höheadaptation durchgeführt werden. Dies Argument trifft allerdings diesmal nicht zu, denn der Favorit aus Mexico Stadt lebt ja ebenfalls in etwa 3000 m Höhe und spielt dort. Er hatte also keine Probleme mit der Höhenluft.



Damit sind in beiden Halbfinalen die Favoriten ausgeschieden.

Für Fluminense wird allerdings wieder das Argument mit der Höhenlage zutreffen beim Hinspiel in Quito. Dort kann man immer froh sein, in einer Abwehrschlacht ein 0:0 zu erreichen. Wenn das gelingt, werden die Chancen gut sein auf den Titel. Kommt man aber mit einer Niederlage mit zwei Toren Unterschied ins Maracanã, dürfte gegen das starke Team von LDU kaum etwas drin sein.

Die beiden Endspiele sind terminiert für den 25. Juni in Quito und für den 2. Juli in Rio.

Zusätzlich seinen hier noch die beiden Halbfinalspiele des brasilianischen Pokals erwähnt, der ebenfalls in der Endphase ist. Beide Halbfinale, sowohl das zwischen Corinthians São Paulo und Botafogo Rio de Janeiro als auch das zwischen Vasco Rio de Janeiro und Sport Recife, wurden im Elfmeterschiessen entschieden. Corinthians und Botafogo hatten jeweils zu Hause 2:1 gewonnen. Corinthians war im Elfmeterschiessen glücklicher und gewann mit 5:4. Zwischen Sport Recife und Vasco gab es jeweils Siege mit 2:0 zu Hause. Das machte auch dort das Elfmeterschiessen nötig, wobei gleich der erste Elfmeter für Vasco von Edmundo in den blauen Himmel geschossen wurde. Alle anderen trafen und so gewann Sport mit 5:4. Damit waren beide Rio-Vereine ausgeschieden.

Am 4. Juni, zeitgleich mit dem Libertadores-Halbfinale im Maracanã, fand in São Paulo bereits das erste der beiden Endspiele um den Pokal statt, das Corinthians zu Hause mit 3:1 gewann. Das Rückspiel ist am 11. Juni in Recife. Damit gibt es erneut eine gute Chance für einen Zweitligisten, den Pokal zu gewinnen, wie das ja in vielen Ländern schon geschah.

Allerdings ist Corinthians kein normaler Zweitligist. Der Verein hat in São Paulo die bei weitem grösste Anhängerschaft und brasilienweit die zweitgrösste nach Flamengo. Er dürfte also kaum sehr lange in der zweiten Liga bleiben. Sollte er den Pokal gewinnen – und die Hälfte des Weges ist ja bereits zurückgelegt – stünde er bereits als erster Vertreter Brasiliens für die Libertadores des kommenden Jahres fest.


Veröffentlicht am 7. Juni 2008 in der Berliner Umschau

Originalveröffentlichung

Samstag, 24. Mai 2008

Fussball: Libertadores und Brasilien-Meisterschaftsrunde

Der Libertadores-Titel läuft auf Boca Juniors zu

Von Karl Weiss

Wie immer im Mai, hat die brasilianische Fußball-Meisterschaft begonnen, die bis Dezember laufen wird. Es gibt keinen herausragenden Favoriten. In der Copa Libertadores, dem südamerikanischen Gegenstück zur Champions Leage, haben die Achtel- und Viertelfinale stattgefunden und die Begegnungen der Halbfinale stehen fest.


Alle Fotos in diesem Artikel sind vom Rückspiel des Viertelfinals der Libertadores zwischen den beiden brasilianischen Clubs Fluminense und São Paulo im gefüllten Maracanã-Stadion in Rio de Janeiro

Zunächst zur Libertadores, wo es überraschende und erwartete Ergebnisse gab und wo auf höchstem Niveau gespielt wird, auch wenn man die Champions Leage zum Vergleich heranzieht. Allerdings sind die Spiele in Südamerika weit interessanter, weil es viele Torszenen gibt und kein zehn- oder zwanzigminütiges Mittelfeld-Geplänkel.

In den Achtelfinalspielen lief alles, mit einer Ausnahme, wie erwartet.

Der beste der Gruppenersten aus der Gruppenphase, Fluminense Rio de Janeiro, setzte sich wie erwartet gegen den schlechtesten der Gruppenzweiten durch, Atletico Nacional aus Kolumbien, wenn auch mit Schwierigkeiten mit einem mageren 1:0 zu Hause und einem 2:1 beim Gegner im Norden des südamerikanischen Kontinents.

Flamengo Rio de Janeiro war zwar der zweitbeste der Gruppenphase und der mexikanische Meister America Mexiko Stadt nur der zweitschlechteste der Gruppenzweiten, aber trotz der Schwächephase blieb America einer der wesentlichen Favoriten und wurde dieser Rolle in überragender Weise gerecht. Flamengo hatte völlig überraschend in Nordamerika mit 4:2 gewonnen und es schien nur noch eine Kleinigkeit zu sein, die Qualifikation im Maracanã-Stadion in Rio nach Hause zu schaukeln. Doch America traf auf ein seltsam apathisches Flamengo-Team (Unterschätzung des Gegners?) und gewann mit 3:0 auf gegnerischem Platz doch noch den Einzug ins Viertelfinale. Mit dieser Leistung steht America nun gleichberechtigt mit Boca Juniors auf dem Podest des Favoriten.



Die einzige größere Überraschung im Viertelfinale war die Qualifikation von San Lorenzo Buenos Aires gegen den Lokal- Rivalen River Plate. San Lorenzo hatte dem berühmten argentinischen Club in dessen Stadion ein Unentschieden abgetrotzt und im eigenen gewonnen. Aber Lokalderbys haben immer eigene Gesetze.

Erwartungsgemäss setzte sich Atlas Guadalajara aus Mexico gegen den anderen argentinischen Verein Lanus durch. Mit einem Sieg in Argentinien hatte man schon des Sack zugemacht und brauchte dann zu Hause nur noch ein Unentschieden.

Ebenso erwartet war der Durchmarsch von Libertadores-Favorit Boca Juniors Buenos Aiores gegen Cruzeiro Belo Horizonte, auch wenn hier in Belo Horizonte viele nicht wahr haben wollten, dass ein Klassenunterschied besteht. Boca gewann beide Spiele mit 2:1.



Es ist eine Augenweide, den Angriffswirbel von Riquelme, Palacio und Palermo zu sehen, da dürfte auch Manchester United in Schwierigkeiten kommen. Aber auch die Abwehr mit den beiden Nationalspielern Cáceres und Ayala kann sich auch international sehen lassen.

Dass der schwächste der verbliebenen argentinischen Clubs, Estudiantes La Plata , sich nicht gegen die starke Mannschaft von LDU Quito aus Ekuador durchsetzen konnte, war ebenfalls schon im Artikel vom 25. April vorhergesagt worden. 2:0 hatte LDU schon in der Höhenlage von Quito vorgelegt und konnte dann 1:2 in Argentinien verlieren und doch noch weiterkommen.

Der andere Kolumbianische Vertreter Cúcuta musste sich gegen Santos zweimal mit 2:0 geschlagen geben.



Schliesslich schied noch der einzig verbliebene Vertreter Uruguays, Nacional, gegen São Paulo aus. Einem torlosen Unentschieden in Montevideo folgte ein 2:0 im heimischen Morumbi-Stadion in Brasiliens Metropole São Paulo.

So ergaben sich fast genau die im Artikel am 25. April vorausgesagten Vietelfinalbegegnungen, ausser der Abwesenheit von River Plate:

Zwei der drei verbliebenen brasilianischen Vereine kamen gegeneinander, Fluminense und São Paulo – Pokalsieger gegen Meister - kaum eine Voraussage war möglich. Mitfavorit Amerika Mexiko kam gegen Santos aus der Stadt mit Brasiliens und Südamerikas grösstem Hafen, sicher kein leichtes Siegen. San Lorenzo Buenos Aires bekam es mit LDU Equador zu tun, das in dieser Libertadores schon viele Überraschungen geschafft hat. Schliesslich gab es das Duell von Favorit Boca Juniors gegen Atlas Guadalajara, das – bei aller Liebe – eigentlich nur den argentinischen Verein als Sieger sehen dürfte.



Entgegen der Voraussage des Berichterstatters gewann Fluminense Rio gegen São Paulo, obwohl man sich im Hinspiel mit 1:0 geschlagen geben musste. Das Rückspiel im Maracana-Stadion in Rio wurde am 21. Mai zu einem Krimi. Zunächst ging die Heimmannschaft mit 1:0 in Führung und glich den Vorteil von São Paulo aus. Dann schaffte São Paulo das Unentschieden und sah schon wie der Sieger aus, denn nun musste Fluminense gegen die geballte Abwehr des brasilianischen Meisters (nur 15 Gegentore in der ganzen Saison des vergangenen Jahres!) zwei Tore erzielen, um weiterzukommen – und es war nur noch eine Halbzeit Zeit. Flu, wie man in Rio liebevoll den Traditionsverein abkürzt, schaffte dann das 2:1, aber damit wäre São Paulo immer noch weitergekommen, denn auch in der Libertadores gelten Auswärtstore doppelt. Die reguläre Spielzeit endete und auf der Bank des brasilianischen Meisters machte man sich schon zum Jubeln fertig, da schaffte Fluminense in der 92. Minute durch einen Kopfball von Washington nach einer Ecke das 3:1 gegen den Favoriten und war qualifiziert. Der Trainer von São Paulo, Muricy Ramalho, bemerkte, er werde Monate brauchen, um das zu verdauen.

Auch die hochfavorisierte Elf von Boca Juniors konnte zunächst den Erwartungen nicht entsprechen und legte zu Hause nur ein Unentschieden 2:2 gegen Atlas aus Mexiko vor. Doch dann, am 23. Mai in Nordamerika, platzte der Knoten: Mit 3:0 auswärts wurde man der Favoritenrolle gerecht.



Die am meisten umkämpften Spiele aber ergaben sich bei den beiden Duellen von America Mexiko Stadt und Santos. Das Hinspiel im Aztekenstadion von Mexiko Stadt, älteren Fußball-Fans noch ein Begriff aus 1986, als Deutschland dort im Endspiel der Weltmeisterschaft von Argentinien mit 3:2 geschlagen wurde, war ein offener Schlagabtausch, wie es das offensive Spiel von Santos ergab. Zwar musste Santos dort zwei Tore hinnehmen, schoss aber selbst auch ein reguläres Tor, doch dieses wurde vom Schiedsrichter wegen einer vermeintlichen Abseitsstellung nicht gegeben. Santos ist bis heute empört über diese Entscheidung des argentinischen „Unparteiischen“ (natürlich, ein Argentinier!) und hat offiziell protestiert, aber wie üblich, ergab das gar nichts. Im Rückspiel am 23. Mai hatte Santos Chancen, um drei Spiele zu gewinnen, aber man schaffte nur ein 1:0, das nicht ausreichte (aber ausgereicht hätte, wäre das Tor in Mexiko anerkannt worden).

Schliesslich sind noch die Viertelfinalspiele des vierten Gespannes zu erwähnen, zwischen dem argentinischen San Lorenzo und dem Vertreter von Ekuador, LDU. Beide Spiele gingen 1:1 unentschieden aus und das fällige Elfmeterschiessen gewann in der Höhenlage von Quito der heimische Verein mit 5:3.

Damit ist seit vielen Jahren zum ersten mal die Situation eingetreten, dass weder von Brasilien noch aus Argentinien zwei Mannschaften im Halbfinale stehen. Es sind vielmehr noch vier Länder vertreten: Neben Argentinien und Brasilien Mexiko und Ekuador. Ebenfalls steht bereits fest: Entweder ein Mexikanischer oder Ekuadorianischer Verein wird im Finale stehen. Auch das, im Finale andere Vereine als Argentinier oder Brasilianer, ist bereits seit fünf Jahren nicht mehr vorgekommen.

Die beiden Halbfinal-Auseinandersetzungen sind anscheinend leicht vorherzusagen:

Zunächst (27. Mai) muss LDU (Ekuador) im mexikanischen Aztekenstadion (fast 3000 Meter Höhe) gegen America antreten, dann kommt das Rückspiel in der Höhenlage von Quito (ebenfalls etwa 3000 Meter über dem Meeresspiegel) am 3. Juni. Kaum vorstellbar, dass da LDU als Sieger hervorgeht.

Im anderen Halbfinale tritt Fluminese Rio de Janeiro, der letzte verbliebene brasilianische Verein, in Buenos Aires an (28. Mai). Zwar darf Boca in diesem Spiel nicht das eigene Stadion benutzen, sondern muss auf ein anderes Stadion in Buenos Aires ausweichen, weil beim Spiel gegen Cruzeiro Gegenstände geflogen sind und einen brasilianischen Funktionär verletzt haben, aber die Anhängerschaft von Boca wird einen kaum längeren Anfahrtweg haben, so dass hier einmal wieder das Niveau der „salomonischen“ Entscheidungen des südamerikanischen Fussballverbandes aufscheint. Das Rückspiel ist im Maracana-Stadion in Rio am 4.Juni und dann dürfte das Ausscheiden von Fluminense feststehen, denn, wie ein argentinischer Spieler richtig bemerkte: „Fluminense hat keine Tradition“. Der Club aus dem Rio-Stadtteil Laranjeiras (Orangenbäume) hat noch nie in der Libertadores Bäume ausgerissen.

