'Menschenfresser Country'

Brasilien jenseits von Fußball und Samba

Teil 2: Menschenfresser Country

Von Elmar Getto

Brasilien (topographisch)

Im ersten Teil haben wir berichtet, woher der Name Amazonas kommt und von einem Teil der Indios, welche die portugiesischen und spanischen Eroberer in jenem Land antrafen, das kurze Zeit später Brasilien heißen sollte, jenem Teil nämlich, der noch in der Urgemeinschaft lebte.

Aber viele indianische Stämme waren schon weiter entwickelt und waren auch recht wehrhaft.

(...) Es gab auch Begegnungen, die nicht so freundlich abliefen. Der spanische Seefahrer Pinzón, einer der Kapitäne der Kolumbus-Reise von 1492, wurde Ende des Jahres 1499 von der spanischen Krone mit einer weiteren Expedition beauftragt. Er erreichte den amerikanischen Kontinent im Januar 1500, abgetrieben durch einen Sturm, in Südamerika (die Seefahrer mußten damals bei jeder Atlantiküberquerung mit der Strömung von den Kanarischen oder Kapverdischen Inseln aus nach Westen segeln und kamen damit immer genau in die dort bis heute bestehende „Küche der Hurrikans“).

Später konnte rekonstruiert werden, daß Pinzón, entgegen seiner Annahme, in der Nähe der heutigen Stadt Fortaleza, Hauptstadt des brasilianischen Bundeslandes Ceará, anlandete, am Cap Ponta de Mucuripe, wo ein kleiner Fluß ins Meer mündet, der heute noch den Namen trägt, den die Indios ihm gegeben haben: Curú. Damit hatten eigentlich die Spanier Brasilien entdeckt, denn Cabral machte seine Entdeckung ja erst im April des gleichen Jahres, aber dies hatte keine praktischen Konsequenzen.

Pinzón, offenbar ein Mann vom Typ George W. Bush, wurde bekannt dafür, daß er alle Indios, die er antraf, versuchte gefangenzunehmen und als Sklaven auf die Schiffe laden zu lassen. Er selbst beschreibt die Begegnung mit dem Stamm der Potiguar, die ihn dort am Strand des heutigen Ceará erwarteten, so als ob die Indios angegriffen hätten. Wir können aber getrost davon ausgehen, daß er es war, der die Gefangennahme versuchte und die Wehrhaftigkeit der Indios kennenlernen mußte.

Potiguar war der Überbegriff für eine Gruppe von Indio-Stämmen, die zu jener Zeit die gesamte Küste vom Norden Cearás bis hinunter zum heutigen Bundesland Paraíba bewohnten, eine Strecke von 600 Kilometern. Sie waren bereits fortgeschrittener in der Entwicklung, kannten erste und einfache Formen von Ackerbau (Manniok-Wurzeln), hatten schon eine entwickelte Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau und erste frühe Formen einer Familienbildung. Dort am Strand traten den Spaniern nur die Männer, die Krieger des Stammes entgegen, vorsichtig auskundschaftend, was die fremdartigen Männer von den scheinbar riesigen Schiffen, in schillerndes Metall gekleidet, im Schilde führten.

Außerdem hatten die Potiguars eine kleine Unart, die damals viele Indios in Südamerika hatten, sie aßen Menschen.

Aber bevor wir berichten, wie die Eroberer diese ‚Unart’ kennen lernen sollten, sind wir ja noch in Ceará in und an der Flußmündung des Curu.

Als sie (wahrscheinlich) von den Leuten Pinzóns angegriffen wurden, nahmen die Potiguar mit einem Trick einen blitzschnell gefangen und töteten ihn. Offensichtlich zogen sich die europäischen Eroberer daraufhin auf ihre Landungsboote in der Flußmündung zurück.

Die folgende Szene dort in der Flußmündung in Ceará im Januar 1500 ist schon fast Legende. Die Indio-Krieger griffen die Spanier in ihren Booten an, nur mit steinzeitlichen Pfeil und Bogen und Lanzen gegen die waffenklirrenden und Rüstung tragenden Europäer, im Wasser watend gegen die von oben aus den Booten kämpfenden Spanier. Das Resultat dieses ungleichen Gefechts kann sich jeder ausmalen.