Es müsste schon viel Unvorhersehbares passieren, wenn das Endspiel nicht America (Mexiko) gegen Boca Juniors (Argentinien) heissen würde. Das wäre dann auch seit fünf Jahren das erste Mal, dass kein brasilianischer Verein im Endspiel steht.

Diese Finale wäre dann aber wirklich unvorhersehbar. Boca hätte den wichtigen Vorteil, das Rückspiel zu Hause zu haben, aber man weiss nicht, wie die argentinischen Spieler mit der Höhenlage in Mexiko klarkommen. Bei Spielen mitten in der Woche zwischen Pflichtspielen gibt es ja keine Möglichkeit des Akklimatisierens. Man reist dann so kurz wie möglich vor dem Spiel an.

Währenddessen hat auch bereits die brasilianische Meisterschaft begonnen. Die ersten beiden Spieltage wurden bereits am 10./11. Mai und am 17./18. Mai ausgetragen.

Als Hauptfavorit hätte eigentlich São Paulo gelten müssen, aber das Team ist – jedenfalls im Moment – “von der Stange” und man weiss nicht, wann es sich wieder fängt. Theoretisch ist São Paulo dieses Jahr stärker als im letzten, als man Meister wurde, denn Adriano, der bullige Mittelstürmer, ist bei Inter Mailand ausgemustert worden und zu São Paulo zurückgekehrt.

Der zweite Favorit ist Palmeiras São Paulo, das eben die São –Paulo-Staatsmeisterschaft gewonnen und dabei im Halbfinale São Paulo ausgeschaltet hat. Aber gleich im ersten Spiel (auswärts bei Coritiba) musste man eine glatte 2:0-Niederlage hinnehmen. Ein dritter möglicher Favorit ist Cruzeiro Belo Horizonte, auch wenn man von Boca Juniors deklassiert wurde. Die beiden Auftakt-Siege in Bahia gegen Aufsteiger Vitória und zu Hause gegen Botafogo Rio de Janeiro haben den Spielern Selbstvertrauen gegeben. Von den Rio-Vereinen müssen hauptsächlich Rio-Meister Flamengo und Fluminense, das in der Libertadores glänzt, mit zu den Favoriten gezählt werden.

Aber die Saison ist lang und es kann noch viel passieren. Voraussichtlich wird die Meisterschaft wieder, wie in den Vorjahren, extrem ausgeglichen sein. Es ist äusserst unwahrscheinlich, dass sich einer der Favoriten früh absetzt.
Für den Abstieg kommen wohl als erste drei der Aufsteiger in Frage: Ipatinga, Vitória Salvador und Portuguesa São Paulo, aber im letzten Jahr haben einige der Aufsteiger überrascht, so wie dieses Jahr bereits Náutico Recife, das mit zwei Siegen und vier erzielten Toren an der Tabellenspitze steht.

Eine grosse Lücke hat sicherlich Absteiger Corinthians São Paulo hinterlassen, der Verein mit der zweitgrössten Anhängerschaft in Brasilien nach Flamengo, denn die Duelle mit Corinthians waren immer wieder mitreissend , sei es im gesteckt vollen Pacaembú-Stadion in São Paulo oder auch bei Auswärtsspielen, bei denen oft viele Corinthians-Anhänger anwesend sind, was dann den Reiz einer gemischten Kulisse ergibt.

Zuletzt sei noch erwähnt: Es finden die letzten Spiele des brasilianischen Pokals statt. In eines der Halbfinale haben sich Zweitligist Corinthians und Botafogo Rio durchgekämpft. Das erste Spiel in Rio ging 2:1 für Botafogo aus. Das andere Halbfinale findet zwischen Sport Recife und Vasco Rio statt, wobei Sport zu Hause ein 2:0 vorgelegt hat.

Der brasilianische Pokal hat die Besonderheit, dass er einen Platz in der Libertadores des darauffolgenden Jahres garantiert und ist deshalb besonders umkämpft.


Veröffentlicht am 24. Mai 2008 in der Berliner Umschau

Originalveröffentlichung


Zusatz zum Artikel

Wie der Berichterstatter erst nach der Veröffentlichung erfuhr, ist das Halbfinale zwischen Boca Juniors und Fluminense mehr als nur ein Halbfinale. Wird sich nämlich, wie erwartet, America Mexico Stadt gegen LDU Quito durchsetzen, so ist der Sieger des anderen Halbfinales bereits für die FIFA-Vereinsweltmeisterschaft im Dezember im Japan qualifiziert, unabhängig davon, wie das Finale ausgeht. Die Mexikanischen Vereine sind ja in der Copa Libertadores nur eingeladen, können zwar gewinnen, aber nicht den südamerikanischen Verband in Japan vertreten.

Dort wird es aller Voraussicht nach zum Endspiel zwischen Champions-Leage-Sieger Manchester United und dem südamerikanischen Vertreter kommen.

Noch eine andere Bemerkung: In der Originalveröffentlichung in der Berliner Umschau (Link oben) ist ein You-Tube-Video eingesetzt, das offenbar von fanatischen Fluminense-Anhängern aus Rio zusammengestellt wurde. Es zeigt Szenen und Fotos aus Libertadores-Spielen von Boca Junior und Fluminense. Dort kann man u.a. das phantastische 2:1-Tor von Dodô gegen São Paulo sehen, bei dem er die Flanke direkt aus der Luft nimmt und unhaltbar mit riesiger Wucht von ausserhalb des Strafraums verwandelt. Es wird aufgerufen, die "entscheidende Schlacht des Krieges" zu begleiten, das Halbfinal-Spiel gegen Boca Juniors in Rio. Das "dreifarbige Herz" solle bereitet werden.

In Brasilien werden Vereine, die nicht nur, wie üblich, zwei Vereinsfarben haben, sondern drei, wie Fluminense mit den Farben grün-weiss-rot, als "tricolor" bezeichnet. Fluminense ist der 'Tricolor Carioca' - Carioca heissen die Bewohner Rios - und der unterlegene Gegner aus São Paulo mit den Vereinsfarben schwarz-weiss-rot ist der 'Tricolor Paulista'.

Montag, 5. Mai 2008

'Ja, wir haben Bananen'

Die Schwierigkeiten eines normalen Fussballspiels in Südamerika

Von Karl Weiss

„Bananenrepublik“, das ist ein Schimpfwort, das sich schon viele Länder in Mittel- und Südamerika anhören mussten, speziell zu Zeiten, als fast überall (von den USA gesponserte) Militärs am Ruder waren. In Brasilien wurde daraufhin trotzig eine Musik gemacht, deren Refrain mit „Ja, wir haben Bananen“ anfing. Aber bis heute gibt es in manchen Ländern Südamerikas spezielle Ereignisse, die einen wieder an dieses Wort denken lassen, gerade auch im Fußball.

Romario und Parreira beim Abschiedsspiel

Südamerika, die einzige Weltregion, die im Fußball mit Europa mithalten kann. Man schuf den Libertadores-Cup als Gegenstück zur Champions Leage. “Libertadores“, das bezieht sich auf die Befreier, den Venezolaner Simón Bolivar und andere, die mit ihren Feldzügen dafür sorgten, dass fast ganz Lateinamerika bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts von der europäischen Kolonialherrschaft befreit wurde, also eine bewusste Herausforderung über den Atlantik.

Tatsächlich lohnt es sich, wenn man Gelegenheit hat, sich Übertragungen von Spielen der Libertadores anzusehen, die manchmal im Kabel- und Satelliten-TV angeboten werden. Da gibt es selten endloses Hin- und Hergeschiebe des Balles im Mittelfeld, wie es z.B. die beiden Begegnungen von Liverpool mit Chelsea und von Barcelona mit ManU beherrschte.

Mit einigen Ausnahmen spielt man in Südamerika meist noch einfallsreichen Kurzpassfußball, der immer wieder durch überraschende Vorstöße abgelöst wird, wenn überragende Einzelleistungen oder Steilpässe die Abwehr in Bedrängnis bringen.

Das hängt damit zusammen, dass fast alle übermenschlichen Abwehrmaschinen, wie Seedorf, Cannavarro, Cafú und so manche andere, in europäischen Spitzenclubs spielen. Es handelt sich um Supermänner, die pro Spiel 14 km laufen können und danach fast taufrisch in Verlängerungen gehen. Männer mit dem doppelten Lungenvolumen eines Normalbürgers und Herzen, die glatt 150 % der Blutpumpleistung eines einfachen Menschen erbringen.

Diese menschlichen Pit Bulls sind darauf spezialisiert, den jeweils ballführenden Gegenspieler innerhalb von Bruchteilen von Sekunden anzugreifen, nachdem er den Ball erhielt und dann kommt auch innerhalb kürzester Zeit noch ein zweiter Mann dazu und hilft, dem Spieler den Ball abzujagen, das sogenannte Double-Pressing.

Selbst die besten Offensivspieler der Welt haben kaum eine Chance gegen diese Meute, wie Spiele von Barcelona mit Messi und Ronaldinho, von Manchester mit Cristiano Ronaldo, vom A.C. Mailand mit Kaká, von Inter Mailand mit Shevshenkow usw. usw. zeigen.

Die Ergebnisse lauten fast immer 0:0 oder 1:0 oder 1:1 und ausser den Fans der Mannschaften auf dem Feld kommt niemand auf seine Kosten.

In Südamerika sind solche Übermenschen fast nicht anzutreffen. Eine extreme Defensivtaktik weist eigentlich nur der F.C. São Paulo auf. Alle anderen spielen nicht nur defensiv, sondern rücken auch mit vielen Spielern nach vorne, wenn man im Angriff ist, auch wenn dies überfallartigen Gegenangriffen Tür und Tor öffnet. So sind denn auch eine Reihe der guten Mannschaften auf Gegenangriffe spezialisiert.

Hier eine Zusammenstellung von Spielergebnissen von allen 16 für das Achtelfinale der Libertadores qualifizierten Vereinen, wie sie in der Gruppenphase erzielt wurden.

Cruzeiro 3 x 1 San Lorenzo

Lanús 3 x 3 Estudiantes

Boca Juniors 3 x 0 Atlas

Flamengo 2 x 0 Nacional

América 4 x 3 River Plate

Santos 2 x 1 Cúcuta Deportivo

São Paulo 1 x 0 Atlético Nacional

Fluminense 1 x 0 LDU

Es ist offensichtlich: Nur die letzten zwei sind Ergebnisse vom europäischen Typ, darunter jenes von São Paulo, von dem schon gesagt wurde, man spielt extrem defensiv wie in Europa.

Doch nun zurück zu den Bananen:

3.. März 2008: Spiel in Montevidéu, Uruguay: Nacional gegen Flamengo Rio in der Gruppenphase der Copa Libertadores: Die Balljungen geben demonstrativ die Bälle nicht an die Spieler der Gastmannschaft, sondern sie werfen sie den eigenen Spielern zu oder verzögern die Rückgabe der Bälle. Die Spieler von Flamengo reagieren zunehmend verärgert. Schliesslich lässt sich der Mittelfeldspieler Toró von Flamengo dazu hinreissen, einen der Balljungen anzugreifen. Er wird vom Platz gestellt. Gegen eine dezimierte Mannschaft aus Rio fällt es leicht, mit 3:0 zu gewinnen

23. April 2008: Spiel in Montevidéo, Uruguay: Nacional gegen Cienciano aus Peru in der Gruppenphase der Copa Libertadores: Die Balljungen geben demonstrativ die Bälle nicht an die Spieler der Gastmannschaft, sondern werfen sie eigenen Spielern zu oder verzögern die Rückgabe der Bälle. Die Spieler von Cienciano reagieren zunehmend verärgert. Schliesslich lässt sich der Spieler Romaña von Cienciano dazu hinreissen, einen der Balljungen zu stossen. Er erhält die gelbe Karte. Kurz danach bekommt er nach einem Foul die zweite gelbe Karte und ist vom Platz gestellt. Gegen eine dezimierte Mannschaft von Cienciano fällt es leicht, mit 3:1 zu gewinnen.

Spiel der Libertadores in Medellín, Kolumbien: Bei mehreren der Heimspiele in der Gruppenphase des dortigen Vereins Atletico Nacional fliegen Gegenstände aufs Spielfed nahe bei Spielern der Gastmannschaften. Hat die Gastmannschaft einen Eckball, so muss der Schütze dort mit Schilden der Polizisten gegen einen „Regen“ von Gegenständen geschützt werden, die dort niedergehen. Unter diesen Bedingungen kann natürlich kein gefährlicher Eckball zustande kommen. Atletico Nacional qualifizierte sich für das Achtelfinale mit nur einem Punkt Vorsprung vor den beiden ausgeschiedenen Mannschaften.

Nun, werden Sie sagen, das sind unschöne Vorkommnisse, aber nichts Besorgniserregendes, denn die Vereine werden ja von dem Veranstalter, dem südamerikanischen Fussballverband, hart bestraft werden und werden in Zukunft Vorsorge tragen, dass sich solche Vorfälle nicht wiederholen.

Richtig? Falsch! Weder Nacional Montevideo noch Atlético Nacional Medellín wurden in irgendeiner Art und Weise bestraft. Man kann jetzt schon für die Achtelfinale wetten, dass die Balljungen in Montevideo weiterhin die Gastmannschaft bis aufs Blut reizen werden und die Zuschauer in Medellín weiterhin Gegenstände werfen. Deshalb die Erwähnung der Bananen.

Das ist unglaublich? Nun hören Sie erst einmal, was eim Halbfinale der São-Paulo-Meisterschaft im Spiel Palmeiras gegen São Paulo geschah:

In Brasilien werden in den ersten vier Monaten des Jahres noch die traditionellen Staatsmeisterschaften ausgetragen. In jener des Staates São Paulo trafen im Halbfinale die beiden Spitzenclubs Palmeiras und São Paulo aufeinander.

São Paulo, grösste Stadt der südlichen Hemisphere

Zur Pause des Rückspiels im Palmeiras–Stadion „Parque Antártica“, es stand noch unentschieden, bemerkten die Spieler von São Paulo in ihrer Kabine einen eigenartige Geruch. Alarmiert verliessen sie die Kabine. Der Trainer von São Paulo, Muricy Ramalho, der als letzter den Raum verliess, bekam einen Schwindelanfall.

Jemand hatte ein gefährliches Gas in die Kabine der São Paulo-Mannschaft geleitet!

In der zweiten Halbzeit spielte São Paulo wie ausgeweschselt, brachte nicht die Hälfte des üblichen Leistung auf den Rasen und verlor sang- und klanglos das Spiel. Sogar der Torwart Sene, Ersatztorhüter der brasilianischen Nationalmannschaft, machte einen Anfängerfehler und war mit Schuld an einem Gegentor.

Nun, Sie raten schon, auch dies wurde von dem zuständigen Verband in keiner Weise bestraft, ganz zu schweigen von Spielwiederholung oder Ähnlichem. Es wurde auch keine Geldstrafe ausgesprochen, ja, der Fussballverband von São Paulo forderte nicht einmal eine Untersuchung des Vorfalls bzw. führte auch keine selbst durch.

Die Vereinsführung von Palmeiras, befragt über den Vorfall und die Reklamatioen von Seiten São Paulos, bestritt nicht einmal, dass sie ein Gas dort eingeleitet hätten. Sie sagten nur, es handele sich um „Details“ und São Paulo müsse lernen zu verlieren.

Ins gleiche Horn bliesen einige Sporteporer. Die Reklamationen der Spieler von São Paulo seien „weinerlich“ und es es sei zu verlangen, dass man würdevoll verliert.

Unter diesem Druck wagte São Paulo nicht einmal, offiziell Protest gegen die Wertung des Spiels einzuegen, geschweige denn vor bürgerliche Gerichte zu ziehen.

So wird wohl im Dunkeln der Fussballgeschichte bleiben, welches Gas da in die Kabine geleitet wurde und niemand kann sich die guten Erfahrungen von Palmeiras zu nutze machen und ebenfalls die Gastmannschaft mit Gas attackieren. Also der Geruch verfaulter Bananen war es wohl nicht.


Veröffentlicht am 5. Mai 2008 in der Berliner Umschau

Originalartikel

Freitag, 25. April 2008

Libertadores - die Achtelfinale

Boca Juniors und São Paulo sind noch dabei

Von Karl Weiss

Nach dem Ende der Gruppenphase mit den letzten Spielen am 23.4.2008 stehen nun die Achtelfinale fest. Boca Juniors, der Titelverteidiger und Hauptfavorit auf den Titel, konnte sich am letzten Spieltag in einem spannenden Spiel mit 3:0 gegen Unión Maracaibo doch noch qualifizieren, nachdem sein Rivale Colo Colo Santiago de Chile nur ein Unentschieden zu Hause gegen den Gruppensieger Atlas Guadalajara aus Mexiko erreichen konnte. Hätte ‚Boca‘ nur 2:0 gewonnen, wäre Colo Colo weitergekommen

São Paulo, grösste Stadt der südlichen Hemisphere

Auch der Sieger von 2005 und brasilianische Meister São Paulo, ein anderer Favorit, konnte sich durch ein 1:0 zu Hause gegen den vorherigen Gruppenersten Atletico Nacional aus Kolumbien qualifizieren und die Mannschaft aus Medellín sogar noch vom ersten Gruppenplatz verdrängen.

Genau jener Club aus Kolumbien ist der Gruppenzweite mit der schlechtesten Kampagne (lediglich 8 Punkte aus 6 Spielen) und kommt damit im Achtelfinale gegen den Besten der Gruppenersten, Fluminense Rio de Janeiro, mit 13 Punkten und einer Tordifferenz von 8.

Dessen Rivale Flamengo Rio qualifizierte sich als Zweitbester der Gruppenphase mit 13 Punkten und der Tordifferenz von 5 im letzten Spiel mit einem 2:0 zu Hause gegen Colonel Bolognesi aus Peru, mit Recht auf ein Freistoßtor seines Torwarts. Das erwies sich aber nicht als Vorteil,denn nun muss man gegen den Zweitschlechtesten der Gruppenphase antreten – und das ist ausgerechnet Mitfavorit America Mexico Stadt, der mexikanische Meister. America verlor seine drei Auswärtsspiele in der Gruppenphase, sowohl gegen Universadad Catolica aus Chile als auch gegen River Plate, das als Gruppenerster weiterkam, wie auch gegen Universidad San Martin aus Peru, und kam nur auf 9 Punkte und eine ausgeglichene Tordifferenz.

Der drittbeste war River Plate Buenos Aires mit 12 Punkten und einer Tordifferenz von 6, ein weiterer Mitfavorit. So kommt man gegen eine andere argentinische Mannschaft aus Buenos Aires, San Lorenzo, das der drittschlechteste Gruppenzweite war mit 10 Punkten und einer Tordifferenz von 1.

Viertbester aus der Gruppenphase wurde Atlas aus Mexico nach seinem hart erkämpften 1:1-Unentschieden in Santiago de Chile gegen Colo Colo mit 11 Punkten und der Tordifferenz von 5. Man wird gegen Lanús aus Argentiniens gleichnamiger Stadt spielen, das sich als viertschlechtester Gruppenzweiter qualifizierte mit 10 Punkten und Tordifferenz 3 (9 Tore).

Der fünftbeste aus den Gruppen wurde Cruzeiro Belo Horizonte aus der Stadt, in der dies geschrieben wird, mit 11 Punkten und einer Tordifferenz von 4. Doch entgegen allen Hoffnungen bekam man so keinen leichten Gegner, sondern den Hauptfavoriten Boca Juniors, der nun die fünftschlechteste Kampagne aufweisen kann, mit 10 Punkten und einer Tordifferenz von 3, aber 12 Toren.

Die Begegnung des Sechsten von unten und von oben lautet LDU Quito(Equador) (10 Punkte, 5 Tordifferenz) und Estudiantes La Plata aus Argentinien (11 Punkte, Tordifferenz 4, aber (mit 9) weniger erzielte Tore als Cruzeiro – 11).

Schliesslich wird das das siebte Achtelfinale von zwei Vereinen bestritten, die Gruppen zweiter und -erster in der gleichen Gruppe waren, Santos aus Brasilien mit 10 Punkten und Tordifferenz 7, und Cúcuta Deportivo, eine harte Nuss aus Kolumbien, mit 11 Punkten und einer Tordifferenz von 3. Das ist natürlich einer der Nachteile,wenn man nach den Schema „Der beste gegen den schlechtesten, der zweitbeste gegen den zweitschlechtesten usw.“ verfährt, es können die beiden Qualifizierten aus einer Gruppe gegeneinander kommen. So hat man aus den Gruppenergebnissen bereits eine Ahnung, wie es ausgehen wird: Cúcuta spielte zu Hause 0:0 Unentschieden gegen Santos und verlor in der grössten Hafenstadt Südamerikas mit 2:1.

Als letztes Achtelfinale ist das zwischen dem brasilianischen Meister São Paulo und Nacional Montevideo aus Uruguay zu erwähnen. São Paulo hat 11 Punkte und eine Tordifferenz von 2 und Nacional war der beste Gruppenzweite mit 12 Punkten und einer Tordifferenz von 4.

Ach ja richtig, da ist noch zu erwähnen: Die Achtelfinalbegenungen werden immer zwischen einem Gruppenersten und einem Gruppenzweiten ausgetragen, lediglich unter diesen wird jeweils die Reihenfolge festgelegt nach Punkten,Tordifferenz und Zahl der erzielten Tore. Dadurch kommt in diesem Fall der schlechteste Gruppenerste São Paulo gegen einen Gruppenzweiten mit mehr Punkten als er selbst.

Gruppenerster zu werden, hat einen wichtigen Vorteil: Im Achtelfinale wird man die Entscheidung im zweiten Spiel zu Hause suchen können – eine eventuelle Verlängerung und ein Eltmeterschiessen finden im eigenen Stadion statt. Die Hinspiele werden am 30. April ausgetragen, die Rückspiele am 14. Mai.

Damit sind von den 6 angetretenen argentinischen Mannschaften 5 qualifiziert, nur Arsenal, im Vorjahr noch Sieger der Copa Sulamericana (das südamerikanische Gegenstück zum UEFA-Cup), hatte das Pech, in seiner Gruppe auf ein bärenstarkes LDU aus Peru und die beste Gruppenmannschaft Fluminense Rio zu trefen.

Die fünf brasilianischen Vertreter haben sich alle durchgesetzt, davon vier als Gruppenerste. Nur Santos wird das zweite Spiel auswärts zu bestreiten haben. Mit anderen Worten: Zehn der 16 verbliebenen Mannschaften sind aus Argentinien oder Brasilien. Dazu kommen jeweils zwei aus Mexiko und Kolumbien und jeweils eine aus Uruguay und Equador.

Nur in einem Spiel kommen zwei Vertreter aus einem Land gegeneinander, bei der rein argentinischen Begegnung zwischen River Plate und San Lorenzo, beide aus Buenos Aires.

Es gibt kein Spiel, in dem nicht mindestens ein Verein aus Argentinien oder Brasilien beteiligt ist. Wenn alles schief läuft, könnten nur noch Vereine aus diesen beiden Ländern im Viertelfinale stehen. Aber da sei der mexikanische Meister Amerika vor, der kolumbianische Cúcuta und der equadorianische LDU sowie die hervorragende Mannschaft von Atlas aus Guadalajara.

Interessanterweise gibt es trotz der hohen Konzentration von argentinischen und brasilianischen Vereinen nur eine Begegnung der Erzrivalen,die zwischen Boca Juniors und Cruzeiro, die wohl etwas einseitig ausfallen wird, denn Cruzeiro hatte sich lediglich als Vierter der brasilianischen Meisterschaft und über ein Qualifikationsspiel in den Wettbewerb „geschlichen“.

Wenn man voraussagt, es würden Fluminense, America,River Plate, Atlas, Boca Juniors, LDU, Cúcuta und São Paulo weiterkommen, so käme es im Viertelfinale zu folgenden Paarungen (jeweils der Erstgenannten mit dem Vorteil des zweiten Spiels zu Hause):

Fluminense Rio – São Paulo
America – Santos
River Plate – LDU
Atlas – Boca Juniors

Wenn man nun, alles natürlich rein theoretisch – die naheliegenden Sieger dieser Duelle nennen würde (São Paulo, America, River Plate,Boca Juniors), so würden sich folgende Halbfinals ergeben (Reihenfolge wie oben):

São Paulo – Boca Juniors
America - River Plate

Da gäbe es dann eine gute Chance auf ein rein argentinisches Endspiel, aus dem theoretisch wieder Boca Juniors als Meister hervorgehen müsste.

Aber im Fussball will Theorie nicht viel heissen.


Veröffentlicht am 25. April 2008 in der Berliner Umschau

Originalartikel

Samstag, 19. April 2008

Libertadors 2008 - Ende der Gruppenphase

Scheidet Vorjahressieger Boca Juniors aus?

Von Karl Weiss

In der Copa Libertadores, dem südamerikanischen Gegenstück zur „Champions Leage“, geht die Gruppenphase nun in die letzten Begegnungen und die wesentlichen Entscheidungen, bis auf eine, sind wohl gefallen. Im wesentlichen haben sich die Favoriten durchgesetzt. Allerdings läuft der Vorjahressieger und Hauptfavorit Boca Juniors Gefahr, sich nicht zu qualifizieren. Der Verein aus der argentinischen Hauptstadt ist auf die Hilfe des mexikanischen Clubs Atlas angewiesen. Was am meisten auffällt, ist die Ausgeglichenheit des Feldes.

Wenn, wie es am wahrscheinlichsen ist, am 22. April Colo Colo aus Santiago de Chile zu Hause zumindest ein Unentschieden gegen Atlas schafft – und damit Boca Juniors draussen bleibt (wenn man nicht im Fall eines Unentschiedens von Atlas mit mehr als zwei Toren Unterschied gewinnt), ergibt sich nach aller Wahrscheinlichkeit folgendes Bild:

Von den 5 brasilianischen Vereinen Cruzeiro, Flamengo, Santos, São Paulo und Fluminense kommen alle durch. Von den 6 gestarteten argentiniscchen Clubs qualifizieren sich 4: San Lorenzo, Estudiantes, Lanus und River Plate. Mexiko verliert einen der drei gestarteten Vereine, es verbleiben: Atlas und America. Im übrigen wird es dann im Achtelfinale noch zwei Vereine aus Kolumbien geben (Cúcuta und Atletico Nacional) und jewels einen Verein aus Chile (Colo Colo), aus Uruguay (Nacional) und Equador (LDU).