Hören wir den Bericht von Pinzón selbst über diesen ungleichen Kampf:

„Im Fluß verteilen sich jene wehrhaften Männer rund um die Boote, klammern sich an die Bootsränder und versuchen uns vom Flußufer zu erreichen. Unsere Lanzen und Schwerter schlachteten sie wie Schafe, denn sie waren nackt. Doch selbst so zogen sie sich nicht zurück. Sie können eines unserer Boote erobern, selbst nachdem ihr Anführer von einem Pfeil durchbohrt und getötet worden war. Der Rest konnte sich retten. Um es kurz zu machen (...): Sie töteten acht von unseren Männern mit Pfeilen und Wurfspeeren und es gab fast keinen von uns, der nicht eine Verletzung aufzuweisen hatte. Wenn ihre Pfeile vergiftet gewesen wären, keiner von uns würde mehr existieren.“

Fast alle Indios wurden also abgeschlachtet. Einer der ersten Momente des Kontakts von Europa und Südamerika wurde zum Menetekel: Die Europäer würden die Indios ausrotten.

Der atlantische Regenwald, der damals noch fast die gesamte Küste des heutigen Brasiliens bedeckte (heute gibt es nur noch 8% davon), hat zwar die höchste Zahl von Spezies pro Quadrat-Kilometer von allen bekannten Habitats, kannte aber nicht jene Art von Baumfröschen, deren hochwirksames Gift viele Indiostämme sich zunutze machten (Gerade vor kurzem wurde berichtet, daß man herausgefunden hat, daß es ein Käfer ist, der dieses Gift produziert und der eine Nahrung für jene Frösche darstellt). So hatten die Potiguar keine Pfeilgifte und das spanische Landungsteam überlebte zum großen Teil.

Ein Jahr später, 1501, ebenfalls beim ersten Kontakt mit dem südamerikanischen Festland, traf eine portugiesische Expedition unter Coelho (wir berichteten schon im 1. Teil von ihr) auf eine andere Gruppe von Potiguar-Indios, ein Stück weiter südlich, im heutigen brasilianischen Bundesland Rio Grande do Norte, nahe dem Cap, das man als ‚Horn von Südamerika’ bezeichnen kann, das am weitesten nach Osten vorspringt.

Die dortigen Potiguar-Indios hielten sich in sicherer Entfernung und Coelho sandte einen Trupp von sechs Männern zur Erkundung aus. Doch die sechs kehrten nicht zurück. Nach einer Woche war der Strand plötzlich voll von Indio-Frauen. Einer der Schiffsjungen wurden von einem Landungsboot zu ihnen geschickt. Sie betasteten ihn von allen Seiten, erschlugen ihn dann und verschwanden in höchster Geschwindigkeit mit seinem Leichnam zur Kuppe eines nahegelegenen Hügels. Gleichzeitig tauchten die Männer auf, die sich bisher versteckt hatten und setzten die Portugiesen (und Americo Vespucci, der uns diese Szene schildert) unter einen Pfeilhagel. Kanonenschüsse verjagten zwar die Männer, aber nun mußten die erstarrten Eroberer mit ansehen, wie die Potiguars den Leichnam des Schiffsjungen in Stücke schnitten, an einem großen Feuer grillten und verzehrten. Die Männer machten gleichzeitig Handzeichen, die nur so verstanden werden konnten, daß das gleiche auch mit den sechs Männern geschehen war.

Diese Szene, geschildert in allen Details, war Teil eines der Briefe von Americo Vespucci an seine Florentiner Auftraggeber und wurde später in die Broschüre aufgenommen, die in ganz Europa Verbreitung fand. Die Folgen waren verheerend und sind es bis heute. Brasilien wurde seit der Zeit, als es noch nicht einmal einen Namen hatte, zum Land der ‚Menschenfresser’ und ist es im Grunde bis heute.