Es gibt auch noch eine Chance, dass es der brasilianische Meister São Paulo nicht schafft, wenn man im letzten Spiel zu Hause gegen die starke kolumbianische Mannschaft von Atletico Nacional nur ein Unentschieden erreicht oder sogar verliert. Im Fall eines Unentschiedens und eines Sieges der chilenischen Mannschaft von Audax Italiano in Paraguay wäre das chilenische Team Gruppensieger und São Paulo wäre mit der schlechteren Tordifferenz gegenüber Atletico ausgeschieden.

Das Ausscheiden des brasilianischen Meisters wäre eine genauso grosse Überraschung wie das des argentinischen Favoriten.

Die Ausgeglichenheit der Mannschaften zeigt sich einerseits darin, dass kein Verein auch nur dem Idealergebnis von 18 Punkten in sechs Spielen nahekam. Im Moment ist Fluminense Rio de Janeiro mit 13 Punkten an der Spitze, aber es können noch Atlas (Mexiko) und Flamengo Rio de Janeiro gleichziehen, wenn sie gewinnen.

Die geringste Punktzahl liegt mit 2 bei Unión Maracaibo aus Venezuela und Coronel Bolognesi aus Peru, welche immerhin jeweils zwei Unentschieden geschafft haben, aber die einzigen Mannschaft sind, die nicht zumindest einen Sieg errungen haben.

Ausgeschieden sind bei den beschriebenen ausstehenden Ergebnissen alle drei Mannschaften aus Peru, zwei der sechs Vereine aus Argentinien, jeweils beide Clubs aus Bolivien, Venezuela und Paraguay, jeweils einer der beiden Vertreter aus Uruguay und Equador, einer der drei Vereine aus Mexiko und zwei der drei Vertreter aus Chile.

In Südamerika wird das Achtelfinale unter den verbliebenen 16 Mannschaften nicht ausgelost, sondern es spielen der Club mit dem besten Gruppenergebnis gegen den mit dem schlechtesten, der zweite gegen den Vorletzten usw. Dabei gelten als Kriterien in dieser Reihenfolge: Zahl der Punkte, Zahl der Siege, Tordifferenz, Zahl der geschossenen Tore und das Los.

Fluminense hat eine grosse Chance, als bester aus den Gruppenspielen hervorzugehen, da es ein Torverhältnis von 8 aufweist. Allerdings könnte das bedeuten, man käme direkt gegen den Mitfavoriten America aus Mexico-Stadt, der nämlich mit 9 Punkten aus drei Siegen und drei Niederlagen und einer ausgeglichenen Tordifferenz wohl als schlechtester Verein der qualifizierten dastehen wird.

São Paulo könnte im Falle eines Unentschiedens im letzten Spiel als zweitschlechtester Verein ins Rennen gehen und könnte dann typischerweise auf Flamengo Rio de Janeiro treffen, dem man wohl einen Sieg gegen das peruanische Team Colonel Bolognesi im heimischen Marcanã-Stadion zutrauen kann, was die Mannschaft zur zweitbesten der Gruppenphase machen würde.

Die noch ausstehenden Spiele der Gruppenphase finden am 22. und 23 April statt, die Achtelfinalbegegnungen am 30. April und am 14. Mai. Die Mannschaft mit den schlechteren Gruppenergebnissen muss jeweils zuerst zu Hause antreten.

Übrigens ergeben sich die Viertelfinale automatisch aus den Achtelfinalbegegnungen. Es wird also bis zum Ende des Turniers nicht mehr ausgelost. Dieses System ("Die Vereine setzen sich selbst") wird dieses Jahr zum ersten Mal angewandt, weil es immer Querelen mit gesetzten Begegnungen und Auslosungen gegeben hat.


Veröffentlicht am 19. April 2008 in der Berliner Umschau

Originalartikel

Montag, 25. Februar 2008

Boca Juniors ist erneut Favorit

"Copa Libertadores", Südamerikas „Champions League“ hat begonnen

Von Karl Weiss

In Südamerika hat die Copa Libertadores begonnen, das Gegenstück zur Champions Leage. Der Turnus der südamerikanischen Vereinsmeisterschaften im Fußball (Copa Libertadores und Copa Sulamericána, das Gegenstück zur UEFA-Cup) wurde in extremer Weise dem Europas angepasst. Meister und Vizemeister jedes Landes (10 südamerikanische Länder sind im Verband) sind für die Libertadores qualifiziert – und zwar bereits für die Gruppenphase mit 32 Mannschaften.

Romario und Parreira beim Abschiedsspiel

Dazu kommen als Besonderheit die Pokalsieger der 10 südamerikanischen Länder plus die drei eingeladenen aus Mexiko, ebenfalls Meister, Vize und Pokalsieger. Von den beiden Ländern, die in den letzten Jahren fast alle Libertadores gewonnen haben, Argentinien und Brasilien, dürfen zusätzlich der dritte und vierte der Meisterschaft teilnehmen. Als letzter kommt noch der Vorjahressieger dazu und das ergibt 38 Teilnehmer

Zuerst kam die Qualifikationsphase, in der auf 32 Mannschaften reduziert wird. Es mussten in 6 Hin- und Rück-Spielen folgende zwölf antreten: Die Pokalsieger mit Ausnahme der von Brasilien und Argentinien, ergibt 9, dazu die beiden Vierten aus Brasilien und Argentinien, ergibt 11, plus eine ausgeloste Mannschaft von den Dritten aus Brasilien und Argentinien, das war diesmal die argentinische Mannschaft von Lanús.

Dieses Jahr sind in der Qualifikationsphase die Pokalsieger von Kolumbien, Uruguay, Bolivien, Venezuela, Paraguay und Ekuador ausgeschieden, das heißt, undezimiert gehen in die Gruppenphase 6 argentinische Vereine (weil der letztjährige Sieger Boca Juniors aus Argentinien war), 5 aus Brasilien sowie 3 aus Peru, Chile und Mexiko. Mit jeweils 2 Vereinen müssen sich zufrieden geben: Kolumbien, Paraguay, Ekuador, Uruguay, Bolivien und Venezuela

Die drei südamerikanischen Winzländer Französisch Guyana (das Teil Frankreichs ist), Guyana und Surinam sind nicht im Verband vertreten.

In der Gruppenphase kommen, wie in der Champions Leage, die ersten beiden der Gruppen weiter, womit 16 Vereine übrig sind, dann geht es in die Achtelfinale, Viertelfinale, Halbfinale und schliesslich Finale, wobei es hier kein einmaliges Finale an vorher bestimmtem Spielort gibt, sondern auch im Finale Hin- und Rückspiel gespielt wird.

Es gibt eine Besonderheit: Die 16 Vereine, die nach der Gruppenphase übrig sind, werden nach ihren Ergebnissen in der Gruppe in eine Tabelle eingeteilt, mit Punkten, Tordifferenz, Zahl der gewonnenen Spielen usw. Dann lässt man den Spitzenreiter (Nr.1) gegen den 16. antreten, den zweiten gegen den 15. usw.

Was Jahr für Jahr immer wieder zu Polemiken führt: Die Runden werden nicht gleichzeitig ausgetragen wie in der Champions Leage, sondern an unterschiedlichen Tagen, wobei Wünsche der Vereine nach Spielverlegungen berücksichtigt werden – oder auch nicht. Aus den anderen Länder wird seit Jahren moniert, dass dabei immer wieder argentinische und urugaianische Vereine bevorteiligt würden. Sie würden oft erst spielen, wenn sie schon wissen, wie sie spielen müssen, um bestimmten schweren Gegnern auszuweichen. Der südamerikanische Fussballverband hat seinen Sitz in Uruguai und ist praktisch völlig aus argentinischen und urugayanischen Funktionären gebildet. Die beiden Hauptstädte Buenos Aires und Montevideo sind nur eine einstündige Fahrt mit der Schnellfähre auseinander gelegen.

Die beiden Finalspiele sind für den 25. Juni und den 2. Juli vorgesehen.

Die Favoriten in diesem Jahr sind vor allem Vorjahressieger Boca Juniors, im Moment mit Sicherheit eine der besten Vereinsmannschaften der Welt, daneben die Meister von Brasilien São Paulo F.C. und von Mexiko, América.

In zweiter Reihe sind zu erwähnen die argentinischen Vereine River Plate und der Vorjahressieger der Copa Sulamericána Arsenal Sarandí. Von den brasilianischen Vereinen – ausser São Paulo – dürften die beiden Rio-Vereine Flamengo und Fluminense eine Chance haben, denn sie haben sich wesentlich verstärkt. Von Cruzeiro aus der Stadt Belo Horizonte, von wo dies geschrieben wird, und von Santos wäre es schon als Überraschung anzusehen, wenn sie ins Halbfinale kämen.

Aus Artikeln im Internet ist zu entnehmen, dass auch Colo Colo aus Chiles Hauptstadt Santiago diesmal einen guten Kader habe. Auch Chivas Gudalajara aus Mexiko muss unter die Favoriten der zweiten Reihe gerechnet werden.

Gelegentlich kann man in Europa am Kabelfernsehen einmal Spiele der Copa Libertadores sehen. Für Fußball-Liebhaber lohnt es sich, solche Spiele anzusehen.

Sie sind weit technischer und ereignisreicher (in der Regel) als die Champions-Leage-Begegnungen, die praktisch nur für die Fans der spielenden Vereine einen Erlebniswert haben, nicht für Liebhaber eines technischen und ereignisreichen Fussballs.

Das hängt damit zusammen, dass die besten Spieler der Welt in Europa in den Vereinen der Champions-Leage spielen und diese haben Lungenflügel und ein Herzkammer-Volumen, das es ihnen ermöglicht, mehr als 14 km in einem Spiel zu laufen.

Damit ist die „Taktik“ von Spitzenspielen in Europa reduziert auf: Greift jeden Spieler der gegnerischen Mannschaft sofort an, wenn er den Ball hat, und auch so schnell wie möglich mit einem zweiten Mann. Dadurch kann auch der beste Spieler fast keine Spielzüge mehr zustande bringen. Er hat höchstens Zehntelsekunden, bis er angegriffen wird und höchstens 2 Sekunden, bis er von zwei Mann angegriffen wird. Dann kann er nur noch versuchen zu verhindern, dass seine Mannschaft den Ball verliert.

Das ganze Spiel wird mit solchen Fussballmaschinen zu einem ständigen Hin und Her im Mittelfeld mit ganz seltenen Vorstössen. Seedorf, Cannavarro und Cafu dürften drei der grössten Lungenvolumen aller lebenden Menschen haben. Tore fallen, wenn überhaupt, fast nur noch aus Standardsituationen und aus Kopfbällen. Sehen Sie sich einmal in aller Ruhe das Endspiel der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland auf einem Video an. Dann wissen Sie, wo der heutige Spitzenfussball gelandet ist.

In Südamerika spielen dagegen (mit Ausnahmen) noch normale Menschen, deren Herzkammervolumen nicht das doppelte von der Norm darstellt und daher kann fast keine Mannschaft hier dieses konsequente „Zwei-Mann-Pressing“ ein ganzes Spiel lang durchhalten.

Sobald technisch gute Spieler aber einige Momente Zeit haben, wenn sie am Ball sind, kann man Spielaufbau, überlegte Vorstösse, geniale Steilvorlagen, Torschüsse und alles weitere sehen, was den Fußball früher (und heute noch im Amateurfussball) so attraktiv gemacht hat.

Grupo 1:

Cruzeiro (BRA)

Caracas (VEN)

San Lorenzo (ARG)

Real Potosí (BOL)



Grupo 2:

Estudiantes (ARG)

Deportivo Cuenca (EQA)

Danubio (URU)

Lanús (ARG)



Grupo 3:

Boca Juniors (ARG)

Colo Colo (CHI)

Unión Maracaibo (VEN)

Atlas (MEX)


Grupo 4:

Flamengo (BRA)

Coronel Bolognesi (PER)

Nacional (URU)

Cienciano (PER)



Grupo 5:

Universidad San Martin (PER)

River Plate (ARG)

Universidad Católica (CHI)

América (MEX)



Grupo 6:

Santos (BRA)

Cucuta Deportivo (COL)

San José (BOL)

Chivas Guadalajara(MEX)



Grupo 7:

São Paulo (BRA)

Sportivo Luqueño (PAR)

Atlético Nacional (COL)

Audax Italiano (CHI)



Grupo 8:

Fluminense (BRA)

Libertad (PAR)

LDU (EQA)

Arsenal Sarandí (ARG)


Veröffentlicht am 25. Februar 2008 in der Berliner Umschau

Originalartikel

Montag, 31. Dezember 2007

War das 'Wunder von Bern' ein Wunder?

... oder harte Arbeit?

Von Karl Weiss

Dies ist ein Artikel über Sepp Herberger und sein Team, das die Fussballweltmeisterschaft 1954 in Bern in der Schweiz gewann. Es beruht auf einem Interview und Gespräch von mehreren Stunden, das ein Bekannter von mir mit einem der Teilnehmer der damaligen deutschen Delegation in der Schweiz geführt hat, der nicht namentlich genannt werden will. Es stellt also die persönliche Sicht eines Menschen dar, nicht die ‚absolute Wahrheit’. Auf jeden Fall ist dies eine sehr interessante Sicht.

Das Ganze begann im Jahr vor der Weltmeisterschaft von 1954, im Wembley-Stadion von London, bei jenem Spiel zwischen England und Ungarn, in dem England zum ersten Mal zu Hause besiegt wurde.

Fußball war Englands’ Sport. Die Engländer, so wusste jeder, waren weit überlegen allen anderen Teams. Diese Überlegenheit war so fundamental und so weitgehend anerkannt, dass England vor 1950 gar nicht an Fussballweltmeisterschaften teilnahm. Die waren für alle – außer England.

England war bis dahin zu Hause unbesiegt, das schien dieses Urteil zu bestätigen. Nun aber wurde alles anders. Das Nationalteam Ungarns hatte die Engländer zu Hause besiegt! Es eilte von Sieg zu Sieg, war für Jahre ungeschlagen, ja nicht nur ungeschlagen, es gewann alle Spiele! Auch das Turnier der Olympischen Spiele von Helsinki 1952 hatte sie gewonnen. Jeder, der etwas von Fußball verstand, war fasziniert von diesem Team um den Spielmacher Puscas.

Die überfallartigen Angriffe dieser Mannschaft, basiert auf Schnelligkeit, auf Genauigkeit der Pässe und auf Positionswechseln der Angreifer, waren tödlich für praktisch jeden Gegner. Diese Nationalmannschaft von Ungarn brachte es fertig, in fast jedem Spiel gegen andere Nationalmannschaften innerhalb der ersten zehn Minuten mindestens zwei Tore vorzulegen!

Die wesentlichen Spieler dier Mannschaft waren technisch allen anderen Spielern auf den jeweiligen Positionen überlegen, das heißt, sie konnten sie ausspielen. Bei den Angriffen wurde nicht einfach, wie bis dahin im Fußball üblich, der Ball hoch nach vorne gedroschen und gehofft, einer der Stürmer könnte ihn kontrollieren und etwas damit anfangen. Erstmals in dieser mannschaftlichen und nicht individuellen Form sah man das Führen des Balles nach vorne, eng am Fuß, sah man Dribblings, mit denen Verteidiger ausgespielt wurden und sah man Körpertäuschungen in vollem Lauf mit dem Ball am Fuß, die fast jede gegnerische Abwehr wie Anfänger aussehen ließ.

Vor allem aber – und das traf nicht nur auf die ungarische, sondern auch auf die deutsche Mannschaft zu, wurde weit mehr als vorher als Mannschaft gespielt, nicht mehr im wesentlichen auf Einzelleistungen aufbauend.

Jeder wusste, wenn nicht ein Wunder geschieht, wird diese ungarische Nationalmannschaft die Weltmeisterschaft von 1954 gewinnen! Nur einer sagte etwas anderes: Sepp Herberger, damals Trainer der deutschen Fussballnationalmannschaft, behauptete, man werde im Endspiel gegen diese Ungarn gewinnen. Er wurde belächelt.

Herberger tat etwas, was damals die Trainer noch nicht kannten: Er kaufte einen Film über ein Spiel der Ungarn, auf dem das ganze Spiel zu sehen war, und studierte die Mannschaft auf diesem Film. Heute ist es tägliche Routine, die Videos von Spielen der eigenen Mannschaft und des Gegners zu studieren – ja, es ist zum A und O der Trainer geworden.

Der Film, den Herberger studierte, war das sagenumwobene Spiel mit dem ungarischen Sieg in Wembley. Er studierte diesen Film über Monate. Danach sagte er: „Die Ungarn haben einen Schwachpunkt: Der rechte Verteidiger Buzánski. Er ist schwächer als viele andere auf dieser Position. Wenn wir gegen Ungarn gewinnen wollen, müssen wir über den linken Flügel angreifen.“

Er suchte und fand den idealen Linksaussen für diese Aufgabe: Schäfer von 1. FC Köln. Er ließ in allen Vorbereitungsspielen bevorzugt über den linken Flügel angreifen, um diese Art von Spiel ins Unterbewusstsein der Spieler eingehen zu lassen – auch dann, wenn dieses gegen den aktuellen Gegner nicht angebracht war. Schäfer war der beste Linksaussen, den Deutschland je gehabt hatte, schnell und ballgewandt Er fütterte die anderen Stürmer mit hohen und mittelhohen Flanken von links in den Strafraum.

Übrigens gibt es hier eine klare Parallele zum Endspiel der darauffolgenden WM zwischen Schweden und Brasilien: Als Brasilien 1:0 zurücklag, gab der Kapitän Didi die Parole aus, alles über Garrincha am rechten Flügel laufen zu lassen, dem genialen Dribbler. Man gewann 5:2. So sehr die ersten WM-Siege der Brasilianer mit dem Namen Pelé verbunden sind, in Wirklichkeit war es das Genie Garrinchas, das ausschlaggebend für die brasilianischen WM-Siege 1958 und 1962 war.

Seit diesem Zeitpunkt war Herberger besessen von dieser Auseinandersetzung. Er dachte kaum noch an etwas anderes. Die sehr gemischten Ergebnisse seiner Mannschaft vor der WM liessen ihn ungerührt. Er sah sich im Endspiel – und das gegen Ungarn!

Er benutzte seine ganze Zeit, um einen umfangreichen Plan auszuarbeiten, wie er die Spieler positionieren müsste, wie die Ungarn psychologisch zu überraschen seien und die eigene Mannscaft psychologisch aufgebaut werden könnte. Er nannte dies nicht Psychologie, er nannte dies Energie.

Er war sich darüber im Klaren: Die Ungar hatten „einen Lauf“ und er übersetzte dies völlig richtig: Ihre eigenen Erfolge gaben den Ungarn so viel Selbstvertrauen, dass sie in jedem Spiel über sich hinauswuchsen. Es war klar, es gab kein verfügbares Mittel, um dies Selbstvertrauen zu brechen. Er musste im Gegenteil genau dies ausnützen: Er musste dem ungarischen Team die Sicherheit geben, sie würden gewinnen. Er musste sie die deutsche Mannschaft unterschätzen lassen! Er tat Alles, um dies zu erreichen.

Eine Aussage von ihm hierzu ist in Kaiserslautern in Stein geschlagen am Denkmal der Lauterer Spieler, die Teil hatten an dem Triumph: „Die Außenseiterrolle ist der Schlüssel für die Schatzkammer unermesslicher Kräfte, die - geweckt und geschürt – Energien freisetzt, die helfen, Berge zu versetzen.“ Und das war, was Herberger in die Tat umsetzte: Er ließ Deutschland in eine fast hoffnungslose Außenseiterrolle rutschen und er weckte und schürte Energien bei seinen Spielern.

Wahrscheinlich hat er bei einer Reihe von Spielen vor der WM absichtlich eine schwächere Mannschaft aufgestellt, als er zur Verfügung hatte! So spielte man z.B. in den Qualifikationsspielen für die WM gegen Norwegen nur unentschieden, gegen ein Norwegen, das selbst gegen das Saarland verloren hatte. Das Saarland stand damals noch unter französischer Verwaltung und durfte als eigenes Land an der Weltmeisterschaft teilnehmen.

Erst unmittelbar vor der WM begann er mit dem Team zu spielen, das später die WM gewinnen würde: Es war auf fünf Spielern vom 1. FC Kaiserslautern basiert, die kurz vor der WM die deutsche Meisterschaft 53/54 gewonnen hatten: Der Verteidiger Kohlmeyer, der Mittelläufer Liebrich, der rechte Läufer Eckel sowie die beiden Brüder Walter, Fritz als Halblinks und Ottmar als Mittelstürmer. Dies waren nicht unbedingt alle die besten Spieler auf diesen Positionen, Kohlmeyer war deutlich umstritten, aber er brauchte ein eingespieltes Team, ohne zu diesem Zeitpunkt noch die Zeit für viele Vorbereitungsspiele zu haben. So nutzte er das „Gerüst“ des Kaiserslauterner Meisters, um seine moderne Vorstellung eines Mannschaftsspiels umzusetzen.

Zwar ist der minutiösen und vorher in dieser Form nie gesehnen Vorbereitungsarbeit Herbergers sicherlich ein wesentlicher Teil des Triumphes zuzuschreiben, aber es kamen ihm auch eine Anzahl von günstigen Umständen zu Hilfe:

Der erste davon war die Auslosung und der Modus der Gruppenspiele.

Wie vorher schon üblich, gab es in jeder Gruppe gesetzte Mannschaften (die als besser eingeschätzen) und nicht gesetzte (hinzugeloste). Es war in Herbergers Taktik wichtig, nicht zu den gesetzten Mannschaften zu gehören. Dann hatte man die Möglichkeit, mit einer spektakulären Niederlage gegen eine der gesetzten Mannschaften zum Aussenseiter zu werden. Und so geschah es. Deutschland wurde nicht gesetzt. Dafür war sicherlich die schwache Vorstellung in den Qualifikationsspielen mit verantwortlich, aber wohl vor allem Deutschlands Ansehen, nur neun Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges. Man wollte und musste jeden möglichen Eindruck vermeiden, Deutschland würde ein irgendeiner Weise bevorteilt.

Man konnte ja nicht wissen, nichts gesetzt zu sein war Teil des Herberger-Plans.

Der Modus der Gruppenspiele war nach heutigen Verhältnissen fremdartig. In jeder Gruppe waren vier Mannschaften, aber sie spielten nicht jeder gegen jeden, sondern nur die Gesetzten gegen die nicht Gesetzten. Auch das kam Herbergers Plan entgegen, denn nun brauchte seine Mannschaft nicht gegen den anderen nicht Gesetzten der Gruppe, Süd-Korea, zu spielen, was angesichts der damaligen Kräfteverhältnisse einen unerwünscht hohen deutschen Sieg ergeben hätte.

Vor der WM waren folgende Mannschaften als Favoriten gehandelt worden: Uruguay, der amtierende Weltmeister, nach Ansicht Vieler das zweitbeste Team der Weltmeisterschaft nach den Ungarn. Brasilien, der zweite der vorhergehenden WM, dessen wirkliche Stärke nie deutlich wurde, natürlich das ungarische Traum-Team, dazu der zweimalige Weltmeister Italien und auch noch das Fußball-Mutterland England. Doch auch Österreich, Frankreich und die Heimmannschaft Schweiz, damals alles Fußball-Mächte, waren unter den Favoriten.

So wurden denn auch gesetzt: In Gruppe 1: Brasilien und Frankreich, in Gruppe 2: Ungarn und Türkei (dieses Setzen der Türkei war auch ein günstiger Umstand; eigentlich war dieser Platz für Spanien vorgesehen, das sich aber nicht qualifizieren konnte, so rückte die Türkei nach, obwohl sie eindeutig schwächer einzuschätzen war als das nicht gesetzte Deutschland), in Gruppe 3: Uruguay und Österreich und in Gruppe 4: England und Italien.

Die Auslosung muss Herbergers Herz höher schlagen gelassen haben: Das günstigst Mögliche trat ein: Man kam in die Gruppe mit Ungarn und konnte so spektakulär gegen den erwarteten Endspielgegner verlieren und man hatte in der Gruppe als zweite gesetzte Mannschaft die Türkei, die wahrscheinlich schwächste aller gesetzten Mannschaften. Damit war das Weiterkommen auch nach einer Niederlage gegen Ungarn nicht so schwer.

Allerdings wurde damals noch nicht mit der Tordifferenz oder den geschossenen Toren oder dem direkten Vergleich bei Punktgleichheit entschieden, sondern es wurde ein Entscheidungsspiel ausgetragen. Dies musste dann auch Deutschland gegen die Türkei, aber alles ging gut, man konnte relativ leicht gewinnen und das zusätzliche Spiel in den Knochen belastete nicht so sehr, denn gegen Ungarn hatte Herberger eine Reservemannschaft antreten lassen.

Herberger konnte unmöglich eine Mannschaft mit dem Auftrag aufs Spielfeld schicken, spektakulär zu verlieren. Das hätte auch seine Ethik nicht zugelassen. So stellte er einfach eine Mannschaft gegen Ungarn, die im wesentlichen aus Reservespielern bestand. Gegen das hochmotivierte Ungarn hatte diese Elf nie eine Chance. Die Niederlage mit 8:3 war aber eine tiefe Demütigung für das deutsche Nationalgefühl. Niemand verstand die Taktik Herbergers. Er wurde von der Presse und im Rundfunk in der Luft zerrissen.

Der Verteidiger Bauer von 1860 München, der bei einigen der 8 Tore der Ungarn nicht sehr gut aussah, hat später erzählt: „Nein, er hat uns nicht gesagt, wir sollen verlieren. Im Gegenteil, er hat uns noch einige Tipps gegeben, auf was wir besonders achten müssen. Aber wir waren eindeutig schwächer. Das war die beste Mannschaft der Welt, gegen die wir da spielten. Da waren die drei geschossenen Tore sogar noch ein Trostpflaster.“

Die heftige Kritik aus Deutschland nach der Niederlage gegen Ungarn nutzte Herberger nun, er „weckte und schürte Energien“, indem er den Spielern Ausschnitte aus den Kritiken vorlas, speziell jenen, die weit übertrieben in der Kritik, die Spieler persönlich angriffen und sogar zu Schimpftiraden, Schlägen unter die Gürtellinie und Obszönitäten griffen. Er schuf eine Atmosphäre von „wir allein gegen die ganze Welt“, von „denen werden wir es zeigen“, kurz: den ‚Geist von Spiez’ (die deutsche Delegation war in Spiez bei Bern untergebracht und lebte völlig abgesondert von der Umwelt. Es entwickelte sich eine Trotz- und Kampfstimmung, die später als der ‚Geist von Spiez’ bezeichnet wurde).

Diese Wut, dieser Kampfgeist zeigte sich in allen Spielen nach der vernichtenden Niederlage gegen Ungarn. Man gewann das zweite Spiel gegen die Türkei leicht mit 7:2, gewann das Viertelfinale gegen Jugoslawien mit 2:0 und vor allem, man gewann das Halbfinale gegen Österreich mit 6:1!