Allerdings muss man, um den Indios Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, auch erwähnen: Menschen zu essen war eine Kulthandlung, nicht etwas, das den Hunger stillen sollte. Die Indios hatten sehr wohl schon den gleichen Respekt vor dem menschlichen Körper, wie wir ihn heute haben, auch wenn er tot ist. Sie assen Menschen, um sich deren Kraft, deren Intelligenz, deren Kenntnisse und Fertigkeiten anzueignen. Niemals wurden Menschen nur darum getötet, um sie zu essen.

Vier Jahrhunderte später, in den zwanziger Jahren des Zwanzigsten Jahrhunderts, formierte sich eine kleine Gruppe von brasilianischen Intellektuellen und Künstlern zu einer Gruppe (in Europa hätte man gesagt „ ... von Expressionisten“), nannte sich ‚Modernisten’ und veranstaltete 1922 in São Paulo die ‚Woche der modernen Kunst’, was einen heftigen Skandal auslöste. Wurden die Expressionisten in Europa beschimpft, verspottet und angepöbelt und ein wenig später als „entartet“ bezeichnet, warum sollte es ihren Freunden in Brasilien besser ergehen?

Die wichtigsten Exponenten dieser Bewegung des ‚Modernismus’ in Brasilien waren der geniale Musiker, Dichter und Schriftsteller Mario de Andrade (1893 – 1945), der (nicht mit ihm verwandte) Poet, Schriftsteller, Dramaturg, Anwalt und Journalist Oswald de Andrade (1890 – 1954) und dessen spätere Frau, die Malerin und Bildhauerin Tarsila de Amaral (1886 – 1973). Sie kamen aus wohlhabenden Familien und kannten Paris und die dortigen Expressionisten. Tarsila war schon mit Picasso zusammengetroffen.

Mario de Andrade hatte bereits als Jugendlicher Gedichte verfaßt, in denen er Worte erfand, deren ‚Bedeutung’ aus den Assoziationen hervorging, die ihr Klang hervorrief. Sein wichtigster Roman ‚Macunaíma’ dürfte das wichtigste Dokument des brasilianischen Modernismus in der Schriftstellerei darstellen, wurde aber in Europa nie wirklich zur Kenntnis genommen. Bis heute rätseln Experten über die Bedeutung einiger Stellen im Roman.

Er handelt u.a. von der Suche des Titelhelden, der ‚keinerlei Charakter’ habe, in allen Gegenden Brasiliens nach einem Muiraquitã, einem Amulett mit Zauberkräften in Gestalt eines Frosches, das einer der Frauen des indianischen Cumurí-Stammes gehört hatte, nach denen der Amazonas benannt worden war. Muiraquitãs sind aus Jade geschnitzte Amulette in Form von Tieren, denen auch heilende Eigenschaften zugeschrieben wurden.

Mario mischt die Stile, wie Mythologie, Geschichtsschreibung und Folklore mit Parodie, Chronik und lyrischem Epos, das Ganze in brasilianischem Portugiesisch mit vielen regionalen Slang-Ausdrücken und kommt immer wieder auf die indianischen Wurzeln zurück.

Macunaímas Suche stellt wohl die Suche des Brasilianers nach seiner Identität zwischen Portugiesen, Indios und Schwarzen dar. Keine Frage, daß ausführlich Menschen(-teile) verspeist werden, gibt es brasilianischeres?

Immerhin gibt es ‚Macunaíma’ seit 2001 als Suhrkamp Taschenbuch Nr. 3198. Es wird bei „buch.de“ für € 3,95 verkauft. Muß wohl auf kein großes Interesse gestoßen sein, daß man es jetzt verramscht.

Mehrfach hatten die ‚modernistischen’ Brasilianer von europäischen Intellektuellen hören müssen, sie kämen ja aus einem Land, wo man Menschen ißt.

O Abaporu - Tarsila de Amaral

Als nun Tarsila 1928 eines ihrer Meisterwerke gelungen war, das Gemälde ‚O Abaporu’, gaben sie und ihr Mann Oswald ihm diesen Namen, der ‚Menschenfresser’ in der indianischen Sprache Tupi-Guarani bedeutet.