Angesichts der damals üblichen Ergebnisse des Offensivfußballs scheint dies nichts Aussergewöhnliches, aber es war es. Österreich war damals eine der Grossmächte des Fussballs. Österreich hatte in der Qualifikation Portugal mit 9:1 aus dem Wettbewerb geworfen, Österreich hatte in den Gruppenspielen der ersten Phase keinerlei Tor hinnehmen müssen, was außer diesem Team nur Uruguay gelang, Österreich würde wenige Tage später im Spiel um den dritten Platz das Weltmeister-Team von Uruguay niederringen, das vorher meistens als zweitbestes nach Ungarn angesehen wurde, vor allem aber hatte Österreich im Viertelfinale die Schweiz mit 7:5 besiegt, dem Spiel mit der höchsten Zahl der Tore der WM, das in die Geschichte als Hitzeschlacht von Lausanne einging. In diesem Spiel, so unglaublich das erscheinen mag, hatten die Schweizer nach 23 Minuten bereits 3:0 geführt, doch nach weiteren 12 Minuten lag Österreich mit 5:3 vorn! Fünf Tore in zwölf Minuten in einem Viertelfinale der Weltmeisterschaft, das muss den Österreichern erst einmal jemand nachmachen!

Nun, mag vielleicht jemand sagen, was ist schon die Schweiz? Aber damals war die Schweiz ebenfalls eine der Spitzenmannschaften. Sie war es nämlich, die Italien, den damals schon zweimaligen Weltmeister, aus dem Turnier befördert hatte mit zwei Siegen. Die Schweiz spielte den Riegel, das war ein erster schüchterner Versuch, eine etwas defensivere Spielweise anzuwenden, wenn auch dies immer noch innerhalb des Offensivfußballs stattfand. Italien war an diesem Riegel zweimal gescheitert, aber die Österreicher hatten ihn überwunden. Wer dieses Österreich mit 6:1 besiegt hatte, musste ein ernst zu nehmender Gegner im Endspiel sein.

Doch das hochfliegende Team Ungarns war solchen Erwägungen nicht zugänglich. Wer „einen Lauf hat“, d.h. er wird vom eigenen Selbstbewusstsein getragen zu immer neuen Höchstleistungen getrieben, der kann nicht gewarnt werden. Er wird einmal plötzlich auf Umstände und einen Gegner treffen, die ihn besiegen und dann wird das Heulen und Zähnknirschen umso lauter sein. Das war es, was mit Ungarn geschah.

Brasilien war von Ungarn relativ leicht ausgeschaltet worden – die Brasilianer hatten sich in persönliche Auseinandersetzungen verbissen, anstatt ihre Spielkraft auszuspielen. Im Halbfinale trafen die Ungarn auf den amtierenden Weltmeister Uruguay, damals eine absolute Spitzenmannschaft, die vorher die hoch eingeschätzten Engländer glatt mit 4:2 abgefertigt hatten. Zwar ging Ungarn, wie gewohnt, mit 2:0 in Führung, doch das Team musste in der regulären Spielzeit noch das 2:2 ninnehmen und in eine Verlängerung. Diese Verlängerung wurde äusserst schwer für die Ungarn, doch sie konnten mit zwei Toren des Torschützenkönigs Kocsis schliesslich mit 4:2 dominieren.

Diese Verlängerung im Halbfinale war eine weitere günstige Bedingung für die Deutschen im Endspiel, denn die Ungarn waren ausgelaugt von dieser Energieleistung. Eine deutliche Parallele zur WM 1970 in Mexiko, als Italien in eine schwere Verlängerung gegen Deutschland musste und darum im Endspiel gegen Brasilien nur eine Halbzeit mithalten konnte. Daraus entstand die Forderung, bei den WM mehr Zeit zwischen den Halbfinals und dem Endspiel einzubauen.

Die WM 1954 war die letzte Weltmeisterschaft des reinen Offensiv-Fussballs, wenn auch mit dem Schweizer Riegel schon die erste Andeutung der Entwicklung zum Defensiv-Fußball auftauchte. Bei der folgenden Weltmeisterschaft würde bereits mit Brasilien ein Team gewinnen, das nicht mehr fünf, sondern nur noch 4 Stürmer aufwies. Der Linksaussen Zagallo (heute der Mann mit der erfolgreichsten Fußball- und Trainer-Karriere aller Zeiten) war bereits zurückgezogen und war eigentlich ein Mittelfeldspieler. Wirklich defensiv wurde der Weltfussball aber erst, als die Italiener (Inter Mailand) Anfang der Sechziger Jahre den Cattenacchio erfanden und sich daraus dann mehr und mehr defensive Spielarten entwickelten bis zum heutigen Fußball, in dem gewinnt, wer die Anderen nicht spielen lässt.

Man kann heute mit den hohen Spielergebnissen von damals kaum noch etwas anfangen. Aber damals wurde das Spiel vorne gewonnen, nicht hinten, wie heute – jedenfalls in der Regel (wir werden noch eine Ausnahme beim Endspiel 54 kennen lernen). Oft wurden die Mehrzahl der Tore des Spiels in der ersten halben Stunde geschossen. Das hängt mit den damaligen Möglichkeiten zusammen, wie man die Spieler körperlich vorbereiten konnte, wie die Kondition der Spieler war. Es gab noch nicht die ausgefeilten Trainingsmethoden von heute. Die Spieler waren Amateure oder Halbprofis. Sie gingen einem Beruf nach. Die Fussballer hatten noch keine Lungen wie Engelsflügel und noch kein Herz von der doppelten Grösse eines normalen Menschen.

Die Entscheidung wurde schnell gesucht. Später im Spiel war man zu ausgelaugt, um noch Grosses zu vollbringen. Die heutige Maxime, der Ballführende muss sofort angegriffen werden, möglichst mit zwei Spielern, wäre damals nicht möglich gewesen. Das hätte niemand durchgehalten, jedenfalls nicht mehr als 10 Minuten. Damals gab es auch noch keine grosszügigen Auswechselungskontingente. Fast immer mussten Alle 90 Minuten durchspielen.

Kurz: Es war ein anderes Spiel. Darum erscheinen uns heute die Berichte von 1954 so fremdartig.

Ursprünglich war das Spielsystem im Fußball ein 2-3-5 gewesen: Zwei Verteidiger, drei Läufer und fünf Stürmer. Davon zeugen heute noch viele der benutzten Nummerierungen, z.B. wird die ‚7’ oft noch für einen Stürmer verwendet. Bis zur WM 54 hatten sich aber die Positionierungen schon verändert und es war das WM-System entstanden. Vorne wurde in einem ‚W’ positioniert, hinten in einem ‚M’. Der Mittelläufer, typischerweise für den gegnerischen Mittelstürmer zuständig, war von dessen vorgeschobener Position nach hinten gedrückt worden und war ein Mittelverteidiger geworden. Vor den drei Verteidigern spielten die beiden Aussenläufer ein defensives Mittelfeld. Im Sturm wurde die beiden Halbstürmer zurückgezogen und spielten das offensive Mittelfeld. Es war also eine Art von 3-2-2-3 oder 3-4-3-System.

Dies war in jenem Jahr DAS Fußball-System. Alle, auch die Ungarn, spielten WM-System. Im Spiel gegen Jugoslawien im Viertelfinale, bei dem alle Beobachter die deutsche Mannschaft irgendwie als „ofusk“ angesehen hatten, waren diese Positionen geändert. Das Spiel der deutschen Mannschaft war nicht ‚frei’, man spielte irgendwie viel zu zurückhaltend – die beiden Tore fielen mehr zufällig anstatt als logische Konsequenz vieler Angriffe.

Was war geschehen? Herberger hatte sein Spielsystem gegen Ungarn getestet. Eckel war als Manndecker nach hinten gezogen worden, Fritz Walter spielte extrem defensiv, praktisch wie ein defensiver Mittelfeldspieler, sein Bruder Ottmar hatte die Rolle des Ballverteilers im vorderen Mittelfeld übernommen, Schäfer blieb immer nahe der linken Aussenlinie und war so praktisch kein Stürmer mehr. Als Stürmer blieben nur Morlock und Rahn, wobei der letztere kaum an der rechten Aussenlinie blieb, sondern in die Mitte drängte. Dies war gegen Jugoslawien völlig unangebracht, aber Herberger brauchte mindestens ein Spiel, in dem die neue Positionierung erprobt wurde.

Nach dem Jugoslawien-Spiel, das als extrem schwache Vorstellung der Deutschen angesehen wurde, war die Kritik aus der Heimat noch schriller und ätzender geworden. Es wurde u.a. kritisiert, dass Herberger an Ottmar Walter festhielt, der absolut nichts gezeigt habe (er nahm ja nicht seine Position als Mittelstürmer ein). Berni Klodt solle für ihn in die Mannschaft. Herberger sagte nur, die verstehen gar nichts. Und das war es, die deutschen Sportjournalisten verstanden nicht, dass alles an Herbergers Taktik auf ein Endspiel gegen Ungarn ausgerichtet war, dass er nicht von Spiel zu Spiel dachte, sondern im wesentlichen an dieses Endspiel. Er nutzte die Kritiken erneut, um die Wut der Spieler noch zu steigern.

Im Film „Das Wunder von Bern“ wird das Endspiel fast völlig auf Rahns Tore reduziert. Das ist eine Verfälschung. Natürlich gibt Rahn von Rotweiss Essen einen idealen Ruhrgebietshelden ab und er schoss eben wirklich zwei der drei Tore im Endspiel. Aber das ist nur eine Seite.

Rahn war keineswegs der Beste auf seiner Position, genauso wenig wie Ottmar Walter, für dessen Position auch noch Berni Klodt auf der Bank sass. Die beiden waren dort, weil Herberger sie in seiner genialen Strategie benutzte. Ottmar Walter war einer der besten Mittelstürmer Deutschlands und verdiente, in dieser Mannschaft zu stehen, aber er war kein klassischer „Goal-Getter“, er war dort, weil er sich mit seinem Bruder Fritz und den anderen „Lauterern“ fast blind verstand, was Herberger in dieser Mannschaft brauchte.

Rahn war ein langsamer Spieler mit etwas behäbigen Bewegungen und wenig Technik. Aber er hatte das, was man als „Bums“ bezeichnete oder später als „Klebe“ oder „Wumme“, das was wir bis vor kurzem bei Roberto Carlos von Brasilien bewundern konnten, einen mächtigen Gewaltschuss – und er konnte ihn oft in die richtige Richtung bringen. Das ist mehr als man von vielen heutigen Bundesligaspielern sagen kann.

Herberger hatte ihn hereingenommen, weil er keinen anderen Spieler mit dieser Charakteristik hatte. Er war sich bewusst, irgendjemand hätte die Tore zu machen. Er hatte Max Morlock von 1. FC Nürnberg, der ein wirklicher „Goal-Getter“ war, aber der war mit seinem Sinn für den richtigen Ort im richtigen Moment mehr für jene Art von Abstauber-Toren zuständig, wie er eins im Endspiel zum 1:2 machte. Morlock, nicht etwa Rahn oder O. Walter, wurde Zweiter der Torjägerliste der WM 54! Aber Rahn war jener, der aus einer gewissen Entfernung Dinger aufs Tor loslassen konnte, die kaum ein Torwart halten konnte und der Torwart der Ungarn, Grosics, war nicht der stärkste.

Herbergers Sturm war damit mit allen Typen von Stürmern ausgerüstet, ein Gleichgewicht, das heute viele Trainer nicht herzustellen verstehen, nicht zuletzt, weil sie nur noch einen Stürmer haben.

Ganz links war Schäfer, über den fast alle Angriffe liefen und der viele von ihnen in Flanken in die Mitte umsetzen konnte. Alle drei deutschen Tore begannen mit Vorstössen von Schäfern, wobei allerdings beim ersten Tor von Morlock bis zum Tor eine Menge anderer Füsse dazwischen waren.

Halblinks war Fritz Walter, der Spielmacher, der Mann mit Übersicht und mit einem Blick fürs Spiel. Er war Herbergers Mann auf dem Spielfeld. Er verstand Herbergers Taktik. Er kommandierte auf dem Spielfeld, nicht einfach, weil er Kapitän war, sondern aufgrund seiner natürlichen Autorität als besonders herausragender Spieler. Er war mit Defensivaufgaben überbeansprucht in diesem Endspiel und verstärkte praktisch die Abwehr, kein Wunder bei einem so starken Gegner.

Der Mittelstürmer Ottmar Walter war mehr ein Aufbauspieler als ein Reisser. Er beschäftigte die Hintermannschaft der Ungarn und sorgte dafür, dass ständig Spieler in der Verteidigung bleiben mussten. Er hinterliess zwar keine unmittelbaren Spuren im Finale, war aber einer von denen, der die Ungarn mit ständigem Laufen mattspielte.

Halbrechts war Max Morlock, der sich in dieser Weltmeisterschaft als der Mann erwies, der vorne im richtigen Moment am richtigen Platz war. Sein Anschlusstor unmittelbar nach dem 2:0 der Ungarn war ausschlaggebend, dass sich keine ängstliche Stimmung in der deutschen Mannschaft verbreiten konnte.