In trotziger Reaktion auf die arroganten Sprüche der europäischen Intellektuellen, in bewußter Annahme ihrer ‚Brasilianität’ (das ist die Übersetzung eines der von Mario de Andrade erfundenen Worte) und in einer symbolischen Anspielung auf die verschiedenen Einflüsse, die sie ‚verschlangen’ und zu etwas Neuem umgestalteten, nannten sie ihre Gruppe jetzt „Bewegung der Antropofagen“ (Menschenfresser in der griechischen, wissenschaftlichen Bezeichnung) und Oswald gab das ‚Anthropofagische Manifest’ heraus.

Hier ein Zitat aus der Schrift der Kunstdirektorin eines Museums in Südafrika anläßlich der südafrikanischen Beteiligung an der Kunst-Biennale 2004 in São Paulo, Brasilien, in Bezug auf dieses Manifest:

„Das ‚Manifesto Anthropófago’ des brasilianischen Schriftstellers Oswald de Andrade, 1928 geschrieben, erklärte „Menschenfresserei“ als Prozeß des Absorbierens und Mischens anderer Kulturen. In Brasilien ist „Anthropofagia“ (Menschenfresserei) ein ‚transhistorisches’ Kunst-Konzept, das die eurozentrische Konzeption der Geschichte der Kunst herausfordert.“

Tarsila de Amaral kann ohne weiteres in einem Atemzug genannt werden mit Franz Marc oder Wladimir Kandinski, ist hier aber weithin unbekannt, von Mario de Andrade und seinem Macunaíma ganz zu schweigen.

Die europäische Kunstszene ignoriert fast völlig diese bedeutenden brasilianischen Beiträge zur Kunstrichtung, die hier generalisierend als ‚Expressionismus’ (die brasilianischen Künstler haben sich dieses ‚Etikett’ nie zu eigen gemacht) bezeichnet wird und das ist charakteristisch. Es reicht, aus ‚Menschenfresser Country’ zu kommen und man wird in Europa von oben herab angesehen.

Der Eurozentrismus ist eine generelle Eigenschaft der europäischen Kultur, nicht nur in der Kunstszene. Man macht sich hier leicht lustig über die Unkenntnis vieler US-Amerikaner über Dinge außerhalb ihres Landes, hat aber selbst tiefsitzende Vorurteile. Man beginnt dies als Europäer erst zu bemerken, wenn man eine Zeit in einem Entwicklungsland gelebt hat. Das Gefühl, ‚etwas Besseres zu sein’ als jemand aus einem Entwicklungsland wird uns in Europa mit der Muttermilch eingetrichtert und es gelingt selbst in einem bewußten Prozeß kaum, sich davon zu befreien.


Heute der zweite Teil von Elmar Gettos Brasilien-Serie, erschienen ursprünglich in "Rbi-aktuell", heute Berliner Umschau, am 1. Dezember 2004, hier in redigierter und aktualisierter Fassung


Hier die Links zu allen Teilen der Reihe „Brasilien jenseits von Fussball und Samba“

- Teil 1: „Wie der Amazonas zu seinem Namen kam“

- Teil 2: ‚Menschenfresser-Country’

- Teil 3: „Ausgerottete Künstler“

- Teil 4: Niemeyer ist 100 – ‚Auf dem Höhepunkt des Schaffens’

- Teil 5: Brasilien und Gold

- Teil 6: Die Landschaften Brasiliens – Der Amazonas-Regenwald

- Teil 7: Brasilien und der Strom

- Teil 8: Die Landschaften Brasiliens – Mata Atlântica

- Teil 9: Santos Dumont und der erste Motorflug

- Teil 10: SIVAM – Big Brother in Amazonien

- Teil 11: Sprit aus nachwachsenden Rohstoffen

- Teil 12: Regenwaldvernichtung und Trockenheit im Amazonasgebiet

- Teil 13: Wie unsere Zukunft in der beginnenden kapitalistischen Barbarei aussähe – „Ich habe kein Leben“

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