Rechtsaussen war Helmut Rahn. Er spielte in Wahrheit keinen Rechtsaussen, sondern mehr einen Mittelstürmer, der sich meist weiter rechts aufhielt. Er bekam fast keine Bälle, um sie nach vorne zu tragen oder Flanken zu geben, denn in beidem war er nicht besonders gut. Er bekam in aussichtsreichen Positionen zweimal abgeprallte Bälle vor die Füsse und zögerte nicht abzuziehen, das waren zwei Tore für die Deutschen. Das macht ihn unsterblich.

Doch kommen wir, bevor wir wieder aufs Endspiel zu sprechen kommen, noch einmal auf die günstigen Umstände zurück.

Zu den schon genannten kamen im Endspiel nämlich zwei weitere:

Die erste: Puscas war leicht verletzt. Es ist nicht überliefert, was es für eine Verletzung war, aber Puskas spielte in diesem Spiel bei weitem nicht das, was er konnte. Das hing wohl auch mit einem starken Gegner zusammen, aber wahrscheinlich auch mit der Verletzung. Immerhin schoss Puskas das erste ungarische Tor, gleich nach sechs Minuten. Kurz vor Schluss gelang ihm aus Abseitsposition noch ein Beinahe-Tor. Er konnte aber das ungarische Spiel über die ganze Zeit nicht wie gewohnt antreiben und das war wohl eine deutliche Schwächung.

Der zweite günstige Umstand war – und das ist allgemein bekannt: Es regnete während des ganzen Finalspiels, es war „Fritz–Walter-Wetter“. Auf tiefem und von Pfützen bedeckten Grund konnte das typische ungarische Spiel mit einem raschen Ball-Laufen-Lassen von einem zum anderen nicht funktionieren, denn die kurzen Flach-Pässe bleiben in den Pfützen stecken. Zum anderen funktioniert das Eng-am-Fuß-Führen des Balls, während man vorwärts strebt, nicht wie gewohnt – aus dem gleichen Grund. Kurz: Die technische Überlegenheit Ungarns, die unbestreitbar ist, war praktisch eliminiert durch den Regen.

Damals gab es ja noch nicht die teppichartigen Rasenplätze, die heute dominieren. Auch die heutige Drainage-Technik, die das Entstehen von Pfützen verhindert, war noch unbekannt.

Was das mit Fritz Walter zu tun hat? Eigentlich wenig. Nur indirekt. Fritz Walter war Spielführer von zwei Mannschaften, die nicht unbedingt durch viel Technik glänzten, dem 1. FC Kaiserslautern und der damaligen deutsche Nationalmannschaft. Er selbst war sehr wohl ein technischer Spieler, der gut in eine Mannschaft wie die der Ungarn gepasst hätte, aber die von ihm geführten Mannschaften konnten immer froh sein, wenn es regnete und die technischen Vorteile des Gegners nicht zum Zuge kamen. So kam es zum Begriff des Regens als „Fritz –Walter-Wetter“.

Ganz nebenbei gab es noch einen kleinen günstigen Umstand für die deutsche Elf: Kurz vor dem Finale hatte Adi Dassler, der damalige Besitzer von Adidas, den Fussballschuh mit Schraubstollen erfunden, der den deutschen Spielern zur Verfügung stand. Man konnte im Regen längere Stollen einschrauben und hatte dann einen geringfügigen Vorteil in der Standfestigkeit.

Als die Ungarn also aufliefen, hätten sie eigentlich gewarnt sein müssen. Sie standen dem Gegner gegenüber, der Österreich mit 6:1 abgefertigt hatte, sie hatten einen verletzten Spielführer, sie waren noch von der Verlängerung gegen Uruguay ausgelaugt, sie spielten im für sie ungünstigen Regen und sie hatten einen bis in die Haarspitzen motivierten Widersacher vor sich. Doch die Aussagen, die einige der ungarischen Spieler später machten, waren klar: Obwohl sie sich im Grunde dieser Tatsachen bewusst waren, dominierte doch in ihrem Unterbewusstsein die Gewissheit der Überlegenheit, stand man nicht einer ungesetzten Mannschaft gegenüber, hatte man denn nicht Deutschland zwei Wochen vorher mit 8:3 deklassiert? Offenbar hatte Trainer Sebes nicht oder nicht ausreichend deutlich gemacht, wie gefährlich dieser Gegner war. Herbergers Rechnung begann aufzugehen.

Aber auch wenn Sebes gewarnt hätte, bleibt zu bezweifeln, ob irgendetwas anders gelaufen wäre. Das schnelle ungarische Spiel auf höchstem Niveau war nur mit prallem Selbstbewusstsein möglich – und so beisst sich die Katze in den Schwanz.

Innerhalb von 8 Minuten führte Ungarn 2:0. Das hätte die Zuversicht von fast jedem unterminiert, nicht aber dieser deutschen Mannschaft, die es immer noch ‚Allen zeigen’ musste und wollte. Zwei Minuten nach diesem 2:0 gelang Morlock bereits das Anschlusstor, weitere 8 Minuten später Rahn der Ausgleich.

Doch gehen wir noch einmal zu den zwei Minuten zurück, die Ungarn 2:0 führte. Der Mitteläufer der Ungarn Lorant, der später lange Zeit Trainer in Deutschland war, sagte nämlich später: „In diesem Moment hatten wir das Spiel verloren.“ Nicht etwa, als der 2:2-Ausgleich fiel, nein, mit dem 2:0.

Was wollte er sagen?

War man vielleicht mit einem bestimmten Vorbehalt ins Spiel gegangen, ob sich der Gegner nicht doch als schwer herausstellen würde, ob man erneut höchste Schwierigkeiten haben würde zu gewinnen wie gegen Uruguay, so atmete jeder in der Mannschaft mit dem 2:0 innerlich auf. Nein, nichts dergleichen, Deutschland war nicht besser als die Ersatzmannschaft, man hatte alles im Griff, man würde das Ding souverän heimschaukeln. Innerlich, ohne es zu merken, wurde der absolute Fokus auf das Ziel etwas gelockert, es wurde sich erleichtert zurückgelehnt – jedenfalls ihm übertragenen Sinn. Damit hatten die ungarischen Spieler das Einzige verloren, das ihnen auch in dieser Situation noch den Sieg garantiert hätte: Die absolute Konzentration auf jede einzelne Szene des Spiels, der Einsatz von allem, was möglich war, der absolute Fokus.

Ob dies Herberger auch so geplant hatte? Ungewiss. Er konnte unmöglich absichtlich eine ungarische 2:0-Führung provoziert haben, allerdings war das typisch für das ungarische Spiel. Dies kam nun aber in idealer Weise seinen Absichten zupass, speziell, weil der deutschen Mannschaft schnell der Ausgleich gelang. Während des ganzen Spieles konnten die Ungarn nicht zurückfinden zur absoluten Konzentration, die hier nötig gewesen wäre. Das hatte Lorant gemeint mit: „Nach dem 2:0 hatten wir das Spiel verloren.“

Das ist eine alte psychologische Erkenntnis: Ist man mit einer bestimmten Haltung (zum Beispiel der sträflichen Unterschätzung des Gegners) ins Spiel gegangen oder hat man diese Haltung nach kurzer Zeit im Spiel angenommen, so gelingt es nicht so einfach, während des Spiels diese Haltung zu ändern.

Das heißt natürlich nicht, dass Ungarn nicht noch hätte gewinnen können. Es hatte auch genug klare Chancen dazu. Hidegkuti knallte einen Ball an den Pfosten, Kocsis einen an die Latte, Turek hielt einige „Unmögliche“ und der Schiedsrichter hätte das Abseits von Puskas bei seinem Tor kurz vor Schluss nicht gesehen haben können. Aber auch das mag mit der Psycholgie zu tun haben. Ist man nicht völlig fokussiert, kommt mit fortlaufendem Spiel Panik auf, eventuell zu verlieren, so geht die Genauigkeit leicht verloren.

So kam es denn zur Szene sechs Minuten vor Schluss: Schäfer (immer er) führte einen Angriff nach vorne, flankt auf Morlock, doch ein ungarischer Kopf ist dazwischen und der Ball springt zu Rahn, der fast genau am rechten Strafraumeck steht. Der Sportreporter Zimmermann, dessen Reportage am Radio dieses Spiels zur Legende geworden ist, brüllt ins Mikrofon: „Rahn müsste schiessen!“ Dann, fast etwas überrascht, dass man seine Anweisungen befolgt: „Er schiesst!“ und danach hört man ihn nur noch schreien „Tor! Tor!“, so als sei er ein brasilianischer Rundfunkreporter.

Rahn hatte mit einem trockenen und harten Flachschuss vollstreckt.

Also doch Rahn der Matchwinner? Oder hat Morlock mehr Anteil? Oder Schäfer? Nichts dergleichen!

Der deutsche Sturm hatte in Wirklichket nicht mehr Tore gegen Ungarn fertiggebracht als die Ersatzmannschaft kurz vorher, nämlich drei. Was geschah, war, die deutsche Hintermannschaft hat diesmal keine acht eingesteckt, sondern nur zwei.

Sehen wir uns also diese Hintermannschaft näher an: Hier dominiert der Mittelläufer Liebrich, ebenfalls von Kaiserslautern, der zudem zwei weitere Lauterer, Kohlmeyer und Eckel, zur Seite hat. Die drei bilden das Rückgrat. Wer viel hinten aushilft, ist zudem Fritz Walter.

Eckel ist der direkte Gegenspieler von Puskas und er neutralisiert ihn über grosse Teile des Spiels. Da ist natürlich auch Puskas’ Verletzung, aber im Endeffekt geht das Duell trotz Puskas’ Tor und seinem Abseits-Tor unentschieden aus. Der Torjäger Kocsis war meist bei Kohlmeyer gut aufgehoben, abgesehen von wenigen Szenen, aber er macht keine Tor, dafür produzierte Kohlmeyer ein Missverständnis mit Torhüter Turek, das zum 2:0 führte, also nur ein Unentschieden für Kohlmeyer.

Liebrich selbst dirigiert nicht nur die Hintermannschaft, sondern dominiert auch Mittelstürmer Hidegkuti, bis auf eine Szene. Aber auch der macht kein Tor, also 1:0 für Liebrich. Mihály Tóth, der Halbrechts, ist bei Karl Mai von der SpVgg Fürth gut aufgehoben. Mai macht das Spiel seines Lebens, auch 1:0 für ihn. Schliesslich noch das Duell zwischen Jupp Posipal vom Hamburger SV und Szíbor, dem Linksaussen (die zwei waren früher einmal in Rumänien in die gleiche Schule gegangen). Szíbor ist für das zweite Tor der Ungarn zuständig, aber sonst auch in guten Händen, auch hier ein unentschieden. Dazu kam Turek im Tor, von Fortuna Düsseldorf. Er hat zwar ein wenig Mitschuld an dem 2:0 für Ungarn, aber was hielt er alles! Reporter Zimmerman nannte ihn einen Fussballgott. Mit anderen Worten, die deutsche Hintermannschaft hat das Spiel gewonnen!

Auf einem Fussballstammtisch, der damals eine Anzahl der Mitglieder der deutschen Delegation in der Schweiz zusammenführte, wurde, einige Zeit nach dem Triumph, Herbergers Tatktik analysiert. Er hatte mit Eckel als Bewacher von Puskas, der ja sehr weit vorne spielte, praktisch einen vierten Verteidiger eingeführt. Er spielte mit einer Viererkette in der Abwehr! Kommt das jemand bekannt vor? Davor hatte er zwei defensive Mittelfeldspieler, Fritz Walter und Mai - und vor ihnen zwei offensive Mittelfeldspieler, Ottmar Walter und Schäfer. Als Stürmer blieben in Wirklichkeit nur Morlock und Rahn. Herberger spielte gegen Ungarn 4-4-2! Das ist genau das System, das heute viele Nationalmannschaften benutzen, so unter anderen die brasilianische.

Herberger hatte zum ersten Mal in einem wichtigen Spiel der Fussballgeschichte ein defensives Spielsstem verwendet und zum ersten Mal bewiesen, es kann über ein offensives System triumphieren. Herberger ist der Erfinder des Defensiv-Fussballs.


Veröffentlicht am 30. Dezember 2007 in "Nachrichten - heute"

Originalartikel

Mittwoch, 19. Dezember 2007

Breno zu Bayern München

Arsenal Sarandí gewann Südamerika-Cup

Von Karl Weiss

Die neueste Verstärkung der Münchner Bayern scheint nun endlich unter Dach und Fach zu sein. Breno, 18 Jahre alt, Verteidiger und in Brasilien als Entdeckung des Jahres gefeiert, wird mit aller Wahrscheinlichkeit ab Januar mit den Münchnern trainieren. Er ist bereits in München zur obligatorischen medizinischen Untersuchung.



Er hat bereits in diesem Alter einen großen Teil der Saison in einer schweren ersten Liga einer wichtigen Fußball-Nation hinter sich. Er war eine der wesentlichen Stützen der Hintermannschaft des São Paulo F.C. in der zweiten Hälfte der Meisterschaft, der Meister wurde mit 14 Punkten Vorsprung. Der starke Mannschaftsteil dabei war die Hintermannschaft. In 38 schweren Spielen bekam man nur 19 Tore ab, das ist brasilianischer Rekord.

Natürlich hat Breno dies keineswegs allein geschafft, wie es im Fußball auch gar nicht möglich ist. São Paulo hatte auch den besten Torhüter der Liga, Rogério Sene (gewählt zum besten Spieler der Saison), sowie andere gute Spieler in der Hintermannschaft. Dazu kam eine defensive Spielweise, welche die Räume vor dem Tor von São Paulo extrem eng machte und es einem jungen Spieler erleichterte zu brillieren.

Auch Real Madrid war an Breno interessiert. Doch eine Voraussetzung, ihn zu engagieren, war eine spezielle Knochenuntersuchung zur Altersbestimmung. Das wurde von Breno empört abgelehnt. Bei Spielern aus einfachsten Verhältnissen in Brasilien ist nicht immer eine Original-Geburtsurkunde vorhanden. Oft wird erst nachträglich eine ausgestellt, wobei man sich dann auf die Angaben der Mutter verlassen muss. Es gab auch schon Fälle, in denen eine Urkunde gefälscht wurde. So wollen viele wichtige europäische Clubs keine Katze im Sack kaufen und bestehen auf einer genauen Altersbestimmung. Dazu kommt, dass Breno, hoch aufgeschossen, für seine 18 Jahre schon einen beeindruckend athletischen Körper hat.

Breno wird u.a. in nächster Zeit Teil der brasilianischen „Unter-23-Auswahl“ sein, die ein Turnier zur Qualifikation für Peking bestreiten wird. Man wird dann in Deutschland wohl einige Ausschnitte zu sehen bekommen.

Fast jedes Jahr bringt die erste braslianische Liga mindestens ein ganz grosses Talent heraus. War das im Vorjahr der Stürmer Pato (damals noch 17, heute ebenfalls 18) von Internacional Porto Alegre, der heute bereits beim A.C. Mailand unter Vertrag ist, so wurde dieses Jahr der Verteidiger Breno (18) vom Meister São Paulo F.C. zu jener Entdeckung des Jahres gewählt – eine Sport-Journalisten-Wahl.

Natürlich sind dies jeweils Talente, offensichtliche Talente, noch nicht fertige Fussballspieler, geschweige denn schon Überflieger von der Klasse eines Kaká oder eines Robinho.

Ob daraus einmal ganz grosse Spieler werden, kann niemand wissen. Es gab bereits Grosstalente, die wieder in der Versenkung verschwunden sind, deren Karriere abrupte Brüche zu verzeichnen hatte oder – am wahrscheinlichsten – die einfach gute Fussballspieler wurden, ohne je Überragendes zu leisten.

Ein Beispiel ist der Stürmer Dodó, vor einigen Jahren als Supertalent angesehen und auch von São Paulo herausgebracht. Er spielt heute bei Botafogo Rio de Janeiro in der ersten Liga, schiesst Tore, aber reisst keine Bäume aus und hat es nie nach Europa geschafft.

Ein anderes Beispiel ist Maicon, rechter Aussenverteidiger, vor vier Jahren als Supertalent gefeiert, damals 19. Bei den Qualifikationsspielen der „Unter 23-Auswahl“ zu den olympischen Spielen in Athen legte er im Spiel gegen Paraguay einen Alleingang mit abschliesssendem Tor hin, der extreme Ähnlichkeit mit dem von Maradona im Spiele gegen England bei der Weltmeisterschaft 1986 in Mexiko aufwies. Das Fernsehen zeigte wieder und wieder die beiden Alleingänge und ging bis in die Details, wer dabei wie oft den Ball gespielt hatte usw.

Dieser Vergleich mit Maradona war zu viel für Maicon. Sein Spiel wurde plötzlich weit schlechter, was u.a. dazu beitrug, dass Brasilien sich nicht für jene Olympiade qualifizierte. Auch danach war er nur noch ein Schatten seiner selbst – fussballerisch gesehen. Erst jetzt, mit vier Jahren Abstand, kommt Maicon langsam wieder der Form nahe, die er damals gezeigt hatte. Inzwischen wurde er schon als rechter Aussenverteidiger in die brasilianische Auswahl gerufen.

Man redet ja hier von ausgesprochenen jungen Leuten, die ausserdem im brasilianischen Fall meist aus einfachsten Verhältnissen stammen – so wie auch im Fall Breno (eine der wenigen Ausnahmen ist Kaká, der aus bürgerlichen Verhältnissen kommt). Da steht man plötzlich in einer völlig anderen Welt und braucht eine fast überirdische Charakterstärke und ein robustes Nervenkostüm, um plötzlich ein Fußball-Star-Leben auszuhalten, was nicht alle aufweisen.

Speziell der F.C. Bayern hat ja eine bekannte Geschichte der Zerstörung von jungen Talenten. Es sei nur der Name Deissler erwähnt. Der unglaubliche Druck, der die ganze Zeit auf jedem lastet, der bei den Bayern spielt, ist eine psychische Bürde besonderer Art. Manche können damit ohne grössere Schwierigkeiten fertig werden, andere weniger.

Im Fall Breno gibt es gute Voraussetzungen. Zum einen ist Breno ein einfach gestrickter Junge, der zum Beispiel auf die Frage, ob er sich darauf freue, eine neue Kultur kennenzulernen in Deutschland, antwortete, er ginge nach Deutschland, um Fußball zu spielen.

Zum anderen – und das dürfte ausschlaggebend sein, hat Bayern Lúcio, Brasilianer und einer der weltbesten Verteidiger. Wenn der sich Brenos annimmt, kann kaum noch etwas schief gehen. Breno hat zweifellos wirklich viel Talent. An der Seite eines Lucio kann er so viel dazu lernen, dass er zu ähnlichen Höhen aufsteigen könnte und eines Tages eine Bank in der Standard-Aufstellung der brasilianischen Nationalmannschaft werden könnte, so wie es Lúcio heute ist.

Da gerade von Südamerika-Fußball die Rede ist, hier noch nachgetragen das Ergebnis des 2. Endspiels in der Copa Sulamérica. Arsenal Sarandí aus einer argentinischen Mittelstadt konnte dies Spiel nicht im eigenen Stadion austragen, weil dort nicht die vom Verband geforderte Zahl von Zuschauerplätzen erreicht werden kann. Man war in das Stadion von Racing in Avellaneda ausgewichen.

America, der mexikanische Meister, liess sich diesmal nicht so überraschen wie im Hinspiel und konnte schnell ein Tor erzielen. Nur noch en zweites Tor und man hätte doch noch die Trophäe nach Nordamerika mitnehmen können. Arsenal vergab viele Torchancen und tatsächlich gelang America in der zweiten Halbzeit das zweite Tor. Nun nur noch das Ergebnis gegen die wütend anrennenden Spieler von Arsenal verteidigen! Doch es kam, wie es kommen musste: Kurz vor Schluss gelang Arsenal das Anschlusstor und man konnte das Ergebnis dann über die Zeit retten.

Damit war Arsenal Cup-Sieger von Südamerika. Argentinische Vereine haben nun 4 von insgesamt 6 Copas Sulamérica (so eine Art südamerkanischer UEFA-Cup) gewonnen.

Veröffentlicht am 19. Dezember 2007 in der Berliner Umschau

Originalartikel

Donnerstag, 6. Dezember 2007

Der letzte Spieltag der brasilianischen ersten Fussball-Liga

Die Endspiele des Südamerika-Cup

Von Karl Weiss, Belo Horizonte

Alle Spiele des letzten Spieltags wurden am 2. Dezember zum gleichen Zeitpunkt angepfiffen. Die in Brasilien übliche Bevorteilung bestimmter Vereine, indem diese antreten, wenn sie bereits wissen, wie sie spielen müssen, war diesmal ausgeschlossen.

Noch eine kleine Korrektur zum letzten Artikel: Fluminense Rio de Janeiro hat den Brasilien-Pokal in der ersten Jahreshälfte gewonnen und ist damit für die Copa Libertadores qualifiziert. Der letzte Platz in der Libertadores wurde daher nur zwischen Palmeiras São Paulo, Cruzeiro Belo Horizonte und Gremio Porto Alegre ausgetragen.

In der Abstiegsfrage zwischen Corinthians São Paulo und Goiás Goiánia ging es zunächst im Gleichschritt: Corinthians musste eine Tor von Gremio hinnehmen –wäre abgestiegen, Goiás musste ein Tor von der anderen Mannschaft aus Porto Alegre hinnehmen, Internacional. Damit wäre Goiás wieder abgestiegen gewesen. Dann: Corinthians schafft den Ausgleich, Goiás schafft den Ausgleich. Wieder ist Goiás am schlechteren Ende. So stand es in der Halbzeit.

Bis dahin hatte in der Frage des letzten Teilnehmers an der Libertadores Cruzeiro schnell zwei Tore vorgelegt, während die Konkurrenten Palmeiras und Gremio beim Unentschieden blieben, das hätte bedeutet: Cruzeiro in der Libertadores. Palmeiras schoss ein Tor gegen Atlético Mineiro Belo Horizonte, das wäre der Platz in der Libertadores gewesen, aber Atlético konnte dann schnell ausgleichen. Damit erneut: Cruzeiro in der Libertadores. So stand es bei Halbzeit.

Gleich nach der Pause gelang Vasco Rio de Janeiro ein Tor gegen Paraná, das damit endgültig abgestiegen war. Vasco stieg dagegen durch dies Tor in den Bereich der Plätze für den Südamerika-Cup (das südamerikanische Gegenstück zum UEFA-Cup).

Pokalsieger Fluminense gelang auswärts eine 3:1 –Führung gegen Santos, das ist eine Überraschung. Santos bleibt trotzdem Zweiter, weil Flamengo nicht gewinnt. Dann aber: Santos gelingt das Anschlusstor.

Atletico Paranaense Curitiba gelingt das 1: 0 gegen Meister São Paulo, damit geht Atletico Mineiro, das immer noch ein 1:1 gegen Palmeiras hält, auf den letzten Platz hinunter, der noch zur Teilnahme am Südamerika-Cup berechtigt. Würde Figuerense gewinnen gegen Botafogo, wäre Atletico Mineiro draussen aus den Südamerika-Cup-Plätzen.

Juventude gelingt die 2:1-Führun gegen Sport Recife, doch das hilft nicht mehr aus der Abstiegszone, während es Sport aus den Plätzen für den Südamerika-Cup verdrängt.

Dann, Mitte der zweiten Halbzeit: Goiás gelingt das Führungstor gegen Internacional Porto Alegre, das bedeutet: Man wäre gerettet und Corinthians steigt ab.

Internacional rutscht nach unten, aber immer noch im Bereich des Südamerika-Cup, denn Figuerense verliert gegen Botafogo 1:0.

Fluminense schafft auswärts ein kaum glaubliches 4:2 gegen Santos. Palmeiras spielt zu Hause weiterhin 1:1 gegen Atletico Mineiro.

Dann : Atlético Mineiro schiesst auswärts zwei weitere Tore gegen Palmeiras zum 3:1 und nimmt dem Sao Paulo-Verein fast völlig die Chance auf den Platz in der Libertadores. Atléticos Lokalrivale Cruzeiro frohlockt.

Dann gleicht Meister São Paulo auswärts gegen Atlético Paranaense aus und kippt den Verein aus Curitiba damit von einem Platz im Südamerika-Cup. Dort ist jetzt Figuerense drin, trotz der teilweisen Niederlage gegen Botafogo.

Nautico schiesst das 1:0 gegen Flamengo, aber die sind schon fest in der Libertadores. Für Nautico reicht es zum Vermeiden des Abstiegs. Kurz vor Schluss: Weiterhin: Goiás gewinnt, Corinthians unentschieden, damit steigt Corinthians ab.

Atletico Paranaense gelingt das 2:1 gegen São Paulo und ist damit wieder im Südamerika-Cup, Figuerense jetzt wieder draussen.

Atletico Mineiro ist mit dem 3:1 bei Palmeiras nun auf den neunten Platz gestiegen. So gut stand man die ganze Saison nicht.

Noch drei Minuten. Corinhians ist abgestiegen, Fluminense in der Libertadores. Ändert sich noch etwas?

Figuerense schafft noch den Ausgleich gegen Botafogo, aber das reicht nicht für den Platz im Südamerika-Cup.

Abpfiff: Corinthians steigt zusammen mit Paraná Clube Curitiba, Juventude Caxias do Sul und América Natal ab. Fast ganz São Paulo im Schock (Corinthians hat an die Zwei Drittel der Anhängerschaft in São Paulo).

Der letzte Platz der Libertadores ging an Cruzeiro. In der Copa Sulamérica stehen neben den beiden, die es nicht in die Libertadores geschafft haben, Palmeiras und Gremio, nun Botafogo, Atlético Mineiro, Internacional, Vasco und Atletico Paranaense.

Schon fest standen vorher in der Libertadores: Meister São Paulo, Zweiter Santos, Dritter Flamengo und Fluminense (Vierter) als Pokalsieger.

Bleiben der Vollständigkeit halber noch die vier Plätze, die zu nichts berechtigen, aber eben auch nicht den Abstieg bedeuten: Figuerense Florianópolis, Sport Recife, Náutico Recife und Goiás Goiánia.

Und hier noch das überaschende Ergebnis des ersten Endspiels des diesjährigen Südamerika-Vereins-Pokals (so eine Art von südamerikanischen UEFA-Cup) zwischen dem mexikanischen Rekordmeister America und der fast unbekannten argentinischen Mannschaft von Arsenal Sarandí: Es gelangt den Argentiniern, in Mexiko-Stadt mit 3:2 zu gewinnen! Das Rückspiel in Sarandí am 5. Dezember brauchen sie nur noch unentschieden zu gestalten, um den Titel zu holen.

Veröffentlichtam 6. Dezember 2007 in der Berliner Umschau

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